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Ausgabe:

1902 Nr. 24

Spalte:

646-647

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Julius

Titel/Untertitel:

Dogmatik. 3. u. 4., verb. Aufl 1902

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 24.

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Weichfei und Brahe gelegene Stück der heutigen Provinz
Weftpreufsen fowie die heute pommerfchen Kreife Lauenburg
und Bütow. Vom zwölften Jahrhundert an bis zum
Erlafs der Bulle de Salute animarum gehörte diefes Gebiet
zu dem polnifchen Bisthum Kujavien, deffen Bifchof in
dem Städtchen Wloclawek, einige Meilen oberhalb Thorns
am linken Weichfeiufer im heutigen ruffifchen Polen, feinen
Sitz hatte. DieGefchichte des ArchidiakonatsPommerellen,
befonders die nachreformatorifche ifl noch fehr wenig
durchforfcht. Aufserordentlich fchnell hatte fich die
Reformation zunächft in Danzig, der bedeutendften Stadt
im Archidiakonat wie im polnifchen Preufsen überhaupt,
dann unter feiner Führung auch in dem übrigen Theile
des Gebietes verbreitet, befonders da in den Jahren 1551
bis 1567 auf dem bifchöfliehen Stuhle zu Wloclawek
drei Männer fafsen, die keineswegs Eiferer für die ka-
tholifche Kirche waren: Johannes Drohojowski, Jakob
Uchanski und Nikolaus Wolski. Der Nachfolger Wols-
ki's, Stanislaus Karnkowski, begann dann freilich energifch
gegen die Evangelifchen aufzutreten, aber erft feinem
Nachfolger Hieronymus Rozrazewski, dem zwar nicht
an geiftiger Bedeutung, wohl aber an Hafs gegen die
Evangelifchen feinem Vorbilde gleichenden Nacheiferer
des Stanislaus Hofius, war es vorbehalten, durch fkrupel-
lofe Anwendung aller ihm zu Gebote flehenden Mittel
der Evangelifation des Archidiakonates eine Grenze zu
fetzen und Schritt für Schritt das verlorene Gebiet
wieder zu erobern. Diefem Zwecke dienten in erfter
Linie die durch den Bifchof felbft oder feine Vertreter
vorgenommenen Kirchenvifitationen , deren Acten uns
die vorliegende Publication darbietet.

Ueber die Zufländeder katholifchen Kirche jener Zeit
in diefem Theile des polnifchen Preufsens waren wir bisher
faft ganz im Dunkeln. Die einzigen, wenig bekannten
und faft gar nicht benutzten Quellen dafür waren die
1890 von Zeno Chodynski herausgegebenen Statuta syno-
dalia dioecesis Wladislaviensis et Pomeraniae und die
feit 1880 in jährlichen Heften von Stanislaus Chodyhski
veröffentlichten Momanenta ecelesiae Wladislaviensis.
welche aber als Privatdrucke des Klerikal-Seminars zu
Wloclawek dem preufsifchen Forfcher, befonders dem
evangelifchen, fo gut wie unzugänglich find. Hier tritt nun
die Publication Kujot's als eine dankenswerthe Ergänzung
ein. Sie ift eine kirchen- und culturgefchichtliche Quelle
von hervorragender Bedeutung. Sie läfst uns nicht nur
einen Blick in die Praxis der die Gegenreformation betreibenden
kirchlichen Obrigkeit thun, fondern enthüllt
uns auch mit anerkennenswerther Offenheit die innerkirchlichen
Zuftände des damaligen Katholicismus und
beleuchtet namentlich das amtliche und aufseramtliche
Leben des katholifchen Klerus.

Doch damit ift der Werth des Buches keineswegs
erfchöpft. Auch für die Gefchichte der evangelifchen
Kirche ift es eine wichtige Quelle. Es war, wie oben
gefagt ift, fchon früher bekannt, dafs die evangelifche
Lehre in Pommerellen fchnelle Verbreitung gefunden
hatte. Wie weit dies aber der Fall war, darüber fehlten
uns bisher faft alle urkundlichen Belege. Diefe werden
uns hier geliefert. Zwar waren fchon vor der erften
Vifitation, deren Acten hier geboten werden, der von
1582, viele Kirchen den Evangelifchen wieder entriffen
worden, aber da die Vifitatoren auch die Vergangenheit
der einzelnen Kirchen berückfichtigten, erhalten wir
durch diefe Feftftellungen in Verbindung mit den Ergeb-
nifsen der Vifitationen felbft ein ziemlich vollftändiges
Verzeichnifs derjenigen Kirchen, die längere oder kürzere
Zeit dem evangelifchen Gottesdienfte gedient haben. Das
Refultat ift auch für den Kenner der weftpreufsifchen
Kirchengefchichte ein geradezu überrafchendes. Wir erfahren
, dafs in Gegenden, in denen erft im Laufe des
letzten Jahrhunderts die wenig zahlreichen Evangelifchen
in kleine, weit zerftreute Gemeinden gefammelt worden
find, im fec'izehnten Jahrhundert kaum eine katholifche

I Kirche mehr exiftirte. Befonders auffallend ift dies für
die Gegend von Pr. Stargard, Mewe und Neuenburg,

| wo faft alle Kirchen evangelifch geworden waren,
während 1772 beim Uebergang des Landes an Preufsen
aufser in Pr. Stargard hier keine evangelifche Gemeinde
mehr vorhanden war. Im Ganzen Hellt fich das Ver-
hältnifs fo, dafs von den 160 Kirchen, die das Archidiakonat
gegen Ende des fechzehnten Jahrhunderts enthielt
, etwa 90 evangelifch gewefen find, manche freilich
nur für kurze Zeit.

So ift das vorliegende Buch nach vielen Seiten hin

; eine wichtige Erfcheinung, und wir können nur wünfehen,
dafs es zum Vortheil der preufsifchen Kirchengefchichte
fleifsig ausgenutzt würde.

Erwähnt mag noch werden, dafs ausführliche Re-

i gifter die Benutzung erleichtern.

Gr. Schliewitz (Weftpreufsen) Lic. Freytag.

Kaftan, Prof. D. Julius, Dogmatik. Dritte und vierte ver-
befferte Auflage. Grundrifs der theologifchen Wiffen-
fchaften. Fünfter Theil, erfter Band.) Tübingen 1901.
J. C. B. Mohr. (VIII, 656 S. gr. 8.)

M- 9 —; geb- M- K>-~
Es ift erfreulich, dafs die im Jahre 1S97 erfchienene
Doppelauflage von Kaftan's Dogmatik in vier Jahren vergriffen
war und Ende 1901 eine dritte und vierte Auflage
erfcheinen konnte. Ich weifs es auch von Studenten,
dafs ihnen das Studium des Buches genufs- und gewinn«

; reich gewefen ift, befonders auch wegen der klaren, fau-
beren Darftellung des biblifchen und dogmengefchicht-
lichen Materials. In der neuen Auflage ilt das Buch um
zwölf Seiten gewachfen, hauptfächlich durch die im Folgenden
aufgezählten Zufätze und Aenderungen. S. 16—17

und 17—19 (§2, 5 und 6) hat Kaftan, namentlich in Auseinan-
derfetzung mit Troeltfch, eine Befprechung der Frage aufgenommen
, inwiefern die Religionsgefchichte uns eine Ent-
wickelung erkennen und wie fich auch auf dem Boden der
religionsgefchiclitlichen Betrachtung der Anfpruch des
Chriftenthums fefthalten läfst, dafs es die allein wahre Religion
fei und auf befonderer Offenbarung beruhe. S. 32
(§ 33) fetzt fich Kaftan mit meiner Schrift über ,Werthur-
theile und Glaubensurtheile', S. 43 (§ 43) mit Herrmann's
Thefe über Glaubensgrund und Glaubensinhalt kurz auseinander
; S.44f. (§44) findet fich ein Zufatz über die Anwendbarkeit
des Offenbarungsbegriffes auf das religiöfe
Leben der Menfcheit aufserhalb des A.und N. T.'s, S. 134 _
(§ 13 s) zeigt, dafs fich in der Predigt Jefu der Begriff
des Reiches Gottes gleichfam fpaltet, indem das Reich
nicht nur auf die Heilszukunft bezogen, fondern auch
als in der Gegenwart fchon erfchienen verkündigt wird.
S.iÖ4f (§ 153) wird ein von mir erhobener Einwand gegen
Kaftan's Unterfcheidung von Wefen und Eigenfchaften
Gottes abgelehnt; S. 251 252) find ein paar Sätze
über den bildlichen Charakter des chriftlichen Ausdrucks
,Schöpfung' eingefchoben. In dem Lchrftück von Jefus
Chriftus S. 416 (£443; nicht, wie das Schlufsregifter an-
giebt, §453) weift Kaftan ein Bedenken, das ich gegen
die Anordnung feiner Chriftologie geltend gemacht hatte,
zurück; S. 444 f. (§463) hat er am Schlufse des Paragraphen
einen längeren ,Zufatz' angefügt, der fich mit
Ritfchl's Grundfatz, dafs die Gottheit und die Menfchheit
Jefu Chrifti an einem und demfelben Stoffe nachgewiefen
werden müffe, zugleich indirect mit einer von mir gemachten
kritifchen Bemerkung befchäftigt. Die um-
faffendften Aenderungen haben (auf S. 456—464 und
S. 466—473) die beiden §§ 47 und 48, welche die
Schriftleh re von der Erlöfung und Verhöhnung behandeln,
erfahren; fie zeugen von der Arbeit, die Kaftan feitdtm,
aus Anlafs einer wieder aufgenommenen alten Vorlefung,
an die neuteftamentliche Theologie gewandt hat. Schon
bei der Predigt Jefu von Erlöfung und Vergebung wird