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Ausgabe:

1902 Nr. 2

Spalte:

53-56

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Der Wahrheitsgehalt der Religion 1902

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 2.

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Ausftattung find gediegen und auch der Druckfehler
nur fehr wenige, fo dafs das Buch in diefer Beziehung
wenigftens kaum etwas zu wünfchen übrig läfst. Im
Uebrigen aber befitzt das Buch vor Allem feinen Werth
als officiell katholifche Darfteilung und Beurtheilung des
Culturkampfes.

Bafel. Alb. Bruckner.

Eucken, Rudolf, Der Wahrheitsgehalt der Religion. Leipzig
1901, Veit & Comp. (VIII, 448 S. gr. 8.) M. 9.—

Von einer doppelten Thatfache geht Eucken in diefem
Buche aus. Die eine ift die Spannung, die im Geiftesleben
der Gegenwart zwifchen dem Chriftenthum in feiner kirchlichen
Exiftenzform und dem übrigen Inhalte desfelben,
WiffenfchaftundKunft vor Allem, befteht. Diefe Spannung
ift nicht von geftern. Sie hat bald eine Gefchichte von
Jahrhunderten hinter fich. Kein Einfichtiger darf die Augen
davor verfchliefsen, niemand foll hoffen, dafs fie ohne
eingreifende Umbildung der Exiftenzform des Chriften-
thums wieder weichen wird. Aber auf der anderen Seite
ift es nicht minder eine Thatfache, dafs in unferer Zeit
eine mächtige, immer ftärker werdende Strömung zur
Religion hin zu bemerken ift. In der That können wir
nach Eucken's Ueberzeugung die Religion in unfercm
geiftigen Leben gar nicht entbehren. Nicht blofs ift fie
ein integrirender Beftandteil desfelben, fondern es mufs
ohne fie verflachen und feinen Halt verlieren. Aber was
foll werden, wenn fleh diefem Verlangen nichts bietet
als ein Chriftenthum, das überlebte und theilweife
mythologifche Formen zur Sache felbft rechnet, j
wohl gar mit ihr verwechfelt? Hier liegt eine grofse
Gefahr. Es ift dringend nothwendig, Klarheit darüber
zu fchaffen, dafs man im Chriftenthum zwifchen zeitlicher
Form und ewigem Inhalt zu fcheiden hat, dafs
es nicht nur möglich, fondern geboten ift, jene aufzugeben
, um diefem zu ungehinderter Wirkfamkeit zu j
verhelfen und fo der (chriftlichen) Religion den Platz im I
geiftigen Leben zu fichern, der ihr gebührt, diefem felbft
aber wieder den Leben fpendenden Mittelpunkt zu ver-
fchaffen, ohne den es auf die Dauer nicht exiftenzfähig
ift. Von folchen Erwägungen geht Eucken aus: im einleitenden
Theil (S. 1—59) find fie vorgetragen. Ent-
fprechender Weife bildet den Schlufs feiner Erörterungen
der Vtrfuch, im Chriftenthum zwifchen ewigem Inhalt
und zeitlicher Form zu unterfcheiden. Er verhehlt fleh
nicht, dafs dabei manches fällt, was von vielen Bekennern
der chriftlichen Religion für wefentlich und unaufgebbar
gehalten wird. Aber die Wahrheit über alles! Es giebt
keinen fchlimmeren Feind der wefenhaften Religion, als
die Unwahrhaftigkeit. In einer das Buch einführenden
Betrachtung (Chriftl. Welt 1901, Nr. 26), urtheilt er darauf
hin gar, es müffe zu einer Trennung kommen zwifchen
folchen Chriften, die um der Wahrheit willen deffen
kirchliche Exiftenzform aufzugeben genöthigt find, und
denen, die auch an diefer Form mit gläubigem Enthufi-
asmus fefthalten. Danach will das Buch nicht blofs eine
theoretifche Erörterung bieten, fondern auch praktifch
der weiteren Entwickelung neue Bahnen weifen.

Aber der Schwerpunkt des Buches liegt in den
Betrachtungen über die Religion, die feine Hauptmaffe
bilden. Sie zerfallen in 3 Theile. Im zweiten Theile
(den erften bildet die Einleitung), wird von der Begründung
der Religion gehandelt (S. 59—238), der 1
dritte befpricht den Widerfpruch gegen die Religion
(S. 239—302), der vierte hat die charakteriftifche Re- 1
ligion zum Gegenftand fS. 303—444)- Kben er läuft aus j
in die oben erwähnte Schlufsbetrachtung über Ewiges
und Zeitliches im Chriftenthum. Die Form der Dar-
üellung ift die, dafs uns der Entwickelungsprocefs der
Religion gefchildert wird: es wird gezeigt, wie die in j
unferem gefammten geiftigen Leben begründete uni-

verfale Religion an dem gegen fie erhobenen Wider-
fpruche fleh zur charakteriftifchen Religion vertieft.

Den Ausgangspunkt bildet die Zweiheit im menfeh-
lichen Leben. Wir find Natur, gehören der Natur an
auch mit unferem feelifchen Leben, mit Allem, was
blofsmenfchlich an uns ift. Aber in diefem blofsmenfch-
lichen Leben tritt nun das geiftige Leben auf, das nicht
als ein Product des feelifchen Lebens verftändlich ift.
Auf allen Gebieten des inneren Lebens ift diefe Zweiheit
da, die als Widerfpruch erfahren wird. Am deut-
lichften wird es auf moralifchem Gebiete: das fogenannte
Gewiffen läfst fich nicht aus den elementaren Grundlagen
des Lebens ableiten. Doch findet in der intellec-
tuellen und äfthetifchen Lebensbethätigung etwas Aehn-
liches ftatt. Darin fteigt eine neue Welt auf. Und zwar
ift diefe neue Welt eine Ueberwelt, das Geiftesleben im
Unterfchiede vom blofsmenfchlichen Seelenleben. Hierin
ift das indicirt. was bei E. die univerlale Religion heifst.
So nennt er fie, wenn ich recht verftehe, weil fie fich
über das gefammte Leben ausbreitet. Jeder hat Theil
daran, foweit er an diefem unfer fubjectives feelifches
Leben überragenden Geiftesleben betheiligt ift. Auch
von dem gilt es, dem es nicht als Religion zum Be-
wufstfein kommt. Aber das Normale ift, dafs die überweltliche
Art des geiftigen Lebens empfunden und fo
die Begründung der Religion in allem, was geiftiges
Leben heifst, erkannt wird. Eigenthümlich ift' diefer
Stufe, dafs die eigentlich religiöfen Gedanken in einer
unbeftimmten Allgemeinheit verharren, von einer Gottheit
und nicht von einem perfönlichen Gott geredet,
wohl ein überweltliches Leben empfunden, aber nicht
perfönliche Unfterblichkeit erhofft wird. Die univerfale
Religion ift eben zunächft nur das Innewerden der
Ueberwelt als der unfer gefammtes geiftiges Leben
tragenden und bedingenden Grundlage.

Aber nun erhebt fich mannigfacher Widerfpruch
gegen die Religion, nicht blofs gegen ihre zeitliche, ge-
fchichtlich bedingte Form, fondern gegen fie felbft,
gegen ihren ewigen Inhalt. Diefer Widerftand kommt
aus der Natur, die das geiftige Leben nicht zu der
Selbftändigkeit kommen läfst, die es feinem Wefen
nach beanfprucht. Der Widerftand kommt aus der
Cultur, die ftatt dem geiftigen Leben zu dienen, wie es
fein follte, es als Mittel für ihre Zwecke verbrauchen
will. Er kommt endlich aus der Zerfpaltung und Zer-
fplitterung des Geifteslebens felbft, aus der Ohnmacht
der Moral und der Undurchfichtigkeit der menfehlichen
Lage. Hierdurch ift eine neue Situation gefchaffen: der
Widerfpruch läfst fich nicht durch die üblichen Ab-
fchwächungen und Befchwichtigungsmittel aus der Welt
fchaffen, ebenfo unmöglich ift es, das geiftige Leben in
feinem fouveränen Anfpruche zu verneinen. Was helfen
kann, ift nur eine neue Thatfächlichkeit. Indem nun
in der That durch weitere Vertiefung des geiftigen Lebens
eine folche fich erfchliefst, wird die univerfale Religion
zur charakteriftifchen Religion. Diefe ift in den pofitiven
Religionen als gefchichtliche Thatfache gegeben. Einerlei
ob fchon in den niederen Religionen ein Anfatz dazu
vorliegt, jedenfalls gilt das Gefagte von den geiftigen
Religionen, die von einer unmittelbaren Offenbarung
Gottes im Gemüth des Menfchen wiffen und diefe Offenbarung
, die aber allen zu Theil werden foll. an den
grofsen fie begründenden Perfönlichkeiten (ihren Stiftern)
aufzeigen. So gewinnt die Religion erft den für fie
charakteriftifchen Beftand als eine befondere Angelegenheit
des menfehlichen Geiftes, ohne ihre univerfale
Bedeutung zu verlieren. Hier wird alles concreter, der
Menfch lernt den lebendigen Gott erkennen, der ihm
göttliches Leben mittheilt, und ebenfo wird er feine Be-
ftimmung inne, ein Mitarbeiter Gottes an feinem Reiche
zu fein, auch über die Welt hinaus in Gott zu leben.
Das ift die charakteriftifche Religion: eine Steigerung
der univerfalen Religion, aber eine Steigerung, die eine