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Ausgabe:

1902 Nr. 3

Spalte:

86-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gibson, Margaret Dunlop

Titel/Untertitel:

Apocrypha Arabica 1902

Rezensent:

Ryssel, Viktor

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 3.

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fetzt da S. 148: ,wie hat Gott . . . doch den Gläubigen
verkündigt, fie follen fich durch die Ehe verbinden, da
diefe Vorfchrift fowohl dem Wefen als der Abficht Gottes
widerfpricht'? EJiayyi/Aeölrai heifst aber nicht, ^erkundigen
, fie follen' und f vjiööeiyna nicht .Vorfchrift'; xotg
Jiiöxolg gehört zu owdjczEO&cu und der Satz ift zu überfetzen
: wie hat denn Gott verheifsen können, er werde
fich ehelich mit den Gläubigen verbinden, während diefes
Bild (nämlich einer ehelichen Gemeinfchaft) doch dem
Wefen und dem Ideal Gottes widerfpricht? Es handelt
fich um Jef. 62 5, wie die Antwort zeigt, und Eragefleller
wie Antwortgeber nehmen blofs daran Anftofs, dafs
durch jenen Ausdruck der h. Schrift auf Gott der Schein
gefchlechtlichen Begehrens liegen bleibt. Dafs die Fortpflanzung
der Menfchen auf Erden durch ehelichen
Verkehr dem Willen Gottes entfpricht, haben die Quaest.
z. B. 14 (133) fo deutlich wie möglich anerkannt, nach
H. S. 77 ,wie auch immer Gott die Gabe bewirken mag,
ob aus einem Beifchlaf oder ohne einen folchen'.

Am ftärkften regen fich meine Zweifel angefichts
der weit entwickelten Trinitätslehre des Verfaffers und
der von ihm gebrauchten chriflologifchen Formeln. H.
meint zwar, in Qu. 3 (129) gebe der Verf. nur dem Vater
und Sohne das Frädicat ouoovOiog, rücke aber den Geift
in einer merkwürdig unficheren Formel etwas von ihnen
ab. Allein das thut nur der Fragende, der dann kräftig
zurückgewiefen wird; fo entfchieden wie möglich betont
die Antwort in Gott die fiovdg xi)g ovoiag %coQig stdong
xaxd xovxo öiaioEOEcög re xdi diaxoiötcog, und der Autor
von Antwort 8 ift der entfchloffenfte Dyophyfit. Harnack
fcheint mir Qu. 3 nicht ganz glücklich überfetzt und auf
S. 28 irrig ausgelegt zu haben, wenn er die Trinität mit
dem Buchftaben jt — III verglichen werden läfst ftatt mit
dem aus 3 /Strichen, einem horizontalen und zwei verti-
calen, zufammengefetzten II. Mit der kappadocifchen Neuorthodoxie
komme ich fchon für Qu. 1 (139) nicht aus, und
mufs beftreiten, dafs dort ,der Vater und der Sohn mit
Adam und Eva, der h. Geift aber mit Seth zufammen-
geftellt werden'. Der dem Tritheismus recht nahe flehende
Verfaffer vergleicht die drei Perfonen der Gottheit mit
drei im tqojcoq vstdoi-Ecog von einander verfchiedenen Perfonen
der Menfchheit — die drei erften Menfchen boten
lieh für diefe Verwendung von felber dar. Sollten zwei
befonders zufammengeflellt fcheinen, fo würden es nicht
Vater und Sohn, fondern Sohn und Geift fein, o uev Aödp,
1) de Eva, 6 de S^d-, und Adam dstb xrjg yijg, Eva und Seth
ix xrjg nlevnäg bez. ex xov OxtQfiaxog, allein nach feiner
in Resp. 3 entwickelten Regel würde der Verf. jede
folche Ausdeutung des Vergleiches fich verbitten. In
Qu. 8 mufs der Text an mehreren Stellen verbeffert
werden, aber der Schlufsfatz, den H. lieber unüberfetzt
läfst, follte unbedingt betonen, woran dem Autor Alles
lag, im Sohne Zweiheit der Naturen und Einheit der
Perfon. Eine övctg vtcöv ift dadurch ausgefchloflen, dafs
der sv raget uooyrjg öovXov fich offenbarende Sohn iden-
tifch ift mit dem xdt-ag in der /lOQcpr/ xov &sov. Sollten
um 370 diefe Probleme fchon in folcher Zufpitzung der
Formeln zur Verhandlung geftanden haben? Andererfeits
bemerke ich nirgends ein Bemühen der Quaest., arianifche
Irrthümer zu widerlegen; fo glaube ich auch fchwer, dafs
die Arianer als herrfchende Partei, zu der der Kaifer —
dann natürlich Valens — gehört, anzufehen find; die Freunde
des Monophyfitismus auf dem Throne von Byzanz eignen
fich mindeftens fo gut wie Valens, und die Reflexion
auf die Mehrheit von Heiden, Juden und Häretikern pafst
in jedes Zeitalter vor Juftinian. Dafs fich die Orthodoxie
unter Valens ,faft ganz zurückgedrängt' und dem Aus- 1
fterben nahe gefühlt hätte, möchte ich bezweifeln, und |
in vielen gelegentlichen Notizen — über Reliquien, Mönchthum
, Liturgie z. B. — würde ich eher eine Stimme aus
dem 5. als aus dem 4. Jahrhundert zu vernehmen glauben.

Aber einen pofitiven Vorfchlag im Gegenfatze zu
Harnack wage ich nicht zu machen. Theodoret, der

durch die Ueberlieferung in H empfohlen fcheint, fchreibt
einen anderen Stil als die Quaest., allerdings ift feine Schreibweife
in den verfchiedenen Werken durchaus nicht immer
die gleiche. Der Titulus bei H: (•)eoöcqqt]xov ejciox. jcoÜEmg
KvQOV, evbg xcöv ev Xalxrjöovi yl ayieav staxEQcov, stnbg
zag istEVExO-EiOag avxco EJiEQ03z?]6Eig stetoa xivog xcöv e§
Alyvjtxov EStiOxostcov ift verdächtig nicht blofs durch den
Hinweis auf Chalcedon, fondern die Hand des Schreibers
tritt oflenfichtlich hervor in der Uebereinftimmung mit
dem Titulus der im Codex voraufgehenden Schrift des
Anaftafius: djtoxoiöEig stQog zag EitEVEyßcioag avxco
EJisQcoxfjOEig jcaod xivcov oQ&od°6§cov. Immerhin könnte
der Name Theodoret hier, wie dort der Name Anaftafius,
auf guter Ueberlieferung beruhen.

Vielleicht kommen wir zu einer Entfcheidung durch
eine detaillirte Unterfuchung der fprachlichen Eigenthüm-
lichkeiten der Quaest. und ihrer Schwefterfchriften (die aus-
gefprochene Vorliebe für Verbaladjective auf 1x6g mit
dem Genitiv wie uetcozixög xov yc'vovg xcöv dvO-ocöstcov,
dnopnxixbg autpoxEomv, djtovEfirjxixbg xcöv xax' dfyav
Ixdoxcp) und Vergleichung derfelben mit dem Stil aller
ähnlichen Werke der antiochenifchen Schule. Auch wenn
der wirkliche Verfaffer ein Unbekannter bleiben follte, hat
Harnack fich ein grofses Verdienft erworben, indem er
die anonymen Schriftftücke in die Literatur- und Dog-
mengefchichte hineingeholt, den Boden für ihre Unterfuchung
breiter gemacht und mafsgebende Gefichtspunkte
aufgeftellt hat, mit denen jede weitere Forfchung fich
pofitiv oder negativ wird auseinanderfetzen müffen.

Marburg. Ad. Jülicher.

Gibson, Margaret Dunlop, M. R. A. S., LL. D., Apocrypha
Arabica. 1. Kitäb al Magäll, or the book of the rolls.
2. The story of Aphikia. 3. Cyprian and Justa, in
Arabic. 4. Cyprian and Justa, in Greek. Edited and
translated into English. (Studia Sinaitica. Nr. VIII.)
London 1901, C. J. Clay and Sons. (XXXI, 78 u.
81 S. 4. m. 3 Tafeln in Autotyp.) Sh. 10.—

Lewis, Dr.AgnesSmith, M.R.A.S., Select narratives of Holy
Women from the Syro-Antiochene or Sinai Palimpsest,
as written above the Old Syriac Gospels by John the
Stylite,ofBeth-Mari-QanüninA.D.778. (StudiaSinaitica
No. IX and X.) Ebd., 1900. (4.) Sh. 28.6

IX. Syriac Text. (46 u. 328 S. m. 7 Taf.) Sh. 21.--X. Translation.

(XXXI, 211 S. m. 1 Taf.). Sh. 7.6.

Die neueften drei Bände der Studia Sinaitica enthalten
ein reiches Material für die Kenntnifs der apo-
kryphifchen und pfeudepigraphifchen Literatur fowie der
chriftlichen Legende. Die in Band IX veröffentlichten
fyrifchen Texte entflammen der oberen, im J. 778 n. Chr.
angefertigten Schrift des berühmten Palimpfeftes, deffen
untere Schrift den 1892 von der Herausgeberin entdeckten
Text der altfyrifchen Evangelienüberfetzung enthält. Die
arabifchen Texte find gleichfalls zwei Sinaihandfchriften
aber auch Handfchriften der Parifer Nationalbibliothek
entnommen.

Zu den Apokryphen des Alten Teftamentes gehört
der fyrifche Text des Buches von der Sufanna (IX,
282—289). Wir haben bereits in der Deutfchen Litteratur-
zeitung vom 30. März 1901, Sp. 773—777, dargelegt, inwiefern
diefer Text auch neben den uns bereits bekannten
drei Texten nicht ohne Bedeutung ift. Er ift
zwar — wie der Text der Londoner Polyglotte — nur
eine Recenfion des fyrifchen Theodotion-Textes, aber
doch reicher an ausfehmückenden und erläuternden Zu-
fätzen. Beachtlich ift, dafs fchon Barhebräus von verfchiedenen
Recenfionen des Sufanna-Textes wufste. —
Der pfeudepigraphifchen Literatur ift beizurechnen ,die
Gefchichte der Aphikia des Weibes Jefus des Sohnes