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Ausgabe:

1902

Spalte:

289-292

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Duhm, Bernhard

Titel/Untertitel:

Das Buch Jeremia, erklärt 1902

Rezensent:

Giesebrecht, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 10. 10. Mai 1902. 27. Jahrgang.

Cornill, Die metrifchen Stücke des Buches | und Lukas, bearb. von B. Weifs, 9. Aufl.
Jeremia rekonftruiert (Giefebrecht). (Clemen).

Duhm, Das Buch Jeremia erklärt [Kurzer Haud-

Commentar zum A. T. 15. Liefg.] (Derf.).
Erbt, Die Purimfage in der Bibel (Kraetzfchmar).

Kritifch-exegetifche r Kommentar über das N. T.
von Meyer I, 2: Die Evangelien des Markus

Menzies, The earliest Gospel (Clemen).
Reitzenftein, Zwei religionsgefchichtliche Fragen
(Anrieh).
Wellhaufen, Die religiös-politifchen Oppo-
fitionsparteien im alten Islam (Hartmann).

Falk, Bibelftudien, Bibelhamlfchriften und Bibeldrucke
in Mainz vom achten Jahrhundert bis
zur Gegenwart (v. Dobfchütz).

Ehrhard, Der Katholizismus und das zwanzigfte
Jahrhundert im Lichte der kirchlichen Entwicklung
der Neuzeit (Mirbt).

Lülmann, Das Bild des Chriftentums bei den
grofsen deutfehen Idealiften (Ritfehl).

Cornill, Prof. D. Carl Heinrich, Die metrischen Stücke
des Buches Jeremia rekonstruiert. Leipzig 1901, J. C.
Hinrichs'fche Buchh. (XIII, 41 S. gr. 8.) M. 1.50

Duhm, Prof. D. Bernh., Das Buch Jeremia, erklärt. (Kurzer
Hand Commentar zum Alten Teflament, herausgegeben
von K. Marti. 15. Lieferung.) Tübingen 1901,
J. C. B. Mohr. (XXIII, 391 S. gr. 8.) M. 6.80

Die nachfolgende Befprechung fafst die metrifchen
Aufftellungen der genannten Schriften zufammen.
Cornill hat, wie er in der Vorrede zu feinem Schriftchen
auseinanderfetzt, mit Abficht den fchon feit Herbft 1899
fertig daliegenden hebräifchen Text feiner Bearbeitung
der metrifchen Stücke des Jeremia im April 1901 in
die Welt ausgehen laffen, weil er von dem baldigen
Erfcheinen des Duhm'fchen Commentars unterrichtet
war. Er war fich bewufst, denfelben Ausgangspunkt wie
Duhm zu haben und erwartete eine weitgehende Ueber-
einftimmung mit Duhm. Durch die Veröffentlichung
der metrifchen Stücke wünfehte er fich die Priorität vor
Duhm zu wahren, die ihm ja auch gebührte. Seine
Erwartung hat fich nicht beftätigt. Der Gegenfatz
zwifchen ihm und Duhm könnte vielmehr kaum fchärfer
fein. Während D. zu dem feften Refultat gelangt: alle
von Jeremia direct herrührenden Stücke find nach der
fog. Qinaflrophe gedichtet, läfst C. Jeremia in ,Knittel-
verfen1 dichten, d. h. in einer dichterifchen Form, die
er mit den Metren von Goethes Fauft zufammenftellt,
weil eine fefte Zählung der Hebungen nicht nachgewiefen
ift. Auf den erften Blick fcheint C. den Vorzug zu verdienen
, da er die hergebrachte Auffaffung und wie es
fcheinen könnte die Texttradition für fich hat, während
die D.'fche Thefe nicht ohne ftarke Textveränderungen
durchführbar fcheint.

Nun ift freilich dabei fofort Folgendes zu bemerken.
Ganz ohne metrifche Fettigkeit hat Jeremia nicht ge-
fchrieben. Es giebt zweifellofe Qinaftücke, die z. Th.
auch fchon längft als folche erkannt find, z. B. von Budde
und mir. Dazu gehören: 12, 7—13, 13, in—27, 15, 5—9,
18, 13—17 von den echten Weisfagungen. Ferner: An
eine abfolut fichere Texttradition glaubt auch C. nicht,
er ändert z. Th. ziemlich ftark. Ferner hat D. dadurch
ein neues Moment in die Verhandlung gebracht, dafs er
bewiefen hat, es find durchaus nicht immer längere
Reden im Buch des Jeremia mitgetheilt, vielmehr find
häufig kleinere,Gedichte'nebeneinandergeftellt und durch
Uebergangsftücke miteinander verbunden. Und in diefen
letzteren ift häufig die poetifche Form nicht fefl gewahrt.
Sie find in poetifcher Profa gefchrieben. Solche Ver-
bindungsftücke müffen nach D. bei der Werthung des
metrifchen Charakters aufser Betracht bleiben. Diefe
Eigenthümlichkeit der jeremianifchen Reden kann man

an den oben angegebenen, die Qinaftrophe deutlich zeigenden
Abfchnitten klar erkennen.

Uebrigens ift in Bezug auf diefe kleineren Stücke
eine gewiffe Berührung zwifchen D. und C. vorhanden.
Nach C. nämlich ift die Metrik Jeremias doch nicht ganz
ohne Fettigkeit: die im Einzelnen frei behandelten Stichen
gruppiren fich fo regelmäfsig zu Tetraftichen, und diefe
wieder fo ungezwungen paarweife zu Octaftichen, dafs
jeder Zufall ausgefchloffen ift: das Octaftich, der
achtzeilige Knittelvers ift nach C. die metrifche
Grundform der jeremianifchen Dichtung.

Dafür haben wir gleich Anfangs ein gutes Beifpiel:
C. 2, 2 f. Ein anderes Beifpiel ift fchon in meinem
Commentar aufgezeigt 13, isf. Allerdings habe ich damals
fchon auf Budde verweifen können, der gerade
für die Qina das Octaftich als Grundform feftgeftellt
hatte, und beide Beifpiele find — Qinaverfe. (2,3 lies
mit Du.: Dipl?). Aber trotz der Neigung der Qinaverfe
zur octaftichifchen Gruppirung bereitet das Qinaftück
13, 20—27 Cornill nicht geringe Schwierigkeiten. In Vers 21
mufs er ein Diftich verwerfen, das von D. und mir feft-
gehalten war. In Vers 24 wiederum ift nach ihm ein
Diftich ausgefallen, das von D. und mir nicht vermifst
war. Dabei wird Vers 21 von C. auch anderweit verändert
, und doch hat der Vers in der C.'fchen Faffung
keinen fehr durchfichtigen Sinn. Auch in den drei Octaftichen
18, 13—17 foll ein Diftich ausgefallen fein. —
Aber auch abgefehen von Qinaftücken geht die Rechnung
nicht immer glatt auf. In Cap. 2, i8—37 hat C. in
Vers 24 3 Stichen, in Vers 27 2 Stichen ftreichen müffen,
die D. und mir unverdächtig erfchienen waren. In Vers 28
find 2 Stichen und in Vers 29 ift 1 Stichus eingefügt,
wofür fich C. allerdings auf LXX berufen kann. Trotz
alledem hängt Vers 29b das letzte Diftich böfe in das
folgende Octaftich hinein. Nach feiner Faffung müfste
Vers 29 einen neuen Abfchnitt beginnen, bildet dagegen
bei C. die Mitte eines Octaftichs, wogegen Vers 30 unbedingt
mit Vers 31 zufammengehört, während fie durch
das C.'fche Schema auseinandergeriffen werden. — In
3, 1—5 mufs C. abgefehen von kleineren Aenderungen
den Ausfall eines Diftichs am Schlufse annehmen. — In
Cap. 4, 12—22 ftreicht C. 2 Stichen Vers 16, 2 Stichen
Vers 22, 2 Worte Vers 12, 5 Worte Vers 18 aufser
kleineren Aenderungen, und dabei ift das Octaftich
Vers 19—22 noch nicht in Ordnung, denn Vers 22 gehört
nicht in das vorgängige Klagelied, das demnach
nur 2 Hexaftichen enthält. — In Vers 23—26 gehört
wieder Vers 26b nicht in das Folgende hinein. — In
Vers 29—31 (Qina) mufs 1 Diftich geftrichen werden,
wenn 4 Octaftichen herauskommen follen. Nach D
wären es 10 Diftichen, alfo 5 Tetraftichen. — In 5, i—e
hat C. 4 Octaftichen — dazu mufste in Vers 1 ebenfo
wie in Vers 3 ein Stichus eingefchoben, Vers 2 mufste

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