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Ausgabe:

1902 Nr. 23

Spalte:

623-625

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thimme, Gottfried

Titel/Untertitel:

Die religionsphilosophischen Prämissen der Schleiermacher‘schen Glaubenslehre 1902

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 23.

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dogma des Pietismus, das den orthodoxen Theologen j
Württembergs fo manchen Anftofs bot, indem er sagt:
Der gehafste Chiliasmus, ftreift man die rohen finnlichen
Vorftellungen ab, enthielt doch viel mehr Wahrheit als
die felbftzufriedene Kirchlichkeit, er hielt der Kirche vor
Augen die Idee des Reiches Gottes auf Erden, d. h.
einer univerfaleren Form des Chriftenthums, als fie in den
Particularkirchen fich darftellt, und einer vollkommeneren
Durchdringung des Lebens mit dem Geift Chrifti, als es
zur Zeit der Fall war.

Des Weiteren führt Kolb aus, wie der Pietismus
das Verhältnifs der Kirche zum Einzelnen, das noch
ganz nach mittelalterlich römifchem Mufter geftaltet war,
in evangelifchem Geift fortbildete, und fafst ,den Dienft,
den der Pietismus der Kirche geleiftet hat' ,in vier Punkte
zufammen:

1. Die Ueberfchätzung der reinen Lehre ift auf ein
nüchternes Maafs zurückgeführt durch Betonung des
religiöfen Lebens, durch den Rückgang auf die Schrift
als eine Quelle, deren Reichthum in der Orthodoxie noch I
nicht erfchöpft ift, durch Forderung eines freien Spielraumes
in Behandlung fecundärer theologifcher Probleme.

2. Gegenüber dem Glauben an die alleinfeligmachende
kirchliche Inftitution hat er die Forderung perfönlichen
Chriftentums für die Geiftlichen fowie für die Gemeinden
wieder allgemein und nachdrücklich geltend gemacht.

3. Gegenüber der Bindung aller Thätigkeit an kirchlich
fanctionirte Formen hat er der Mitarbeit der Laien
wieder zu ihrem Recht verholfen und dafür die Form
der freien Vereinigung (Stunde = Verein) gefchaffen.

4. Gegenüber dem von der Kirche mit ftaatlichen
Mitteln durchgeführten Zwang hat er Verzicht auf alle
Gewaltmaafsregeln in religiöfen Dingen, in feinen radi-
calen feparatiftifchen Vertretern Verzicht auf das Staatskirchenthum
überhaupt gefordert.

,Der Pietismus ift wirklich einer jener unmittelbaren
Erregungen des religiöfen Lebens entfprungen, welche
die erftarrenden Formen der Kirche erweichen, aus
trägem Beharrungszuftand zur Fortbildung und Neubildung
reizen, eine Fülle neuer Kräfte und Triebe entbinden
. Freilich, wie jede gefchichtliche, an fich noch
fo berechtigte Bewegung, fo trägt er feine Schranken
und Schwächen in fich felbft. Die Verdunkelung der
Rechtfertigungslehre, die Einengung und Verkümmerung
des fittlichen Ideals, das hochmütige Aburtheilen und
Sichabfchliefsen denen gegenüber, welche man zur Welt
rechnet, die ungefchichtliche Vorftellung von Schrift und
urapoftolifchem Chriftenthum und, was man fonft am
Pietismus auszufetzen hat, es finden fich dafür die An-
fätze auch in den Anfängen des württembergifchen
Pietismus, wenigftens wo er feparatiftifch gerichtet ift'.

Ref. hat abfichtlich Kolb felbft reden laffen. Auch da,
wo er mit Ritfchl's Urtheil über den Pietismus fich in
Widerfpruch befindet, wird man zugeftehen, dafs fein
Urtheil auf eine fehr umfaffende Kenntnifs der Quellen
gegründet ift, während Ritfehl vielfach mit fecun-
dären Quellen fich befcheiden mufste, wie mit Römer's
kirchlicher Gefchichte Württembergs, einem für feine
Zeit ganz guten Buch, das aber felbft wieder mehr abgeleitete
Quellen als die Originalacten der Kirchenbehörden
benutzen mufste. Sehr wünfehenswerth wäre,
wenn Kolb auch die weitere Entwickelung des Pietismus
bis zum 19. Jahrhundert behandeln würde. Es ift doch j
auch für die nächfte Periode noch nicht alles klar ge-
fiellt.

Nabern. G. Boffert.

Th i m me, Dr. Gottfried, Die religionsphHosophischen Prämissen
der Schleiermacher'schen Glaubenslehre. Hannover 1901,
Hahn. (III, 88 S. gr. 8.) M. 1.50

Die vorliegende Unterfuchung ift infofern eine ganz
fchlichte Arbeit, als fie, abgefehen von Einleitung und

Schlufs, wefentlich aus Schleiermacher's Glaubenslehre
felbft die zu Grunde liegenden religionsphilofophichen
Gedanken herauszuarbeiten fucht; nur die Reden über
die Religion werden häufig, einige andere Schleiermacher'-
fche Schriften gelegentlich zur Vergleichung herangezogen.
Aber in diefer ihrer Befchränkung verdient die Brochüre
volle Anerkennung und Beachtung; fie ift ein auch für
Studenten empfehlenswerthes Hilfsmittel zum Verftändnifs
von Schleiermacher's Glaubenslehre.— Die Einleitung
giebt einen knappen, aber reichhaltigen Ueberblick über
die Hauptbeftrebungen der Aufklärung, über Kant's, Lef-
fing's und Rouffeau's Kampf gegen fie auf ihrem eigenen
Boden und über die aufkommenden neuen Geiftesrich-
tungen, deren Jünger und Träger Schleiermacher ift. Der
erfte Abfchnitt(S.i2—48)entwickelt fodann die religions-
philofophifchen Prämiffen der Glaubenslehre. Das Wefen
der Religion, das Verhältnifs der Frömmigkeit zum
Wiffen und zum Handeln, die Frömmigkeit als allgemein
menfehliche Anlage, die Verfchiedenheit der Reli-
giofität und der gefchichtlichen Religionen, die Eigenart
des Chriftenthums werden nach einander befprochen.
Der zweite Abfchnitt (S.49—80) prüft dann das Syftem
der Glaubenslehre darauf hin, ob in ihm die religions-
philofophifchen Prämiffen confequente Durchführung
finden. Der Verf. unterfucht nach diefem Maafsftabe nicht
alle einzelnen Stücke der Glaubenslehre, fondern nur
Schleiermachers Anfchauung von der Aufgabe der
Glaubenslehre, die Gotteslehre, die Chriftologie, die
Lehre von der Kirche, und auch diefe Abfchnitte, be-
fonders die zwei letzten, nur in ihren Hauptzügen. Die
ganze Kritik ift geleitet von dem Grundfatze, dafs man
in etwaigen Unebenheiten und Widerfprüchen nicht in
erfter Linie logifche Denkfehler zu erblicken hat, fondern
vielmehr denVerfuch, einander widerftreitende lebendige
Intereffen in der Einheit eines Syftems zu verbinden. Der
Schlufs endlich (S. 80—88) fucht die religionsphilofophi-
fchen Gedanken aus der einheitlichen Perfönlichkeit des
grofsen Mannes zu erklären; drei Züge feines Wefens
werden als befonders herrfchende genannt: die Schärfe
feines Verftandes, feine Hinneigung zum Myfticismus, feine
moralifche Energie.

In den Hauptpunkten fowohl der Darftellung als der
Kritik kann ich dem Verf. zuftimmen, wenn ich auch
manches anders abtönen würde. Nicht anfechten darf ich
es, dafs er in feiner Beurtheilung Schleiermacher's fich im
Wefentlichen in den Grenzen einer inneren Kritik hält:
doch meine ich, dafs Schleiermacher uns weiter auch
dazu herausfordert, in der Auseinanderfetzung mit ihm
unfere eigene Stellung zu gewinnen und zu vertheidigen,
und dafs er zum Theil erft, wenn wir mit unferen
Frageftellungen an ihn herantreten, in feiner vollen
Höhe wie in feiner Schranke uns deutlich wird. — Aus
mancherlei Einzelheiten, die ich zu unferer Schrift zu
bemerken hätte, hebe ich nur einige Punkte heraus. In
der Unterfuchung über das Wefen der Religion betont
der Verf. den Unterfchied zwifchen den Reden und der
Glaubenslehre: nach jenen ift die Religion felbft zuerft
Anfchauung und dann Gefühl des Univerfums, in diefer
geht die Anfchauung nicht mehr dem Gefühle voraus und
fie gehört nicht mehr zum Kern der Religion. Dafs diefer
Unterfchied vorhanden ift, will ich nicht beftreiten. Aber
er vermindert fich, wenn man bedenkt, dafs auch nach
der Glaubenslehre in jeder wirklichen frommen Erregung
das fchlechthinige Abhängigkeitsgefühl immer
mit dem finnlichen Selbftbewufstfein vereint auftritt,
m. a. W., dafs immer nur an irgend einen Inhalt des Welt-
bewufsfeins das Anbetungsgefühl fich knüpft. Der Schleier-
macher'fche Gedanke diefer Combination hätte nun bei
der Befprechung des Wefens der Religion erörtert werden
müffen, ftatt dafs er erft auf S. 34 in dem Abfchnitt über
die Verfchiedenheit der Religionen nachhinkte. Denn
jener Gedanke ift fehr bedeutfam für verfchiedene Fragen,
die der Verf. vorher fchon befpricht, z. B. für die Frage,