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Ausgabe:

1902 Nr. 9

Spalte:

276

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heisenberg, August

Titel/Untertitel:

Analecta. Mitteilungen aus italienischen Handschriften byzantinischer Chronographen 1902

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Seite 1

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275 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 9. 276

Kirchengefchichte ganz bei Seite läfst: fie bietet in II,
13. 14. 22. 25 wichtiges Material. Infonderheit find die
in die chroniflifche Ueberlieferung eingedrungenen Zu-
fätze über die Todesart der beiden Apoftel durch KG.
II, 25 vermittelt, wo der Syrer thatfächlich dvaöxoXo-
jciodljvai als ,mit dem Kopfe nach unten gekreuzigt werden
' nimmt, Harnack alfo gegen B. S. 10 ganz im Rechte
ift. Auf diefes Capitel II, 25 geht es wohl auch zurück,
wenn Clemens als Verfaffer einer historia XII apostolo-
riim et LXX discipulorum erfcheint und Dionyfius Areo-
pagita ein Brief über den gleichzeitigen Tod der beiden
Apoftel angedichtet worden ift: gemeint waren freilich
Clemens von Alexandrien und Dionys von Korinth, aber
was fragt ein Apokryphendichter danach? Auch dafs
in zwei Texten Tertullus (aus Act. 241) als Ankläger des
Paulus vor Nero erfcheint, kann damit zufammenhängen,
dafs in jenem Capitel Tertull(ian)us erwähnt ift. — Ueber-
fehen hat B. ferner die fyrifchen ,Enthalius'-Ueber-
fetzungen, über die Zeitfchr. f. Kirchengefch. XIX 2, 115 fT.
zu vergleichen ift. Aus dem hier enthaltenen Martyrium
Pauli (a. a. O. 134) flammen die Daten der Paulusvita B.
S. 15. 69. — Bei den fyrifchen Apoftelverzeichnifsen, bei
denen vielleicht eine genauere Vergleichung der griech-
ifchen Dorotheus-, Hippolyt-, EIpiphanius-Texte ertragreich
gewefen wäre, ift überfehen der fyr. Irenaeustext
aus cod. Sin. syr. 10 saec. IX in Studio. Sinaitica I 7 ff.
Auf ein derartiges Verzeichnifs allein läfst fich der Titel
Cletnentis historia XII apost. et LXX disc. beziehen, aus
dem B. in unglücklicher Combination mit Ebedjefu's
Clcmentis historia Petri et Pauli et Johannis et jdies ift
wohl zu tilgen] apostolorum einerfeits, der [von Lipfius
p. LIII der Ausgabe fchon treffend erklärten] Ueberfchrift
des Petrusmartyriums in cod. Vatopaed. 79 ex xcöv iöTO-
Qixcov xXr'jfievtoQ andererfeits eine umfaffende Bearbeitung
verfchiedener Apoftelacten aus dem 4. Jahrhundert machen
will. Richtig hat er die von Ebedjefu gemeinte Schrift in
der Quelle einer metrifchen Homilie des Jakob von Sarug
nachgewiefen, die auch in Notizen neftorianifcher Hifto-
riker nachwirkt: überfehen hat er, dafs der Text in cod.
Sin. arab. 5392, vielleicht auch 52813. 5299 {Studio Sinai-
tica III 112. 105 f.1), erhalten ift: es handelt fich um eine
Darftellung der Wirkfamkeit der drei Apoftel in Antiochien,
die B., wie vermittelt auch immer, mit den alten Acten
in Verbindung bringen möchte. Thatfächlich verräth
nicht nur der ganze Aufbau Zugehörigkeit zu der jüngften
Gruppe der apokryphen Dichtungen; fpeciell der zwifchen
Petrus und Paulus verabredete Scheinkampf ruht auf der
patriftifchen, angeblich zuerft von Origenes, ficher erft bei
Chryfoftomus und Hieronymus vertretenen Auffaffung
der Antiochia-Epifode Gal. 2 n ff. (f. Lightfoot, Galatians
128 ff.), einer Scene, die zu den wunderlichften Umdeu-
tungen geführt hat, wie uns noch jüngft das von Harnack
bekannt gemachte Apokryphon des Jofeph von
Arimathia (SB Berk 1901^ 39, dazu ZKG. 1902, I) zeigte.
Ebenfowenig haben die Epifoden von der Wirkfamkeit
des Paulus in der Stadt Chrwnjfä, des Petrus und Paulus
in Karthagena etwas mit den alten Paulus-Acten zu thun:
letztere jedenfalls ift abhängig von den jüngeren Philippus-
Acten. — Richtig entwirrt B. die Ueberlieferung des
pf.-dionyfianifchen Briefes über die Apoftel und der
Inventio capitis s. Pauli als zweier urfpriinglich getrennter,
erft nachträglich vermengter Stücke, aber er verfchiebt
die Daten: der Brief ift allerdings vom 7. Jahrhundert an
bezeugt, die Inventio nicht vor dem 13. In fo fpäter
Zeit ift abendländifcher Einflufs nicht ausgefchloffen, ja
es bleibt Raum für Lipfius' frühere Annahme, dafs die
Legende auf St. Denis zurückgehe, alfo früheftens dem
9. Jahrhundert entflamme. — Befonderen Werth legt B.

1) Ueberhaupt hätte diefe Sammlung der fleifsigen englifchen Damen
manches Material geliefert, fo I 43 cod. Sin. syr. 30 mit dem ,Buch der
Frauen' (die Theclalegende ift leider in die Ausgabe Sind. Sin. IX. X
nicht aufgenommen), III zahlreiche arabifche Petrus- und Paulus-Texte,
V Clementinen und Predigt des Petrus u. f. w.

auf feine Entdeckung, dafs eine von Eufebius unabhängige
richtigere Datirung des Martyriums beider Apoftel auf
a. 375 Graec. = 64 u. Z. (ftatt 67 Euf.) fich in einem Anhange
zur Chronologie des Thomas bei Land anecd. syr.
I, 116 erhalten habe; er glaubt hier die Spur eines Chronographen
Andronicus aus der Zeit Juftinians zu finden.
Wir könnten ihm noch aus dem obenerwähnten Irenaeus-
texte das Datum 376 (=65) beifteuern. Schade nur, dafs
jenes auffällige Zufammentreffen mit dem Richtigen auf
einer zufälligen, irrigen Verfchiebung beruht: diefelbe
Quelle fetzt Jerufalems Zerftörung auf 65 ftatt 70, die
grofse Peft zu Rom auf 72 ftatt 77, das Martyrium des
Simeon Kleophas' Sohn auf 104 ftatt 107! — Schliefslich
mufs auch noch gefagt werden, dafs die Methode, aus
dem Vorkommen eines Textes bei Monophyfiten und
Neftorianern alsbald auf vorephefinifchen Urfprung der
fyrifchen Ueberfetzung zu fchliefsen, nicht einwandfrei ift.
Zumal in fpäterer Zeit haben die beiden Confeffionen
ausgetaufcht, fo gut wie fie von Byzantinern und Lateinern
immer neues aufgenommen haben.

Ich glaube, es wäre auch nach Baumftark keine
überflüffige Arbeit, unter dankbarer Verwerthung der von
ihm beigefteuerten Materialien die Gefchichte der Ent-
wickelung der Petrus- und der Paulus-Legende (ich fage
abfichtlich nicht ,die Petrus- und Paulus-Acten') auf fyri-
fchem Boden zu fchreiben. Doch müfste dabei auch ins
Auge gefafst werden, dafs dies nur ein Ausfchnitt aus
dem weiten Kreife der Apoftellegenden überhaupt ift.
So gewifs die Chriftenheit Syriens für jene beiden Apoftel
dasjenige Intereffe gehabt hat, das eben diefe beiden
hervorragendften Apoftelgeftalten beanfpruchen, mehr am
Herzen gelegen hat ihr ohne Zweifel das Schickfal der
Apoftel Syriens, in Sonderheit des Thomas.

Jena. von Dobfchütz.

Heisenberg, Auguft, Analecta. Mitteilungen aus italie-
nifchen Handfchriften byzantinifcher Chronographen.
Habilitationsfchrift. München 1901, Druck von J. B.
Lindl. (47 S. gr. 8.)

In dem Buche find Ergebnifse einer Studienreife
nach Italien niedergelegt, die Verf. im Jahre 1900
machen konnte. Das Inhaltsverzeichnifs lautet auf:
I. Theodoros Skutariotes von Kyzikos, 2. Nikolaos
Mefarites, 3. Eine Biographie des Kaifers Johannes
Dukas Batatzes. Der zuerft genannte Schriftfteller hat
kein theologifches Intereffe, die Biographie des kraftvollen
Kaifers Batatzes bietet Einiges für Klofterge-
fchichte und Hagiographie. Dagegen ift Nikolaos Mefarites
, ein theologifch gebildeter Mönch des 13. Jahrhunderts
, der den vierten Kreuzzug in Conftantinopel
erlebte und hernach am Kaiferhofe von Nicäa diente,
immerhin eine intereffante Perfönlichkeit. Die letzten
beiden Jahrhunderte des romäifchen Reiches weifen eine
Reihe von bedeutenden Mönchen auf, die nicht allein
durch Orthodoxie excellirten, fondern auch begeifternde
Vaterlandsliebe befafsen und mit unbeugfamem Muthc
für die Wahrheit ihrer Ueberzeugung eintraten. Den
Mefarites hat übrigens Verf. erft entdeckt und zwar in
dem Cod. F. 96 fup. der Ambrofiana in Mailand faec. 13.
Diefe Handfchrift enthält lediglich Schriften diefes Mannes,
unter denen ich eine für die byzantinifche Kunftgefchichte
wichtige Befchreibung der Apoftelgefchichte in Conftantinopel
und eine Grabrede auf feinen dem Nikolaos
gleichgefinnten Bruder Johannes befonders hervorhebe.

Verf. fchreibt intereffant, fo dafs man fich durch
den unvermeidlichen Haufen von paläographifchen Notizen
, Excerpten u. f. w. gern durcharbeitet.

Hannover. Ph. Meyer.