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Ausgabe:

1903 Nr. 6

Spalte:

180-181

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goltz, Freiherr von der

Titel/Untertitel:

Reisebilder aus dem griechisch - türkischen Orient 1903

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 6.

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des ganzen Jahrhunderts', der grofse Kurfürft, hineingezeichnet
. Die beiden Staaten, auf denen die Zukunft
der deutfchen Nation beruhte, find am Ausgang des
Krieges der öfterreichifche und der brandenburgifche.
Dafs diefe Zukunft fich an Brandenburg-Preufsen
knüpfte, ift das Werk Friedrich Wilhelm's. Aehn-
lich wie in der culturgefchichtlichen Betrachtung der
Factor der evangelifchen Religion als einer pofi-
tiven Neufchöpfung, die alles Andere trägt, auch den
fürftlichen Abfolutismus bedingt, möglichft eliminirt wird,
zwar nicht verfchwiegen, aber in der Bedeutung möglichft
herabgefetzt, foinderPolitik desFürften,derenTrieb- I
kraft der Toleranzproteftantismus war, diefer Factor, der ihn
zum erften paritätifchen Herrfcher machte, wenn auch in
ftreng abfolutiftfcher Geftalt. Die flüchtige Charakteriftik,
die vieles Wichtige übergeht und umgeht und an fchwer
erträglichen Widerfprüchen leidet und das Gefammtbild
eines unruhigen Emporkömmlings hinterläfst, geht aus von
einer zweiten merkwürdigen Entdeckung. Zuerft, d. h.
bis zum Jahre 1657, ,träumte' Friedrich Wilhelm als ,Balto-
Germane' einen Eroberertraum: er will der Führer einer
evangelifch-nordifchen Grofsmacht werden, er läfst fich für
den Plan eines Bündnifses aller proteftantifchen Reichs-
ftände gegen den Kaifer gewinnen (das kurpfälzifch-
reformirte Umfturzprogramm!). Dann auf einmal erwacht
in ihm die Erinnerung an das, was er in den Niederlanden
in feiner Jugend gefehen, und er begründet,
nachdem er für Preufsen die Souveränetät erlangt hat,
den mufterwirthfchaftlichen, abfolutiftifchen, deutfchen
Beamten- und Soldatenftaat. Sein Nachfolger vollendet
das Werk des Aufbaues der ,fchwer arbeitenden Staats-
mafchine'.

So fcheint der Effay zeigen zu wollen, wie die
politifche Führung Deutfchlands an die proteftantifche
deutfche Macht gekommen ift, nachdem fich in der
Mitte des 17. Jahrhunderts die katholifchen und evangelifchen
Staaten die Wage gehalten hatten, ohne dafs
man einen Defect in der,Kirche' felbft zuzugeben braucht.
Zu diefem Zweck werden einige angeblich gefchicht-
liche geiftige Potenzen aufgewiefen, deren Wechfelfpiel
den Verlauf der Thatfachen regiert, nämlich das deutfch-
chriftliche Element, vertreten in Allem, was aus dem
Mittelalter flammt und darum innerhalb des Proteftan-
tismus am kräftigften im Lutherthum vorhanden ift (,das
immer mehr deutfch und chriftlich gedacht hat als
proteftantifch'), das proteftantifch - calvinifch- pfälzifch-
rationaliftifche Element, das umftürzlerifch, revolutionär
ift, das romanifch-lateinifche Element, das einerfeits
den wefteuropäifchen Rationalismus erzeugt, anderer-
feits — den Jefuitismus, und der ,germanifch - baltifche'
Subjectimismus, der die ftärkften Helden hervorbringt.
Aus dem wechfelnden Gewicht diefer Factoren erklärt
fich der für ein katholifches Gemüth fo unerfreuliche
Verlauf der Weltgefchichte in natürlicher Weife,
fo dafs die unfehlbare Kirche keine Schuld trifft. Sie
kann zwar ihren Anfpruch darauf, Richterin alles Irdifchen
zu fein, vorläufig nicht ausüben, aber fie braucht ihn auch
nicht aufzugeben, denn fie wich ja nur menfchlicher
Gewalt, nicht höherer Gewalt. — Nur die allerein-
gehendfte Kritik alles Einzelnen vermöchte diefe aus der
Luft gegriffene Conftruction hiftorifch zu entkräften. Cui
bono? Es genügt hier den Grundfehler namhaft zu machen.
Er ift, kurz gefagt, das Unvermögen oder der mangelnde
Wille, das 16. Jahrhundert als eine nothwendige
Religionskrifis zu verliehen, in der die Weltkirche ihre
Unfähigkeit zur Selbfterneuerung bewies. Aus der
Wurzel des alten Chriftenthums wurde darum ein neuer
befferer Glaube geboren, der eine neue Culturwelt in
feinem Schofse trug. Daher flammt die geiftige Wiedergeburt
Deutfchlands. In der rafchen Folge ihrer Entwicklungen
find die erften Formen diefer neuen Cultur,
die unduldfame Orthodoxie, der rein confeffionelle Staat,
der fürftliche Abfolutismus, der calviniftifche Verfuch

einer Theokratie und auch der deutfche Rationalismus,
der als Reaction fittlichen Chriftenthums gegen den Dogmatismus
eine genuin religiöfe Erfcheinung ift, nur
Uebergangserfcheinungen. Das Ziel wird erft fpäter
erreicht. — Wir haben es alfo in Spahn's Buch doch nur
mit einer neuen, etwas verfchleierten Auflage der alten
dogmatifchen katholifchen Gefchichtsconftruction zu thun :
Die Reformation ift und bleibt ein Abfall des deutfchen
Volkes in feiner Mehrheit von dem einzig richtigen
Chriftenthum der Kirche, meinethalben zu einer anderen
Religiofität, aber zu einer rein weltlichen, vergänglichen
und irrthümlichen. Damit aber ift auch die richtige Erklärung
der gefchichtlichen That des grofsen Kurfürften
verfehlt. Dafs er den brandenburgifchen Staat gründete
auf den Proteftantismus in einer toleranten Geftalt mit
einer aus der Anerkennung der Gewiffensfreiheit folgenden
Parität, während die von Beichtvätern, meift
Jefuiten, geleiteten Habsburger den Proteftantismus ge-
waltfam ausrotteten, das gab feinem Staat den Vor-
fprung. Der Papismus und Jefuitismus haben Oefterreich
verwelken laffen. — So ift auch diefes, mit dem Anfpruch
freier, weltoffener Anerkennung alles Fremdartigen auftretende
Werkchen doch nur ein Arrangement deut-
fcher Gefchichte für katholifche Augen, nicht
mehr geradezu ,in majorem gloriam ecclesiae'' fondern, be-
fcheidener in minorem accusationem ecclesiae, die in jener
Zeit ein für allemal den Ruhm verloren hat, Trägerin
einer neuen und mehr chriftlichen Cultur zu werden,
als es die antik-chriftliche war, die das Mittelalter den
Germanen vererbte.

An diefem Urtheil können die mancherlei hübfchen
Einzelbetrachtungen und das zur Schau getragene löbliche
Bemühen des Verfaffers, wenigftens dem deutfchen
Lutherthum gerecht zu werden und die deutfche Kunft
zu verliehen, nichts ändern.

Bonn. Karl Seil.

Goltz, Paft. Lic. Ed. Freiherr von der, Reisebilder aus dem
griechisch-türkischen Orient. Halle a. S. (1902), E. Strien.
(VII, 156 S. gr. 8.) M. s.-

Rausch, Lic. Dr. Erwin, Kirche und Kirchen im Lichte griechischer
Forschung. Leipzig 1903, A. Deichert, Nachf.
(VIII, 127 S. gr. 8.) M. 2.80

Der erftgenannte Verfaffer ift jetzt Privatdocent in
Berlin. Er gehört zu den Mitarbeitern v. Soden's bei der
von diefem unternommenen Ausgabe des N. T.'s. In v.
Soden's Auftrag ift er im Jahre 1897 in Griechenland, be-
fonders in Athen, fpäter in Konftantinopel und elf Wochen
in verfchiedenen Klöftern auf der Athoshalbinfel gewefen,
um Collationen vorzunehmen. Auf Grund der Briefe, die
er damals nach Haufe richtete, hat er feine Erinnerungen
zuerft in einer Serie von Auffätzen in den ,Deutfch-evange-
lifchen Blättern', dann jetzt in einem klei nen Buche veröffentlicht
. Der Band hat zwei Theile, zuerft ,Reifebriefe
aus dem Königreich Griechenland'. Der Verf. war in
Athen, als der griechifch-türkifche Krieg ausbrach, und
erlebte dort auch einen Aufftand von Seiten der Studenten
der Univerfität. Er erzählt frifch, was er gefehen und gehört
hat. Jeder wird die Briefe mit Intereffe lefen, wenn
er überhaupt Reifeerinnerungen lefen mag. Der zweite
Theil berichtet von ,Eindrücken aus dem kirchlichen Leben
der Griechen'. Am lehrreichften find feine Mittheilungen
aus den Klöftern, die er kennen gelernt hat. Im Königreich
Griechenland hat er befonders Megaspilaeon im nördlichen
Peloponnes befucht, auf dem Athos hauptfächlich Ruffi-
kon, Iwiron, Lawra, Pawlu und Dionyfiu. Die herrliche
Naturfcenerie wird mit kurzen Strichen anfchaulich ge-
fchildert. Hauptfächlich ift es aber doch das Leben in
den Klöftern, über das v. d. Goltz nicht gerade viel
Neues, aber gut und fcharf Beobachtetes berichtet. Der
Unterfchied der Lebenshaltung in den reichen und armen,