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Ausgabe:

1902 Nr. 21

Spalte:

577-578

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Richter, Julius

Titel/Untertitel:

Das Prinzip der Individualität in der Moralphilosophie Schleiermachers 1902

Rezensent:

Otto, Rudolf

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Seite 1

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577

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 21.

578

Mel.'s loci3 S. 26f.) bleibe unerwähnt. Dem Verf. gebührt
Dank für feine anregende Studie.

Giefsen. W. Köhler.

Stephan, Gymn.-Lehr.Lic. theol. Horft, Die Lehre Schleier-

machers von der Erlösung Dargeftellt und beurteilt, nötigen Ver^

giebt fich dabei ein intereffantes, wie es fcheint, nicht
recht beachtetes Refultat. Dafs die Idee der Erlöfung
das fpecififch Chriftliche fei, fafst Schi, fchon völlig fett
in den Reden l. Chrifti Bedeutung fchwebt nun hier noch
zwifchen zwei an fich offenbar ganz verfchiedenen Betrachtungsweifen
. Er ift einerfeits Entdecker der Idee der

Tübingen 1901, J. C. B. Mohr. (VII, 1S0S.gr. 8.) M. 3.60
Richter, Cand. min. et phil. Julius, Das Prinzip der Indivi

(Reden 1 S. 301). Andererfeits er ift felber Mittler, Quelle
der erlöfenden Kraft. Klar gegen einander treten beide ver-

dualität in der Moralphilosophie Schleiermachers dargeftellt ^^SSJ^f^^V1 n V^ihnachtsfeier'. Ernft
, , n Z , , r n r „ . , ic vertritt (Wf. S. 515 ff.) diefe, die praktifche, Eduard (S. 520ff.)

und beurteilt. Gütersloh 1901, C. Bertelsmann. (90 S. jene! die fpeculative. Aber diefe letztere giebt Schi, in-
gr. 8.) M. 1.20 zwifchen an die Fichte, Schelling, Hegel ab, und fie wird

Kügeigen, Conftantin von. Schleiermachers Reden und Kants
Predigten. Zwei Auffätze. Leipzig 1901, R. Wöpke.
(V, 53 S. 8.) M. I.H
.Stephan will den Begriff der Erlöfung als centralen
Begriff für die Glaubenslehre empfehlen, dabei Schleier-
macher's Gedanken wieder aufnehmen, vertiefen und zu
feinen eigenen reichen Confequenzen bringen. Die Schrift
ift reich an Gefichtspunkten und neuen Beleuchtungen, zugleich
etwas beladet durch Auseinanderfetzungen mit
MeinungenandererüberSchleiermacher (bef. mit A.Ritfehl).
Wenn fie fich ruhig aus fich heraus entwickelte und den
richtigen Sachverhalt fchilderte, würde fie am bellen un-

die leitende Idee der fpeculativen Theologie bis zu Bieder-
mann's ,Gefetz der Identification' und Lipfius' ,gewähr-
leiftendem Beifpiel'. Bei Schi, aber findet fie fich nur
noch anklingender Weife in Chrifti. Sitte, 1809, § 23—25.
Später behält bei ihm die Vorftellung ,Chriftus der Mittler,
als der fich felbft mittheilende und dadurch erlöfende'
ausfchliefslich Recht. — Dem Begriffe des Mittlers bei
Fichte, bei Novalis und in Reden 1 S. 9—12 nachzugehen,
wäre dienlich gewefen. — .Beinhalten' und .Beinhaltung
des Gottesbegriffes' (S. 155) find Sprachmonftra.

J. Richter giebt in feiner tüchtigen, bündig gefchrie-
benen, in ihrer Knappheit gehaltvollen Schrift die Ent-
wickelung deslndividualitätsgedankens bei Schleiermacher,

zulängliche Darftellungen verbeffern und beifeite fchieben. ! den epochemachenden Werth und die Unzulänglichkeiten
üb .Erlöfung' beffer als .Reich Gottes" .Rechtfertigung desfelben. Die Umgebung, Kant, Fichte kommen etwas zu
und Verföhnung' u. f. w. als Centraibegriff paffe, flehe kurzdabei weg. Leibniz hätte berückfichtigt werden müffen.
dahin. Jeder dieYer Termini ift zunächft nur Name, der mit Eine Darfteilung davon, wie Schleiermacher Eigenartig-
Inhalt erft erfüllt werden mufs. Wenn aus,Erlöfung'fich das i fein und Abgefondertfein unterfcheidet, jenes fordert und

eschatologifche (nämlich das jenfeitige und überfchwäng-
liehe) Moment des Chriftenthumes ,für phantafiebedürftige
Seelen' nur .ableiten' läfst (S. 95) und es nicht vielmehr
als höchft integrirenden Beftandtheil einfchliefst, fo taugt
diefer Centralbegriff nicht viel. Dafs Schi, in der Erlöfung
das Specififche des Chriftenthumes gegenüber der
Vernunftreligion fah, war gewifs fehr bedeutfam aber nicht

diefes bekämpft, jenes gerne Individualitat und diefes Per-
fonalität nennt, im Gebrauch der Termini aber nicht ftreng
ift, fondern fie fchon in den Reden und noch in der
Glaubenslehre vermengt, und wie er in feinem Urtheile
über den Werth der ,Perfonalität' wechfelt, hätte gleichfam
als Schatten der Hauptdarftellung nebenhergehen können.
Die Schrift von C. v. Kügelgen, hochmodern auseine
Entdeckung, fondern eine Erinnerung. Die fraterna , geftattet, giebt einen Abdruck von zwei Auffätzen aus der
Christi redemptio war in der dogmatifchen Schultradition j ,Chriftlichen Welt' und den .Kantlludien'. Warum die
kein vergeffener fondern ein felbftverftändlicher Titel, j .Reden' eine grandiofe Schöpfung von reformatorifcher
Sicherlich enthält Schl.'s Erlöfungslehre unverlierbare Bedeutung (S. 3) fein follen, wenn doch aus ihnen uns
bleibende Werthe; eben die, die der Verfaffer aufftellt: ,das verfteinernde Medufenhaupt des Pantheismus ent-
die Auffaffung der Perfon Chrifti als geiftiger Kraftquelle, gegenftarrt' und das Ganze im Grunde nicht.- anderes ift
der Gedanke des von Chrifto ausgehenden erlöfenden als romantifierter Spinozismus, begreift man nicht. Manche
Lebens, das Gemeinfchaft ftiftet und durch Gemeinfchaft Einzelirrthümer find auf kurzem Räume verfammelt. Kant
fortgetragen wird, die Idee des Urbildlichen, die angeblich hat das Epitheton des Zermalmers nicht von .Schopen-
.myftifche' in Wirklichkeit gerade pfychologifch durch- hauer' (S. 8) fondern von Mendelsfohn. Goethe ift nicht

Vertreter des franzöfifchen Naturalismus und der Lehre
Ckomme est machine, (S. 9) fondern der erklärte Gegner
von beidem, u. f. w. Der zweite Auffatz ,Kant als

fichtige, klare Uebermittelung und Beziehung aufChriftum,
das individuelle und das gemeinfehaftliche Ziel der Erlöfung
. Trotzdem bleibt fraglich, ob ein eigentlicher

Schulanfchlufs an Schi, heute noch möglich ift. Seine I Prediger' erwägt die Frage, ob Kant eine Predigt verfafst
Erlöfungs- und Chriftuslehre fleht und fällt mit dem | habe oder nicht, und fammelt einige Auslagen Kant's über
j ohanneifchen Chriftusbilde und mit einer primär nicht ! den moralifchen Zweck des Predigens. Weder was die

beiden Auffätze mit einander verbindet, noch die Noth-
wendigkeit ihresNeuerfcheinens hat dem Ref. eingeleuchtet.

Göttingen. R. Otto.

gefchichtlichen fondern dogmatifchen Auffaffung Jefu
Steht uns beides auch heute noch zu? Und das Wefent-
liche in feiner Erlöfungslehre ift Auffaffung der Sünde
als Ohnmacht, der Erlöfung als Befreiung von Gebundenheit
. Das ift gut herrnhutifch, aber die Luther'fche Auffaffung
, dafs der Uebel gröfstes nicht die Ohnmacht Leser, Priv.-Doc. Dr. Hermann, Das Wahrheitsproblem
fondern die Schuld und das erfle in aller Erlöfung die unter kulturphilosophischem Gesichtspunkt. Eine philo-
SündenVergebung fein muffe, ift tiefer. Und auch j fophifche Skizze- Lei ; ltJOI Dürr'fche Buchh.
le»itimer: vor dem Gleichnifse vom Weinltock und den ... 0 .

Reben gilt das vom Pharifäer und Zöllner und das Vater- ^ > 9° b' Sr- M- 2-~

unfer. — Ueber die äfthetifchen, moniftifchen, kantifchen Die vorliegende Schrift fleht im Wefentlichen aut

Einfchläge in der Schiffchen Erlöfungslehre würde Ref. dem Standpunkt R. Eucken's, berührt fich auch in

mit dem Verf. rechten. Von den Kantifchen Abgründen j manchen Punkten mit Clafs (Unterfuchungen zur Phäno-

des Intelligiblen, in die nach dem Verf. Schl.'s Erlöfungs- | menologie und Ontologie des menfehlichen Geiftes, 1896),

lehre, Chriitus, Kirche, Individuum, Gemeinfchaft fchliefs- zeugt aber zugleich von einer beachtenswerthen Selbft-

hch verfinken follen, kann Ref. nichts entdecken. Zu i ftändigkeit des Denkens, die ihre eigenen Wege fucht.

bedauern ift, dafs Verf. fein Gefchick der Unterfuchung Der Verf. hat bereits in einer befonderen Schrift

und Darftellung nicht angewandt hat, um der Entwickelung feinen erkenntnifs-theoretifchen Standpunkt begründet

des Erlöfungsgedankens bei Schi, nachzugehen. Es er- I (Zur Methode der kritifchen Erkenntnistheorie, 1900) und