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Ausgabe:

1903 Nr. 7

Spalte:

197-199

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jordan, Hermann

Titel/Untertitel:

Die Theologie der neuentdeckten Predigten Novatians 1903

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 7.

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ein Katalog der neuteflamentlichen Papyrusfragmente,
S. 36—38), über die Uncialen und die Minuskeln (letztere
in knapper, aber guter Auswahl), die Ueberfetzungen,
die patriftifchtn Citate, die Gefchichte der Textkritik
und zum Schlufs über das textkritifche Problem. Auf
Einzelheiten einzugehen, würde hier zu weit führen. Nur
über ein paar neuerlich erörterte Fragen mag die Anficht
des Verf.'s kurz Erwähnung finden. Die Entftehungszeit
unferer beiden älteflen Bibelhandfchriften anlangend,
kommt K. nach reiflicher Erwägung aller in Betracht
kommenden Umflände zu dem Refultate, dafs der Cod.
Sin. fowohl als der Cod. Vat. nicht lange vor der zweiten
Hälfte des 4. Jahrhunderts, aber auch nicht viel fpäter
gefchrieben fein können. Der Ort, wo fie entftanden
find, läfst fich mit völliger Sicherheit nicht beftimmen;
während Rom ausgefchloffen ift, kommt in erfter Linie
Egypten, in zweiter Cäfarea in Frage. — Im letzten Ca-
pitel charakterifirt der Verf. die vier Hauptgeftalten des
Textes, die er als «-Text (Hort's ,Syrian'), /3-Text
(Hört's ,Neutral'), y-Text (Hort's ,Alexandrian') und
tf-Text (Hort's ,WesterW) bezeichnet. Unter Ablehnung
der Blafs'fchen Hypothefen tritt K. im Wefentlichen für
Hort's Theorie ein, nur dafs er dem d-Text einen höheren
Werth beimifst und ihm einen gewiffen Einflufs auf die
Geftaltung des Textes eingeräumt wiffen will. ,The pre-
sumption, no doubt, is on the side of the ß-text, since it
has the higher character for accuracy on the whole; but
we »tust have an open mmd to consider the claims, in
special instances, of its rival. It would be simpler, no
doubt, to be able to rule out all ö-readings, as we rule
out all recognisohle a-readings; but the easiest way is
not always the one wluch leads to truth, and the tendency
of recent criticism has certainly been to rehabilitate, to
some exte fit, the 6-text. and to demand a more respectful
consideration of it in the future1 (S. 311).

Die 16 dem Buch im Facfimile beigegebenen Schriftproben
find meift wohl gelungen; nur Fl. III (Sin.) und V
{ Vat.) laden in diefer Verkleinerung an Deutlichkeit zu
wünfchen übrig. Die Indices betreffen I Sachen und
Perfonen, II Bibelstellen, deren Textvarianten erörtert
worden find.

Leipzig. O. v. Gebhardt.

Jordan, Lic. theol. Hermann, Die Theologie der neuentdeckten
Predigten Novatians. Eine dogmengefchichtliche
Unterfuchung. Leipzig 1902, A. Deichert, Nachf. (X, 224
S. gr. 8.) M. 4.50

Die von Batiffol 1897 herausgegebenen 20 Predigten, die
der Ueberfchrift nach dem Origenes zugehören, wurden
zuerft von C. Weymann Archiv für lateinifche Lexikographie
XI, 467 und dann von Hausleiter für den bekannten
römifchen Schismatiker Novatian reclamirt,
während andere Gelehrte Victorin von Pettau, Gregor von
Eliberis oder fonft einen Anonymus als Verfaffer vermuteten
. Jordan unterfucht in der Hausleiter gewidmeten
Arbeit die Theologie der neuentdeckten Predigten. In
einer umfangreichen Einleitung Hellt er zunächft die Refultate
zufammen, die fich ihm über den Verfaffer der
Predigten auf Grund der verfchiedenen Arbeiten anderer
Forfcher ergeben haben. Danach ift Novatian der Verfaffer
, aber ,ganz genau fo wie uns unfere Predigten vorliegen
, flammen fie nicht von Novatian, und nicht alles,
was in den Novatianpredigten ftand, ift uns erhalten'. Es
folgt ein kurzes Referat über den Inhalt der Predigten,
von denen 19 fich an altteftamentliche Texte und eine an
Act. 21—2 anlehnt. Darauf wird eine Reihe von noth-
wendigen Correcturen des Textes der Predigten gegeben,
die fall durchweg Zuftimmung verdienen. Bei der Dar- j
Heilung der Theologie der Predigten zieht Jordan zum 1
Vergleich die mit mehr oder weniger Sicherheit dem
Novatian zugefchriebenen Schriften de trinitate, de eibis

iudaicis, die Briefe 30 und 31 der Cyprian'fchen Brief-
fammlung, de spectaculis, de bono pudicitiae, quod idola dii
non sint, de laude matyrii, adversus Iudaeos heran.

Die Theologie der Predigten gliedert er in die Theologie
im engeren Sinne, Chriftologie, Pneumatologie und
Trinitätslehre. Im erften Abfchnitt wird die Lehre von
Gott, dem Vater, die abfolute Perfönlichkeit Gottes, Un-
fafsbarkeit, Einzigkeit, Unkörperlichkeit, und Gottes
Wirken in und an der Welt, Schöpfung, Herrfchaft, Heils-
ratfchlufs Gottes behandelt. Befonders ausführlich werden
die chriftologifchen Auslagen unterfucht, an denen die
Tractate fehr reich find: der präexiftente Gottesfohn, das
Verhältnifs des Gottesfohns zu Gott- Vater, die Menfch-
werdungdes Gottesfohns und die Beziehungen des menfeh-
gewordenen Gottesfohns zur Menfchheit, Jefu Leben,
Leiden, Tod, Hadesfahrt, Auferflehung, Himmelfahrt und
Wiederkunft. In der Pneumatologie intereffirt befonders
die Frage, welche Stellung der Verfaffer der Predigten
dem heiligen Geift innerhalb der Trinität anweift. Endlich
wird noch die für die Verfafferfchaft befonders wichtige
Frage ins Auge gefafst, wie der Prediger fich zu den
Grundgedanken das novatianifchen Schismas äufsert. Hier
conftatirt Jordan, dafs der Prediger rigoriftifche An-
fchauungen vertritt, und der 10 Tractat, der einzige, der
keinen Schlufs hat, vermuthheh fpäter redigirt ift, weil hier
Novatian feine häretifchen Gedanken über die Ausftofsung
der groben Sünder aus der Kirche entwickelt hatte. Im
letzten Abfchnitt werden die Beziehungen der Predigten
zur vorangegangenen altchriftlichen Literatur erörtert.
Jordan weift eine ftarke Abhängigkeit des Predigers von
Irenaeus, Tertullian und Hippolyt nach und fetzt bei ihm
eine Kenntnis von Melito, Theophilus ad Autolycum und
des Octavius von Minucius Felix voraus. — Die gründliche
und fleifsige Arbeit, die etwas breit und fchwerflüffig gefchrieben
ift, leidet m. E. darunter, dafs der Verfaffer einmal
die Theologie der Predigten darfteilen, andererfeits ihre
Ableitung von Novatian durch Heranziehung der übrigen
Schriften Novatian's erweifen will. Um beidem gerecht
zu werden, ift die Arbeit unverhältnifsmäfsig angefchwollen,
ohne dadurch an Ueberzeugungskraft Zugewinnen. Ferner
fcheinen mir die Schemata, die Jordan an die Theologie
der Predigten heranbringt, nicht geeignet, das Eigentümliche
und das, woran der Prediger theologifch intereffirt
ift, von dem Uebernommenen und Unwichtigen zu unter-
fcheiden. Auch darf man die Ausfagen des Predigers z. B.
über die Eigenfchaften Gottes nicht in der Weife, wie es
Jordan thut, preffen und in ihnen beftimmte dogmatifche
Anfchauungen fehen. Was die Refultate des Verfaffers
betrifft, fo (cheint mir die Thefe, dafs Novatian der Verfaffer
der Predigten ift, durch die nüchternen Detailunter-
fuchungen erheblich verftärkt zu fein, aber mit Sicherheit
möchte ich mich nicht entfeheiden. Butler's einleuchtende
Ausführungen Journal of theological studies II, 117 fr., dafs
der Prediger von Origenes abhängig ift, machen mich befonders
zweifelhaft. Dafs ftarke Berühungen zwifchen Novatian
befonders feinem Werke de trinitate und dem Prediger
vorhanden find, hat Jordan erwiefen; dafs aber fo eigentümliche
Theologumena, wie die recapitulatio and der des-
census ad Inf eros, die der Prediger vorträgt, in den bisher bekannten
Schriften Novatian's keine Parallelen haben, mufs er
zugeben. Am bedenklichften aber erfcheint es, dafs gerade
in den Predigten die eigentümlichen Gedanken Novatian's
über Kirche und Kirchenzucht fich nur fehr blafs angedeutet
finden. Jordan hat allerdings mit recht beachtenswerten
Gründen vermutet, dafs der 10. Tractat, in dem
fich eine folche Ausführung fand, verftümmelt überliefert
ift; aber merkwürdig bleibt es, dafs keine deutlicheren
Spuren in den Predigten vorhanden find. Wenn auch der
Arbeit Jordan's kein das Problem abfchlit fsend behandelnder
Charakter zuerkannt werden kann, fo wird doch kein
Patriftiker an der gründlichen Arbeit vorübergehen dürfen.

Heidelberg. Grützmacher.

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