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Ausgabe:

1902 Nr. 18

Spalte:

506-507

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Priebsch, Rob.

Titel/Untertitel:

Deutsche Handschriften in England 1902

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 18.

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Thatfache angefehen werden, dafs die bekannten Darftellungen
derGefchichte der Pädagogik im Reformationsjahrhundert
von Raumer, Schmidt, Ziegler, Paulfen u. a.
üch als durchweg zuverläffig erweifen, eine Thatfache,
die fich jedem Forfcher auf jenem Gebiete ebenfalls in
der Hauptfache beftätigt. Verdienftvoll ift es. dafs Mertz
im zweiten Abfchnitte auf 86 Seiten die Namen der
evangelifchen Pädagogen des 16. Jahrh. in alphabetifcher
Reihenfolge giebt und einige Notizen über den Lebenslauf
diefer Schulmänner unter Benennung ihrer ,bedeu-
tendften pädagogifchen Schriften' hinzufügt, dafs er ferner
von S. 457 bis 648 in einem ,Anhange' Auszüge aus den
pädagogifchen Beftimmungen der einfchläglichen Kirchen-
und Schulordnungen bringt, und dafs er dem Ganzen ein
umfangreiches Namen- und Sachregifter auf 32 Seiten
angehängt hat. Auf diefe Weife hat der Verf. feinem
Buche die Gertalt eines bequemen Nachfchlagebuches
gegeben, das man um fo lieber benutzen wird, als man
in ihm durchweg befonnenen und verrtändigen Urtheilen
begegnet. Im einzelnen wären allerdings manche Angaben
zu berichtigen. Ich notire nur folgendes. Die
Cateckesis daistiana des Camerarius (S.^88) ift Ueber-
fetzung des griechifchen Originals Kar^x't01? T°v XQ1'
ariaviofiov und wird fchwerlich bereits 1550 erfchienen
fein. Luk. Loffius ift nicht in Vacha (S. 110), fondern
in Veckerhagen geboren, auch hat er nicht einen, fondern
fechs Katechismen gefchrieben. Von Trotzendorf
ift nicht 1558 eine Catechesis sive methodus doctrinae
catedieticae etc. herausgegeben, der die Qiiaestioncs angehängt
worden, fondern von feinen Verehrern find zwei
Bücher diefes Pädagogen veröffentlicht, nämlich 1. Ca-
UckestS Scholae Gollbergcnsis 1558 und 2. Mcthodi Doctrinae
Catedieticae 1565. Das letztere enthält vier Katechismen
, als letzten die Qnaestioncs. Mörlin's Enchiridion
ift nicht 1544 (S. 127), fondern erft 1554 erfchienen. —
Ungern vermifst man, dafs bei den Notizen über die
,Schulmänner' nicht immer die neueften Biographien
benutzt worden find. Ich nenne u. a. die Arbeiten
meines Herrn Collegen Tfchackert über Speratus und
Ant. Corvinus. Dafs fo bedeutende Pädagogen wie Rein-
hardus Hadamarius und Joh. Monhemius nicht genannt
find ift ein Fehler. Befonders zu bedauern ift es aber,
dafs'der Verf. feine Unterfuchungen nicht über die Schulbuchliteratur
des 16. Jahrhunderts ausgedehnt hat. Wer
fich mit diefer Literatur etwas vertraut gemacht hat, vermifst
hier viel. Ich will es nicht tadeln, dafs Mertz der
Verfuchung aus dem Wege gegangen ift, die umfangreiche
katechetifche Literatur in feiner Arbeit aufzuführen
— die Zahl der evangelifchen Katechismen jener Zeit ift
in der That .überaus grofs' (S. 247) — aber eine eingehendere
Charakterifirung der hauptfächlichften Typen der
Auslegungen der kirchlichen Katechismusftücke gerade
für den Schulunterricht wäre doch gewifs am Orte ge-
wefen, wo es fich um die gefchichtliche Darfteilung des
Schulwefens im Reformationszeitalter handelte. Dasfelbe
gilt in noch höherem Maafse von den übrigen Schulbüchern
jener Zeit. Mertz begnügt fich meift damit,
einige Titel derfelben gelegentlich namhaft zu machen,
ohne dafs er auf ihren Inhalt weiter einginge. Und doch
bieten manche von ihnen einen unmittelbaren Einblick
in die Unterrichts- und Erziehungsmethode, die man
damals anwandte. Ich erwähne neben den erften Fibeln
und Lefebüchern, welche durchgängig die Katechismusftücke
enthalten, die mehrfprachigen Katechismen z.B.
denjenigen von Georg Major für die Magdeburger Schule
1531 u. ö., die Summula des Luk. Loffius, beide bieten
die Katechismustexte in niederdeutfeher und lateinifcher
Sprache, den preufsifchen Katechismus von 1545 (deutfeh
und preufsifch), der zweifprachigen Katechismen von
Neander und Selneccer (lateinifch und griechifch), des
vierfprachigen Katechismus von Clajus (deutfeh, lateinifch,
griechifch, hebräifch) und der lateinifchen Grammatiken
in deutfeher und lateinifcher Sprache, welche von ver-

fchiedenen Schulmännern verfafst find, nicht zu gedenken.
Aus diefen Büchern erfieht man, was und wie damals in
den Schulen gelehrt wurde. Befonders inftruetiv ift in
diefer Hinficht der S. 133 erwähnte Isagogicus libdlus
des Nigidius, der wie kaum eine andere Urkunde aus
dem 16. Jahrh. einen unmittelbaren Einblick in den pädagogifchen
Betrieb jener Zeit giebt. Vielleicht wird
diefer Hinweis den Verf. veranlaffen, feine Studien nach
der angedeuteten Richtung hin noch zu erweitern, damit
I bei einer etwa auszuarbeitenden zweiten Auflage feines
Buches deffen Werth durch Berückfichtigung des Ver-
mifsten noch gefteigert werde.

Göttingen. K. Knoke.

Priebsch, Dr. Rob., Deutsche Handschriften in England.

II. Band. Das British Mufeum. Mit einem Anhang über
die Guildhall-Bibliothek. Erlangen 1901, Fr. Junge.
(VII, 349 S. gr. 4.) M. 16.^

Nach fünfjähriger Paufe läfst Priebfch dem erften

I Bande feiner ,deutfchen Handfchriften in England', der
f. Z. allenthalben freudig begrüfst wurde, den zweiten
folgen. Die Furcht des Herrn Verf.s, mit feiner jetzigen
Gabe eine Enttäufchung hervorzurufen (f. Vorwort), da
er, durch Berufspflichten in Anfpruch genommen, fich
auf die Regiftrirung der Handfchriften des British Museum
befchränken mufste — der beigegebenen Hand-

I fchriftennotizen aus der Guildhall-Bibliothek, d. h. der
Library of the City of London find nur vier Nummern —
wird hoffentlich nicht in Erfüllung gehen. Natürlich waren
die wichtigften Handfchriften des B. M. den Forfchern bekannt
, aber es ift doch z. B. für das Gebiet der Refor-
mationsgefchichte — über die anderen Gebiete wage ich
nicht zu urtheilen — manches Unbekannte ans Licht
getreten (f. unten), vor allen Dingen aber wird jeder
dem Verf. dankbar fein müffen für die dargebotene,

j durch ein vortreffliches Regifter leicht benutzbar ge-

I machte Zufammenftellung der deutfehen handfehrift-
lichen Schätze des B. M. Man ift doch jetzt des An-
fragens in London überhoben und wird aus Priebfch's
Repertorium beffere Auskunft erhalten, als fie durch-
fchnittlich die Mufeumsbeamten zu ertheilen die Zeit
befafsen oder auch in der Lage waren. Dafs P. in der
Mittheilung von Proben aus den Hdfchr., da es fich um
ein leicht zugängliches Mufeum handelt, fparfamer ge-
wefen ift als im erften Bande, ift begreiflich und zu
billigen, doch wird wohl manchem Lefer, wie dem Ref.,
bei der Leetüre der Appetit nach Mehr gekommen fein.
Vielfach wird verwiefen auf Specialliteratur zu diefer oder
jener Hdfchr., doch hätte hier Verf. vielleicht mehr be-

I rückfichtigen können, dafs diefelbe, zumal wenn es fich
um englifche handelt, uns in Deutfchland fchwer zu-

| gänglich ift; dann wären die Mittheilungen noch reichlicher
ausgefallen (z. B. zu Nr. 241).

Die 324 Hdfchr. des B. M. vertheilen fich auf fieben
Sammlungen: die Cotton-Sammlung (Nr. 1—6) die Har-
leian-S. (Nr. 7—36), die Sloane-S. (Nr. 37—56), die Arun-
del-S., bemerkenswerth dadurch, dafs ihren Hauptftock
ein Theil der Bibliothek Willibald Pirkheimers ausmacht
(Nr. 57—81), die Burney-S. (Nr. 82—84), die Egerton-S.
(Nr. 85—106), und die grofse Sammlung der Additionais.

Dafs unter den mittelalterlichen Hdfchr. — ich
hebe hier und im Folgenden nur das theologifch Intereffante
heraus— eineReihe von Gebetsfammlungen,Breviereu.dgl.
fich befinden, ift felbftverftändlich. Auch Recepte, volkskundlich
werthvolle Wundfegen und Volkslieder find vorhanden
und z. T. mitgetheilt. (Die Lutherforfcher feien
auf das Sprichwort S. 94: din acker ift gefewet, din Korn
ift gefniten, din iungeft brot ift gebacken, hingewiefen; vgl.

I Thiele: Luther's Sprichwörterfammlung Nr. 72). An Mefs-
ritualen, Litaneien, Paternofter fehlt es auch nicht. Der
Nr. 15 verzeichnete ,Tractat von der Meffe' ift allem