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Ausgabe:

1903 Nr. 6

Spalte:

183-186

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grass, Karl Konrad

Titel/Untertitel:

Geschichte der Dogmatik in russischer Darstellung 1903

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 6.

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opfer feit der tridentinifchen Zeit ift, möchte ich hier I
keinen Raum verfchwenden, um das nochmals auseinan-
derzufetzen. Die Hauptfache ift, dafs man jetzt meinte,
irgendwie ein neues ,Leiden', ja wo möglich ,Sterben'
Chrifti in der Meffe nachweifen zu müffen. Faft möchte
man denken, dafs der Kreis der möglichen Con-
ftructionen (Einfälle ift man grofsentheils gezwungen zu
fagen) erfchöpft fei. Aber wer kann das wiffen? Renz
felbft will keinen Theil haben an diefen Theorien.

Es genügt hier, wenn ich noch einfach das Inhalts-
verzeichnifs des zweiten Bandes von Renz mittheile. Die
Titel der Theorien — Renz fcheint fie als folche meift erft
gefchaffen zu haben — reden grofsentheils für fich felber.
Sie genauer zu verdeutlichen, ginge nur an, wenn ich
noch mehrere Spalten hier in Anfpruch nehmen dürfte.
R. hat diefen zweiten Band in zwei ,Bücher' (das vierte
und fünfte der Gefammt - Darftellung) getheilt. Das
,vierte Buch' behandelt ,Die tridentinifche Definirung des
euchariftifchen Opferbegriffs', S. 1—202. Der erfte Ab-
fchnitt berichtet hier über ,die Leugnung des Opfercharakters
der Euchariftie' (Lehren der Reformatoren),
der zweite über ,die Vertheidigung des Mefsopferbegriffs
vor dem Concil' (Eck, Cochlaeus, Clichtovaeus, Conta-
rini, Caftro. Hofius, Tapper, Cano, Soto etc.), der dritte über
,die Concilsverhandlungen über das Wefen des unblutigen
Opfers'. Das letzte, fünfte Buch hat dann die Ueber-
fchrift: ,Der tridentinifche Oplerbegriff und die euchariftifchen
Opfertheorien', S. 203—506. Es zerfällt in
folgende Abfchnitte: I. ,Die Opfertheorien in ihrer Entstehung
': 1. Cuefta's Mactations-Theorie, 2. Cafale's Morti-
fications-Theorie, 3. Galen's Transmutationstheorie; II.,Die
Blütheperiode der Opfertheorien': 1. Die aprioriftifchen allgemeinen
Opferdefinitionen, 2. Cuefta's Theorie vertreten
von Alanus, Leffius, Hurtado, 3. Vasquez' Theorie der
repräfentirenden, myftifchen Immolirung, 4. Bellarmin's
Theorie der deftructiven Confumirung, 5. Malder-Lugo's
Theorie der humanen Deftruirung, 6. Suarez' Theorie
der productiven Immutirung, 7. Modificationen der Theorie
des Suarez; III. ,Die Opfertheorien in der Periode der Auswahl
' (Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts): 1. Die
Cuefta-Tlieorie in der Schule der Dominikaner, 2. Die
Bellarmin-Theorie in der Schule der Karmeliten, 3. Die
unirten Opfertheorien in der Schule der Jefuiten, 4. Die
praktifche Verwerthung der Opfertheorien; IV. ,Der Mefs-
opferbegriff des letzten Jahrhunderts': I. Die Theorie
von der Fortdauer des blutigen Opferacts, 2. Die Herrfchaft
der Deftructionstheorien, 3. Eine Reaction gegen
die Deftructionstheorien; V. ,Was lehrt die Gefchichte?':
Der wahre traditionelle Begriff vom Wefen des euchariftifchen
Sakrifkiums.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Grass, Priv.-Doz. Mag. theol. K. Konrad, Geschichte der
Dogmatik in russischer Darstellung. Nach den in Rufsland
gebäuchlichften rechtgläubigen dogmatifchen Lehrbüchern
deutfch wiedergegeben und mit einem bibliographischen
Regifter verfehen. Gütersloh 1902, C. Bertelsmann
. (XV, 179 S. gr. 8.) M. 2.80; geb. M. 3.50

Diefes Buch wird der Confeffionskunde gute Dienfte
thun. Es kann mit unferer noch immer recht oberflächlichen
Kenntnifs der Verhältnisse in der ruffifchen Kirche,
die doch an hundert Millionen Seelen befafst, nur beffer
werden, wenn Theologen, die die ruffifche Sprache verstehen
und womöglich Rufsland felbft genauer kennen,
uns die nationalen Quellen erfchliefsen. Der Verfaffer
der vorliegenden Pubhcation war früher in Petersburg
thätig und ift feit Kurzem Privatdocent in Dorpat. Er
hat fchon eine Reihe von Arbeiten zum Neuen Tefta-
ment veröffentlicht, fcheint aber jetzt mit eintreten zu
wollen in die Forfchungen über confeffionelle Probleme
und wird, wie zu hoffen fleht, es nicht bei diefen erften

Mittheilungen aus der ruffilchen theologifchen Literatur
bewenden laffen.

In Rufsland wird die Theologie in reicherem Mafse
gepflegt, als wir meift wiffen. Die hiltorifche Forfchung
hat eine Anzahl vortrefflicher Leiftungen zu verzeichnen;
fie gilt meift dem kirchlichen Alterthum und der eigenen
Kirchengefchichte. Aber auch die fyftematifche Theologie
wird mannigfach bearbeitet. Es fehlt in Rufsland nicht an
theologifchen Lehranftalten verfchiedener Grade, befon-
ders zu nennen ift eine Reihe von ,geiftlichen Akademien
'. Wer fich für den Bildungsgang, den ruffifche
Theologen durchzumachen haben, intereffirt, fei hier
nebenbei verwiefen auf die ,Erinnerungen eines Dorf-
geiftlichen', die bereits 1894 in der ,Bibliothek ruffifcher
Denkwürdigkeiten', welche Th. Schiemann herausgiebt,
als fünfter Band erfchienen. Diefes höchft lefenswerthe
Werk eines nicht unbekannten ruffifchen Theologen (vgl.
Leroy-Beaulieu III, S. 254 Anm. 2, auch S. 200) fchildert
Zuftände, die in der erften Hälfte des 19. Jahrhunderts
herrfchten, aber gewifs mannigfach noch vorhanden find.
Indefs folche ,perfönliche' Mittheilungen müffen natürlich
ergänzt werden durch Beobachtungen unparteiischer
und vor allem folcher Forfcher, die Vergleichungen aufteilen
können. Wenn einer aus jenen ,Erinnerungen' entnehmen
möchte, dafs die ruffifche Theologie höherer Art
nur in Potemkin'fchen Dörfern gepflegt werde, fo würde
er fehlfchliefsen. Es ift dankenswerth, dafs Grafs auf
S. 146—173 ein alphabetisches, bibliographisch exactes
Regifter von Werken der rulfifchen fyftematifchen Theologie
giebt, die im letzten Jahrhundert erfchienen find.
Er hebt hervor, dafs in Rufsland die ,Monographie' dogmatischer
und ethifcher Art blühe. Zufammenfaffende
Werke, ,Syfteme', feien feiten. Ueber die Art und Weife,
wie er diefes Regifter zufammengebracht habe, fpricht
er fich in der Vorrede, S. XI f., aus. Ein Seitenver-
zeichnifs der Werke konnte er durchweg nicht geben,
da die ruffifchen Bücherkataloge ein folches nicht zu
gewähren pflegen. So notirt er die Preife, indem
er bemerkt, dafs IOO Seiten durchschnittlich mit etwa
75 Kop. berechnet werden. Er hebt weiter hervor,
dafs es in Rufsland fehr üblich fei, felbft recht umfängliche
Arbeiten, die felbftftändig erscheinend refpectabele
,Bücher' repräfentircn würden, in Zeitschriften zu veröffentlichen
. Nun hat er zwar es nicht thunlich gefunden,
auch alle in den letzten hundert Jahren auf diefe Weife
in das Publicum gebrachten Arbeiten zur fyftematifchen
Theologie aufzuzählen, bietet aber auf S. 174—177 ein
zweites alphabetifches Regifter, nämlich von gegenwärtig
erfcheinenden theologifchen oder Theologifch.es enthaltenden
ruffifchen Zeitschriften'. Ich zähle 72 Nummern! Die
wichtigften find durch befonderen Druck gekennzeichnet.
Schon die genauere Betrachtung der Titel der genannten
Werke bezw. auch der Zeitfchriften (auch eine Vergleichung
der Erfcheinungsjahre u. dgl.) kann manche Erkenntnifs
vermitteln, die für die Confeffionskunde Bedeutung hat.

Die Bücherftatiftik wird von Grafs doch nur in einem
,Anhang' mitgetheilt. Den Hauptftock, den eigentlichen
Inhalt des Buches bildet vielmehr eine Ueberfetzung von
Stücken aus Werken der Theologen Makäri und Silweftr.
,Fragt man den ruffifchen Geiftlichen nach den wichtigften
dogmatifchen Syftemen, fo nennt er überall im Reiche die
von Makäri und Silweftr — nur die Reihenfolge wird er
umftellen, wenn er in Kijew felbft, oder in der Kijewer
Eparchie feine Bildung empfangen hat — und fügt vielleicht
noch das von Philaret hinzu. Die Studenten der Petersburger
und der Moskauer Geiftlichen Akademie benützen
in erfter Linie den Makäri als Lehrbuch neben den Vor-
lefungen, die der Kijewer den Silweftr'. Jeder gebildete
Ruffe kennt die beiden Männer und ihre Werke wenigftens
den Namen nach. Makäri (Familienname Bulgäkow) war
zuletzt Metropolit von Moskau, fi882. Sein Werk ,Rechtgläubige
dogmatifche Gottesgelehrtheit' erfchien zuerft
Petersburg 1849—53 in fünf Bänden und ift bis 1895