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Ausgabe:

1902

Spalte:

658-660

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bludau, August

Titel/Untertitel:

Die ersten beiden Erasmus-Ausgaben des Neuen Testaments und ihre Gegner 1902

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. HinrichsTche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 25. 6. December 1902. 27. Jahrgang.

Bertholet, Buddhismus und Chriftentum [ Ebersolt, Les actes de S. Jacques et les actes

(Wurm). d'Aquilas (Harnack).

Bludau, Die beiden erden Erasmus-Ausgaben j Leder, Unterfuchungen über Auguftins Erkennt-

des Neuen Teftaments (Neftle). nifstheorie in ihren Beziehungen zur antiken

Bludau, Der Beginn der Controverfe über die j Skepfis, zu Plotin und Descartes (Scheel).

Aechtheit des Comma Joanneum I. Joh. 5, 7 j Kreufch, Kirchengefchichte der Wendenlande

(Derf.). (G. Ficker).

Gebhardt, Passio S. Theclae virginis (v. Dob- j Koniecki, Gefchichte der Reformation in Polen,

fchiitz). *• Aufl- (Freytag).

Wobbermin, Theologie und Metaphyfik (Nie-
bergall).

Wundt, Einleitung in die Philofophie (Elfenhans
).

Drews, Eduard von Hartmann's philofophifches
Syftem im Grundrifs (Elfenhans).

Das F r o m m e 1 - Gedenkwerk, 2. bis 5. Bd.
(Hans).

Bertholet, Prof.Alfred,Buddhismusund Christentum. (Sammlung
gemeinverltändlicher Vorträge und Schriften aus
dem Gebiet der Theologie und Religionsgefchichte 28.)
Tübingen 1902, J. C. B. Mohr. (IV, 64 S. gr. 8.) M. 1.20

Die älteren Forfcher über den Buddhismus (Burnouf,
Waffiljew, Koppen u. a.) hatten zu wenig theologifches
Senforium, als dafs fie die religiöfen Grundgedanken
desfelben hätten ins richtige Licht ftellen können. Das
hat für die Vergleichung von Buddhismus und Chriften-
thum lange Zeit nachgewirkt. Man hat die Vergleichungspunkte
in einzelnen Erzählungen und Ausfprüchen gefacht
, ohne die ganze Tendenz der Religion ins Auge
zu faffen. Seydel hat eine Einwirkung buddhiftifcher
Vorbilder auf die chriftliche Evangelienliteratur angenommen
; Bertholet bemerkt dagegen in dem vorliegenden
Vortrage mit Recht, dafs keine diefer möglichen
Einwirkungen auch nur einen der wefentlichen
Punkte des Chriftenthums zu betreffen fcheine, fofern zu
ihrer Erklärung die vorhandenen heimathlichen Prämiffen
doch wohl völlig ausreichen (S. 5). Oldenberg hat mit
Recht die Erlöfung als den religiöfen Grundgedanken
des Buddhismus hervorgehoben; Bertholet folgt ihm
darin und bemerkt ('S. 6), dafs er das Geheimnifs der
Ueberlegenheit des Buddhismus über den Brahmanismus
zu einem grofsen Theil in der Perfönlichkeit Buddhas
felber glaube fachen zu müffen. Damit ftimmt aber nicht
überein, wenn er S. 8, geftützt auf eine Bemerkung Olden-
berg's. welche fich auf die dogmatifche Mehrheit der
Buddhas bezieht, nicht auf die hiftorifch-dogmatifche
Bedeutung des Religionsftifters, im Unterfchied vom
Chriftenthum ein Zurücktreten des perfönlichen
Elements in der buddhiftifchen Religion annimmt.
Jede zutreffende Vergleichung von Buddhismus und
Chriftenthum wird als den beiden Religionen gemein-
famen Satz aufftellen müffen: ,die Welt braucht einen
Erlöfer. und diefer Erlöfer ift gekommen'. Wenn
auch Buddha nur den Pfad gezeigt hat, auf welchem
jeder einzelne Menfch die Fähigkeit hat zu gehen, fo
nimmt doch jeder feiner Gläubigen feine Zuflucht zum
Buddha, zum Dharma und zum Samgha. Aber bei der
näheren Beftimmung des Begriffes der Erlöfung und des
Erlöfers fcheiden fich die beiden Religionen. Bertholet
vergleicht in zweckmäfsiger Weife die vier Sätze des
buddhiftifchen Credo mit der entfprechenden chriftlichen
Anfchauung und kommt zu dem Ergebnifs, dafs doch
das Chriftenthum in dem perfönlichen Verhältnifse der
Seele zu Gott eine viel befriedigendere Erlöfung habe
als der in das Leiden fich verbohrende Peffimismus, der
das Individuum ganz auf fich felbft geftellt fein laffe,
um fich felbft zu zertreten, und dies als den Sieg über
alle Siege bezeichne (S. 29). Er hebt hervor, wie durch

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das Mönchthum als den einzigen Weg zur Erlöfung
die Arbeitskraft von Millionen lahmgelegt worden fei
(S. 39). Von der buddhiftifchen Ethik, fagt Bertholet,
dafs fie neben der Laotfe's der chriftlichen am nächften
komme, aber man dürfe fie nicht zu hoch anfchlagen,
1 da in derfelben Grofses und Tiefes mit dem kindifch
Abfurden einen wunderbaren Bund gefchloffen habe,
auch dürfe man nicht mit E. v. Hartmann ihre angebliche
Autonomie gegenüber der chriftlichen Ethik aus-
fpielen. Bei dem gegenwärtigen Cokettiren gewiffer
Kreife in Europa und Amerika mit dem Buddhismus
erinnert er an jene decadenten Römer, welche (ich
durch die angeblichen Vorzüge raffinirter orientalifcher
Culte den Gaumen kitzeln liefsen (S. 56). — Man könnte
1 noch wünfchen, dafs Bertholet z. B. das Verhältnifs von
I Glauben und Wiffen und die unendliche Vielheit der
I neben einander und nach einander exiftirenden Welten
als einen Unterfchied zwifchen buddhiftifcher und chrift-
licher Anfchauung hervorgehoben hätte, der moderne
| Menfchen beftechen könnte; allein im Rahmen eines
Vortrags mufs man fich befchränken. Etwas überficht-
licher hätten die Vergleichungspunkte neben einander
geftellt werden dürfen. Doch find wir dankbar für das
Gebotene.

Calw. P. Wurm.

Bludau, Prof. Dr. Aug., Die beiden ersten Erasmus-Ausgaben
des Neuen Testaments und ihre Gegner. (Biblifche Studien,
herausgegeben von O. Bardenhewer. Siebenter Band.
Fünftes Heft.) Freiburg i.B. 1902, Herder. (VII, 145 S.
gr. 8.) M. 3.20

j — Der Beginn der Controverse über die Aechtheit des Comma
Joanneum (1 Joh. 5, 7. 8) im 16. Jahrhundert (Der Katholik
1902 II [Juli und Aug.] S. 25 — 51 und 151 —175).

1. Je mehr wir gewöhnt find, bei des Erasmus Aus-
| gaben des Neuen Teftaments nur an ihren griechifchen
Text zu denken und die lateinifche Ueberfetzung und die
fonftigen Beigaben zu überleben, um fo dankenswerther
ift es, durch die erfte der hier genannten Arbeiten daran
erinnert zu werden, welche Bedeutung gerade diefe Beigaben
für ihre Zeit hatten und welches Intereffe ihnen
j noch für die Gegenwart zukommt. Der griechifche Text
des Erasmus ift durch den textus receptus in jedermanns
Hand; feine Paradesis ad lectorem, Methodus, Apologia,
j feine Ueberfetzung und Annotationes haben die wenigften
! gefehen. Mit Recht hat aber fchon Stähelin in der Real-
Enc. 3 V, S. 438 hervorgehoben — und Bludau macht fich
I das S. 14 faft wörtlich zu eigen —, dafs eben diefe Beigaben
beweifet], wie der Zweck, dem Erasmus mit feiner

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