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Ausgabe:

1902 Nr. 2

Spalte:

580-581

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kempel, Franz

Titel/Untertitel:

Göttliches Sittengesetz und neuzeitliches Erwerbsleben 1902

Rezensent:

Hummel, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 21.

fich darin hauptfächlich mit Kant und derjenigen
anthropologifchen Auffaffung Kant's befchäftigt, welche
Fries vertrat. Diefe neue Schrift foll principielle Unter-
fuchungen zum Wahrheitsproblem darbieten, jedoch in
umfaffenderer Weife als dies in der Erkenntnifstheorie im
engeren Sinne der Fall ift, aber ohne auf eine meta-
phyfifche Erklärung des Problems einzugehen. Es liegt
in der Natur der Sache, dafs auch in diefer Schrift die
Methode der Erkenntnifstheorie mehrfach zur Behandlung
kommt.

Auch hier will der Verf. fein Augenmerk darauf
richten, fich immer an Kant zu orientiren, aber er will
über den ,exiftenten Kant in feiner hiftorifchen Lage und
Bedingtheit' hinausgelangen zur tieferen Verfolgung feiner
Principien. Der Kantifche Begriff der Erfahrung foll erweitert
werden unter dem Gefichtspunkt der Cultur.
Cultur in dem Sinne eines Religion, Recht, Moral, Kunft
und Wiffenfchaft und Cultur im engeren Sinne umfallenden
Lebenskomplexes, wird der Natur gegenüber-
geftellt, als dem Inbegriff der ,naturaliftifchen Wirklichkeit
', zu welcher nicht blofs die materiellen Beftände des
Phyfikers und Zoologen, überhaupt des Naturwiffen-
fchaftlers, fondern auch das Seelenleben gerechnet wird,
fo weit es Object der pfychologifch-empirifchen Betrachtung
ift. Auch die letztere pfychologiftifche Methode
vermag auf ihrem naturaliftifch-mechanifchen Wege den
Culturbeftänden in ihrer Tiefe nicht gerecht zu werden.
Indem der Naturalift die fchaffenden Culturpotenzen nur
in ihrer kalten objectiven Thatfächlichkeit, gleichfam in
ihrer fecundären Verhärtung hernimmt, betrügt er fich
felbft. Denn ihr eigentliches Lebenscharakterifticum ,das
hat er vorher entwifchen laffen; und nun, nachdem der
Kern vom Wurm zerfreffen ift, hat er es leicht, zu zeigen,
die vermeintliche Frucht beftehe in nichts als leerer
Schale' (S. 8). Es giebt überhaupt keine reinen That-
beftände unabhängig von einem feelifchen Lebensprocefs
im weiteften Sinne, von einer beftimmten Culturlage.
Der Naturalift, der dies überfieht, verfällt eigentlich immer
noch der Dogmatik der Metaphyfiker des 17. Jahrhunderts
, fofern er an die ausfchliefsliche Berechtigung feiner
naturaliftifchen Frageftellung und Methode glaubt, ohne
erft einmal die Thatfachen in ihrem ganzen Umfang reden
zu laffen. Der pfychologifchen und pfychogenetifchen
Methode ifl daher die unter dem Gefichtspunkt der ,kultur-
hiftorifchen Erfahrung' erweiterte und vertiefte trans-
fcendentale Methode gegenüberzuftellen, welche den
höheren Wefensbeftand der Cultur als etwas Urfprüng-
liches und Lebendiges in feiner Tiefe erfafst. Auf diefem
Wege ergiebt fich ein neuer Wahrheitsbegriff im Sinne
eines die Wahrheit felbft erft fchaffenden und verbürgenden
urfprünglichen, überzeitlichen Lebensprocefses. Der
Wahrheitsbegriff aber findet feinen letzten Halt im Begriff
der Perfönlichkeit, in welcher eine abfolute Welt
unmittelbar gegenwärtig, und deren Ideal die göttliche
Perfönlichkeit ift.

Der Verf. vermeidet es im Unterfchied von Eucken,
Clafs und neuerdings M. F. Scheler (,die transfzendentale
und die pfychologifche Methode' 1900) feiner Methode
einen befonderen Namen etwa den der ,noologifchen
Methode' zu geben, er nennt fie mit Kant die transfcen-
dentale. Sein Verfahren ift aber ein wefentlich Anderes,
als das der Kantifchen Philofophie. Es hat mit diefer
allerdings die ftrenge Scheidung von den übrigen wiffen-
fchaftlichen Methoden gemein, ohne jedoch das Recht
diefer Scheidung ebenfo einleuchtend begründen zu
können. Denn diefes Erraffen der urfprünglichen Lebens-
beftände der Cultur ift eigentlich doch etwas zu Unbe-
ftimmtes, um noch Wiffenfchaft zu heifsen. Als ein nachfühlendes
Erleben mag es feine tiefe Berechtigung haben.
Wo es fich aber um wiffenfchaftliche Forfchung handelt,
da fehlen diefer Methode mit ihrer Abhängigkeit von
der gefchichtlichen Beftimmtheit einzelner Culturkreife
die unentbehrlichen Kriterien der Allgemeinheit und Notwendigkeit
. Wir ftofsen daher da, wo es fich um das
Gewinnen des Allgemeingiltigen handeln würde, auf
wiffenfchaftlich nicht fafsbare abftract-unbeftimmte Ausdrücke
wie: Schaffende Kulturpotenzen', ,urfprüngliche
Thatbeftände', .überzeitliche Gegenwart' (S. 33. 68),
.kulturhiftorifcher Zentralfonds' (S. 74). Der Verf. hat
daher wohl manche intereffante Betrachtung über das
Wahrheitsproblem angeheilt, aber kaum einen neuen
wiffenfchaftlichen Weg zur Löfung derfelben gezeigt.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Kempel, Dr. Franz, Göttliches Sittengesetz und neuzeitliches
Erwerbsleben. Eine Wirtfchaftslehre in fittenorgani-
fcher Auffaffung der gefellfchaftlichen Erwerbsver-
hältniffe. Mit einem Anhang über die wirtfchafts-
liberale Richtung im Katholizismus und über die
Frage der .chriftlichen' Gewerkfchaften. Mainz 1902,
F. Kirchheim, (XVI, 450 S. gr. 8.) M. 6.—

Das Buch will, wie der Titel andeutet, im Gegenfatz
gegen die ,einzelmenfchliche' Zerfplitterung wie gegen
die .famtmenfchliche' Zufammenfchweifsung eine ethifch-
organifche Ordnung des gefellfchaftlichen und des wirth-
fchaftlichen Lebens, aufgebaut auf der Grundlage des
.natürlichen und des geoffenbarten Sittengefetzes'. So
richtet es fich mit breiter Erörterung gegen .Liberalismus
' und ,Socialismus' wie gegen die mit jenem fich berührende
focial-politifche Richtung innerhalb des Katho-
licismus — in allem von ftreng römifch-hierarchifchem
Standpunkt aus. In den nationalökonomifchen Ausführungen
, befonders in den gefchichtlich-kritifchen Darbietungen
, ift manches Gute; aber die wiffenfchaftliche Begründung
der empfohlenen .fittenkörperlichen' Auffaffung
ift fchwach. Zwifchen den Irrthümern des Rationalismus
der claffifchen Wirthfchaftslehre und des Empirismus
der gefchichtlichen Richtung hindurch möchte der Verf.
zu dem von der göttlichen Offenbarung erhellten Natur-
und Vernunftrecht, dem göttlichen Sittengefetz führen.
Doch den Weg zeigt er eigentlich nicht. Diefe ganze
.moralphilofophifche' Gefellfchafts- und Wirthfchaftslehre
ruht fchliefslich nur auf den Vorausfetzungen des römifch-
katholifchen Syftems. ,Ein allgemeines chriftliches Sittengefetz
befteht'. .Aber diefes erhält feine unzweideutige
autoritative Auslegung und Anwendung einzig und allein
durch das Lehr- und Hirtenamt der katholifchen Kirche'
(S. 290). Entfprechend diefem allen wird der Proteftan-
tismus für alles Ungute undUngünftige in der Entwicklung
verantwortlich gemacht. Religiöfer, geiftiger, wirthfchaft-
licher .Individualismus' u. dergl. wird zufammengeworfen.
Die lutherifche Lehre von den guten Werken wie der
moderne Begriff der Weltbeherrfchung und alles mögliche
wird mifsverftanden. Dem Katholicismus wird
nachgerühmt, dafs er ,eine allzufcharfe Betonung der
menfchlichen Perfönlichkeit zurückweife' (S. 295), dafs
fein ,Panier die religiöfe, geiftige, fittliche, wirthfchaftliche
Gebundenheit und Autorität' fei (S. 310). Gewifs, alles
auf römifch-katholifche Art richtig! Richtig ift auch,
dafs der Kampf auf dem Boden des Wirthfchaftslebens
wie in der Vergangenheit fo auch in der Zukunft ein
Kampf zwifchen katholifcher und evangelifcher Lebens-
auffalfung fein wird. Im Sinn des weitfchauenden Uhlhorn
(.Katholicismus und Proteftantismus gegenüber der
focialen Frage') blicken wir auf die chriftkatholifche Gefellfchafts
- und Wirthfchaftslehre der Weifs, Pefch, Ratzinger
, Kempel u. a. Schriften wie die befprochene nützen
nicht viel; aber fie machen den Wunfeh mächtig, dafs
von der Wiffenfchaft, auch von feiten der Theologie,
mehr als es bisher gefchah, das evangelifch-proteftantifche
Leben in Beziehung auf alle feine Bethätigungen und
Wirkungen durch die ganze Sphäre des Gefellfchaftlichen
und des Wirthfchaftlichen hin gewürdigt werde. Denn