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Ausgabe:

1902 Nr. 24

Spalte:

647-650

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rein, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Grundriß der Ethik 1902

Rezensent:

Reischle, Max

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Ö47

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 24.

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fchärfer die endgefchichtlicheBedeutung dieferBegriffe be- j
tont; aber auch das apoftolifcheZeugnifs vonErlöfung und
Verföhnung, befonders das paulinifche, erfcheint in neuer
und erweiterter Darftellung: fchärfer tritt jetzt auch hier
hervor, wie für Paulus und die anderen Jünger durch Jefu
Sterben und Auferflehen der almv [itXloav bereits Wirklichkeit
geworden ift, und mit ihm die Erlöfung als ]
ethifche Erneuerung, fowie die Rechtfertigung und Verföhnung
. Genauer wird jetzt auch die Frage erörtert,
ob bei Paulus der Begriff des Opfers im juriftifchen j
Sinne verbanden und bei ihm überhaupt eine dogmati-
fche Theorie über den Tod Jefu Chrilli gefucht werden !
dürfe. Nicht gelöft wird mir allerdings durch die ge- j
nauere biblifch-theologifche Darftellung das Bedenken,
ob es biblifch berechtigt ift, den Begriff der ,Erlöfung'
als einen coordinirten dem der Verföhnung gegenüber-
zuftellen; nur indem Kaftan die Stellen, an denen .Erlöfung
' foviel als Sündenvergebung ift, § 484 (Anhang)
gewaltfam zurückfchiebt, kann er feinen Sprachgebrauch
durchfetzen. Wäre es nicht beffer, irgend einen anderen
Ausdruck wie ,Neufchöpfung' oder ,Lebensmittheilung'
ftatt des Begriffes ,Erlöfung' zu gebrauchen, der im N. T.
auch die Vergebung mit umfafst?

In der neuen Auflage find — ein entfchiedener Fort-
fchritt! — alle lateinifchen Citate durch Curfivdruck hervorgehoben
. Die Literaturangaben find ergänzt, die
Druckfehler berichtigt. Im Neudruck ift S. 434 die
Nummer (4) weggefallen; S. 461 ift Deifsmann (ftatt
Deismann) zu lefen. Im Regifter fehlt diefer Name,
ebenfo (wie fchon in der 1. Aufl.) die Namen Harnack
(Theodof.) und Stahl.

Halle a. S. Max Reifehle.

Rein, W., Grundriss der Ethik. (Der Bücherfchatz des
Lehrers, herausgegeben von K. O. Beetz. Band IV.)
Osterwieck 1902, A. W. Zickfeldt. (VI, 292 S. gr. 8.)

M. 2.50; geb. M. 3 —

Der ethifche Grundrifs Rein's, des bekannten Leiters
des pädagogifchen Univerfitäts-Seminars zu Jena, will unter
dem Gefichtspunkt beurtheilt fein, dafs er nicht etwa
eine ganz neue wiffenfehaftliche Bearbeitung der Ethik
geben, fondern im Lehrerftand ein Intereffe für die ethi-
fchen Grundfragen wecken will. Den wiffenfehaftlichen
Rahmen hierfür giebt im Wefentlichen die Herbart'fche
Ethik ab; nur fucht Rein fie in verfchiedenen Punkten
noch zu vereinfachen. — Die Einleitung befpricht die
Aufgabe und Stellung der Ethik innerhalb der Philofo-
phie und ihre Bedeutung für unfere Zeit. Ein kurzer
erfter Theil (S. 14—38) überblickt in ganz knappem ge-
fchichtlichem Abrifs die verfchiedenen Richtungen der
Ethik, vor allem die des Eudämonismus, des Evolutionismus
und des Moralismus, der den Handlungen ihren
Werth beilegt, fofern fie aus einer beftimmten Gefinnung,
nämlich der der Liebe und des Wohlwollens, hervorgehen
. Der viel gröfsere fyftematifche Theil (S. 39 bis
292) hält fich nur kurz auf bei der grundlegenden Lehre
von den fittlichen Ideen (S. 39—67). In diefer fetzt
Verf. ein mit dem Begriff des Werthurtheils: neben die
naturalen Werthurtheile, die, entfprechend den Begriffen
,angenehm1 und ,nützlich' in hedoniftifche und utilita-
riftifche zerfallen, (teilt er die idealen Werthurtheile, zu
denen die äfthetifchen und namentlich die moralifchen
gehören, die über das Wollen der Perfönlichkeit ergehen.
Das fittliche Leben des Einzelnen aber läfst fich nicht
trennen vom ,Gemeinfchaftsleben': diefes weift uns auf
den .Begriff der Gefellfchaft' und auf den der .Gefell-
fchaft im ethifchen Sinn' hin. Für diefe aber find ebenfo
wie für das Einzelleben die vier fittlichen Grundideen
leitend, auf welche Herbart's fünf Ideen fich reduciren
laffen: die Idee des Rechts und der Vergeltung mit der
des Rechtsfyftems, die Idee des Wohlwollens mit der des

Verwaltungsfyftems, die Idee des fittlichen Fortfehritts
mit der des Culturfyftems und die Idee der inneren Freiheit
mit der der befeelten Gefellfchaft. Der Einzeldar-
ftellung diefer fittlichen Ideen ift nun das ganze übrige
Buch (S. 68—292] gewidmet: jedesmal wird zueift der
binn der Idee, wie er in dem unmittelbaren Werthurtheil
über die menfehlichen Willensverhaltmfse (dem Herbart'-
fchen Gefchmacksurtheil) fich ausfpricht, verdeutlicht,
und auf Grund davon das Ideal des menfchlichm Ge-
meinfchaftslebens mit den darin enthaltenen Aufgaben
und Problemen entwickelt. In dem Abfchnitt über die
Rechts-und Vergeltungsidee und über das Ree h tsfyftem
(S. 68 —Iii), treten befonders die Probleme hervor, die
fich an das Verhaltnifs von Ethik und Politik, fowie an
den Begriff der Strafe knüpfen, befonders eingehend die
Frage nach der richtigen Behandlung jugendlicher Verbrecher
. Die Idee des Wohlwollens und des Verwaltungsfyftems
(S. 112—206) giebt den Anlafs zu eingehender
Belprechung der focialen Frage. Nachdem
das Werthurtheil, dafs .Wohlwollen gefallt', feinem Inhalt
nach beltimmt ift, wirft der Verf. einen gefchichtlichen
Rückblick auf die fociale Entwickelung Englands und
Deutfchlands. Die geschichtliche Darfteilung läfst er
ausmünden in die Schilderung der verfchiedenen Formen,
in denen der Socialismus auf deutfehem Boden auftritt:
beim Communismus wird die fittliche Bedeutung des
Eigentnums feftgeftellt, beim chridlichen Socialismus
die fittliche Aulgabe, die in den Verhaltnifsen des wirth-
fchaftlichen Lebens für uns hegt, eingeprägt, beim
Staatsfociaüsmus die Frage erörtert, wieweit bei den einzelnen
Berufskreifen neben der Selbfthilfe noch Staatshilfe
und Staats- oder Gemeindebetrieb nothwendig und heil-
fam ift, und zwar in der Urproduc ion (befonders der
Ländwirthfchaft), in der Indufbie, endlich im Mandel,
der zum Schlufs noch auf die Befteuerungsfrage führt.
Der Abfchnitt über die Idee des fittlichen Fortfehritts
und Culturfyftems (S. 207—255) legt zuerft, im engften
Anfchlufs an Herbart's Idee der Vollkommenheit, die
unmittelbaren Werthurtheile über die Stärke, den Reichthum
und die Gefchloffenheit des Willens dar. Das
J Cultuifyftem fuhrt auf das Ideal einer religiöfen, mora-
i lifchen, äfthetiiciien und intellectuellen Bildung des
Volkes, in der aber die Gefinnungsbildung gegenüber
der Willensbildung den Vorrang haben mufs. Damit
erhebt fich die Aufgabe einer Culturgefetzgebung, befonders
einer richtigen Organifation des Schulwefens,
mit dem Unterbau der Einheitsfchule und dem Ausbau
durch die l ach- oder die Berufsfchule, die bis zum Ein-
; tritt in den Heeresdienft und bis zum einjährigen Dienft
der Mädchen in Krankenpflege, Kindergarten und Schule
fuhren foll. Hieran anfchliefsend befchäftigt fich das
Capitel noch mit der Frauenfrage, und feinen Abfchlufs
i rindet es in einer Befprechung des gefchichtsphilofophi-
fchen Problems. Endlich die Idee der inneren Freiheit
[ und der befeelten Gefellfchaft (S. 256—289) fafst
I das Ideal des Einzel- und Gemeinfchaftslebens zufammen:
die Idee der inneren Freiheit giebt Gelegenheit, noch
verfchiedene Punkte der Individual Ethik genauer in's
Auge zu fallen, fo das Freiheitsproblem und die Bedeutung
des religiöfen Glaubens für das fittliche Leben;
die Idee der befeelten Gefellfchaft eröffnet uns den Ausblick
auf die fittliche Durchbildung der einzelnen Ge-
meinfehaftskreife von der Familie an, aber auch auf den
! grofsen Zufammenhang der Menfchheit. Eine Schlufs-
betrachtung fchaut auf das aufgeführte Gebäude zurück
| und läfst die ethifche Grnndftimmung, die durch das
! Ganze hindurchgeht, kräftig ausklingen.

Gegen die wiffenfehaftliche Begründung und Anlage
j diefer Ethik habe ich manche Bedenken, theologifche
wie philofophifche. Als Theologe möchte ich fragen,
ob nicht der Verf. feine Ethik von Rechtswegen eine
,chriftliche Ethik' hätte nennen dürfen und follen. Wenn
wir als Theologen unfere ,chriftliche Ethik' entwickeln,