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Ausgabe:

1902 Nr. 7

Spalte:

219-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Antikritik (gegen Walther) 1902

Rezensent:

Harnack, Adolf

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219

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 7.

220

homitäbus institutas kaum vereinbar fein. Auch die Be- I Was thut Prof. Walther? Erft ftellt er eine Reihe
hauptungen, dafs das Kyrie fchon in frühefter chrifl- | von Stellen zufammen, in denen Auguftin Sokrates und
licher Zeit Verwendung im Gottesdienfle gefunden Plato rühmt, und befchliefst fie mit dem triumphirenden
habe, dafs die Präfation vielleicht in die apoftolifche Satze: ,Von dem allen erwähnt Harnack nichts' [aber
Zeit, das Sanctus ins erfte Jahrhundert hinaufreiche 1 wenn ich fie hätte erwähnen wollen, hätte ich auf die
(S. 24 k), werden fchwerlich zu beweifen fein. Wichtiger j Väter des 4. Jahrh. eingehen müffen; das war nicht meine
ift, dafs er unbefehens der romanifirenden Tradition folgt, j Abficht; zur Sache f. meine Dogmengefch. III 3 S. 117ff.],
indem er in der Abendmahlsliturgie das Hofianna und 1 ,Er behauptet vielmehr nur, Auguftin habe alles in dunkle
Benedictus vor die Confecration geftellt wiffen will, gegen | Nacht getaucht, was das Alterthum Erhabenes und Grofses
Luther, der es in der Formula Missae vor die Diftri- j hervorgebracht hat'. [Ich habe nicht gefagt ,Auguftin',
bution ftellt und es in den Deutfchen Meffe ganz weg- | fondern ,diefe Lehre'; Auguftin hat neben diefer Lehre
fallen läfst. Die neueren Verhandlungen, die fich an die Vieles gethan, um das Erbe des Alterthums in Kraft zu
Schriften vonjulius Muethel anfchliefsen, fcheinen dem erhalten.] ,Doch er bringt auch einen Beweis für feine
Verfaffer unbekannt geblieben zu fein. kühne Behauptung; er nennt Auguftin's furchtbare

Es wäre freilich zu wünfchen, dafs dies Letztgenannte ! Theorie, dafs alle Tugenden der Heiden nur glänzende
ernfte Würdigung fände; die evangelifche Integrität der Lafter feien. Zunächft nun reicht diefer Satz nicht zum
neuen Gottesdienftordnung würde dadurch in einem wefent- j Beweife deffen hin, was Harnack beweifen will. Denn es
liehen Punkte gewahrt fein. Im übrigen ift den Beftrebungen handelt fich ja nicht nur um die .Tugenden' der Heiden,
der wackeren Männer, ihrer Kirche zu gefunden liturgifchen fondern auch um ihre religiöfen Erkenntnifse [!!]. Daher hat
Zuftänden zu verhelfen, der befte Erfolg zu wünfchen. I Harnack jenen Satz Auguftin's zu vervollftändigen fich erlaubt
[Walther fpringt hier ganz willkürlich auf die Mitte
meines Vortrages über, wo ich nicht von Auguftin fpe-
ciell fpreche], indem er von dem trüben Gedanken redet,
„dafs die Tugenden der Heiden nur glänzende Lafter",
ihre Erkenntnifse fammt und fonders Irrthümer
feien.1) Aber weder jener halbe Satz noch diefer ganze

Marburg. E. Chr. Achelis.

Antikritik.

Prof. Walther (Roftock) hat in der Evang.-luther.
Kirchenzeitung (1902, Nr. 8 u. 9) meinen Vortrag ,Sokrates Satz findet fich in den Werken Auguftin's .... Dafs
und die alte Kirche' einer langen Kritik unterzogen; fie j Harnack dies nicht weifs, ift verzeihlich. Denn wer kann
ift ebenfo rabuliftifch ausgefallen, wie feine früheren Re- j Alles wiffen? Aber ein Forfcher, der für zuverläffig gelten
cenfionen, und ich darf das Urtheil über fie den fach- möchte, follte doch, ehe er öffentlich dem grofsen Kirchen-
verftändigen Collegen überlaffen. Wie fchon früher, rückt vater folch eine „furchtbare Theorie" und folch eine borer
mir mit wichtiger Miene Dinge auf, die jeder Quar- nirte Beurtheilung des Grofsen auf dem natürlichen Getaner
in der Kirchengefchichte kennt, fchulmeiftert und ! biete nachfagt,^ fich davon überzeugen, ob Auguftin
ergänzt mich, als hätte ich aufser diefem Vortrage nichts ; wirklich jenen Satz gefchrieben hat'.

gefchrieben, z.B. keine Dogmengefchichte, und fetzt Wie foll man diefe Polemik charakterifiren? Während

meinen Deductionen Erwägungen entgegen, die wir j jeder unpartehfehe Kritiker aus den Worten ,ihre Erkennt-
Fachgenoffen uns fonft nicht vorzuhalten pflegen, weil | nifse fammt und fonders Irrthümer feien', die ich dem

Jeder vom Andern überzeugt ift, dafs er fie bereits
felbft angeftellt hat.

In Bezug auf das Verhältnifs der alten chriftlichen

Satze von den glänzenden Ladern hinzugefügt hatte,
erkennen mufste, dafs ich hier überhaupt nicht citire,
fondern referire, fchliefst Prof. Walther umgekehrt und

Schriftfteller zu Sokrates halte ich Alles aufrecht, was wirft mir daher erftens Unwiffenheit vor und zweitens
ich gefchrieben habe. Wie Prof. Walther kritifirt — es leichtfertige Dreiftigkeit, fofern ich mir erlaubt haben
ift genau die Methode, die er fchon früher gegen mich i foll, einen Satz Auguftin's zu vervollftändigen!
befolgt hat — will ich an einem Beifpiele kurz darlegen: Was die Sache betrifft, fo citirt Walther felbft den

Mein Vortrag befchränkt fich, wie Jeder fehen mufs, j Satz de civit. dei XIX, 25: ,Die Tugenden find, wenn
auf die Schriftfteller der drei erften Jahrhunderte, aber | der Menfch fie nicht auf Gott bezieht, vielmehr Lafter
ein Ausblick auf Auguftin durfte am Schlufse nicht i als Tugenden', bemerkt aber dazu; ,Von den Tugenden
fehlen, nicht auf den ganzen Auguftin — denn feine der Heiden ift gar keine Rede, fondern von dem Guten
Stellung zum Griechenthum ift fehr complicirt —, wohl jedes Menfchen, das noch nicht aus dem Einen von Gott
aber auf feine Theorie von der Sünde, die, confequent geforderten Motiv hervorgeht, aus der Liebe zu Gott',
durchgeführt, alle vorchriftliche Religion und Sittlichkeit j Wenn das nicht Sophiftik ift, wo foll man fie fuchen?
entwerthen mufs und entwerthet hat. Dafs der Spruch von | Mit folchen Kritiken müffen wir uns in der Theologie
den Tugenden der Heiden als glänzenden Laftern wörtlich J herumfchlagen!
bei Auguftin nicht nachgewiefen ift, war mir bekannt; dafs
er eine treffliche Formel für den auguftinifchen Hauptgedanken
ift, wird kein Verftändiger leugnen. So fchrieb ich
denn am Schlufse meines Vortrages: ,Doch— den letzten

Schritt hat erft Auguftin gethan, und zwar durch feine j Bibliographie
furchtbare Theorie, dafs alle Tugenden der Heiden nur
glänzende Lafter gewefen feien. Erft diefe Lehre tauchte
Alles in dunkle Nacht, was das Alterthum Erhabenes
und Grofses hervorgebracht hat'. In der Mitte des Vor

Berlin. A. Harnack.

1) Von Walther gefperrt.

von Lic. theol. Paul Pape, Zehlendorf bei Berlin.
iCcutfchc £ttcratur.

Renzer, T. S., Die Hauptperfonen des Richterbuches in Talmud u.

träges hatte ich den Auguftmismus fchon anticipiren müffen. Midrafch. 1. Simfbn. Berlin 1902, S. Calvary. (44 s. gr. 8.) 1. 50

Dort lauten meine Worte, nachdem die liberale Denk- ! Bertholet, A., Die Bücher Efra u. Nehemia, erklärt. (Kurzer Handweife
der Alexandriner hervorgehoben war: ,Dafs die kommentar zum Alten Teftament, hrsg. v. K. Marti. 17. Lfg.

Tugenden der Heiden nur glänzende Lafter, ihre Erkenntnifse
fammt und fonders Irrthümer feien — von
diefem trüben Gedanken waren fie noch weit entfernt'.
Man fieht — ich habe an der einen Stelle von einer
,Theorie' gefprochen, an der anderen von einem ,Gedanken
', ohne Auguftin zu nennen, und nicht citiren,
fondern eine verbreitete Denkweife in wenigen Worten
zufammenfaffen wollen.

Tübingen 1902, J. C. B. Mohr. (XX, 112 S. gr. 8.) 2. 50; geb. 3. 50
Meyer, F. B., Sacharja, der Prophet der Hoffnung. Hagen 1902, O.

Rippel. (IV, 168 S. mit Bldn. gr. 8.) I, 50; geb. 2. 50

Sievers, E., Melrifchc Studien. I. Studien zur hebr. Metrik. 2. Tl.:
Textproben. [Abhndlgn. d. k. fächf. Gefellfch. d. Wiff. Phil.-hift. Cl.
21. Bd. No. II.] Leipzig 1901, B. G. Teubner. (IV u. S. 401—599,
Lex. 8.) 6 —

Merx, A., Die vier kanonifchen Evangelien nach ihrem ülteften bekannten
Texte. Ueberfetzung u. Erläuterg. der fyr. im Sinaikloller
gefundenen Palimpfefthandfchrift. 2. Thl. [. Hälfte. Erläuterung.