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Ausgabe:

1903

Spalte:

195-196

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harper, Andrew

Titel/Untertitel:

The song of Solomon. With Introduction and notes 1903

Rezensent:

Beer, Georg

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Seite 1

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195

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 7.

reicht. Nicht genug mit der Entweihung und Verheerung
des Tempels in Jerufalem theilen die Synagogen im
Lande das gleiche Schickfal 748b. Denn nur diefe können
mit den bfcfHyVO gemeint fein. Wollte man mit K. die
an und für fich mögliche Ueberfetzung wählen: die Fefte
Gottes, fo wäre das beiftehende pnita unverftändlich.
Denn was follten das für Fefte Gottes im Lande fein?
War doch ca. 450 aller Cult in Jerufalem concentrirt,
und hätte für einen Frommen jener Zeit das Aufhören
aller Fefte aufserhalb Jerufalems etwas Plrwünfchtes fein
müffen! Dann ift aber ISItJ des M. T. richtig, und die
von K. befolgte Lesart der LXX, die irgendwelche Form
von dem Verbt"QÜ vorausfetzt, die zu der Ueberfetzung
von D'HyTQ = Fefte paffen würde, nicht zu billigen —
vielmehr wird LXX xaraJcavöcofiev innergriechifche Ver-
derbnifs für xaxaxavömptv fein. Tempelbrand und Synagogen
zeugen für makkabäifchenUrfprung des 74.Pfalms
{cf. Jef. 649—11), da die Ereignifse von 586 nicht ernftlich
in Vergleich kommen {cf. Wellhaufen, The book of
Psalms, a new engl, translat. 1898 S. 194) und eine Zer-
ftörung des Tempels und der Synagogen unter Arta-
xerxes Ochus (359—338), an die ich früher dachte, doch
zu wenig ficher bezeugt ift. King würde Pf. 74 nicht
ca. 450 anfetzen, wenn ihm nicht fämmtliche 12 Affaph-
pfalmen (wozu nach 1 Chr. 167 auch Pf. 96 und 105 zu
rechnen wären) zwifchen Einweihung des 2. Tempels und
Promulgation des Priefter-Codex gefchrieben wären,
wofür die S. VI—X beigebrachten Gründe nicht ausreichen
. Aber felbft wenn dem fo wäre, hätte K. mit
der Möglichkeit rechnen müffen, dafs ein älteres Lied
in makkabäifcher Zeit umgegoffen worden ift. Was K.
zur Gefchichte und Charakteriftik der Affaphfänger bietet,
ift, foweit es über Bekanntes und Gefichertes hinausgeht,
Phantafie. Denn wer wird denn der Anficht beipflichten
können, dafs die Affaphpfalmen fich nur im Zufammen-
hang mit dem Ritual dns Afiphfeftes S. VIII begreifen
laffen? Erwägenswerth fcheint mir aber, dafs Jef. 363. 22
Joach b. Affaph "TOTEn heifst und dafs 1 Chr. 164. 5
das "V^m eine der Aufgaben Affaph's ift S. IX. Das
Gleiche gilt über das, was K. S. IX u. 185 f. über P.s
LagerordnungNum.2u. 10 vorbringt, indem er die 4 Lager
ä 3 Stämme mit den 4 Jahreszeiten und den 12 Monaten,
und die 4 muthmafslichen Lagerwappen mit den 4
Kerubsgefichtern Menfch (Rüben), Löwe (Juda), Stier
(Jofeph) und Adler (Dan) Ez. 110 vergleicht.

Strafsburg i. E. Georg Beer.

Harper, Rev. Andrew, D. D. Edin., The song of Solomon.

With Introduction and notes. (The Cambridge Bible
for Schools and Colleges.) Cambridge 1902, Uni-
versity Press. (LI, 96 p. 8.) 1 s 6 p.

Harper's Erklärung des Hohenliedes ift eine neue
Aufwärmung der Drama-Hypothefe: die Hauptperfonen,
Salomo und fein Harem, vertreten die finnliche Liebe,
und das gegenfpielende Paar, das Schäfermädchen und
ihr ländlicher Liebfter, die keufche Liebe, deren Triumph
86 und 7 erfchallt. Das Ganze beftehe aus 3 Gruppen
dramatifcher Lieder 12—35, 36—63 und 64—8h mit den j
Untertheilen 12—8 In des Königs Haushaltung, 19—27
Verfchmähte Königsliebe, 28—17 Der Geliebte kommt,
31—5 Ein Traum, 36—u Die Rückkehr des Königs, 41—7
Der königliche Werber, 48—51 Des treuen Liebften Plai-
doyer, 52—63 Ein Traum, 64—13 Der bezauberte König,
71—6 [2—7] die Lobfprüche der Haremsdamen, 77W—84 j
Der König und die Schäferin, 85—7 Heimkehr der Liebenden
, 88—14 Erinnerungen und Triumphe. 12—27 |
fpiele vielleicht im königlichen Schlofs in Jerufalem, 28—84
fei der Schauplatz eins der Königsfchlöffer im Norden
Paläftina's, 85 wandern die Liebenden ihrem Heimath- |
dörfchen zu.

Die Gründe gegen die Dramahypothefe find zu bekannt
, um fie zu wiederholen, auch würden fie gegenüber
einem Anhänger der dramatifchen Theorie nichts nützen
— eher liefse fich ein Antiwellhaufenianer in der Hexa-
teuchkritik zum Wellhaufenianer bekehren! Es läfst fich
gewifs ein ganzes Bündel von Einwänden — Harper
felbft bringt S. 80 ff. beachtenswerthe vor — gegen
Budde's Theorie erheben, wonach wir ,in dem Hohen-
liede gleichfam das Textbuch einer paläftinifch-israeliti-
fchen Hochzeit' (Com. S. XIX) befitzen. Vor allem ift
fraglich, ob bei den Liedern, die von Liebesgenufs reden,
Budde im Recht ift, fie an die Hochzeitsnacht zu
knüpfen, oder ob nicht vielmehr hier überhaupt das
Thema Liebesabenteuer bilden, die freilich nach orien-
talifchen Begriffen die fpätere eigentliche Ehe introdu-
ciren können. Budde will m. E. zu fehr die von Wetz-
Itein befchriebenen Hochzeitsriten und -Gefänge der
transjordanifchen und translibanonifchen Gegenden im
Hohenliede wiederfinden. Wir müffen noch andere und
aus verfchiedenen Theilen Paläftina's flammende Hochzeitslieder
kennen — ein glücklicher Anfang zur Sammlung
folcher Lieder ift in den letzten Jahren gemacht
worden — und werden dann vielleicht daraus für die
Erklärung des Hohenliedes Vortheil ziehen. Es bleibt
aber das unbeftreitbare Verdienft Budde's, dafs er die
Dramahypothese ausgefegt und im Hohenliede vielmehr
einen Kranz von Hochzeitsliedern erkannt hat, in den
freilich m. E. auch einige erotifche Lieder überhaupt geflochten
find, die man vielleicht auch hie und da auf
Hochzeiten zum Berten gab oder geben konnte (vgl.
G. Dalman, Pal. Diw. XII; G. Jacob, D. Hohelied, 27).

Beim Lefen der Noten Harper's zu den einzelnen
Verfen (teilt fich das bekannte Commentar-Gähnen ein.

Strafsburg i. E. Georg Beer.

Kenyon, Frederic G., Handbook to the textual criticism of
the New Testament. With sixteen facsimiles. London
1901, Macmillan and Co. (XI, 321 S. gr. 8.) 10.— s.

Als Philologe und gründlicher Kenner der griechi-
fchen Paläographie hat fich der Verf. durch Herausgabe
von Werken des Ariftoteles {Constitution of Athens, 1891),
Hyperides (1892) und Bacchylides (1897), fowie durch
feine Classical Texts from Papyri in the British Museum
(1891), feinen Catalogue of Greek Papyri in the British
Museum (1893) und feine Palaeography of Greek Papyri
(1899) bekannnt gemacht. Aber auch in theologifchen
Kreifen ift er kein Fremder. Wir befitzen von ihm ein
inftructives Werk über die alten Bibelhandfchriften {Our
Bible and the Ancient Manuscripts, 1895, 2A Ed. 1896)
und eine fchöne Sammlung Facsimiles of Biblical Manuscripts
in the British Museum (1900). Das vorliegende,
vornehm ausgeftattete Buch, für deffen verfpätete Anzeige
Ref. allein verantwortlich ift, hätte nach unferem
Sprachgebrauch eher die Bezeichnung ,Lehrbuch' verdient.
Es nimmt eine Mittelftellung ein zwifchen den umfangreichen
Werken von Gregory, Martin und Scrivener und
den Compendien von Hammond, Neftle, Schaff, War-
field u. a. An Detail und namentlich auch an Literaturnachweifen
bietet es erheblich weniger als jene, orientirt
aber in vorzüglicher Weife über alle einfchlägigen Fragen
und kann als ein zuverläffiger und bequemer Führer
insbefondere den Studirenden warm empfohlen werden.
Aber auch von den Fachgelehrten verdient es eingehend
gewürdigt zu werden, und zwar nicht nur in den fpeciell
paläographifchen Fragen, welche als die eigentliche Domäne
des Verf.'s anzufehen find, fondern auch in den
Ausführungen über Theorie und Praxis der Textkritik, die
fich durch Umficht und gefundes Urtheil auszeichnen.

Nach einer orientirenden Einleitung über das Verfahren
{the function) der Textkritik (Gap. I) handelt der
Verf. in fieben Abfchnitten (Cap. II—VIII) über die
Autographen des Neuen Teftaments (dazu als Anhang