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Ausgabe:

1902 Nr. 13

Spalte:

376

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Houtin, Albert

Titel/Untertitel:

La controverse de l‘apostolicité des églises de France au XIX siécle 1902

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 13.

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adque omnium dominum me sentiam, mortalem me esse
cognosco et quandoque huius regni gloriam relicturum
intellego, quaerenda igitur iam aeterno: adque sublimia
illa quae ab aeterno deo et a sublimi deo discendunt,
quae divinae leges promittunt, quae sacra fili dei polli-
centur, quae post huius vitae decursum ab ipso filio dei
Sponsore exhibentur. brevis igitur huius temporis gloria
äeponatur ut per fidem <C gloria? ~~> sine finepossideatur,
quo') ipse secundum sacram dei legem post vineuli
<C post fi> mortem daturum immortalitatem, post brevissi-
mam vitam <T, vitam ift wohl zu wiederholen ~fi> sine
fine polliceri", et cetera'.

Mercati bemerkt dazu: „Ora sarebbe da determinare
lo scritto2) di Constantino, da cui fu tolto il passo; ma
debbo confessare che finora ne vi sono riuscito io, ne
altri ben piü competenti di me. Solamente m'e dato
segnalare un tratto dei panegirico d'Eusebio, in cui egli
attribuisce a Costantino sentimenti simili a quelli espressi
nel nostro frammento, seil, de laudib. Constant. 5 5. Perb,
che sentime?iti tali l'imperatore abbia consegnati a un
documento ufficiale, no so se sia facile amtnettere. Meglio e
pensare che in un discorso religioso 0 famigliare a
publico, quäle ad es. e l'orazione „Ad Sanctum coetum"
giunta sino a noi'.

Ich glaube, wenn man das Stück fcharf ins Auge
fafst, doch um einen Schritt weiter kommen zu können
auf dem richtigen Wege, den M. angegeben hat.

1) Das Stück ift einer RedeConftantins entnommen,
2) es (lammt, der ftrengen chriftlichen Haltung und
den Todesgedanken zu Folge, aus dem Ende der Regierungszeit
des Kaifers, 3) es ift ein ,Memento mori',
das fich der Kaifer felbft: zugerufen hat, 4) in der
Rede war der Vergeltungsgedanke betont; denn das
Citat ift angefchloffen an Stellen aus dem Deuteronomium,
die ihn enthalten, fpeciell an die Stelle Deut. 2924—28
(.darum ift des Herrn Zorn ergrimmt über das Land,
dafs er über dasfelbe hat kommen laffen alle Flüche,
die in diefem Buche gefchrieben flehen u. f. w.'). Die
Einführungsformel des Citates (,Hoc ins divinum, has
scripturas sanetas defendit Constantinus dicens') bezieht
fich auf eben jene Schriftftellen. 5) Die Rede mufs in
weiteren Kreifen bekannt gewefen fein, denn der Verf.
bricht das Citat mit ,et cetera' ab (ganz wie er es bei
Bibelftellen thut), ja er bricht es vor der Pointe ab; j
denn die Strafandrohung, auf die es ihm in feinem Zu-
fammenhange ankam, fehlt noch; augenfeheinlich rechnete
er auf Kenntnifs der Rede bei feinen Lefern. Welche Rede
ift dies nun? Läfst fie fich nicht nachweifen?

Bei Eufebius (Vita Constant. IV, 55) lefen wir: .Bemerkenswerth
ift, dafs der Kaifer gegen Ende feines
Lebens eine Art von Leichenrede vor feinem gewöhnlichen
Auditorium [alfo vor der Hofgefellfchaft] gehalten
hat. Weit ausholend kam er auf die Unfterblichkeit der
Seele zu fprechen, ferner auf diejenigen, die das
gegenwärtige Leben fromm verbracht haben, weiter auf
die Güter, die den Gottliebenden im Himmel aufbewahrt
feien. Aber er machte auch durch ausführliche
Beweife klar, welches Ende die Claffe der Anderen
nehmen werde, xmv dd-ecov xijv xaxaozQocpqv JtaQadiöovq
xfj ynacpy. . . . Indem er fo vor feinem Ende mit feinen
Freunden verkehrte, fGhien er fich felbft den Weg in
das beffere Leben zu bahnen und zu erleichtern'.

Dafs diefe Rede dem Eufebius fchriftlich vorgelegen
hat, ift fehr wahrfcheinlich; er hätte fonft nicht ihren
Inhalt fo genau angeben können. Das uns erhaltene
Fragment pafst nun in jedem Sinne vortrefflich, ja
frappant zu diefer Rede. Es ift mir daher fehr wahrfcheinlich
, dafs unfer Anonymus eben diefe Anfprache
vor fich gehabt hat. Sie mufs in weiten Kreifen circulirt
haben als ejcixT/öetoq Xoyoq, den fich Conftantin felbft ge-

1) Der Schlufsfatz ift hoffnungslos verdorben.

2) Mit Recht bemerkt M., dafs an mündliche Ueberlieferung nicht
gedacht werden kann.

halten hat, und fie mufs in folchem Anfehen geftanden
haben, dafs man es wagen durfte', aus ihr Citate neben
Bibelcitaten zu bringen.

In der Rede fällt auf, dafs Conftantin fich felbft
,sublimissimus' nennt, die Gottheit aber ,sublimis':
Da haben wir bereits den .Allerhöchften', den Kaifer,
und den ,Höchftenl, Gott. Merkwürdig ift die Neben-
einanderftellung ,ab aeterno deo et a sublimi deo'. Die
,sacra' filii dei find die Myfterien; der filius dei als
,sponsori ift nicht zu überfehen. Der sjuxrjÖEioq Xoyoq
ift deutlich in den Sätzen: ,mortalem me esse cognosco
et quandoque huius regni gloriam relicturum intellego' und
,brevis huius temporis gloria deponatur', ausgeprägt.—

Aus den arianifchen Fragmenten fei noch die Klage
hervorgehoben: ,Causa nobis maxime est adversus eos
qui se. dicunt orthodoxos, qui ecclesias nostras invaserunt
et more tyrannico obtinent'. Diefelbe Klage führte Diodor
(Pfeudojuftin) wenige Jahre vorher im Orient gegen
die Arianer.

Berlin. A. Harnack.

Houtin, A., La controverse de l'apostolicite des eglises de
France au XIX8 Siede. Deuxieme edition, revue et
augmenteT. Paris 1901, A. Fontemoing. (136 S. gr. 8.)

Eine Reihe von Kirchen Frankreichs führen ihren
Urfprung auf apoftolifche Zeit zurück. Petrus oder
Clemens von Rom follen die Männer ausgefandt haben,
die diefe Kirchen gründeten; auch andere Legenden find
in Cours. Schon die Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts
haben diefen Fabeleien, die weiter nichts find
als eine Ausdeutung des von der katholifchen Kirche
angewendeten Prädicates ,apoftolifch', den Todesftofs verfetzt
, und wenn wir Houtin Glauben fchenken, waren fie
auch bis in das zweite Viertel des 19. Jahrhunderts aus
den liturgifchen Büchern der franzöfifchen Kirche verbannt
. Da aber erleben fie eine Auferftehung. Die .Frommen
' glauben es ihrer Frömmigkeit fchuldig zu fein, an
die apoftolifche Gründung der Kirche Frankreichs zu
glauben. Priefter und Mönche vertheidigen fie. Dagegen
reagirt aber der kritifche Sinn hiftorifch gefchulter Theologen
und es entbrennt ein heifser Kampf, der auch jetzt
noch nicht beendet ift. Houtin hat in intereffanter und
unparteiifcher Weife diefen Kampf gefchildert; er leugnet
keineswegs, dafs er nicht auf Seiten der Traditionaliften
fleht, discutirt die Fragen felbft nicht, fondern erzählt
nur den Verlauf des Kampfes. Für die Kenntnifs der
geiftigen Strömungen innerhalb des franzöfifchen Klerus
ift fein Büchlein von grofsem Intereffe. Sehe ich recht,
fo ift der Ultramontanismus für das Nachlaffen der kriti-
fchen Stimmung im franzöfifchen Klerus verantwortlich
zu machen; jetzt hat fich die Verfchiebung vollzogen,
dafs die wiffenfehaftlich arbeitenden Theologen, wenn
fie auch gut römifch gefinnt fein wollen, Gegner der
Traditionaliften find, während Kirchenfürften und prak-
tifche Geiftliche, wie es fcheint, ihrem gröfsten Theile
nach in der Zerftörung der Legenden eine Gefahr für
die Kirche erblicken. Es kann wohl nicht zweifelhaft fein,
dafs der Wortführer der Antitraditionaliften, L. Duchesne,

— dem fich auch die Bollandiften angefchloffen haben, —
das Feld behaupten wird; die Entgegnungen gegen feine

— im Hinblick auf die kirchlichen Verhältnifse Frankreichs
— überaus kühnen Nachweife find fo fchwächlich
ausgefallen, dafs fie kaum Beachtung verdienen. Man
kann fich darüber fchon nach Houtin's Buch ein genügendes
Urtheil bilden. Natürlich bleibt es eine offene
Frage, ob die .kirchliche' Partei Frankreichs nicht doch
den Willen und die Macht hat, den Freimuth der Hi-
ftoriker totzufchlagen.

Halle a. S. G. Ficker.