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Ausgabe:

1902 Nr. 25

Spalte:

676-677

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frommel, Emil

Titel/Untertitel:

Für Thron und Altar. Reden in Kriegs-und Friedensszeiten 1902

Rezensent:

Hans, Julius

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675 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 25. 676

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find, fo macht diefe Identität von Sein und Denken den I Philofophie der Gegenwart unferem Verftändnifs näher
eigentlichen Kern, das metaphyfifche Wefen der Dinge | gerückt hat.

aus und die Hegel'fche Philofophie, welche die Philo
fophie um allen wiffenfchaftlichen Credit gebracht haben
foll, ift der höchfte Ausdruck diefer Gedankenentwickelung.
Zu diefer ganzen Philofophie des Bewufsten fteht nun die
Hartmann'fche Philofophie des Unbewufstem in directem

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Frommel, Pfr. Dr. Otto H., Frommers Lebensbild. 2.Band.

Vom Wupperthal zur Kaiferftadt. Mit 2 Bildnifsen.
Gegenfatz Sie kehrt das ganze bisherige Verhältnifs < Berlin lgQl> E S. Mittler & SoKn (X| ^ S, gn 8)

zwifchen Sein und Bewufstfein um. Während das Reale , M
nach der früheren Anficht nur kraft der fchöpferifchen > & " 7'~~'

Activität des Bewufstfeins als Inhalt des letzteren 1 Frommel, Emil, Briefe aus Amt und Haus aus den Jahren
exiftiren foll, erklärt fie das Bewufstfein für abfolut un- 1849—1896. Herausgegeben von Amalie Frommel.
productiv für ein paffives Product des unbewufsten j Ebd_ t 0I ( 2 s> 8) M 2 2$ b M
Realen. Sie bedeutet daher ,den völligen Bruch mit

— Für Thron und Altar. Reden in Kriegs- und Friedenszeiten
. Herausgegeben von Hofpred. Garnifon-Pfr.
J. Kefsler. Ebd. 1901. (X, 194 S. gr. 8.)

M. 2.50; geb. M. 3.25

— Segen und Trost. Reden aus dem Amte. Herausgegeben
von Pfr.Dr.Otto H.Frommel. Ebd. 1902. (XII, 306 S.
gr. 8.) M. 3.75; geb. M. 4.75

(Das Frommel-Gedenkwerk. Herausgegeben von der
Familie. Zweiter bis fünfter Band.)

dem cogito ergo sunt, die Losreifsung von der Vergangenheit
, die Inaugurirung einer neuen Bahn des philofophi-
fchen Denkens'. Der Beweis wird erkenntnifstheoretifch
hauptfächlich auf den Satz gegründet, dafs alles, was
unmittelbar Inhalt des Bewufstfeins ift, eben deshalb
auch Bewufst-Sein, d. h. ein Ideelles, und alfo kein Reales
fei —, dafs alfo alle Realität nur unbewufst fein
könne. Pfychologifch läfst fich die Lehre vom Unbewufsten
auf die mancherlei pfychifchen Factoren ftützen,
welche auf das Hereinwirken ,unbewufster' geiftiger Vorgänge
in das Seelenleben hinweifen. Das punctum saliens
und zugleich die fchwache Stelle der ganzen Beweis- I Das Frommel-Gedenkwerk fchreitet rafch vor. Im
führung dürfte im letzten Gliede des Satzes liegen: ,alle December des Jahres 1900 habe ich den erften Band an
Realität kann als folche nur unbewufst, und zwar ' diefer Stelle angezeigt. Seitdem find vier weitere Bände
nicht blofs für uns, fondern auch an fich felber j erfchienen. Der zweite Band bringt die Vollendung der
fein' (S. 131). Das ,An fich felber fein' des Unbewufsten, j Biographie unter dem Specialtitel: Vom Wupperthal
das fchon feiner Wortbedeutung nach doch nur als Ne- j zur Kaiferftadt. Während der erfte Band hauptfächlich
gation des Bewufsten einen Sinn hat, wird immer wieder 1 die innere Entwickelung Frommel's darftellt, fchildert
gerechtem Zweifel begegnen. ihn der zweite auf der Höhe feines Wirkens, und ich

Bei der Darfteilung des Hartmann'fchen Peffimismus j brauche wohl kaum zu fagen, dafs es von grofsem
wird befonders betont, dafs diefe Bezeichnung nicht im Intereffe ift, einen Mann wie Frommel in feiner ge-
fuperlativifchen, fondern nur im relativifchen oder com- fammten Thätigkeit zu verfolgen , ihn fein geiftliches
parativifchen Sinne zu verftehen fei. Im Gegenfatz zu Amt unter den verfchiedenartigften Verhältnifsen, unter
Schopenhauer, der die Welt für die fchlechtefte unter ; den Frommen des Wupperthals und in der Garnifons-
allen möglichen erkläre, behaupte Hartmann nur: die pfarrkirche, am Kaiferhof und auf dem Kriegsfchauplatz
Welt ift die befte unter allen möglichen, aber fie ift i ausüben zu fehen. Es ift auch dem Sohne wohl ge-
fchlechter als keine. Er verbinde alfo den Leibniz'fchen | lungen, das Lebensbild des Vaters mit liebender Hand
Optimismus mit dem Peffimismus Schopenhauer's. Von j zu zeichnen, ohne zum ermüdenden Lobredner zu werden,
dem letzteren trennt ihn auch die Anfchauung, dafs nicht 1 Vielleicht ift an manchen Stellen die Darfteilung etwas
alle Luft nur aus dem Aufhören einer Unluft entfteht, zu breit gerathen und auch Unbedeutendes eingeflochten,
fondern dafs es Luft giebt, die fich über den Nullpunkt aber der Familie und den Freunden ift ja das Buch in
der Empfindung ohne vorangegangene Unluft erhebt, erfter Linie gewidmet, und bei einer Perfönlichkeit, die
z. B. der Genufs des Wohlgefchmackes, der Genufs der 1 man liebgewonnen, intereffirt auch das Kleine und an
Kunft und Wiffenfchaft. Die daran fich anfchliefsende | fich nicht Bedeutende.

Berechnung eines Ueberfchuffes der Unluftfumme über Eine Ergänzung des Lebensbildes bildet der dritte

die Luftfumme in der Welt fällt übrigens völlig dahin, i Band, der Briefe aus Amt und Haus aus den Jahren
fobald man fich z. B. mit Lotze genöthigt glaubt, einen | 1849—1896 enthält. Die Herausgeberin, Frommel's Wittwe,
qualitativen Unterfchied der Luftgefühle anzunehmen, j will allerdings nur einen Nebenzweck diefer Sammlung
Das negative Endziel der ganzen Weltentwickelung, die j darin fehen, dafs fie einen weiteren Beitrag zur Biographie,
,Univerfalwillensverneinung', d. h. die Welterlöfung als 1 befonders zur inneren Lebensgefchichte Frommel's liefert,
kosmifch-univerfaler Act, als eine Umwendung des 1 Sie meint, dafs die Briefe, als Zeugnifse einer gereiften
Wollens ins Nichtwollen glaubt der Verf. zu der alten , chriftlichen Perfönlichkeit, auch über den Kreis ihrer ur-
chriftlichen Lehre von der ,Wiederbringung aller Dinge ] fprünglichen Beftimmung hinaus folchen, die von ähn-
in Gott', wie fie den ,Centraipunkt aller Myftik' bilde, j liehen Fragen und Sorgen bewegt feien, wie die erften
in Beziehung fetzen zu können (S. 343). Zuletzt ift es Empfänger, Licht und Troft geben könnten. Und fie
aber doch ein Complex abenteuerlicher Vorftellungen, hat darin gewifs Recht. Aber immerhin vervollftändigen
in welche die Eschatologie diefes mit fo viel Scharffinn | diefe Briefe das Charakterbild Frommel's und laffen uns
ausgebauten ,relativen Peffimismus' ausmündet. Diefe [ in fein Inneres und die Art feiner feelforgerlichen Wirk-
Weltanficht mag als .objectives affectlofes Wiffen' des im 1 famkeit manche tiefe Blicke thun.

Aether des reinen Gedankens fchwebenden und von | Der vierte und fünfte Band enthalten Predigten und
ihm aus die Welt und fein eigenes Leid wie ein fremdes 1 Reden, der erftere, unter dem Titel: Thron und Altar,
Unterfuchungsobject betrachtenden Philofophen (S. 69) j hauptfächlich folche, die bei befonderen Gelegenheiten,
möglich fein, focial-ethifch betrachtet, als Weltanfchauung ! in Kriegs-undFriedenszeiten, von dem Verf. in feinerEigen-
für die grofse Mehrzahl der Menfchen, welche im Kampfe j fchaft als Garnifonspfarrer gehalten wurden, der letztere
ums Dafein flehen, ift diefe ariftokratifche .Religion des j unter dem Titel: Segen und Troft, Cafualreden im gewöhn-
Geiftes' lebensunfähig. liehen Sinne des Wortes, Tauf-, Trau-, Grabreden u. dgl.

Dies foll jedoch die Anerkennung der fleifsigen und Diefe beiden Bände find von befonderem Werthe. Sie
umfichtigen Arbeit nicht hindern, durch welche der Verf. zeigen uns Frommel auf einem Felde, für das er in hereinen
intereffanten und bedeutfamen Ausfchnitt aus der ! vorragendem Maafse begabt war. Am meiften zu lernen