Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1902 Nr. 10

Spalte:

308-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrhard, Albert

Titel/Untertitel:

Der Katholizismus und das zwanzigste Jahrhundert im Lichte der kirchlichen Entwicklung der Neuzeit 1902

Rezensent:

Mirbt, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5

Download Scan:

PDF

307 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 10. 308

und Bibelexegefe, foweit fie mit Mainz zu thun haben, |
vorgeführt. Das ganze ift eine fehr brauchbare Material- I
fammlung. Der Verf. hat aus Mainz flammende Hand- I
fchriften durch die ganze Welt hin aufgefucht und giebt j
fich grofse Mühe mit bio-bibliographifchen Daten. Wenn
er aber als Refultat feiner Arbeit in der Vorrede aus- 1
fpricht: ,Wie mir fo wird fich auch Anderen bei der i
Benutzung diefes Buches der Gedanke aufdrängen, dafs
die heil. Schrift das Lieblingsbuch unterer Vorfahren,
zumal des Mittelalters war, und dafs Mainz in diefer
Hinficht befonders ehrenhaft dafteht', fo mufs Ref. j
widerfprechen, — nicht aus Voreingenommenheit: ich
darf mich auf meinen Auffatz: ,Bibelkenntnifs in vor-
reformatorifcher Zeit' in der Deutfchen Rundfchau, 1900
berufen, dafür, dafs ich dem Mittelalter volle Gerechtigkeit
widerfahren laffe. Aber gerade Falk's Zufammen-
ftellungen liefern, wenn man fie von der glorificirenden
Umhüllung befreit, den Nachweis, dafs von eigentlicher
Bibelverbreitung im Mittelalter nicht geredet werden j
kann und dafs in der neueren Zeit gerade Mainz auffallend
wenig für das Bibelftudium geleiftet hat. Was
Falk aus dem 8. bis 13. Jahrhunderte beibringt, ift von
Bonifaz und Raban abgefehen, doch herzlich wenig.
Dafs ein Propft und Generalvikar fich eine Bibel auf
Lebenszeit von einer anderen Kirche leiht, beweift nicht
gerade grofse Verbreitung. Die gerade von Mainz ausgegangene
berüchtigte Büchercenfur des Erzbifchofs
Berthold vom J. 1485 und i486 wird nur einmal angeführt
; es fieht fo aus, als fei fie auf die Bibelverbreitung
ohne Einflufs geblieben; und doch giebt Falk zu, dafs
zwifchen 1472 und 1609 kein Mainzer Druck der lateini-
fchen Bibel und aufser der einen Mainzer Ausgabe von
Dietenberger's Ueberfetzung v. J. 1534 keine folche vor
1600 nachweisbar fei. Falk felbft gefteht offen ein, dafs
die officiellen Examinatorien aus der Mitte des 16. Jahrhunderts
einen befremdlichen Tiefftand der Bildung, auch
der Bibelkenntnifs. bei den angehenden Klerikern ver-
rathen; in feiner Darfteilung gewinnt es den Anfchein, als
fei dies ein Niedergang in Folge der von den Neuerern I
ausgegangenen religiöfen Wirren: factifch ift es ein erft
durch den Gegenfatz aufgenöthigter Anfang des Sichaufraffens
. Was man in Mainz 1543 verfuchte, hatten die
Wittenberger Reformatoren fchon feit 1528 in viel
gründlicherer Weife zuwege gebracht: die Heranbildung
eines theologifch durchgebildeten Pfarrerftandes. Die
fcheinbar hohen Auflagezahlen der Schriften eines Johann
Wild (Ferus) imponiren doch nur, wenn man
nicht vergleicht mit den Drucken und Nachdrucken refor-
matorifcher Schriften. Was aus fpäterer Zeit an exe-
getifchen Werken angeführt wird, hat mit Mainz ver-
hältnifsmäfsig fehr wenig zu fchaffen: es find Arbeiten
auswärtiger Gelehrter, z. Th. fremdländifcher Jefuiten, die
hier an einer' Centrale deutfchen Buchdruckes naturge-
mäfs Neudrucke erfahren. Man kann es dem Verf. nicht
verargen, aber es bleibt doch charakteriftifch für die Art
diefer Gefchichtsbetrachtung, wenn er fchreibt: Vorübergehend
verdunkelt fich der Ruhm der Mainzer Dompfarrkanzel
durch Johann von Wefel'. Diefer Verdunkler ift
wohl der einzige aus der illuftren Reihe von Mainzer
Kanzelberühmtheiten, deffen Name auch aufserhalb der j
Gelehrtenzunft bekannt ift. Entfchieden proteftiren müffen I
wir gegen die Methode, aus dem Zufammenhange heraus-
geriffene Stellen evangelifcher Theologen als Eideshelfer
anzuführen. Was z. B. Palmer und Delitzfch gefagt !
haben über Luther's Ueberfetzung und Erasmus' Aus- J
gäbe, ift etwas ganz anderes, als was Falk mit ihren j
Worten belegen will. Die Dinge im Zufammenhange zu
fchauen, ift überhaupt nicht des Verf.s ftarke Seite. Das |
erkennt man beim Mittelalter, wo darauf, dafs die Exe- |
gefe diefer Zeit bewufst unfelbftändig war, gar keine [
Rückficht genommen wird; der vielgerühmte Lehrftuhl
für Bibelkunde an der Univerfität Mainz gewinnt ein
ganz anderes Ausfehen, wenn man die allgemeinen Uni-

verfitätseinrichtungen des Mittelalters berückfichtigt (f.
Z.B.Kaufmann II 277, 284; Denifle I 719b; Rashdall I
464 b). Noch mehr kommt es bei der neueren Zeit zur
Geltung, wo fich die Darfteilung in bio-bibliographifchem
Detail erfchöpft. Der Verfuch, die Eigenart der Exe-
geten zu charakterifiren, wird gar nicht gemacht. Hier
kann man aus den wenigen Worten, die Dieftel in
feiner Gefchichte des Alten Teftamentes den einzelnen
widmet, mehr lernen.

Trotzdem bleibt es bei unferem eingangs geäufserten
Urtheil, dafs wir hier eine fehr brauchbare Materialfamm-
lung haben, für die wir dem Verf. nur dankbar fein
können.

Jena. von Dobfchütz.

Ehrhard, Prof. Dr. Albert, Der Katholizismus und das
zwanzigste Jahrhundert im Lichte der kirchlichen Entwicklung
der Neuzeit. Stuttgart 1901, J. Roth. (XI,
416 S. 8.) M. 4.80; geb. M. 6.20

Diefes bedeutende, aufserordentlich anziehend ge-
fchriebene Buch ift von einem römifch - katholifchen
Theologen verfafst, der von edler Begeifterung für feine
Kirche durchdrungen, ein gefchichtliches Verftändnifs der
grofsen Krifis, in der fie fich zur Zeit befindet, zu gewinnen
fucht, um auf diefem Wege zugleich an ihrer
Löfung mitzuarbeiten. Das Buch ift eine feine und ge-
fchickte Apologie der römifch-katholifchen Kirche, aber
zugleich eine umfaffende Kritik ihrer gefammten neuzeitlichen
Entwickelung und culminirt in einem ernften Reformprogramm
. Es ift ein werthvolles Symptom dafür,
dafs das Verftändnifs für die Nothwendigkeit pofitiver
Beziehungen gegenüber dem modernen Culturleben innerhalb
diefer Kirche nicht erftorben ift und feffelt zugleich
durch den Freimuth des Verfaffers und die Art feiner
Befferungsvorfchläge. Als einen befonderen Vorzug des
Buches conftatiren wir weiter, dafs wir in ihm den ernft-
lichen Verfuch gemacht fehen, den Proteftantismus ge-
fchichtlich zu verliehen. Wir heben dies um fo nachdrücklicher
hervor, je feltener wir auf römifch-katholifcher
Seite Bemühungen diefer Art wahrnehmen. Auch der
Umftand, dafs wir die von Ehrhard geübte Beurtheilung
des Proteftantismus grofsentheils ablehnen müffen, hindert
uns nicht, das Streben nach unparteiifcher Würdigung
des Gegners anzuerkennen.

Der Gedankengang des Verfaffers ift folgender. Die
concrete Lage der römifch-katholifchen Kirche in der
Gegenwart wird durch drei Erfcheinungen beftimmt: die
in weiten Kreifen verbreitete Anficht, dafs der Katholi-
cismus der grofse Gegner der modernen Cultur fei (S. 3);
die wachfende Entfremdung der gebildeten Kreife von
der katholifchen Kirche innerhalb der katholifchen Länder
und Staaten felbft (Frankreich, Italien, Spanien, Oefterreich,
S.9); die ausgedehnte Unzufriedenheit mit den beftehenden
kirchlichen Verhältnifsen bei Leuten, die grundfätzlich
katholifch fein und katholifch bleiben wollen (S. 13).
Gegenüber Aeufserungen diefer freiheitlichen und fort-
fchrittlichen Richtung ift man freilich in kirchlichen
Kreifen aufserordentlich empfindlich und mifstrauifch, theils
in Folge des feit Jahrhunderten der katholifchen Kirche entgegengebrachten
Haffes, theils in Folge einer hyperconferva-
tiven Stimmung, die alles Alte als folches fefthält und alles
Neue ohne Prüfung zurückweift (S. 16). Aber fo wenig
diefe Gefammtlage als ein Beweis dafür gelten kann,
dafs die katholifche Kirche dem Untergange geweiht ift,
fo wenig darf fie ignorirt oder als eine Art Verhängnifs
ruhig hingenommen werden. Denn dies würde einem
Verzicht der katholifchen Kirche auf ihre univerfale
Culturmiffion an der gefammten Menfchheit gleichkommen
. Den Weg zu einer Löfung der Schwierigkeiten
fucht Ehrhard nun dadurch zu finden, dafs er die
gegenwärtige complicirte kirchliche Situation in das Licht