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Ausgabe:

1902 Nr. 3

Spalte:

89-91

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riedel, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Kirchenrechtsquellen des Patriarchats Alexandrien 1902

Rezensent:

Achelis, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 3.

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vier chrifilichen Tugenden zu finden. Aber die Leetüre
der Erzählung enttäufcht; denn fie enthält nur eine der
typifchen Märtyrererzählungen, ohne die geringfte Spur
des Verfuches einer derartigen Charakteriftik. Freilich
darf man nun daraus nicht den Schlufs ziehen, dafs die
Erzählung deshalb hiftorifch fein müffe, wie erft jüngft
wieder von katholifcher Seite (in Wetzer und Weite's
Encyklopädie 2, XI. B., 1899) gefchehen ift, und zwar
unter Hinweis darauf, dafs fchon im 7. Jahrhundert in
der Kirche des h. Pankratius an der Via Aurelia ihr
Märtyrergrab gezeigt wurde, aus welchem dann im 8.
und 9. Jahrhundert die Reliquien in die Stadt getragen
wurden. Ja man unterfcheidet fogar eine zweite Sophia
oder Sapientia, der man gleichfalls gefchichtliche Exiftenz
zufchreibt, da ihr Grab im Cömeterium des h. Kalliftus
an der Via Appia gezeigt wurde, — und dies, trotzdem
dafs deren Töchter Spes, Fides und Charitas heifsen.

Von den weiteren Beigaben find noch erwähnens-
werth: die von dem unteren Texte herflammenden
Palimpfeft - Fragmente der Acta des Judas-Thomas
(S. 27—34), fowie Varianten (S. 35—39), in einer alten
Recenfion, aber leider nur von der Erzählung, nicht
auch von dem grofsen gnoftifchen Hymnus, und zwei
Stücke des griechifchen Originaltextes: Joh. 76—10 und
917—23 (S. 45 f.).

Zürich. V. Ryffel.

Riedel, Privatdoc. Lic. theol. Wilhelm, Die Kirchenrechtsquellen
des Patriarchats Alexandrien. Zufammengeftellt
und zum Theil überfetzt. Leipzig 1900, A. Deichert.
(IV, 310 S. gr. 8.) M. 7.—

Durch das Testamentum Jesu Christi ift man neulich
wieder einmal in weiteren Kreifen auf die kirchenrechtliche
Literatur der Orientalen hingewiefen worden. Wer
bei diefer oder bei anderer Gelegenheit fich mit ihr zu
befchäftigen genöthigt war, mufste die alten Bücher von
Wansleben, Ludolf, Renaudot und die gedruckten Hand-
fchriften-Kataloge auffchlagen. Künftig ift uns das,
wenigftens für ein Gebiet, durch Riedel vereinfacht worden,
der in dem vorliegenden Buche eine Ueberficht über die
chrifilichen Kanonenfammlungen in arabifcher Sprache
giebt. Er arbeitet auf Grund der Handfchriften-Kataloge,
die er in Berlin vorfand, und benutzt dazu Berliner
Handfchriften, die hier wefentlich in Betracht kommen.

Die Anlage des Buches ift zweckmäfsig. Der Be-
fchreibung der kanoniftifchen Sammelwerke folgt eine
Befprechung ihrer wichtigeren Einzelbeftandtheile. Man
kann nicht gerade fagen, dafs viel darunter ift, was für
die alte Kirchengefchichte von Bedeutung ift. Es find
zwar meift Schriftftücke, die fchliefslich auf die griechi-
fche Zeit der ägyptifchen Kirche zurückgehen; aber die
arabifche Periode liegt doch von der griechifchen weit
ab, und fo hat ihre Literatur bei weitem nicht dasfelbe
Intereffe wie etwa die koptifche oder fyrifche. Die Be-
fchränkung auf das Kirchenrecht zieht hier enge Grenzen.
Zunächft hat die Kirchengefchichte noch fehr viel Wichtigeres
zu thun, als die arabifchen Kanonenfammlungen
des zwölften und der folgenden Jahrhunderte herauszugeben
. Wenn das bei einem diefer Werke, dem Nomo-
kanon des Ibn al Assal, neulich gefchehen ift, hatte das
feinen befonderen Grund. Das Werk des arabifchen
Kanoniften gilt noch heute als das .Recht der Könige'
in Aethiopien, fodafs für die italienifche Regierung fich
das wiffenfehaftliche Intereffe mit dem politifchen Be-
dürfnifse vereinte. Das wird den Dank gegen Riedel
nicht mindern. Er hat durch feine Befchreibungen und
Analyfen ein Fundament gefchaffen, auf das fich Jeder
dankbar ftellen wird, der fich mit einer der einfehlägigen
Schriften befchäftigen mufs. Ohne die Sammlungen zu
kennen, kann man ihren Beftandtheilen nicht gerecht
werden.

Noch mehr werden fich dafür intereffiren, dafs R.
einige der wichtigeren Stücke überfetzt hat. Nach den
106 Canones des Bafilius hatte man fchon öfter verlangt;
aufser ihnen und einigen kleineren Stücken giebt R. vor
Allem eine neue Ueberfetzung der Canones des Hippo-
lytus. Mit Recht; denn unter den Werken, die nur in
arabifcher Ueberfetzung vorliegen, ift dies das wichtigfte.
So fchwierige und intereffante Texte können nicht oft
genug geprüft werden, und je verfchiedener der Standpunkt
ift, von dem aus das gefchieht, um fo wünfehens-
werther ift es. Man hatte bisher die Canones ftets unter
dem Zwange der Echtheitsfrage unterfucht, und demgemäfs
ihre Beziehungen zum dritten Jahrhundert und zu ihren
Verwandten im vierten und fünften klarzuftellen unternommen
. Riedel betont dem gegenüber ihre Stellung
im Kirchenrechte der koptifchen Kirche, und merkt die
Beziehungen zur Praxis der Gegenwart an. Das eine ift
fo berechtigt wie das andere; die Intereffen des Kirchen-
hiftorikers fchliefsen die des Orientaliften nicht aus. Er
verbeffert ferner den Text an einer Reihe von Punkten.
Die bisherigen Ausgaben ruhten auf zwei nahe verwandten
römifchen Handfchriften, die Haneberg herausgegeben
hatte; Riedel vermag dem Apparate feiner Ueberfetzung
zwei Berliner Handfchriften aus verfchiedenen Sammlungen
hinzuzufügen. Welchen Nutzen das Verftändnifs
der Canones dadurch hat, führt er felbft S. 196 fr. und
noch einmal S. 209 A. 3; 214 A. 7; 225 A. 4 aus. Ein
ganzes Stück, bisher C. 30, kommt an feinen richtigen
Platz. Statt puerperae oder gravidae C. 18 ift zwei Mal
Hebeammen zu überfetzen; C. 21 flehen in den neuen
Hff. zwifchen Presbytern und Hypodiakonen die Diakonen
. Einige Folgerungen, die aus dem bisherigen Wortlaute
gezogen waren, find verkehrt gewefen, während
andere, wie die über den früheren C. 30, durch den neuen
handfehriftlichen Befund eine unerwartete Beftätigung
erfahren. Das Stück gehörte wirklich nicht in den Zu-
fammenhang, in dem es ftand; nur befteht es nicht aus
,zwei Fragmenten Hippolytifcher Predigten', fondern aus
zwei Blättern, die an eine falfche Stelle gerathen waren.
Manche andere Stelle, wo R. ftillfchweigend die beffere
Ueberfetzung liefert, wäre hinzuzufügen. Die neue deutfehe
Ausgabe bedurfte demgemäfs einer Entfchuldigung eben-
fowenig wie der Verficherung, dafs fie noch nicht vollkommen
fei; folche Texte werden nicht an einem Tage
verftanden. Weniger felbftverftändlich ift es, dafs Riedel
öfter hinter feinen Vorgängern zurückbleibt. C. 4 fehlen
durch Homoioteleuton die Worte nisi quod catliedrae non
insideat. Etiam eadem oratio super eo oretur tota ut super
episcopo die fchon in Haneberg's Ausgabe zu lefen find.
C. 15 ift ftatt,wer Schmutziges redet' irrumator = dn(>rjTO-
jcoioq zu überfetzen, wie mir Jülicher einmal mittheilte;
und gewundert hat mich, dals Riedel C. 33 A.3 und C. 34
A. 7 die glänzende Conjectur Stern's k^oQxiÖflOV beifeite
gefetzt hat, ohne fie nur anzuführen, zumal die ägyp-
tifche Kirchenordnung an der entfprechenden Stelle
dasfelbe Wort bietet. >) Kleinigkeiten laffe ich bei Seite.
Es war ganz gut, dafs Riedel einmal die Canones auf fich
felbft ftellte; damit ift aber noch nicht gefagt, dafs die
beffer überlieferten Paralleltexte zum Verftändnifse der
fchwierigen arabifchen Schrift belanglos find. Auch
werden vielleicht nicht alle Lefer aus feiner Ueberfetzung
,die wohldurchdachte Ordnung unterer Canones hervorleuchten
' fehen; ich glaube manche Interpolationen zu
bemerken.

Einige Bemerkungen von vielleicht allgemeinerem
Intereffe möchte ich hinzufügen. In zwei arabifchen
Sammlungen, der des Makarius S. 127 n. 58 und der des
Affemani S. 154 n. 34 fleht das Athanasianum, das erfte
Mal unter der Ueberfchrift: /Ein Stück, welches fich in
dem Buche der fränkifchen Priefter findet'. Das ift um

1) Inzwifchen theilt Riedel mir brieflich mit, dafs die Conjectur
durch eine Romifche Handfchrift beftätigt wird.