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Ausgabe:

1902 Nr. 22

Spalte:

591-592

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruckner, Albert

Titel/Untertitel:

Die Irrlehrer im Neuen Testament 1902

Rezensent:

Clemen, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 22.

592

Bruckner, Privatdoz. Pfr. Lic. A., Die Irrlehrer im Neuen

Testament. (Sammlung gemeinverftändlicher Vorträge
und Schriften aus dem Gebiete der Theologie und Re-
ligionsgefchichte 26.) Tübingen 1902, J. C. B. Mohr.
(40 S. gr. 8.) M. —.80

Bruckner unterfcheidet, da fich die Irrlehrer des
Neuen Teftaments bei der Unficherheit über die Reihenfolge
der einzelnen Schriften nicht chronologifch grup-
piren liefsen, nach fachlichen Gefichtspunkten folgende
drei Claffen:

1. das Gefetz betonten die Judaiften des Galater-
und 2. Korinther- und in anderer Weife die Irrlehrer
des Koloffer- und Epheferbriefes, bekämpften die der
Apokalypfe;

2. die Bedeutung der Wiederkunft Chrifti beftritten
die Theffalonicher, fie felbft die Irrlehrer der Paftoral-,
des Judas- und 2. Petrusbriefes; endlich

3. die Menfchwerdung Chrifti die Irrlehrer der jo-
hanneifchen Schriften.

Ich kann weder diefe Eintheilung für glücklich,
noch die Beurtheilung der Irrlehrer im einzelnen überall
für zutreffend halten, möchte aber hier nur darauf auf-
merkfam machen, dafs man doch endlich aufhören follte,
in den Paftoralbriefen überall diefelbe Irrlehre bekämpft
zu finden. Dazu find die ihr gemachten Vorwürfe doch
zu entgegengefetzt — oder follen die Asketen des Titus-
und erften Timotheusbriefes II, 3, 4 als (piXrjbovot bezeichnet
worden fein?

Halle a. S. Carl Clemen.

Reinach, Salomon, La mevente des vins sous le haut-empire
romain (Rev. Archeologique, Serie III, Tom. XXXIX,
1901, Nov.-Dec. p. 350—374).

Zu der Stelle Apok. Joh. 6,6: xal r'jxovoa mg mmvrjv
ev fisdco xmv xeoociqcov ^cowv XsyovOav yoTviS, öixov
örjvaQiov, xal xqeiq yoLvixEg xgi&cöv dtjvaolov xal xb
IXaiov xal xbv olvov üb) adixrjoyq, haben die Ausleger
bisher nur Verkehrtes oder Unbefriedigendes zu fagen
gewufst (,Die Theuerung foll nicht den höchften Grad
der Hungersnoth erreichen'. ,An eine beftimmte Hungers-
noth ift gedacht'). Doch fchimmerte eine Ahnung des
Richtigen in der Erklärung, dafs das Nothwendige theuer
werde, das aber, was zum guten Leben gehört, im
Ueberflufs vorhanden fein Polle. Indeffen auch diefe
Ahnung wurde in einer falfchen Richtung verfolgt. Der
Abhandlung von Reinach. die mit der diefem Verf.
eigenen Gelehrfamkeit und Eleganz gefchrieben ift, ververdanken
wir die Löfung des Räthfels, und diefe Lö-
fung ift um fo willkommener, als fie das genaue
Datum für die Apokalypfe, welches wir bei Irenaus
(und Epiphanius) finden, beftätigt. Darauf
hat der Verfaffer felbft aufmerkfam gemacht.

Reinach unterfucht das den Weinbau einfchränkende
bez. verbietende Gefetz des Domitian. Der Mangel an Ce-
realien und der Ueberflufs an Wein in Italien beftimmte
ihn (Sueton., Domit. 7), folgendes Gefetz zu erlaffen:
,Ne quis in Italia novcllaret [Verbot der Anlage neuer
Weinpflanzungen in Italien], atque in provinciis vineta
succiderentur, relicta, ubi plurimum, dimidia parte'. Diefe
Verordnung kennt auch Eufebius in der Chronik und
datirt fie auf d. J. 92. Die Apokalypfe ift nach Irenaus
gegen Ende der Regierung Domitian's verfafst, nach
Epiphanius, wie es fcheint, genau im J. 93. Hier ftimmt
alfo Alles aufs Befte. Nun hören wir aber ferner von
Sueton: ,Domitianus nec exsequi rem persevcravit'. Von
Philoftratus aber erfahren wir (Soph. I, 21), dafs das Decret
die afiatifchen Städte in Aufruhr verfetzt hatte. Ein <
böser Spottvers auf den Kaifer entftand in Alien: Ki]v
(iE <pdyyq ejtI QlCftV, ofimg txi xaQJtofpoQrjöm, Ooöov
EmöjtElOai Kaiöagi JrvouEvcp. Der berühmte Redner Sco-

pelianus wurde nach Rom gefandt, um für die Weinberge
einzutreten; er erreichte es, dafs der Kaifer die Verordnung
zurückzog, und kehrte mit diefer Freudenbot-
fchaft nach Smyrna zurück. Nach Philoftratus geplattete
der Kaifer fogar neue Weinpflanzungen, ja beftimmte
eine Strafe für die, die das unterlaffen würden
(d. h. die ihre alten, unbrauchbar gewordenen Weingärten
eingehen lafsen würden). Man vgl. das xbv olvov (t>]
dbixfjOyg der Apokalypfe.

Reinach zieht noch manche andere Stellen hinzu
und beleuchtet das letzte nationalökonomifche bezw. ita-
lienifche Motiv des urfprünglichen Decrets nach allen
Seiten (Schutz des italienifchen Weinbaues gegen Import).
Für unlere Zwecke genügt es feftzuftellen, dafs die Apokalypfe
gefchrieben ift, als die kaiferliche Verordnung
wieder zurückgenommen war. Der Verf. hatte mit ihr
fympathifirt (zumal da Domitian als Motiv auch die Sorge
für die Nüchternheit der Bevölkerung vorgefchützt hatte).
Auch er hatte in der Ausdehnung des Weinbaues und
in dem Zurücktreten des Körnerbaues eine fchwere Gefahr
gefehen, die zum Hunger und zur Trunkenheit führen
müffe. Der ,Ceres casta', um mit Statius zu reden, foll
man die yjugera sobriasque terras' zurückgeben. Um fo
mehr empörte es den Apokalyptiker nun, als das Gefetz
zurückgezogen wurde. Er fah hierin ein neues Zeichen,
dafs das Ende nahe fei: zu den anderen Schrecken werde
der Hunger kommen, wenn an Stelle der Kornfelder
überall das Teufelsgewächs, die Rebe, flehen werde. Das
Oel hat diefer Asket von fich aus hinzugefetzt oder
er hat ein uns unbekanntes Gefetz im Auge gehabt.
Oel für fich allein ift kein Nahrungsmittel, und der Asket
braucht es überhaupt nicht. Nahrung bieten nur die
Körner. Er ift weit davon entfernt zu meinen, die Theuerung
werde nicht den höchften Grad der Hungersnoth erreichen
; er fieht vielmehr einen ganz perverfen
Zuftand fich entwickeln: Oel und Wein wird man
die Fülle haben, aber dabei verhungern.

Apok. 6, 6 ift im J. 93 gefchrieben; aber damit ift
noch nicht bewiefen, dafs der ganze Abfchnitt, in welchem
diefer Vers fleht, fo fpät ift; flicht er doch formell
und materiell von dem Uebrigen ab und gehört fomit
der Schlufsredaction bezw. der chriftlichen Apokalypfe
vom J. 93 an.

Berlin. A. Harnack.

Actus B. Francisci et sociorum ejus. ed. Paul Sabatier
(Collection d'etudes et de documents sur l'histoire
religieuse et litteraire du moyen äge. Tome 4.)
Paris 1902, Fifchbacher. (LXIV, 272 S. gr. 8.) Fr. 10.—

Opuscules de critique historique. Paris 1901 und 1902, Fifchbacher
. (250 S. gr. 8.)

Fase. 1. Regula antiqua fratrum et sororum de paenitentia seu tertii
ordinis S. Francisci nunc primum edidit Paul Sabatier. — 2. Descrip-
tion du manuscrit franciscain de Liegnitz. (Antiqua LegendaS. Francisci)
par P. Sabatier. — 3. S. Francisci legendae vetcris fragmenta quae-
dam edidit et notis illustravit P. Sabatier. — 4. Les regles et le
gouvernement de l'Ordo de poenitentia au XIII« siecle par le
R. T. Pierre Mandonnet, professeur ä l'Universite" de Fribourg
(Suisse). i<= partie (1212—1234).

1. DieUeberlieferung des Minoritenordens von feinem
Stifter wird von Jahr zu Jahr complicirter, je mehr neue
Quellen erfchloffen worden. Sie zu bereichern wie zu
entwirren, mühen fich Sabatier felbft und eine ganze
Anzahl ihm freundlich oder feindfelig gefinnter Gelehrter
ab. Es ift erftaunlich, welche Zähigkeit Sabatier an diefe
Arbeit fetzt, erftaunlich aber auch, wie viele andere Kräfte
durch ihn geweckt worden find. Wer nicht fehr viel Zeit
und Arbeit an diele Fragen wenden kann, ift nicht im
Stande, der Fluth von neuen Funden und kritifchen
Arbeiten zu folgen. Ich habe es zuerft verfucht, es