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Ausgabe:

1902 Nr. 12

Spalte:

357-358

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rose, Père V.

Titel/Untertitel:

Études sur les Évangiles 1902

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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357

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 12.

358

bindung des höchften fittlichen Lebensziels mit der
frohen Gewifsheit eines ewigen Heils ift die Formel, in der
fich die gefchichtliche Bedeutung der Erfcheinung
Jefu Chrifti zufammenfafst', und mit der fich fchliefslich
auch die in höchft eigenartiger und werthvoller Schlufs-
betrachtung (Vergleichung Jefu mit dem Täufer, mit |
Hillel, den a. t. Propheten, mit Plato und der Stoa, mit |
Kongtfe, Muhammed, und Gotama-Buddha, S. 400—416)
urkundlich erwiefene unendliche Ueberlegenheit der J
Welt- und Lebensauffaffung Jefu über alle anderen reli-
giöfen und philofophifchen Erfcheinungen am beflen aus-
fprechen läfst. Dafs diefes ,Chriftusbild' am intenfivften
in der ev. ,Confeffion' nachwirkt, aber ihr auch ,wachfen'
mufs und fie verpflichtet, ,ihre kirchl. Einrichtungen nicht
nach der katholifchen Geftalt zurückzubiegen, fondern
dem einfachen Evangelium Jefu immer mehr anzu-
paffen' (S. 416) — das werden wir uns zum Schlufse gerne
vom Verf. zurufen laffen.

Wir find zu Ende. Mufsten wir dem Verf. auch
öfters in wichtigen Punkten widerfprechen, fo durften
wir ihm doch noch viel häufiger zuftimmen und uns an
der Tüchtigkeit und Gründlichkeit, womit er feine Aufgabe
zu löfen verfucht hat, erfreuen.

Ref. empfiehlt H.'s treffliches, auch durch eine gute
Diction ausgezeichnetes und durch eine vorzügliche Inhaltsangabe
(XI—XIV) fowieein fehr ausführliches ,Stellen-
regifter' (S. 419—429) noch lesbarer gemachtes Buch allen
gelehrten und praktifchen Theologen und insbefondere
auch allen Theologie-Studierenden dringend zu
ernftem Studium. Sie werden, wie fie auch dogmatifch
oder kritifch flehen mögen, reiche Belehrung und Förderung
daraus fchöpfen.

Friedberg i. Heff. D. W. Weiffenbach.

Rose, Prof. Pere V., O. P., Etudes sur les Evangiles. Le

Tetramorphe — La conception surnaturelle — Le
Royaume de Dieu — Le pere Celeste — Le fils de
l'homme — Le fils de Dieu — La redemption — Le
tombeau trouve vide. Paris 1902, H. Welter. (IV, XIV,
336 S. gr. 8.)

Diefe mit dem Imprimatur des Erzbifchofs von Paris
verfehene Schrift umfafst acht Studien, die theils einen
hiftorifch-kritifchen, theils einen biblifch-theologifchen
Charakter an fich tragen, fämmtlich aber einen apologeti-
fchen Zweck verfolgen. Nr. I: Le Tetramorphe (S. 1—38)
vertheidigt, in längerer Auseinanderfetzung mit Harnack,
die in der katholifchen Kirche geltende Tradition von den
kanonifchen Evangelien, die von Anfang an gegen die
apokryphifchen Evangelien fehr fcharf abgegrenzt gewefen
fein f ollen. Nr. II: La conception surnaturelle de Jesus
(S. 39—84) ift eine exegetifche und religionsgefchichtliche
Unterfuchung, deren Ergebnifs zur Beftätigung des Satzes
conceptus de Spiritu Sancto, natus ex Maria Virgine dienen
foll: nicht erft auf griechifchem Boden ift diefes Dogma
entftanden, es ift der Ausdruck einer wirklichen, durch
aramäifch-paleftinenfifche, im Lucasevangelium verwerthete
Urkunden bezeugte Thatfache. ,Es ift wenig wahrfchein-
lich, dafs Paulus diefes Ereignifs verworfen hat, das fein
Jünger Lucas erzählt.' — Nr. II: Le royaume de Dieu
(S. 84—126) fucht vornehmlich den geiftigen und den umverteilen
Charakter der Auffaffung Jefu vom Gottesreiche
darzuthun. Nicht erft die Apoftel und Evangeliften, fondern
bereits Jefus hat diefes Reich den Heiden erfchloffen.
— Nr. IV: Le Pere Celeste (S. 127—156) zeigt, in welchem
Sinne Jefus der Menfchheit die Vaterfchaft Gottes geoffenbart
und vermittelt hat. ■— Nr. V: Le Fils de l'komme
(S. 157—182) deutet die häufigfte Selbftbezeichnung Jefu
als ein titre Programme, wodurch Jefus fein Berufswerk
als des Gründers des Gottesreiches bezeichnet hat; doch
ift diefer dem Buche Daniel entlehnte Name bei den

Zeitgenoffen, die ,von einer Gründung des Gottesreiches
durch Jefus nichts bemerkten', unverftanden geblieben.
Die fehr forgfältig geführte Unterfuchung des VI. Stückes:
Le Fils de Dieu (S. 183—217) Hellt die verfchiedenen Bedeutungen
des Prädicates feit, findet aber fchliefslich in
den neuteftamentlichen Schriften einen religiöfen Con-
fenfus, welcher fich wefentlich mit dem in der Kirche
gelehrten metaphyfifchen Sinne des Wortes decken foll.
Nr. VII: La Redemption (S. 218—270) will beweifen, dafs
Jefus felbft den Gedanken feines Opfertodes {sacrifice
expiatoire) für die Menfchen {sacrifice vicaire) klar und
beftimmt ausgefprochen hat. — Cap. VIII: Le tombeau
trouve vide (S. 271—324) tritt für die Wiederbelebung
des Leichnames Jefu ein und verfucht zwifchen dem
Zeugnifs des Apoftels und den evangelifchen Traditionen
eine allerdings fehr künftliche Harmonie herzuftellen und
nachzuweifen.

Die Schrift des Profeffors an der Univerfität Freiburg
(Schweiz) zeichnet fich durch umfaffende Belefen-
heit, maafsvolles Urtheil und klare Darftellung aus. Die
Auseinanderfetzungen mit den proteftantifchen Gegnern
ift eine überall anftändige und würdige. Am häufigflen
hat er es mit Harnack zu thun, dem er feine Anerkennung
und Bewunderung nicht verfagt; Holtzmann
ift un komme de tact (S. 41); B. Weifs wird als ein Verf.
angeführt, dont les tendances radicales en fait d'/ustoire du
canon sont connues (S. n); Ritfehl ift ihm lerenovateurde
la dogmatique allemande S. 253. Es liefse fich eine fehr
ftattliche Lifte von proteftantifchen Verfaffern aufftellen,
deren Schriften Rofe wirklich gelefen und ftudirt hat.
Wenn er auch zu den durch die katholifche Tradition
fanetionirten Refultaten gelangt, fo hat er fich die Arbeit
der kritifchen Auseinanderfetzung und der pofitiven Begründung
nicht leicht gemacht. Vielleicht dürfte der
Ernft, mit welchem er feiner Aufgabe gerecht zu werden
fuchte, durch die Verdächtigungen isuspicions moderees
dans la forme, mais au fond dures et violentes S. 216) bezeugt
fein, die er von Seiten katholifcher Heifsfporne erfuhr.
In der Science catholique hat der R. P. Fontaine ihn als
Erneuerer der adoptianifchen Ketzerei in einem Auffatze
denuncirt, deffen Ueberfchrift ebenfalls eine fchwere Anklage
in fich birgt: Les iufiltrations protestantes et la de-
monstration evangelique de la divinite de N. S. Jesus-Christ,
Auguftheft 1900. Die Civilta catkolica hat dann (16. Febr.
1901) diefe Anklagen wieder aufgenommen und verfchärft.
Mit Entrüftung weift unfer Verf. folche Infinuationen zurück
, und er nennt fich un modeste ckretien dont les con-
victions religieuses ont ete affermies par l'etude, soumis
au Souverain Pontife et ä sa lumineuse direction (S. 216).
Es giebt in feinem ganzem Buche keine Zeile, die uns
berechtigen würde, die Aufrichtigkeit diefer Erklärung
in Zweifel zu ziehen.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Franchi de' Cavalieri, Pio, I Martini di S. Teodoto e di
S. Ariadne con un' appendice sul testo originale del
Martirio di S. Eleuterio. [Studi e Testi 6.] Roma 1901,
Tipografia Vaticana. (187 S. gr. 8.)

Durch ein Verfehen meines Mitarbeiters Preufchen's
ift in der Lifte der ,echten' Martyrien in meiner Literatur-
Gefchichte Bd. I das Martyrium des Theodotus von Ancyra
übergangen. Diefes Verfehen gut zu machen, bietet mir
vorftehende Publication die befte Gelegenheit. Sie zeugt
von der Gelehrfamkeit, Umficht und Kritik, die wir
an Herrn Franchi fchätzen: wenn er fortfahren wird, die
wichtigeren Martyrien in diefer Weife zu behandeln, wird
er fich in loyalffer Weife ein Monopol für diefe Acten-
ftücke erwerben; denn wer wird es wagen, mit ihm zu
wetteifern?

Die Acten des Theodotus flehen unter den inhalts-
und lehrreichen Martyrien in erfter Linie. Im Originale