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Ausgabe:

1902 Nr. 9

Spalte:

281-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loofs, Friedrich

Titel/Untertitel:

Predigten 1902

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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28l

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 9.

282

Den ,Ergebnifsen' ftehe ich einigermafsen bedenklich
gegenüber. Zwei Wege fcheinen mir vor allem nicht
erwogen zu fein. Den zuerfl zu nennenden hat die re-
formirte Kirche der Schweiz eingefchlagen. Die beiden
auch dort vorhandenen, in noch fchärferer Ausprägung
als in Baden vorhandenen, theologifchen Richtungen
erkennen fich gegenfeitig an, halten gemeinfam freie
Zufammenkünfte, in denen über gemeinfame kirchliche
Intereffen berathen wird, und eine grofse Reihe fehr ver-
fchiedenartiger Katechismen wird in den verfchiedenen
Gemeinden gebraucht. Die kirchlichen Zuftände der
Schweiz find m. E. nichts weniger als vorbildlich; allein
der dort eingefchlagene Weg, gemeinfam arbeiten zu
können und doch niemand zu vergewaltigen , fcheint
mir mindeftens der Erwägung werth zu fein. Beffer ift
ein anderer Weg. Was ift denn in den beiden Richtungen
der badifchen Kirche unvereinbar? Ift es die verfchieden-
artige Frömmigkeit, die Religion, oder ift's die Theologie?
Doch nur die Theologie. Ift nun nicht ein Katechismus
herftellbar, der nicht Theologie, fondern Religion vorträgt
? Dafs ein gemeinfamer religiöfer Boden vorhanden
ift, fcheint B. felbft vorauszufetzen, indem er für den
Unterricht beider Richtungen diefelben Bibelfprüche und
fogar dasfelbe Schema obligatorifch macht. Wir find in
dem Befitze eines reformatorifchen Katechismus, deffen
Stärke es ift, ohne Theologie evangelifche Religion zu
lehren, ich meine den unvergleichlichen Kleinen Katechismus
Luther's in den drei erften Hauptftücken und der
Haustafel. Sollte es denn wirklich unmöglich fein, durch
eine verftändige, die religiöfe Kraft desfelben ins Licht
Hellende und den Gefichtskreis erweiternde Erklärung die
disparaten Theologen auf ihn zu vereinen? Ich würde
für diefen Weg der Vereinigung nicht eintreten, wenn
mir der von B. empfohlene Weg zum Ziele zu führen
fchiene. Sein Katechismus leitet zurück in die Bahn des
fog. Bibelkatechismus, wie ihn zuletzt der fpätere General-
fuperintendent Ernft in Wiesbaden 1871 bearbeitet hat.
Ich felbft habe ein Jahr nach diefem Katechismus unterrichtet
, aber nur ein Jahr; ich konnte nicht mit ihm
fertig werden. Es koftete zu viel Zeit, die Bibelfprüche
mit der Ueberfchrift und unter einander in Beziehung
zu fetzen, und in der nächften Stunde hatten die Kinder
alles wieder vergeffen, obgleich die Sprüche memorirt
waren. Allerdings find die Ueberfchriften bei Ernft
Fragen, während Baffermann die Frageform vermeidet
; aber follte diefer Unterfchied wefentlich fein?
Ferner: der Katechet wird gar nicht umhin können, den
Lehrgehalt der 4—8 Bibelfprüche auf die Ueberfchrift
zu beziehen und fie in einer Art von Lehrfatz zufammen-
zufaffen, fonft verfchwindet den Kindern Alles; er wird
nach der beften Form der Zufammenfaffung fuchen und
diefeden Kindern einprägen. Und die nothwendige Folge?
Nicht lange wird es währen, fo haben wir nicht weniger
als 350 Katechismen im badifchen Lande, genau nach
der Zahl der evangelifchen Gemeinden. Und wer wird
es überdies den Pfarrern wehren, andere Bibelfprüche
hinzuzunehmen und auf diefe die nähere Befprechung
zu befchränken? Eine Controle ift da doch unmöglich,
und die Vereinigung auf diefer Bafis ift es auch.

Nur meine Bedenken wollte ich äufsern. Die Sache
ilt nicht nur für die badifche evangelifche Kirche von
gröfster Wichtigkeit; es wäre fehr wünfchenswerth, wenn
fie allgemeinere fachverftändige Theilnahme erweckte.
Die Schrift Baffermann's ift vorzüglich geeignet, in
die Frage einzuführen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Loofs, Prof. Friedrich, Predigten. Zweite Reihe. Halle 1901,

M. Niemeyer. (VIII, 316 S. gr. 8.) M. 3.—

Dem erften Bande feiner Predigten (1892) hat der Ver-
faffer einen noch reicheren zweiten Band folgen laffen.
Wie der erfte feinem Vater gewidmet war, fo der zweite

feiner Mutter, und die erfte Predigt diefes Bandes ift die
Rede an dem Sarge feines Vaters. Was den Verf., fo
fpricht das Vorwort es aus, trotz aller Differenz der Schulbildung
mit feinem Vater verband, nämlich die Freiheit
j von falfchen Rückfichten auf Menfchen und ihren Beifall
und die Gemeinfchaft am alten Evangelium, das, fo
wünfeht er, möge heute im weiteften Kreife ein Band
des Friedens fein in den kirchlichen Wirren der
Gegenwart.

Es erweckt von vornherein ein lebhaftes Intereffe,
einen Theologen, deffen Specialgebiet ihn nicht auf die
Predigt hinweift, predigen zu hören und feinem Predigtworte
finnend und aufnehmend nachzugehen. Hier kommt
mehr als folches Intereffe ins Spiel. Wie wird der Werth
der oft fo gering gefchätzten Predigt, auch der akademi-
1 fchen, erhöht, wenn fie nicht nur Sache des .praktifchen
Theologen' ift; und wenn unfere verehrten Facultätscol-
legen wüfsten, wie fehr das Vertrauen der Commilitonen
zu ihren Lehrern und deren Vorträgen fich vertieft, wenn
fie diefe vorder Gemeinde für ihre religiöfe Ueberzeugung
eintreten fehen, fo würden wir Univerfitätsprediger aus
unterer Vereinfamung wohl endlich einmal befreit werden.
Die Facultätscollegen hätten überdies den grofsen Vortheil
voraus, dafs fie die Kanzel nicht zu befteigen haben,
wenn der längft vorgefehene akademifche Sonntag kommt,
fondern fie predigen, wenn fie den Impuls verfpüren,
der akademifchen Gemeinde das Evangelium zu verkünden.
1 Diefen Vorzug merkt man den Predigten von Loofs
deutlich an; der Impuls, der Gemeinde das Wort zu
fagen, das ihm auf dem Herzen brennt, macht in jeder
Predigt mehr oder weniger fich geltend, und damit mag
es zufammenhangen, dafs vorzugsweife ethifche Gebiete
in den Predigten behandelt werden. Der Impuls ift
feelforgerlicher Art; nicht nur in der ernften 1. Adventspredigt
(Rom. 1311—u) und in manchen anderen, in denen
Unfitten und Sünden der akademifchen Jugend geftraft
werden, tritt die feelforgerliche Liebe hervor; auch in-
tellectuelle Schwierigkeiten, die unferen jungen Theologen
oft fo viel zu fchaffen machen, wie das Evangelium
in der Weihnachtsgefchichte (4), die Wiederkunft Chrifti
(29. 30) u. a. werden eingehender Betrachtung unterzogen.
Seelforgerlich predigt der Verf. von rechtem Lebensmuth
(Jef. 40 20 f.), von der rechten Liebe zu Jefu (Joh. 2115—19),
von der Demuth des Herrn (Matt. 1129), von der Zuverficht
des Apoftels hinfichtlich der Entwickelung feiner
Philipper (Phil. 13—11) u. f. f.; die religiöfen und befon-
ders die fittlichen Bedürfnifse der akademifchen Jugend
ftehen ihm in der Wahl feiner Texte und Themata im
Vordergrund, auch die nicht feltene Polemik gegen die
,Socialdemokraten' wird von diefem Gefichtspunkte aus
zu beurtheilen fein. Oftmals hören wir die Klage, dafs
durch das Scheinwefen falfcher F römmigkeit und durch
phrafenhaftes Chriftenthum der Name des Herrn ge-
läftert wird, aber daneben auch die Zuverficht, dafs be-
wufste Heuchelei weit feltener fei als viele Menfchen
meinen; in ernfter und trüber Lebensanfchauung, wie fie
vielfach in der Mahnung, des nahen Todes und der Ewigkeit
zu gedenken, und befonders in der 29. Predigt fich
kundgiebt, hat der Verf. für die ,Welt* keine Hoffnung,
es fcheint faft die Siegesfreudigkeit hinfichtlich der Sache
Chrifti zu fehlen, aber daneben fleht doch auch die Forderung
, dafs die Chriften fröhliche, fichere, muthige
Menfchen fein follen.

Alle Predigten find analytifch angelegt; auf die
Exegefe des Textes wird entfeheidendes Gewicht gelegt
, mitunter, wie in der angeführten 29. Predigt, fo
fehr, dafs über dem Bemühen, auf exegetifchem Wege
das Textverftändnifs zu fördern und biblifch-theologifche
Schwierigkeiten zu befeitigen, dies Verftändnifs fich er-
fchwert; noch mehr freilich kommt das Verftändnifs in
j den feltenen Fällen (wie in der 2. Predigt) zu kurz, wo
j auf genaue Exegefe kein Nachdruck gelegt wird. Mit
] der ausfchliefslich verwendeten analytifchen Methode