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Ausgabe:

1902

Spalte:

345-347

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Höpfl, Hildebrand

Titel/Untertitel:

Die höhere Bibelkritik. Studie über die moderne rationalistische Behandlung der Heiligen Schrift 1902

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Ericheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 12.

7. Juni 1902.

27. Jahrgang.

Höpfl, Die höhere Bibelkritik (Lobflein).
Baudiffin. Einleitung in die Bücher des Alten

Teftaments (Smend).
Holtzmann, O., Leben Jefu (Weiffenbach).
Rose, Etudes sur les övangiles (Lobstein).

Franchi de'Cavalieri, I Martirii di S. Teo-

doto e di S. Ariadne (Harnack).
Bach, Der Glaube nach der Anfchauung des

Alten Teftamentes [Beiträge zur Förderung

chrittl. Theol. IV, 6] (Lobftein).

Sommer, Die Ehe nach der Lehre des römi-
fchen Katechismus [ebendaf.] (Derf.)

Bern Mein, Der Materialismus im Kampfe und
im Bunde mit der Religion (Lobflein).

Zum Briefe des Pfenofiris (Deifsmann).

Höpfl, P. Hildebrand, O. S. B., Die höhere Bibelkritik.

Studie über die moderne rationalifbfche Behandlung
der hl. Schrift. Faderborn 1902, F. Schöningh. (IV,
110 S. gr. 8.) M. 2.80

Die durch das bifchöfliche General-Vicariat appro-
birte Schrift zerfällt in drei Theile. Im erften (S. 1—28)

in gar keiner Beziehung flehen, fondern erft viele Jahrhunderte
nach ihm ans Tageslicht treten' (S. 37). In eine
Discuffion der gegen die böfe Kritik geltend gemachten
Argumente, haben wir hier nicht einzutreten; der Verf.
wird feine Pofitionen gegenüber den Fachgenoffen zu
verantworten haben. Er befleifsigt fich einer überall
fachlich gehaltenen Polemik und fcheut es nicht, in das

giebt der Verf. einen kurzen, aber doch umfaffenden Detail der kritifch-hiflorifchen Arbeit fich einzulaffen

Doch zeigt fich an manchen Stellen, wie diefe Kleinarbeit
des angeblich mit rein hiflorifchen Gröfsen ope-
rirenden Beurtheilers durch Vorausfetzungen eingegeben
und getragen iff, die nicht lediglich der von ihm behandelten
Disciplin entnommen find. ,Dafs die modernen
objectiven Darflellung find: die Quellenfcheidung, die Ge- ! proteftantifchen Bibelkritiker ihre befondere Vorliebe
fchichte Israels, die religiöfe Entwickelung Israels, die Ent- ! dem Nordreiche zuwenden und deffen innere Kraft und
ftehung des israelitifchen Cultus. H. ift mit den wichtigften i Blüthe fo fehr hervorheben, ift leicht begreiflich; ift

Ueberblick über den gegenwärtigen Stand der ,fog.
höheren Bibelkritik', d. h. der auf der Reufs-Wellhaufen'
fchen Hypothefe beruhenden Forfchung der altteftament-
lichen Religions- und Literaturgefchichte. Die vier Haupt-
gegenftände feiner zunächft rein referirenden, möglichft

Veröftentlichungen der namhafteften Gelehrten wohl vertraut
; feine Belefenheit auf dem von ihm bearbeiteten Gebiete
verdient alle Anerkennung; ebenfo mufs ihm bezeugt
werden, dafs er fich um das Verftändnifs der von ihm angeführten
und geprüften F'orfcher redlich bemüht. Diefes Be-
ftreben tritt vor allem im zweiten Capitel (S. 29—96) hervor.
In demfelben unternimmt es der Verf. an den von ihm be-
fonders analyfirten Punkten den ,Werth und Unwerth der
höheren Kritik' darzuthun. Seine fcharf abwehrende Aus-
einanderfetzung ift nicht ein abfolutes Verwerfungsurtheil.
,Conceffionen an die modernen Refultate find ftatthaft,
ja nothvvendig' (S. III). ,Man kann ohne Scheu annehmen,
dafs die Genefis lediglich eine Zufammenfaffung ver-
fchiedener hiftorifcher Documente fei' (S. 31). ,Wenn nach-
gewiefen wird, dafs der Pentateuch keine urfprüngliche
feftgefchloffene Einheit darftellt, fondern Zufätze aus
fpäterer Zeit enthält, fo liegt darin keine Gefahr' (S. 35).

doch das vom Haufe David's fich trennende Zehn-
ftämme-Reich ein treffendes Vorbild jener Religions-
genoffenfchaften, die fich von der wahren, durch Jefus
Chriftus geftifteten Heilsanftalt getrennt haben; fomit kann
eine Rechtfertigung derTrennung der zehn Stämme einiger-
mafsen auch zur Rechtfertigung der Kirchenfpaltungen
dienen' (S. 59). — Im letzten Abfchnitte (S. 97—110),
der die Ueberfchrift führt ,Unfer Standpunkt bei Erklärung
des Alten Teftamentes', zieht der Verf. das dog-
matifche Ergebnifs feiner kritifchen Ausführungen, indem
er fowohl ,den Grundirrthum' blofslegt, ,der Veranlaffung
zu vielen verkehrten(Anfchauungen der kritifchen Bibel-
forfcher gegeben hat', als auch den religiöfen Kanon
formulirt, der das Verftändnifs und die Auslegung
des Alten Teftamentes normiren mufs. ,Die kritifchen
Exegeten nehmen einen Standpunkt ein, von dem aus
fie keinen richtigen Einblick in die Gefchichte des A. T.

,Nicht die Öuellenfcheidungstheorie an fich ift gefähr- 1 gewinnen können. Sie betrachten das A. T. für fich
lieh, fondern der Mifsbrauch diefer Theorie'(S. 36). ,That- allein ohne Chriftus, das Licht der Welt, oder aber fie
fächlich find manche Pfalmen erft nach dem Exil ent- leugnen die Gottheit Jefu Chrifti und damit alle eigent-
ftanden. Auch läfst fich zugeben, dafs ein Theil der 73 liehe Offenbarung des lebendigen, perfönlichen Gottes
den Namen David's tragenden Pfalmen aus fprachlichen an die menfehliche Vernunft. . . Die eigentliche Urfache
Gründen nicht von David herrühren kann'(S. 43). Indeffen I aller irrigen Auffaffung der h. S. ift die Leugnung der
find diefe freieren Regungen doch nur fporadifche Vellei- | Gottheit Chrifti. . . Budde wagt zu behaupten: „Wir
täten eines durch die Tradition in enge Schranken ein- ! können bezeugen, dafs wir durch diefe Auffaffung inner-
gefchloffenen Geiftes, dem das lebendige Verftändnifs lieh freier und im Glauben freudiger geworden find, dafs
der Vergangenheit und die wahrhaft gefchichtliche Be- ! wir dadurch die Geftalt Jefu und das Neue Teftament
urtheilung der Menfchen und der Dinge fchier unzu- j beffer haben verftehen lernen." Das erftere ,innerlich
gänglich find. Wie könnte er fonft die Kritik durch In- 1 freier und im Glauben freudiger' mag infofern feine Rich-
ftanzen entkräften wollen, die allerdings auch bei den tigkeit haben, als es nach der kritifchen Auffaffung der
proteftantifchen Apologeten fehr beliebt, darum aber | h. S. einem jeden fo ziemlich freifteht, foviel als hiftorifche
doch nicht ftichhaltiger find: ,Die Kritiker laffen das Wahrheit anzunehmen und foviel zu glauben, als ihm zu-
Deuteronomium zu der Zeit entftanden fein, da es ent- fagt. Dafs dadurch aber die Perfon Jefu Chrifti beffer erdeckt
wurde, alfo unter Jofias, einige fchon etwas kannt werde, dürfte doch mehr als zweifelhaft fein... Nur
früher, unter Manaffe. Der Pentateuch fei gar erft wer Chriftus, welcher beide Teftamente vereinigt (Eph. 2 u),
während des Exils und nach demfelben gefchrieben als Sohn Gottes anerkennt und anbetet, dem wird der
worden. Die kritifche Schule fetzt fomit einen doppelten Herr den Sinn öffnen, dafs er die Schriften verftehe' (97.
Betrug voraus; denn jedenfalls ift es ift ein Betrug, wenn 109. 110). — Durch diefe Aeufserungen dürfte die in ihrer

Schriften dem' Mofes unterfchoben werden, die zu ihm

Art recht fleifsige und in der Auseinanderfetzung mit

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