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Ausgabe:

1902 Nr. 2

Spalte:

660-663

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gebhardt, Oscar von

Titel/Untertitel:

Passio S. Theclae virginis 1902

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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659

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 25,

660

Ausgabe dienen wollte, weniger ein wiffenfchaftlicher als
ein praktifch reformatorifcher war, und dafs darin in der
That die gefchichtliche Bedeutung feiner Ausgabe liege.
Der griechifche Theil wurde, eben weil er griechifch
war, in der erden Zeit viel weniger beachtet, der lateinifche
mehrfach allein nachgedruckt, zuerft (nach S. 30) 1519
bei Theodoricus Aloftenfis. ,In den Jahren (1518?) 1520,
1521 erfchienen weitere Nachdrucke des lateinifchen
Textes in Bafel, Strafsburg, Mainz'. Genauere bibliogra-
phifche Angaben macht Bl. nicht, was mir ein kleiner
Mangel zu fein fcheint.1) Den folgenden Satz verftehe ich
vollends nicht: ,Auf der erften, bezw. zweiten Ausgabe
des Erasmus beruhte auch jene in Venedig 1518 an
aedibus Aldi Manutii' erfchienene, von Andreas Franz
Afulanus beforgte griechifche Ausgabe, welche ein ziemlich
genauer Abdruck der Erasmifchen vom Jahre 1516
ift'. Was fo!l dies ,bezw. zweiten'? — Im erften Ab-
fchnitt S. I—58 werden die beiden erften Ausgaben be-
fchrieben, in § 4 die lateinifche Ueberfetzung, in § 5 die
Anmerkungen. Der zweite Abfchnitt gilt den Streitigkeiten
, die fich an fie knüpften, § 6 in England und Frankreich
, § 7 in Deutfchland mit Luther, Melanchthon, Eck,
§ 7 in den Niederlanden, § 8 die Fehde mit Lee — besonders
ausführlich S. 86 bis 125 —, § 10 mit Stunica, ij 11
mit Carranza. Man kann nicht fagen, dafs durch den
genauen Einblick in diefe Streitigkeiten, den uns Bl. vermittelt
, die Achtung vor Erasmus, feinen Freunden und
feinen Gegnern gefteigert würde. Bei allem Cliquenwefen
und was fonft an Auswüchfen in der Gegenwart in Gelehrtenkreifen
zu beklagen fein mag, wird unfere Gegenwart
einen Vergleich mit dem Bild nicht fcheuen dürfen,
das uns hier entgegentritt; ebenfo lernt man die Polemik
eines Luther bei all ihrer Derbheit erft recht würdigen,
wenn man fie mit diefen Gelehrtenzänkereien vergleicht.
Ich will übrigens nicht auf Einzelheiten eingehen, fondern
dem Verfaffer das Wort geben, der zum Schlufse zu-
fammenfafsend fchreibt: ,Wir begreifen es, wenn die Ausgabe
des Erasmus, die feinen Reformgedanken die Wege
bereiten follte, mit ihrer neuen von der Vulgata abweichenden
lateinifchen Ueberfetzung und den Anmerkungen
, bei welchen der Herausgeber fich darin gefiel,
dunkle Stellen der Schrift zu unterftreichen ftatt fie zu
erklären, gegen Scholaftik und Mifsbräuche in der Kirche
zu eifern, Sogar Grunddogmen des Chriftenthums in Zweifel
zu ziehen, zahlreiche energifche Gegner zum Kampfe aufrief
, die mifstrauifch, unwillig, grollend und feindfelig dem
Herausgeber gegenüberflanden. Aber auch diefe Streitigkeiten
, in welche Erasmus fich verflochten fah, verkünden
wie die Paraphrafcn und die Ausgabe felbft feine Liebe
zum Bibelftudium und feinen Eifer für die Reinerhaltung des
Wortes Gottes für alle Zukunft'.

2. Die an zweiter Stelle genannte Arbeit ift eine
Nebenfrucht der Erasmusftudien, die in katholifchen
Kreifen um fo mehr Intereffe erwarten darf, als durch
die Refolution des hl. üfficiums vom 13. Januar 1897, veröffentlicht
im Monitore Ecclesiastico am 28. Februar, die
Aufmerkfamkeit weiterer Kreife wieder auf diefe Contro-
verfe gelenkt worden ift. Seine eigene Stellung zu der-
felben deutet der Verf. nicht an; neue handfchriftliche
Urkunden flehen ihm auch nicht zur Verfügung, aber mit
grofsem Fleifs trägt er aus den gedruckten Quellen die
an die Complutensis und Erasmus fich knüpfende Ge-
fchichte zufammen. Hinfichtlich der erfteren fällt mir
auf, dafs er die lange Verzögerung in der Veröffentlichung
der Complutensis faft wörtlich wie Delitzich damit begründet
, dafs päpftliche Erlaubnifs zur Publication nicht
nachgefucht wurde und das Approbationsbreve erft am
22. März 1520 anlangte; ,wie Leo X. im Breve fagt, hat
er aus eigenem Antrieb dieVeröffentlichunggenehmigt'.

1) Der Bibelkatalog des Britifchen Mufeums nennt Sp. 776 Bafel,
Cratander, Aug. 1520; Froben, Juni 21; Febr. 22; Strafsburg, Koblauch
Mai 22, Bafel, Gengenbach, Sept. 22; Mainz, Schofler 22; Febr. 23
u. f. w. n. f. w.

1 Dies ,motu proprio1 ift doch nur eine ganz gewöhnliche
Kanzleiformel, welche vorheriges Anfuchen durchaus nicht
ausfchliefst! Wie fleht es übrigens mit der Frage ob
überhaupt päpftliche Approbation für die Veröffentlichung
nöthig war?

Maulbronn. Eb. Neftle.

J Gebhardt, Oscar von, Passio S. Theclae virginis. Die lateinifchen
Ueberfetzungen der Acta Pauli et Theclae
nebft Fragmenten, Auszügen und Beilagen herausgegeben
. (Texte und Unterfuchungen zur Gefchichte
der altchriftlichen Literatur. Herausgegeben von O.
von Gebhardt und A. Harnack. Neue Folge. Siebenter
Band, Heft 2. Der ganzen Reihe XXII, 2.) Leipzig 1902,
J. C. Hinrichs'fche Buchh. (CXVIII, 188 S. gr. 8.) M. 9.50

Dafs es verfchiedene lateinifche Texte der Thekla-

I Acten gebe und dafs diefelben für die Kritik des griechi-
fchen Textes nicht bedeutungslos feien, war fchon aus
Tifchendorf's und Lipfius' Apparat zu erfehen. Aber
was uns hier vorliegt, überfteigt allerdings alle Erwartung,
von Gebhardt's Spürfinn ift es gelungen, in 25 Jahren

j eifrigen Sammeins nicht weniger als fünf verfchiedene
Ueberfetzungen (ABCDE), davon eine in drei (Ba, Bb, Bc,
eine andere in vier Recenfionen (v. G. fagt ,Verfionen')
(CaCbCcCd), in mindeftens 48 Handfchriften nachzu-
weifen, von denen 27 zur Textrecenfion herangezogen

! find. Dazu kommen dann noch 7 Epitomae, nämlich
I. ein eng an A fich anfchliefsender Text in der Melker

j Hdfchr. M 4; 2. eine längere und eine kürzere Recenfion

' für den Anhang der Legenda aurea, die trefflich die
Tendenz illuftriren, das bei der Verkürzung überhäuft
und erdrückend fcheinende concrete Material an Namen
und Einzelzügen auszumerzen; 3. der auch feparat oder
als Anhang zur Legenda aurea überlieferte Text des
Vincenz von Beauvais; 4. die meistverbreitete Recenfion
der lateinifchen Legendarien (in 29 Hff. nachgewiefen,
davon vier collationirt), die nach Lipfius werthlofes Ex-
cerpt aus lateinifcher Quelle, nach v. Gebhardt aber
unmittelbar aus dem Griechifchen genoffen, ihrerfeits
Quelle nicht nur für 5. Ado und 6. Petrus de Natalibus,

J fondern auch für die Recenfion Bb geworden ift; 7. ein
in zwei oefterreichifchen Handfchriften überlieferter Aus-

1 zug aus Cb. Endlich find als Beilagen noch geboten:
eine culturgefchichtlich intereffante lateinifche Mirakel-
Sammlung zu Ehren einer Theklakirche in Wales (bislang
unedirt), der von d'Ariftarchi mangelhaft herausgegebene
griechifche Panegyricus des Photios auf die
h. Thekla und das koptifche Synaxar aus dem leider
immer noch unveröffentlichten zweiten Theil der Ueberfetzung
Wüftenfeld's. Die übrigen griechifchen und orien-
talifchen Texte find abfichtlich bei Seite gelaffen: fie
werden theilweife in C. Schmidt's fehnlichft erwarteter
Publication der Paulus-Acten, theilweife in der Apokry-
phenfammlung der Berliner Kirchenväterausgabe kommen.
Die Bearbeitung diefes reichen Materiales ift mufter-

j haft. Die vollendete Technik des geübten Textkritikers

I zeigt fich befonders in dem Abdruck der drei erften
Ueberfetzungen: A, B und C find fo zu fagen fynoptifch
edirt, derart, dafs links oben A, darunterBa, Bb, Bc, rechts
Ca, Cb, Cc, Cd flehen; für Bb und Bc find nur die Abweichungen
von Ba kenntlich gemacht, ebenfo für Cb,
Cc, Cd die von Ca. Darunter folgt der Apparat, für
jede Recenfion gefondert, meifterhaft angelegt in Knappheit
und Klarheit. Hier kann der Ungeübte fich leicht
in eins der verwickeltften Probleme einlefen. Andere
Aufgaben boten die Fragmente D, eine ftark paraphra-

j firende Bearbeitung in Predigt-Ton, und E, nur die merkwürdigen
13 Makarismen (mit dem feltenen altlateinifchen

I felices ft. beati) umfaffend als Text zu einer Predigt
über die Seligkeit des Jenfeits: bei beiden war der Text