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Ausgabe:

1902 Nr. 4

Spalte:

112-120

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Reinhold

Titel/Untertitel:

Die Theologie des Johannes Duns Scotus. Eine dogmengeschichtliche Untersuchung 1902

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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III

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 4.

112

gelangte, die ältefte heffifche Kirchenordnung ift,
die bei der dominirenden und vorbildlichen Pofition Mar-
burgs wohl für fehr viele heffifche Gemeinden mehr oder !
minder, wenigftens in der erflen Zeit, normativ gewefen j
fein dürfte J). Auf Einzelheiten kann ich hier nicht eingehen
, es genüge der Hinweis auf den ftreng Lutherifch- ,
confervativen Charakter, der aus Luther's formula missae
und feiner deutfchen Meffe gefchöpft hat und an den j
Agenden Herzog Heinrich's von Sachfen 1539 und Nürn- i
bergs von 1533 Parallelen befitzt. Hindeuten möchte j
ich, da H. darauf nicht eingeht, auf die in der K. ü.
noch deutlich fpürbare Nachwirkung der Homberger
K. O. vgl. z. B. die Beflimmung: ,allen freytag halten
wir einen bettag' mit der ähnlichen Verfügung im Cap.
VII der Homberger K. O. Die heffifche K. O. von 1532
aber (bei Richter, Ev. K. O. I, 162 ff.) dürfte ein Ab-
leger unferer Marburger Ordnung fein; (dafs, wie von
H. vermuthet wird, Kraft einer ihrer Verfaffer war, ift |
nicht nothwendig anzunehmen.) Der ftreng lutherifche
Charakter fpringt bei beiden in die Augen, wörtliche j
Anklänge find auch vorhanden und die Differenzen erklären
fich einmal daraus, dafs Kraft nicht in extenso
die Marburger K. O. mittheilt, fodann daraus, dafs
eine gewiffe freie Handhabung derfelben aus Kraft's
eigenen Worten hervorgeht.

Zum Ziele kam die Regierung trotz allem nicht;
viele Pfarrer legten lieber das Amt nieder, als dafs fie !
fich unterwarfen — des Landgrafen Fürforge erfparte ;
ihnen die Auswanderung. Den Kaifer jedoch bewog die
fortdauernde Oppofition, die Freilaffung Philipps erft auf
das Jahr 1565 feftzufetzen.

Inzwifchen benutzten die Katholiken, vor Allem der
Mainzer Erzbifchof, das Interim zu Rekatholifirungsver-
fuchen in Heffen. Unter dem Scheine, das Interim einzuführen
, werden Pfarreien mit Prieftern befetzt, die man
allerdings nur mit Mühe auftreiben konnte, der Erzbifchof
fordert in einem Hirtenbriefe fämmtliche evangelifche
Fürften zur Rückkehr zur katholifchen Kirche auf, in dem
nur als Mindeftforderung Anerkennung des Interims verlangt
wurde! Ferner benutzte man das kaiferliche für die
Katholiken beftimmte Reformationsedict, um Vifitations-
commiffionen durch das Land zu fenden, um die heffi- j
fchen Geiftlichen zu drangfalieren, oder durch Synoden, zu
denen man die Evangelifchen einlud, die verlorene Juris-
dictionsgewalt zu reftituiren, oder endlich der Erzbifchof
Sebaftian v. Heufenftamm klagte proceffualifch die letztere
ein. Aber Alles ift vergeblich, nicht zum wenigften j
dank der hartnäckigen Weigerung des Kaifers, den Land- j
grafen freizugeben. Wollte diefer doch, um freizukommen,
dem Mainzer die Jurisdiction überlaffen! Auf die Einzel- i
Verhandlungen mit Mainz, über die H. erftmalig Licht j
verbreitet, kann hier nur hingedeutet werden, ebenfo j
auf die Energie, mit der die heffifche Regierung entgegen [
ihrem Fürften Mainz gegenübertrat. Schliefslich hat die
Fürftenerhebung das Interim befeitigt und Heffen aus der
fchweren Krifis, die fich in einem Verfall des kirchlichen i
Lebens fehr deutlich documentirte, gerettet. ,Der Segen j
der Glaubenstreue, die das Volk und feine Leiter in der
fchweren Zeit des Interims bewiefen hatten, begann nun
fühlbar zu werden.' —

An Druckfehlern notire ich: S. 16 Z. 9 v. u. 1. Anm. 3,
S. 19 Z. 12 v. u. 1. Anm. 2, S. 21 Z. 10 v. o. 1. nit ftatt
mit, S. 29 Z. 5 v. o. 1. der ftatt das, S. 54 Z. 14 v. u. 1. j
lutherifchen, S. 95 Z. 14 v. u. fruchtbaren, S. 104 Z. 2
v. u. lies Darmft., S. 156 Z. 11 v. u. 1. sobrinm S. 173
Z. 5. v. o. 1. salvatori. Wäre S. 174 Z. II v. o. nicht
vielleicht saevorum ftatt servorum zu lefen? Ueber :
Billick (S. 120) orientirt jetzt Postina's gute Monographie
(1901). Ob die Darfteilung der Reife Lerfner's (S. 33 ff.)

1) H. möchte (S. 50) ihren Wirkungskreis auf die Marburger Diö-

cefe einfehränken; das fcheint mir nicht nothwendig. Dafs mit dem

I-Iochkommen Bucer's in Heffen die ganze Situation sich verfchob, verkenne
ich natürlich nicht (vgl. bei H. S. 52).

richtig ift, kann man beftreiten; es müfste Lerfner aufser
dem nach Caffel gefchickten Mandat noch eine Copie
desfelben bei fich gehabt haben, die er in Marburg den
Theologen vorlegte.

Giefsen. W. Köhler.

Seeberg, Reinhold, Die Theologie des Johannes Duns Scotus.

Eine dogmengefchichtliche Unterfuchung. (Studien zur
Gefchichte der Theologie und der Kirche, hrsg. von
N. Bonwetfch und R. Seeberg. Fünfter Band.) Leipzig,
Dieterich. (VI, 705 S. gr. 8.) M. 12.—

Das Rückgrat diefes auf mühfamen Detailftudien
ruhenden, verdienftlichen Buches find fyftematifch geordnete
Excerpte aus dem Sentenzencommentare des
Duns (Tom. V—X der Lugdunenfer Ausgabe). An diefe
durch Parallelen aus den anderen Schriften des Duns,
wo es nöthig ift, illuftrirten Excerpte fchliefsen fich im
Einzelnen und gruppenweife die beurtheilenden und auf
die Zufammenhänge hinweifenden eigenen Ausführungen
Seeberg's an. Dem aus diefem Doppelten fich zufam-
menfetzenden Rumpfe des Buches (S. 113—572) ift als
Kopf eine theils dogmen-, bezw. theologie-gefchichtliche,
theils biographifche und literärgefchichtliche Einleitung
(S. 1—67) und ein Capitel über die philofophifchen Hauptlehren
des Duns (S. 68—113) angefügt; ein umfangreiches
Schlufscapitel (S. 573—687; — S. 688 — 705 bieten eine
Inhaltsübersicht) erörtert, nach rückwärts und nach vorwärts
ausgreifend, fowie zurückblickend auf die Grundideen
des Duns, deffen gefchichtliche Stellung innerhalb
der Dogmengefchichte.

Diefe Stoffanordnung hat, da S. in den dogmen-
gefchichtlichen Ausführungen der Einleitung nur diejenige
Entwickelungsreihe der englifchen Theologie
berückfichtigt, die im befonderen Mafse eine Voraus-
fetzung der Theologie des Duns ift (Anfelm, Rob.
Groffetefte und Richard v. Middleton), aber von Abälard,
von dem Lombarden, von Heinrich von Gent und von
Thomas im Zufammenhänge erft in dem Schlufscapitel
fpricht, zweifellos ihre grofsen Schwierigkeiten. Doch
das, was diefe Schwierigkeiten zu Mängeln des S.'fchen
Buches hat werden laffen, ift weniger die Disposition an
fich als die Gefammthaltung des Haupttheiles. Ich fehe
deshalb zunächft von diefen Schwierigkeiten ab. Denn S.
felbft hat im Vorworte den Lefern, denen es vornehmlich
auf die dogmengefchichtliche Bedeutung des Duns ankomme
, gerathen, die Leetüre des Buches mit dem letzten
Capitel zu beginnen, und für ein Referat ift der Ausgang
von diefem Capitel auch deshalb zweckmäfsig, weil es hier
möglich ift, vielfach mit S.'s eigenen Worten zu referiren.
Ueberdies ift dies Capitel zweifellos die Glanzpartie des
Buches; man bemerkt auch an feiner frifchen, z. T. felbft
poetifchen Sprache, dafs es mit befonderer Liebe ausgearbeitet
ift.

,Der Gegenfatz zwifchen der philofophifchen Welt-
anfehauung der Hellenen und dem Chriftenthum ift
nicht zuhöchft als Verfchiedenheit der „Lehren" und
Anfchauungen zu beurtheilen, fondern er fafst eine dif-
ferente praktifche Seelenftellung in fich' — von diefem
Satze geht S. (S. 573) aus. Die griechifche Philofophie
gab dem Willen kein grofses Ziel in diefer Welt; der
Wille ward vom Intellect abhängig gedacht, das Denken
galt als die höchfte Function des Geiftes; dem Denken
aber correfpondirte der intellegible Kosmos der Meta-
phyfik (576). Die alten religiöfen Traditionen waren in
den Anfängen unferer chriftlichen Zeitrechnung durch
diefe Metaphyfik aufgelöft, man hungerte — wie ,das
Graben im Schutt veralteter Superftitionen' (S. 577) beweift
— nach neuem Pofitiven; aber man fand nichts
Haltbares: ,die Seele zog durch die Welt; aber die arme
Seele fand nicht, was fie glauben konnte, und kein Ziel,
an dem das Lieben fich erfchöpfen konnte' (S. 578). Das