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Ausgabe:

1902 Nr. 6

Spalte:

165-167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peabody, Francis

Titel/Untertitel:

Jesus Christ and the social life 1902

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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i6S

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 6.

166

Hand unter dem Namen Guftav Sorglich zu Gemüthe
geführt hat (Jefus Chriftus und das gebildete Haus unferer
Tage', Berlin, Schwetfchke 1902). Wird es unferem Verf.
gelingen, daran etwas zu ändern? Mindeflens laffen die
von ihm zeitweilig berückfichtigten Wünfche feiner Zu-

winkel, nicht blofs weil hauptfächlich die Zuftände in
den Vereinigten Staaten berückfichtigt werden (z. B.
treffliche Worte gegen den ,Commercialismus', als Zer-
ftörer des Familienfinnes S. 176 t., über die erfchreckende
Zunahme der Ehefcheidungen S. 130. 164. 180), fondern

hörer — fie fcheinen freilich meift von frommer Seite j mehr noch um der ganzen Art willen, wie die Aufgabe
aus erfolgt (S.68f. 152. 169. 186. 226) — auf die anregende j in Sicht genommen und angegriffen wird. Um Gefchichte
Kraft fchliefsen, welche fein Wort in dem Kreife bewährt | ift es dem Verf. kaum zu thun. Nicht etwa die wirth-
hat, dem es z'unächft gelten follte. Darf er doch mit fchaftlichen und gefellfchaftlichen Verhältnifse des Spät-
Recht von feiner Schrift fagen, fie fei zwar auf Grund judenthums oder die im Alten Teftamente vorliegenden
ernfter Forfchung, aber doch ,zugleich mit dem Herzen Ordnungen des focialen Lebens bilden den Hintergrund,
gefchrieben' (S. VII). Der warme Herzton eines über- von welchem fich die chriftliche Reform abhebt, fondern
zeugten und begeifterten Jüngers und Dieners Jefu erweift es ift das natur- und culturgefchichtliche Wiffen von

fich fogar faft durchweg als der Stimme des Profeffors
überlegen. Es ift die pfychologifche Intuition, welche in
diefem Werke das Wort führt und es vielfach auf die
Stufe eines die chriftliche Weltanfchauung entwickelnden

heute, davon diefe Betrachtungen ihren Ausgang nehmen;
es find die fociologifchen und biologischen Ueber-
zeugungen des Verfaifers, die in directe Beziehung zu
den Worten Jefu treten und kraft der Autorität der-

Andachtsbucb.es erhebt. Daher der Antheil, welcher der j felben gerechtfertigt zu werden wünfchen. Zur Er-
in ihren Gegenftand verfenkten Phantafie bei Schilderungen i reichung diefes Zweckes ift er mit reichlicher, namentlich
wie S.73f. ( Verfuchung) oder S. 261 f. (Tod) zufällt. Auch auch englifche und deutfche Arbeiten umfaffender, Lite-
liebt es der Verf. ausführliche Paraphrafen von Herren- raturkenntnifs ausgerüftet. In der Auffaffung der Perfon
worten zu geben in recht volksthumlicher und packender Jefu fteht er meift zu Seeley's ,Ecce homo', in der Frage
Anfchaulichkeit. nach Jefu Stellung zum irdifchen Gut zu Rogge. Dafs

Damit foll keineswegs gefagt fein, dafs Denken und j feine Gelehrfamkeit fich nicht auch auf die intimeren

Forfchen zu kurz kämen. Gewiffen Kreifen der Zuhörer
wird gelegentlich gezeigt, wie wenig in diefer Sache mit
frommen Einfällen gethan ift (S. 54k). Einmal verfucht
es der Verf. fogar mit dem noch immer etwas bedenklichen
Mittel der Ueberfetzungsfehler (S. 153 f.). Der
,Chriftus der Theologie' (S. 71) verfchwindet hinter dem
fynoptifchen Jefus. Der Lieblingsjünger des 4. Evangeliums
ift ein Idealjünger (S. 141). Marcus ift der ältefte Evangelift
(S. 241) und hat z. B. die Gefchichte der Verleugnung
direct aus dem Munde des Verleugners (S. 254). Lucas

Probleme der Evangelienkritik und des Lebens Jefu erftreckt,
fondern dafs die in allen vier Evangelien begegnenden
Sprüche unbefehen als gleichwerthig genommen werden,
wird man ihm nicht verargen. Doch unterfcheidet er
im Neuen Teftament die fociale Richtung des Lukas
und Jakobus von derjenigen der anderen Evangeliften
und des Paulus (S. 197 f.). Weniger noch kümmern ihn
unfere Sorgen um den authentifchen Begriff des Reiches
Gottes. Dasfelbe ift gegenwärtig und zukünftig zugleich
(S. 91 f.), fofern es als Vollendung des gefellfchaftlichen

bereichert den gemeinfame Faden gern mit rührenden j Lebens der Menfchheit (S. 178) von innen nach aufsen
Zügen (S. 2581.). Die Auslegung der Gleichnifse gefchieht < fich aufbaut, vom Individuum aus die Gefellfchaft um-
nach correcter Methode (S. 104), aber das Reich, davon bildet (S. 280 f.). Damit ift das Leitmotiv ausgefprochen,
fie handeln, gehört fchon der Gegenwart an (S. 155 f. 215 f.). j welches in den fieben Abfchnitten des Buches in immer
Der ganze Aufrifs des Lebens Jefu (galiläifcher Frühling 1 neuen Variationen wiederkehrt. Jefus ift Individualitt
und fpätere Wendung der Volksgunft) entfpricht der ; (S. 77 f.) und Socialift (S. 287) zugleich, vor Allem immer
heutigen Durchfchnittsanfchauung innerhalb der kritifchen j Optimift (S. 300 f.), weil er feft an die Realifirbarkeit des
Richtung der Forfchung (vgl. z. B. S. 182). Die Natur- i Ideals, genannt Reich Gottes, glaubt. Auf die Perfönlich-
wunder werden auf ein religiöfes Bedürfnifs der Volksfeele j keit hat er es immer in erfter Linie abgefehen (S. 309).
zurückgeführt, wiebeiPythagoras, Empedokles undBuddha j Perfönlichkeiten fchaffen die fociale Ordnung (S. 102),
(S. 77), infonderheit wird die Freude des Morgenländers | finden aber auch erft in ihr die eigene Vollendung
am Symbolifiren und Allegorifiren in Rechnung gezogen ; (S. 310f.), indem fie zu gegenfeitigem Dienfte erzogen,
(S. 144. 155. 204f. 239k). Die Wiederholung des Abend- I an gewiffenhafte Pflichterfüllung und folide Berufsleiftung
mahles wird zwar nicht aus einem Befehl Jefu, aber aus , gewöhnt werden und fo ihren Beitrag zur Herftellung
der fie unumgänglich fordernden Situation feiner Jünger jener Ordnung leiften (S. 9. 245. 285 f.). Die fociale Frage
erklärt (S. 241. 245). Die fchon aus früheren Veröffent ift eine ethifche Frage (S. 9. 12 f. 346). Nicht Mafchinen,
lichungen bekannte Verwerthung der Vertrautheit des fondern Menfchen gilt es zu fchaffen (S. 296). Daher
Verfaffers mit Land und Leuten Paläftina's thut auch hier Jefus, der diefe Dinge ftets nur ,von oben herab' begute
Dienfte, wiewohl dabei für mich zuweilen noch ein j trachtet, fich nicht in die Arena der Clafffnkämpfe herab
Fragezeichen flehen bleiben will (S. 62. 103. 230k), wie , begiebt (S. 202 f.), fich auf eigentliche nationalökonomifche
mir auch überhaupt das den Berichten der Synoptiker Fragen nicht einläfst. Infpiration, nicht Organifation ift
entgegengebrachte, faft uneingefchränkte Vertrauen nicht j feine Sache. Einen focialen Idealismus galt es zu er-
durchweg gerechtfertigt erfcheint. Beifpielsweife fei die ] zeugen, welcher, nach Analogie des Gefetzes von der
Petrusanekdote Matth. 16, 17—19 genannt (S. 173—180. 1 Erhaltung der Kraft wirkend, in ftets wechfelnden Ge-
186—188). Aber es liegt in der Natur der Sache, dafs Haltungen und Wandlungen die unerfchöpfliche Fülle

man über folcherlei Detail immer ftreiten und im ganzen
Gefchichtsbilde noch diefe oder jene Nuance vermiffen
kann. Einer fo dankenswerthen Leiftung thut das keinen

einer einheitlichen, weltbewegenden Energie offenbaren
follte und thatfächlich geoffenbart hat (S. 351 f.). .Nehmet
diefe Kraft hinweg, und was inmitten unferes modernen

Eintrag. Lebens flehen bleibt, das ift eine Kirche ohne aus

Strasburg i. E. H. Holtzmann. | reichende Exiftenzberechtigung, ein Sonntagsclub, ein

geiftliches Schwatzbüreau, ein Ueberlebfel aus Tagen, da
noch wirklich Religion in der Welt war' (S. 357). Nur weil
und foweit fich die Kirche auf folchem Abwege betreffen
liefs, konnte ihr die Socialdemokratie getährlich werden,

Peabo(i, Prof. Francis Greenwood, Jesus Christ and the

social life. An examination of the teaching of Jesus
in its relation to some of the problems of modern

social life New York 1901, Macmillan Company. 1 ,ndefm »e Religion gegen Religion fetzte. Denn auch der

social ine. new yo , ¥ 3 heutige Sociahsmus ift eine Art Religion und wirkt reli-

(V, 374 S. 8.) gionsmäfsig (S.20. 298k), während er die chriftliche Theo-

Das vielverhandelte Thema Jefus und die fociale j logie zugleich nöthigt, fich auf den beim Entliehen

Frage' erfcheint hier unter americanifchem Gefichts- | unferer Religion wirkfam gewefenen, focialen Factor zu

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