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Ausgabe:

1902

Spalte:

465-469

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweitzer, Albert

Titel/Untertitel:

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums 1902

Rezensent:

Hollmann, Georg

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 17.

16. Auguft 1902.

27. Jahrgang.

Schweitzer. Das Abendmahl im Zufammen-
hang mit dem Leben Jefu und der Gefchichte
des Urchriftentums, 2 Hefte Möllmann).

McGiffert, The Apostles Creed (Kattenbufch).

Haas, McGiffert on the Apostles Creed (Derf).
Berger, Les Bibles Castillanes (Friesland).
Frey tag, Wie Danzig evangelifch wurde.
(Köhler).

Hoennicke, Studien zur altproteftantifchen
Ethik (Ritfehl).

Mausbach, Die katholifche Moral (Wendt).

Schweitzer, Lic. Dr. Albert, Das Abendmahl im Zusammen- Feier. Combinirte man beide Momente, fo kam man

hang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristen- nie uber die Halbheit hinaus. Sowie dagegen das eine

tj a. o t t r n M^br m a oder andere Moment ftärker betont wurde, fchwand in

tums. 2 Hefte, er. 8. 1 ubingen iqoi, J. i_. r>. ivionr. ivi.4.— , „ , , ,. , ... - . ,' _ . ,

B r demfelben Grade das Verftandntfs, fei es der Gemeinde-

1. Das Abendmahkproblem auf Grund der wilTenfchaftlichen ( feieri fei es der hjftorifchen Feier. Da nun aber andere

Forfchung des 19. Jahrhunderts und der hiflorifchen Berichte. (XV, | Wege als die Betrachtung des Genufs- oder Darftellungs-

62 s.) M. 1.60. - 2. Das Meffianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine j m0mentes nicht gedacht werden können, fo fcheint

Skizze des Lebens Jefu. (XII, 109 S.) M. 2.40. die Situation eine verzweifelte zu fein. Nur eine Mög-

In einer ausführlichen Vorrede weift der Verfaffer, j lichkeit bleibt übrig. Die gemeinfame Grundvoraus-

der fich inzwifchen an der Univerfität Strafsburg habili- fetzung aller bisherigen Auffaffungen mufs falfch fein,

tirt hat, darauf hin, dafs die vorliegenden, aus einer ' Sie beftand darin, dafs man die Gleichnifse, auf denen

Examensarbeit erwachfenen Abhandlungen, befonders das Darftellungsmoment ruht, in einen caufalen Zu-

an Schleiermacher gelernt haben. Schleiermacher wird 1 fammenhang fetzte mit der Mahlzeit, auf der das Ge

als ,der Hume der Caufalitätsfrage im Abendmahls
problem' bezeichnet. Die Arbeit, die unabhängig von
der modernen Forfchung entftanden ift, .verfolgt den
praktifchen Zweck, die hiftorifche Grundlage unferer
modernen Abendmahlsfeier abzugeben und das Beftehende
gefchichtlich zu rechtfertigen'. Der erfte Haupttheil des
erften Heftes behandelt die Gefchichte des Abendmahls-
problems im 19. Jahrhundert. Das Intercffante und auf
jeden Fall Verdienftliche an diefen Ausführungen liegt
in dem Nachweis, dafs fich fämmtliche Abendmahlsauf-
faffungen auf zwei Haupt- und zwei Nebentypen zurückführen
laffen. Entweder wird nämlich das Darftellungsmoment
in den Vordergrund geftellt, d. h. ,das Handeln
und Reden Jefu während der hiftorifchen Feier', oder
aber das Genufsmoment wird betont, d. h. Effen und
Trinken der Theilnehmer am Mahl. Dies die beiden
Haupttypen. Die zwei Nebentypen ergeben fich durch
Combinirung des Darftellungs- und des Genufsmomentes
unter Hervorhebung bald des einen oder des anderen.
Wenn man auch fchon in der bisherigen Forfchung auf
den eben dargelegten Hauptunterfchied aufmerkfam geworden
war, fo hat doch der Verf. zuerft fämmtliche
Auffaffungen mit principieller Schärfe in diefes Schema
eingegliedert. Die Claffificirung ift m. E. im allgemeinen
richtig. Ueber Einzelheiten kann man ftreiten. Schmiedel
dürfte S. 9 nicht an richtiger Stelle flehen. Man kann
bei ihm de facto nicht von einer abgeleiteten Geltendmachung
des Genufsmomentes reden. Dann könnte man
eben fo gut Jülicher wenigftens nach feiner Abendmahlsdefinition
dorthin rechnen, während ihn der Verf. doch
mit Recht den Auffaffungen mit einfeitiger Geltendmachung
des Darftellungsmomentes eingegliedert hat.
Da er hier Schmiedel noch einmal bringt, tritt derWider-
fpruch klar zu Tage. Was foll aber diefe ganze Claffificirung
: Ift fie lediglich eine intereffante Spielerei? Keineswegs
. Der Verf. hat aus diefer Betrachtung der Gefchichte
des Problems gelernt, dafs ein neuer Weg befchritten
werden mufs. Die bisherigen Wege haben alle in eine
Sackgafte geführt. Legte man das Darftellungsmoment
zu Grunde, fo konnte man wohl die hiftorifche Feier
erklären, aber nicht die Gemeindefeier. Legte man das

nufsmoment ruht. Aus der vermutheten chronologifchen
Folge von Gleichnifsen und Genufs hat man eine caufale
Folge gemacht. Hier fteckt der Fehler. Feier und
Gleichnifse müffen getrennt werden. Nur dann ift eine
Löfung des Abendmahlsproblems denkbar. Das kann
man aus der Gefchichte diefes Problems lernen. So
fcharffmnig und überrafchend diefe Ausführungen find,
fie zeigen einen durch, philofophifch.es. Denken gefehulten
Geift, beweifend find fie nicht. Zunächft bei der bisher
angenommenen caufalen Folge ift lediglich die Zugrundelegung
des Genufsmomentes als unmöglich erwiefen. Von
da aus kann in der That die hiftorifche Feier nie erklärt
werden. Dagegen ift die vom Darftellungsmoment ausgehende
Auffaffung nicht dadurch bereits discreditirt,
dafs fie die Gemeindefeier nicht zu erklären vermag.
Zwifchen der hiftorifchen und der Gemeindefeier können
für uns bis jetzt, vielleicht für immer, unmefsbare fremdartige
Einwirkungen liegen. Die Taufe kann das veran-
fchaulichen. Sie wurde von Anfang an geübt, fie rührt
nicht von Jefus her. Man kann zweifelhaft fein, ob für ihre
Fntftehung die Johannestaufe oder jüdifche Wafchungen
oder anderen Myfterienriten in Betracht kommen. Mit
der Behauptung, dafs unfere Berichte ,einem folchen
Beginnen vollftändig fremd und ablehnend gegenüber-
ftehen', ift nichts gemacht. Wird dagegen die bisher angenommene
caufale Folge abgelehnt, fo kommt man,
wie ich fpäter zeigen werde, erft recht nicht zu einer
befriedigenden Erklärung. In einem zweiten erheblich
kürzeren, noch nicht 20 Seiten umfaffenden Theil werden
die hiftorifchen Berichte gewürdigt. Sehr mit Recht wird
der Text von D als auf Reflexion beruhend hingeftellt. Das
Charakteriftifche der dann folgenden Ausführungen liegt
darin, dafs der Mc.-Text als der authentifche erwiefen wird.
Während wir nämlich bei Mt., Paulus, Lc. Juftin ein Princip
der Gleichbildung von Brot- und Weinfpende nachweifen
können (darin hat der Verf. Recht), ift diefes Princip bei
Mc. noch nicht wirkfam. Diefer Bericht ift alfo noch nicht
durch die Gemeindefeier beeinflufst. Bei dem zweiten Acte
fehlt die Aufforderung zum Genufs. Wir haben ftatt deffen
die Conftatirung des Genuffes. Das Kelchwort kommt
erft, nachdem alle getrunken haben. Auch hier ift die

Genufsmoment zu Grunde, fo konnte man umgekehrt | Argumentation des Verf.s geradezu beftechend, aber
die Gemeindefeier erklären, aber nicht die hiftorifche | nicht beweifend. Indem ich auf meine eigenen Ausfüh-

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