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Ausgabe:

1902 Nr. 18

Spalte:

500-502

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steck, Rudolf

Titel/Untertitel:

Der Berner Jetzerprocess (1507-1509) 1902

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 18.

500

12. —13. Jahrhunderts. Die bemerkenswertheften Stücke
find vielleicht die beiden letzten. — Nr. VI, das Sacra-
mentarium abbatiae S. Remigii Remensis, exiftirte einft
in Reims in einer alten Handfchrift. Diefelbe war in
jeder Weife genau datirt auf die Jahre 798:800, und mit
Miniaturen gefchmückt. Vermuthlich ift fie bei dem
grofsen Brande von 1774 untergegangen. In Paris aber

giebt es eine Abfchrift, zwar unvollftändig, aber ge- Nik. Paulus (1897, Bd. XVfll, Heft 3) unter dem, wie
nügend; und diefe giebt Chevalier in ihren charakterifti- Steck fagt, .marktfchreierifchen' Titel ,Ein Juftizmord an
fchen Beftandtheilen heraus. — Nr. VII endlich, das Pro- vier Dominikanern begangen, aktenmäfsige Revifion des

Steck, Prof. Dr. R., Der Berner Jetzerprocess (1507—1509)
in neuer Beleuchtung, nebft Mitteilungen aus den noch
ungedruckten Akten. (Aus: Schweizerifche theologifche
Zeitfchrift.) Bern 1902, A. Francke. (III, 87 S.
gr. 8.) M. 1.60

In den Frankfurter zeitgemäfsen Brofchüren hat Dr.

sarium ecclesiae Remensis, hat Sabatier, der Biograph
des h. Franz, in Affifi entdeckt; Chevalier erkannte feinen
Reimfer Urfprung. Die Ausgabe desfelben vermehrt

Berner Jetzerproceffes von 1509', eine neue Unterfuchung
jenes fenfationellen Wunderichwindeis gegeben, der
nicht nur vier Mitgliedern des Predigerordens den Tod

wefentlich unfere Kenntnifs der mittelalterlichen Poefie. auf dem Scheiterhaufen brachte, fondern neben dem

In der zweiten Studie treffen wir den Verf. in einem Reuchlinhandel dem Holzen Orden der Ketzerrichter und

hitzigen Streit gegen die Echtheit einer berühmten Re- Inquifitoren den ftärkften Stöfs verfetzte und der Refor-

liquie, des h. Sudariums, das zuerft in Lirey auftaucht, ! mation in Bern vorarbeitete. Paulus war in fcharffinniger

dann nach Chambery und endlich nach Turin gelangt ift. i Unterfuchung zu dem nicht nur für Bern, fondern für

Die in der Sarbonne vorgelegte Studie ift nicht die erfte die weiteften Kreife überrafchenden Ergebnifs gekommen:

Aeufserung des Verf.s in diefer Frage; feine Gegner 1 die vier Mönche find unfchuldig verbrannt worden. Der

haben inzwifchen dafür geforgt, dafs es auch nicht die j wahre Schuldige ift der Schneider und Laienbruder Hans

letzte blieb. Denn er hat natürlich nicht nur die Geift- Jetzer. Die Vei urtheilung der von Jetzer betrogenen

lichkeit in Turin, fondern auch einen Theil des fran- J Mönche fällt der Berner Obrigkeit zur Laft. Begrcif-

zöfifchen Episkopats gegen fich. Ueber den Gegenfland Hcher Weife erregte die Schrift im Zeitalter der

kann man fich kurz in v. Dobfchütz'Chriftusbildern I 74fr. i Rettungen, das felbft einen Tetzel rein zu wafchen

orientiren. Kommt man von den kurzen Bemerkungen wagt, Auffehen, Bedenken und Widerfpruch. Der ver-

dort zu den Ausführungen Chevalier's, fo hat man wieder diente Herausgeber der Acten des Jetzerproceffes, G.

einmal Gelegenheit fich zu erftaunen über die Maffe von j Rettig, ift über der Abfaffung einer Gegenfchrift geftorben.

Literatur aus alter und neuer Zeit, die fich um berühmte I Nun hat R. Steck, der Vertreter der' prot. Theologie

Reliquien geradezu aufgethürmt hat. Wer fich mit der j an der Univerfität Bern, den Jetzeiprocefs auf Grund

Reliquiengefchichte in der zweiten Hälfte des Mittel- j eines reicheren Materiales neu unterfucht. Denn Paulus

alters befchäftigt, wird hier viel einfehlägiges Detail j hatte die Procefsacten nur, foweit fie Rettig im Archiv

finden. Wie oft find im Intereffe des heiligen Befitzes : des hiftorifchen Vereins des Kantons Bern Band XI ver-

die einfachften littlichen Grundfätze von hochftehenden j öffentliche hat, etwa ein Drittel des Ganzen, benützen

Perfönlichkeiten verletzt worden! Was hat man nicht [können, doch bot ihm Anfhelm's Berner Chronik

Alles gethan, um ein Stück erften Ranges zu fchaffen ! einigen, aber unzureichenden Erfatz, da Steck nachweift,

oder fich zu befchaffen! So gleichgiltig uns die Turiner I ,wie Anthelm die Acten fehr genau gekannt hat. Da-

Reliquie ift, fo hat der Streit um fie doch Seiten, die > gegen hat Paulus das bisher nicht genug beachtete

uns intereffiren. Nicht am wenigften der Verf. felbft. , Defenforium, welches die wahrheitsgetreuen Berichte

Man hat nach der Leetüre feiner Streitfchrift von ihm der Angeklagten über die Ereignifse in ihrem Klofter

den Eindruck eines ehrlichen Mannes, dem es um nichts j wiedergiebt, herangezogen. Steck hat fich nicht auf

als um die Wahrheit zu thun ift. diefes Material befchränkt, fondern die Procefsakten in

t^- ■ „l„„ • p„ Tj ArVi^lia i ihrem ganzen Umfange durchgearbeitet und fafst fein

Königsberg 1. rr. ri. zvcneiis. , _ ,. . » *> &

" _ Schlufsurtheil dahin zufammen, ,dafs die Akten zwar

Beissel, Stephan, S. J, Das Evangelienbuch Heinrichs III. fm^es enthalten, womit Dr. Paulus berichtigt werden
' 1 ' J ' . , , , kann, aber noch weit mehreres, was feiner Anficht zur

aus dem Dome zu Goslar in der Bibliothek zu Upfala [ BeftätjgUrig dient' (S. 3).

in feiner Bedeutung für Kunft und Liturgie. Mit einer J Hatte Rettig bei der Veröffentlichung der Acten
Einleitung von Domcapit. Alexander Schnütgen. Mit fich dem Eindrucke nicht entziehen können, dafs Jetzer,
1 Lichtdruck und 10 Abbildungen. Erweiterter Ab- j ,ein moralifch ganz verkommenes Subject', jedenfalls

. . , v .., . r. f.. , /vu„ua t^.,„a n;;rr„i I ein gewiffes Maafs der Schuld treffe, hatten fchon 1509
druck aus der Zeitfchrift für chriftliche Kunlt. Dullel- ! . R> r , c . . rr' r c u .

in ßern ucn stimmen verlauten laffen, dafs ,der Schelm
dorf 1900, L. Schwann. (47 S. 4.) M. 2.40 ; jetzer alles gethan habe und den vier Mönchen ge-

Der bekannte, eifrige Editor befchreibt hier ein fchehe ebenfo grofs Unrecht und Gewalt, wie dem

hochgelehrten, heiligen Savonarola', fo wird man vielmehr
unbedingt anerkennen müffen: Der grofsartige
Betrug, der fich bald nach der Aufnahme Jetzer's im
Predigerklofter zu Bern abzufpielen begann, ift in erfter
Linie das Werk diefer minderwerthigen Perfönlichket,

Evangelienbuch in Upfala, das vom Hofe Heinrich's III.
in Goslar flammt, und führt feinen Bilderfchmuck in
hinreichenden Abbildungen dem Lefer vor Augen. Er
fetzt die Prachthandfchrift in Verbindung mit einund-
dreifsig anderen liturgifchen Handfchriften aus der Wende

zeit des erften Jahrtaufends, die man bisher wohl als '■■ welche die Kunft verftand, fremde Stimmen nachzu-
Producte einer und derfelben Malerfchule in Cöln oder' ahmen. Die Verfchwörung auf dem Wimpfener Provinzial-
Trier auffafste. Der Verf. ergänzt die bisherige Behand- 1 capitel ift ebenfo eine freie Erfindung Jetzer's, wie der

lung der Frage, die fich gewöhnlich auf kunftgefchicht-
liche Kriterien befchränkte, durch wichtige lituigifche
Beobachtungen, die fich vor Allem auf den, den Evangelienbüchern
angehängten, Comes erftrecken, und macht
es einleuchtend, dafs die Handfchriften fchwerlich derfelben
Schreibftube entflammen. Er glaubt an ver-
fchiedene Zweige derfelben Schule, die wohl an ver-
fchiedenen Orten Sü ldeutfchlands zu Haufe war, aber
überall in naher Beziehung zum Hofe des Kaifers ftand.

Königsberg i. Pr. H. Achelis.

Name des Priors Heinrich Kalpurg aus Solothurn, den
der Herausgeber der neuen Ausgabe von Anfhelm's
Berntr Chronik 35s Anm. noch als hiftorifche Per-
fönlichkeit gelten laffen will.

Ift die Erfcheinung der gekrönten Maria auf dem
Lettner unbeftreitbar ein Werk des dabei entlarvten
Schneiders, fo müffen auch alle anderen Erfcheinungen
auf feine Rechnung gefetzt werden. Allerdings ift noch
vieles fehr dunkel und fchwer zu erklären, folange nicht
die Acten, insbefondere die Verhörprotocolle, vollftändig
gedruckt find. Schon Paulus hat es dem Dominikaner-