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Ausgabe:

1902 Nr. 7

Spalte:

214-217

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tschackert, Paul

Titel/Untertitel:

Die unveränderte Augsburgische Konfession 1902

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 7.

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Prediger ausübte, für die Bedeutung, die er durch feine
nüchterne, auf verftändigen Principien aufgebaute Exegefe,
die in weiten Kreifen vorbildlich wurde, gewonnen hat,
für feine Bemühungen um die Ausbildung und Erziehung
des Clerus hat P. kaum einen Blick. Alles ifi unter den
einen Gefichtspunkt geftellt, was Chyrfoftomus für dies
Volks- und Familienleben gewefen ift. Dafs diefer Mafs-
ftab viel zu klein ift, fowenig fich leugnen läfst, dafs
gerade nach diefer Seite hin Chryfoftomus noch lange
nicht genug gewürdigt ift, bedarf keines Nachweifes. Die
neuere Literatur, vor allem die für die Chronologie
wichtige Arbeit von Raufchen fcheint P. entgangen zu fein.

2. Der Verfaffer des Lebens des Raymundus Lullus,
M. Andrö ift, wie das vom Herausgeber der Sammlung
gefchriebene Vorwort lehrt, Diplomat, der an den Confu-
laten in Barcelona und Madrid befchäftigt war. In Madrid
lernte er die Herausgeber der Werke des Lullus kennen,
machte fogar mit Hülfe der Lulliften Studien in der
katalonifchen Sprache und durchftöberte die Bibliotheken.
Ein Jurift, der lieh aus reinem Eifer in einen mittelalterlichen
Scholaftiker mit aufsergewöhnlich abfonderlichen
Ideen verliebt, ift in unferer Zeit etwas fo feltenes, dafs
fchon aus diefem Grunde diefe Arbeit zum minderten ein
gewiffes pfychologifch.es Intereffe verdient. Zudem ift dU
Literatur über diefen Scholaftiker, deffen Wirkfamkeit
über Spanien nicht allzuweit hinausgedrungen ift — fchon
weil er eine gröfsere Anzahl feiner Schriften nur katalonifch
und arabifch fchrieb —, fo geringfügig, dafs fie eine Bereicherung
recht gut verträgt. Wie weit die Darfteilung
A.s, die von deutlich zur Schau getragener Liebe zu dem
Helden erfüllt ift, fich im Einzelnen als zuverläffig er-

Tschackert, Prof. DD. Paul, Die unveränderte Augsburgische
Konfession deutfeh und lateinifch, nach den beften
Handfchriften aus dem Befitze der Unterzeichner. Kri-
tifche Ausgabe mit den wichtigften Varianten der
Handfchriften und dem Textus reeeptus. Mit 2 Kunft-
beilagen. (Schriftproben aus einer deutfehen und einer
lateinifchen Handfchrift.) Leipzig 1901, A. Deichert'sche
Verlagsbh. (VIII, 231 S. Lex. 8.) M. 7.—;

Textausgabe (54 S. Lex. 8.) M. 1.—

In feiner gehaltvollen Ausgabe der Augsburgifchen
Confeffion (Gotha, Perthes, 1896) hatte Th. Kolde noch
den Textus reeeptus des Concordienbuches zu Grunde
legen müffen, aber feiner Begründung: ,da wir noch keinen
kritifchen Text befitzen' fpürte man das Bedauern diefes
Mangels an, der noch empfindlicher wurde, feit wir
Ficker und Pätzold treffliche kritifche Ausgaben der
Confutatio der Augustana und der Tetrapolitana verdanken
, und doch flehen diefe beiden Schriften an
Werth und Bedeutung weit hinter der Augustana zurück
. Nun hat Tfchackert fich an die Herftellung
eines kritifch geficherten Textes gemacht, der allgemein
als Bedürfnifs empfunden werden mufste, denn
die Ueberlieferung des Textes befand fich, wie Tfchackert
mit Recht fagt, in einem chaotifchen Zuflande, für den
in erfter Linie Melanchthon mit feinen für die Gefchichte
der protefhantifchen Theologie weithvollen, aber ftaats-
und kirchenrechtlich durchaus unzuläffigen fortgefetzten
Aenderungen des Textes von der Editio prineeps an
verantwortlich gemacht werden mufs. Aber auch die

weifen wird, vermag ich allerdings nicht zu beurtheilen. kurfürftliche Regierung in Mainz und die um die Her-
3. Eine befonders heikle Aufgabe war dem Biogra- j Heilung des Concordienbuches bemühten Theologen und

phen der Jungfrau von Orleans zugefallen. Wenn man
bedenkt, in welchem Lichte in der unüberfehbaren populären
franzöfifchen Literatur das Bild der Nationalheldin

Staatsmänner trifft ein Theil der Schuld. Mit Recht
nennt es Tfchackert Betrug, (S. 60) wenn die kurfürftliche
Regierung zu Mainz dem Kurfürften von Sachfen

ericheint, fo erhellt, wie eine fchlichte, hiftorifche Dar- j die Abfchrift einer fchlechten Copie der Augsburgifchen
Heilung von vorneherein mit aufserordentlichen Schwierig- Confeffion, eines blofsen Actenexemplars, als angebliche
keiten zu kämpfen haben mufs, wenn fie fich durchfetzen j Abfchrift des deutfehen ins Reichsarchiv gewanderten
will. Der Verfaffer der obengenannten Biographie hat 1 Originales bot, das wohl längH nach Trient aufs Conzil
fich redlich bemüht, aus den befien Quellen eine Dar- gewandert und dann verfchollen war. Aber auch die
Hellung zu geben, bei der nicht mehr Weihrauch ver- | mit der Herfiellung des Concordienbuches befchäftigten
brannt wird, als eben nöthig war. Nur über eines wird Gelehrten trifft ein Vorwurf. So verfiändig es war, dafs

man im Zweifel fein: wie Jeanne d' Are in eine Sammlung
geräth, die den Titel ,Les Saints' führt. Der Verf. hat
das zu rechtfertigen gefucht, indem er fchreibt (S. 188 f.):
,Quel est le caractere neeessaire, essentiel et pour ainsi
dire indefectible de la saintetei IST est -ce pas le desir ardent
et constamment suivi d'accomplir en soi-meme^ la volonte
divine? ... C'estpar cette absolue soumission ä la volonte

der Kurfürfl von Sachfen fich nach Mainz wandte, um
den Originaltext zu erhalten, fo naiv ifi das Vertrauen,
mit dem man proteHantifcherfeits den Mainzer Text
aufnahm, ohne auch nur zu fragen, ob denn die Unterzeichner
keine Handfchriften der Augustana mit nach
Haufe gebracht hätten, die man vergleichen konnte,
und die dem Originale doch nahe Hehen mufsten.

divine que Jeanne d'Are est sainte.' Das läfst fich hören, j Tfchackert, der fchon 1896 in der Zeitfchrift des
Nur Heht zu befürchten, dafs wenn nach diefem Kanon 1 Vereins für niederfächfifche Kirchengefchichte eine Be

die Biographien ausgewählt werden, die Zahl der Bände
diefer Sammlung ins Unermefsliche Heigen wird.

4. Die Lebensbefchreibung der heiligen Therefe, die
der Herausgeber der Sammlung beigefieuert hat, bewegt
fich durchaus in den Bahnen der Legende, wennfehon

fchreibung der Hannöverfchen Handfchrift gegeben hatte,
hat feine Kraft der Bearbeitung der Handfchriften zugewendet
, von denen bis jetzt 25 bekannt waren, während
es ihm gelang, noch elf weitere deutfehe Handfchriften
aufzufinden und die Originale von je 3 bisher bekannten

Joly das Gefchick nicht abzufprechen ifi, auch hier ein- 1 deutfehen und lateinifchen zum erfien Mal zu befchreiben.
zelne pfychologifch intereffante Züge hervorgekehrt zu ! Nunmehr konnte er eine zutreffende CharakteriHik und
haben. Immerhin giebt es doch noch intereffantere Re- Eintheilung der Handfchriften geben, die fich dahin ge

präfentanten der MyHik, als jene fpanifche Dame, deren
Exaltationen für uns vielfach ungeniefsbar find und deren
Eifer erfi einige Ruhe fand, als er fich in zahlreichen
Kloflergründungen bethätigt hatte. Daher wäre eine
brauchbare Biographie etwa von Bernhard von Clairveaux
dankenswerther, als dies Leben der hl. Therefe. Sofern

Haltet: A. Deutfehe Handfchriften. 24, nämlich 1) unfertige
i7.: a)unvollfländige3,b) vollfiändige 14. 2) fertige 7. B. La-
teinifche. 1)unfertige 5. 2)fertige 5.C.Ueberfetzungendesla-
teinifchen Textes: 1) eine deutfehe, 2) eine franzöfifche.

Es wäre vielleicht gut gewefen, wenn fich Tfchackert
die Nachrichten, die wir über Herfiellung und Verfen-

man fich aber daran erinnern läfst, dafs in der Mitte dung von Handfchriften haben, gefammelt hätte. So er-
des 16. Jahrhunderts noch folche religiöfen Kräfte in , fahren wir aus dem Corpus Reformatorum 2, 147 nicht
Spanien lebendig waren, die bei aller Exaltirtheit doch | nur, dafs Melanchthon an Veit Dietrich nach Coburg am
nur in einer innerlichen Frömmigkeit Befriedigung fanden, 27. Juni ein Exemplar fchickte, fondern auch, dafs Brenz,
hat auch diefe Biographie ihre Verdienfie. worauf Ref. in den Bl. f. w. KG. 1901, 149 aufmerkfam
Darmfiadt. Erwin Preufchen. | femachJ} hat ein lateinifches Exemplar am 12 Juli an
_ ! feinen breund Ifenmann in Hall fandte, während die Haller