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Ausgabe:

1903 Nr. 7

Spalte:

205-207

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lorenz, Karl

Titel/Untertitel:

Die kirchlich - politische Parteibildung in Deutschland vor Beginn des dreissigjährigen Krieges 1903

Rezensent:

Virck, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 7.

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nämdtmdas nimmt das Wort Fleifch an. Das Werk Chriffi
erfcheint dabei als ein doccrc und demonstrare. Nachdem
Sch. in einem kurzen Paragraphen wie in einer Ouvertüre
die allgemeinen Motive der nicht mehr .griechifch' gearteten
Erlöfungstheorien Aug.'s charakterifirt hat, wendet

den Streit- und Flugfchriften der kirchlich-politifchen
Parteien bekannt zu machen, die von 1613 —18 in
Deutfchland erfchienen, und uns fo in die Anfcnauungen
und Stimmungen einzuführen, durch die weite Kreife
unteres Volkes damals beherrfcht wurden. Das gefchieht

es fich in zwei grofsen, vielgetheilten Abfchnitten zu den | in der Weife, dafs nicht nur der Inhalt der Flugfchriften
befonderen Conftructionen des Werkes Chrifti, die er zu mitgetheilt, fondern deren Befprechung zugleich in enge
bemerken glaubt. Er fcheidtt da zwifchen ,objectiven Er- Verbindung mit der Schilderung der Abfichten und Ziele
löfungstheorien', die befonders den Tod Chrifti berück- j der einzelnen Parteien, fowie mit der Darlegung der
fichtigen (Loska'ufungstheorie und Stellvertretungstheorie) 1 Mittel gebracht wird, durch die jene Parteien ihre Ziele
und ,Anfätzen zu einer fubjectiv-praktifchen Erlö'fungs- zu erreichen fuchten, fo dafs wir mit der Analyfe jener
anfchauung'. Bei letzteren handelt es fich hauptfächlich 1 Schriften zugleich mitten in den Gang der Ereignifse
um die Würdigung, die Aug. der humilitas Christi zu j felbft verfetzt werden. Der Stoff gliedert fich in fechs
Theil hat werden laffen. Da ift es wieder Harnack, mit j Capitel. Nachdem der Verfaffer im erften Capitel auf
dem Sch. unermüdlich Breitet. Wenn H. glaube, dafs Aug. i das in Folge der Reformation den Staaten neu geftellte
auf dem Wege fei, in der Niedrigkeit des Menfchen Jefus Problem hingewiefen hat, den Auhängern zweier fich
die Hoheit Gottes zu erfaffen, fo leihe er diefem Gedanken, einander ausfchliefsender Bekenntnifse mit gleicher Ge-
die er nachweislich oder wahrfcheinlich an den in Betracht ! rechtigkeit zu begegnen, zeigt er an den Widerfprüchen
kommenden Stellen nicht hege. Vielmehr find überwiegend in den Beftimmungen des Augsburger Religionsfriedens,
Rationalismus und Moralismus der Kern der Betrachtung j wie weit man noch davon entfernt war, diefes Problem
Aug.'s. i überhaupt nur zu begreifen. Denn jene Widerfprüche

Gottfchick polemifirt auch gegen Harnack, Loofs , erklären fich nur dadurch, dafs jede der beiden Frieden
etc., aber unter anderen Gefichtspunkten als Scheel. Iff j fchliefsenden Parteien im Principe an der Einheit des
letzterer von dem Gedanken erfüllt, dafs Aug. bis zuletzt religiöfen Bekenntnifses feBhielt und sie trotz allem in
immer wieder durch den Neuplatonismus zurückgehalten I ihrem Sinn durch/.ufetzen hoffte. Hiermit aber wurde
werde, wichtige neue Erkenntnifse in der rechten Weife der Wiederausbruch der Feindfeligkeiten unvermeidlich,
durchzuführen, fo zeigt G. vielmehr, wie fehr Aug. es j Das zweite Capitel führt uns dann mit der Analyfe der
vermocht habe, den Neuplatonismus zu einem Mittel für 1 katholifchen Flugfchrift ,status turbatus1 in medtas res,
die Rechtfertigung und lebendige AusgeBaltung feiner j indem es uns die Stellung der drei Parteien: Katholiken,
andersartigen, zumeiB von Paulus aus gewonnenen Ge- j Lutheraner und CalviniBen in katholifcher Beleuchtung
danken zu geBalten. G. geht aus von einer Würdigung j vor Augen führt. Das dritte Capitel behandelt an der
des Schuldgedankens und Schuldbewufstfeins Aug.'s, um j Hand der einfchlagenden Flugfchriften den Gegenfatz
dann hauptfächlich feBzuBellen, dafs der Gedanke der zwifchen Katholiken und Lutheranern, der den Cal-
rtntissid pe'cceüorum bei Aug. keineswegs die unterge- ] viniBen die Hoffnung giebt, die ihnen verweigerte
ordnete Stellung gegenüber dem Gedanken der Umwand- Gleichberechtigung mit den Lutheranern doch noch
lung, der Eingiefsung der Liebe einnehme, die Harnack und durchzufetzen. Diefe Hoffnung wird noch verBärkt
Loofs behaupten. Mit einer Fülle tiefgehender religiös durch den innerhalb des katholifchen Lagers vorhan-
pfychologifcher Reflexionen Aug.'s Ausfuhrungen beleuch- denen Gegenfatz zwifchen der römifch-jefuitifchen und
tend, Bellt er das, wie ich glaube, wirklich feB. Ich habe deutfch-katholifchen Partei, der im vierten Capitel dar-
fchon bemerkt, dafs nach meinem Urtheil G. Scheel gelegt wird. Aber der Erfüllung jener Hoffnung der
gegenüber das richtigere Bild gewährt. Es iff merkwürdig, CalviniBen Beht nun der Gegenfatz zwifchen ihnen und
wie wenig Sch. dem Schuldgedanken und Schuldgefühl den Lutheranern im Wege, der uns fehr lebendig aus
Aug.'s Aufmerkfamkeit widmet. Dafs G. diefes Moment j den im fünften Capitel befprochenen Streitfchriften entin
den Vordergrund rückt, fcheint mir eben das .Richtige'. , gegentritt. Klug fuchen die Jesuiten den zwifchen
Sch. felbß hat zum Schlufs den Eindruck, dafs nach feiner | Lutheranern und CalviniBen klaffenden Spalt immer
Darffellung Aug. »nilta, nicht multum biete. Da wird G.'s | mehr zu erweitern, um fo nach dem Grundfatz: divide
Arbeit als Correctiv wirken. Hat Sch. in hervorragendem 1 et impera zuerff die CalviniBen und dann die Lutheraner
Mafse das Charisma des Unterfcheidens, fo G. das des zu überwinden. Dem gegenüber werden die CalviniBen
inneren Verbindens. Ich habe Aug. recht viel gelefen und I nicht müde, auf die Gefahren hinzuweifen, die beiden
kann nicht umhin zu urtheilen, dafs die Kunfi des Ver- j evangelifchen Confeffionen von den Jefuiten drohen
bindens dem grofsen Manne mehr gerecht wird, als die j und für ein Zufammengehen der erßeren zu wirken. Diefe
des Scheidens. Auch in Bezug auf Chriffi Erlöfungswerk | von beiden Gegnern gemachten AnBrengungen lernen
glaubt G. ganz anders als Sch. (den er ja noch nicht ge- wir aus den im letzten Capitel befprochenen Streit-
kannt, der übrigens hier im Allgemei nen fich mitHarnack 1 fchriften kennen. Da die Entwicklung in den Nieder-
u. a. trifft) eine concentrirte Betrachtungsweife Aug.'s I landen und Frankreich von dem gröfsten Einflufs auf
behaupten zu dürfen, eine folche nämlich, die auf der die Geffaltung der Dinge in Deutfchland war, fo zieht
Linie des Anfelm und unterer proteffantifch-orthodoxen [der Verf., fo weit es nöthig fcheint, die p'olemifche
Theologie liege. Literatur auch diefer Länder in feine Darffellung hinein.

Giefsen. F. Kattenbufch. i ~ Sehr intereffant iff der Nachweis, dafs in den calvi-

niffifchen Streitfchriften die Feindfchaft gegen die
"~ | Jefuiten vielfach mit der gegen die Juden zufammen-

Lorenz, Dr. Karl, Die kirchlich-politische Parteibildung in geht. — Nur lofe mit jenen Streitfchriften hängen einige
Deutschland vor Beginn des dreissigjährigen Krieges im andere vom Verf. befprochene zufammen: Freigeiffige
Spiegel der konfeflionellen Polemik. München 1903, j und Rofenkreuzerifche die indefs das Bild, das er uns
r u rwt- (\ c o i/i ^ — von den Parteiverhältnifsen entwirft, in wünfchenswerther

C. H. Beck. (IX, 163 S. gr. 8.) M. 3.50 Weife ergänzen. Jemehr wir uns dem Beginn des Krieges

Angeregt durch die Thatfache, dafs zwei auf fo nähern, deffo mehr tritt in den Streitfchriften das theo-
entgegengefetzten Standpunkten Behende Gefchieht- logifche Element vor dem politifchen zurück. Die Politik
fchreiber, wie Stieve und Janfsen, darauf hingewiefen führte Lutherifche und Katholiken zufammen; alle Anhaben
, wie wichtig die Bekanntfchaft mit der con- ; ffrengungen der CalviniBen, dies zu hindern, waren ver-
feffionellen Polemik vor Ausbruch des 30jährigen Krieges 1 gebens. Auch die Feier des 100jährigen Jubiläums der
für die Erkenntnifs der gefchichtlichen Entwicklung Reformation, die CalviniBen und Lutheraner wieder
diefer Zeit iff, unternimmt es der Verfaffer, uns mit | näher hätte zufammenführen können, änderte hieran