Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1902 Nr. 11

Spalte:

324-325

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rackham, Richard Belward

Titel/Untertitel:

The acts of the Apostles. An exposition 1902

Rezensent:

Clemen, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

323

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. II.

324

des Willens, den relativen Charakter alles Willens zur 1 Anfelmus, Luther, Calvin und Janfen doch einfam, ohne
Geltung bringt. Zumal die Perfon Jefu wird ihm unter j Nachfolge geblieben, ein Chrift, der für fich allein eine
diefem Gefichtswinkel verffändlich; auch bei ihm i Claffe bildet (S. 219k 246). Wie bei Johannes, fo be-
ftehen ,emotion and volition' voran; liebender Ge- merkt der Verf. auch fchon bei Paulus den Schatten,
horfam gegen Gottes Willen war feine Religion, und 1 welchen der bald mächtiger fich geltend machende
diefe feine Religion, nicht etwa nur Mitleid, Rettungseifer j Einflufs der Myfterien und enthufiaftifchen Kulte vor fich
und Menfchenliebe, machte den Untergrund feines per- ! herwirft (S. 175 f. 225), und verweift dafür auf fein
fönlichen Lebens aus. Die Religionsgefchichte ift evo- ; früheres Werk (vgl. Exploratio evangelica S. 312 k 340)

lutioniftifch als ftufenweife Offenbarung des göttlichen
Willens in der Menfchheit. Im Gegenfatze zu Leben und
Praxis ift alles Theoretifche von fehr fecundärem Belange
, und gerade das fo zäh feftgehaltene Element der
Lehre unterliegt den gröfsten Bedenken. Das eben
macht den Kern der Krifis aus, welche über das heutige
Chriftenthum ergeht (S. 250 k). ,Allerfeits nehmen wir
wahr, dafs die feftgelegte Formel verworfen und dafür
ein undogmatifches Chriftenthum erfehnt wird' (S. 65).
Mit Ritfehl, den er kennt (S. 255 k), theilt der Verf.

Auch in diefen Capiteln erweift fich der Verf. be-
ftändig mit feinem perfönlichen Glauben betheiligt
und für die Möglichkeit einer Aneignung der paulini-
fchen und johanneifchen Ideenwelt von Seiten unferes
modernen Denkens beforgt. Chriftus foll zwar nicht
mehr als Welturfache, wohl aber immer noch als
Weltziel verftanden fein (S. 202 f. 229), und gegen die
kenotifche Auskunft richtet fich eine ernfthaft geführte
Polemik (S. 200 h). Aber befonderen Werth legt er auf
die erftaunliche Veränderlichkeit der Ausdrucksformen,

m Allgemeinen die Anfchauung vom Reiche Gottes j welche fich die religiöfe Erfahrung im Intellect fchafft

als der Centraiidee des Chriftenthums. Es ift darum für
ihn das ftetig wachfende Gebiet, darin Gottes Wille fich
verwirklicht. Jefu Parabeln fprechen ,of natural pro-
cesses, not of cataelysmic Intervention front heaven itt
human affairs' (S. 135). Gegentheilige Möglichkeiten

nicht, fo fehr letzterem allein fein ganzes Werk gilt
(S. 51). Die Religion felbft bleibt dabei doch ,vor
uns flehen wie eine Alpenkette, die wir meffen und
geologifch unterfuchen, aber nicht von der Stelle
bringen können' (S. 16).

fcheinen hier nicht in Sicht zu flehen. Der Verf vertritt | Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

ja ,die Thefis von Matthew Arnold' (S. 174), dafs die I s
Jünger nirgends zu Jefu Gröfse hinanreichten, ihn alfo j

nothwendig mifsverftehen, fein Bild mit einem Stich ins j Rackham, Richard Beiward, M. A., The acts of theApostles.
Jüdifche uud Apokalyptifche entftellen mufsten. In Wahr- An exposition. (Oxford Commentaries. Edited byWal-
heit hat Jefus alle jüdifchen Reichserwartungen verinner- I ter Lock D. D.) London 1901, Methuen &Co. (CXVI,
licht (Arnold s anwardness' S. 88) und aul das Gebiet c a a

des geiftigen und fittlichen Dafeins übertragen (S. 84 k). 524 gr. 8.) 14 s. o p.

Hier meldet fich eine Schwäche an, davon ja auch die Schon im erflen Hefte des neuen Jotirnal of Theo-

deutfehe Theologie zu erzählen weifs. Aber vor der Pa- j logical Studies (1899, 76 ff.) hatte Rackham im Anfchlufse
rufiefrage fängt auch unfer Verf. bereits an zu zaudern an Blafs die alte Theorie des Hieronymus und Euthalius
und zu zweifeln (S. 128 k). Ueberhaupt nöthigt ihn fein erneuert, die Apoftelgefchichte breche deshalb vor dem
hiftorifch.es Gewiffen zur Anerkennung eines Zufatzes 1 Tode des Paulus ab, weil fie ihn noch nicht erlebt habe,
von fpätjüdifcher Provenienz (S. 98 f.) in der Weltan- i Der vorliegende Commentar ift von einem gleich ultra-
fchauung Jefu felbft, fo gewifs diefelbe in ihrem religiös- confervativen Standpunkte aus verfafst: er folgert — vor
fittlichen Kern aller zeitlich und örtlich begrenzten und j Unterfuchung der Einheitlichkeit des Buches — feine Echt-
befchränkten Elemente ledig geht. Um fo aufdringlicher heit aus dem wahrfcheinlichen Urfprunge der Wirftücke
machen fich die Zeitvorllellungen geltend in der Art, 1 und dem medicinifchen Sprachgebrauche, den R. wie Zahn
wie die Wunderfage, die ihn zum Theurgen degradirt, | durch Hobart für das ganze Doppelwerk erwiefen glaubt,
gewiffen chriftlichen Ideen auf dem Erdboden äufserer So müffen natürlich alle Schwierigkeiten, die die Gefchichts-
Thatsächlichkeit zur Verwirklichung helfen will. Doch erzählungderApoftelgefchichtebietet,wegexegefirtwerden,
gefchieht folches unter dem Drucke einer praktifchen und das gefchieht denn auch theils durch die altbekannten,
Nöthigung, in der (ich ein religionsgefchichtliches, auch theils durch mir wenigftens neue Mittelchen. So wird z.B.
aus dem Berichte über den heiligen Franz und den heiligen j der Widerfpruch von Act. 2 mit I. Kor. 12—14, offenbar
Thomas zu belegendes Gefetz erkennen läfst. Hiftorifch | nach dem Vorbilde von Blafs auf den fymbolifchen und
find Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen, mit | prophetifchen Charakter des Berichtes zurückgeführt und
welchen Jefus aber nicht allein (teht. Naturwunder und zur Rechtfertigung von Act. 22 30 ff. die Theorie aufge-
Ausgleichung mit dem altteftamentlichen Meffiasideal
verdunkeln die Umrifse des gefchichtlichen Lebens Jefu,
wie die fynoptifchen Evangelien, Marcus voran (S. 156),
es gezeichnet haben. Aber unerkennbar ift deswegen

fein Bild keineswegs geworden (S. 242 k). Dem vierten | des Briefes 1523fr. feflhalten zu können,"wird vermuthet:
Evangeliften — es ift der Presbyter, aber ein Schüler des ! If (!) S. Luke aecompanied S. Paul to Jerusalem, being
Apoftels, auf welchen einzelne geographifche und hi- I a. good Greek scholar, he may have been employed by
ftorifche Notizen zurückweifen mögen (S. 182 k 195) — ; the apostles as their scribe. Natürlich finden fich manch-
widerfährt zwar die Ehre, als ,der gröfste chriftliche 1 mal auch treffende Bemerkungen — ich rechne dazu
Myftiker' (S. 205) gefeiert zu werden; fein Werk giebt j z. B. die Art, wie die Nichterwähnung korinthifcher
aber trotz aller Infpiration, davon es zeugt, doch ein | Delegirter 204 damit erklärt wird, dafs either the church
idealifirtes Bild der Wirklichkeit (S. 245 f.). Ein platoni- j was not ready after all, or perhaps, in reaction from
firender Zug kennzeichnet es im Unterfchied von den former mistrust, gave their alms into the hands of the
Synoptikern (S. 196. 203 f. 247). apostle — aber im allgemeinen ift für die Hinweg-

Der Paulinismus erfährt eine knappe, aber meift rieh- j räumung der Anftöfse, die die Apoftelgefchichte bietet,
tige Darfteilung, wobei der Verf. vorfichtig zwifchen dem aus diefem Commentare nicht viel zu lernen, trotz der
Selbftzeugnifse des Paulus und feinem apoftelgefchicht- I gefchickten Schilderung des environment, die fchon die
liehen Bilde zu fcheiden weifs (S. 211 f.). Auch bei Paulus, Einleitung enthält und mancher Excurfe zur Zeitge-
der in erfter Linie immer Miffionar und Organifator der I fchichte, die in die Erklärung eingefügt find.
Gemeinde bleibt, kommt die Theorie nur als Kampf- Nicht beffer fleht es auch mit der Beurtheilung des

mittel in Betracht (S. 230 k) und tritt hinter Erfahrung i textkritifchen Problemes, wie es durch Blafs aufgeworfen
und Erlebnifs zurück (S. 215 f.). So ift er trotz Auguftinus, worden ift und trotz Harnack, Schmiedel, Weifs und

ftellt: When he stood before the Sadducean high-priest
in the chambre where he had once sat on the Opposition
benchesf), all the old nature, the party spirit of the
Pharisee, came to life again; um dagegen die Echtheit