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Ausgabe:

1902 Nr. 7

Spalte:

202-205

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stahl, Arthur

Titel/Untertitel:

Patristische Untersuchungen 1902

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 7.

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innerfte Heiligtum den Jüngern und damit auch uns
nicht ganz zugänglich' (S. I vgl. S. 79: ,unfer Leben geht
darüber hin, ohne dafs wir es ganz lernen, fo zu beten,
wie Jefus betete'). ,Auch fein wahrhaft menfchliches
Empfinden läfst fich hier fo recht deutlich erkennen'
(S. 2). Wo mehrere (fynoptifche) Berichte vorliegen,
,müffen wir freilich auch darauf verzichten, die feineren
Nuancen des Ausdrucks im Einzelnen bei der pfycho-
logifchen Analyfe des Gebets Jefu zu verwerthen' (S. 17).
Günftig wirkt die zurückhaltende Behandlung der Herrngebete
aus dem Johannesevangelium, was für die Frage
nach dem Gebet im Namen Jefu (S. 66 ff.) ins Gewicht
fällt, vortrefflich die knappe Darfteilung des Vaterunfers,
das nicht als beftimmte Gebetsvorfchrift gefafst wird j
(Vorfchläge für feine gegenwärtige Verwendung S. 191).
Uebrigens wird für die Frage des Gebetes an Jefus feftge-
ftellt, dafs weder der Ausdruck jtQOöxvvelv noch die
Anrede xvqie ,die Art der an der einzelnen Stelle gemeinten
Enrfurchtsbezeugung' präjudiciren (S. 74). So
fachgemäfs und anziehend die Ausführungen diefes Ca-
pitels find, fo bedenklich ift mir die Anfügung eines
zweiten über das Beten des Apoftels Paulus,
während in einem dritten das Beten der Chriften
im apoftolifchen und nachapoftolifchen Zeitalter
dargeftellt wird. Schon dafs in den Untertheilen
diefer beiden Capitel die Stoffgruppirung fich wiederholt
(Gebetsanrede, Gebetsinhalt, Gebetsgefinnung; vgl. übrigens
auch III A2 mit IV 1), ift läftig. Was den Verf.
zur Einfügung des zweiten Capitels veranlafste, fcheint
erftens der rein äufserliche Umftand gewefen zu fein,
dafs wir in der Brieffammlung des Paulus eine einiger-
mafsen vollftändige und fichere Quelle für die Urzeit
befitzen, und war zweitens die Erwägung, dafs derfelbe
den von Jefus hinterlaffenen Gebetsgeift als Kindes-
geift fortpflanzte. Diefe Gleichung tritt in dem Buche
(S. 79. 123. 177) als ein förmliches Axiom auf, enthält
aber als folches nur eine einfeitige Deutung aller Er-
fcheinungen, die unter der Ueberfchrift .Gebet des Paulus'
in Frage kommen, und fie ift, auf die nächfte Folgezeit
gefehen, auch nur theilweife aufrecht zu erhalten. Wer
will im Ernfte behaupten, dafs diefe hierin mehr von
Paulus beeinflufst gewefen fei als von dem altteftament-
lichen Gebetsgeifte oder der Uebung des gleichzeitigen
Judenthums? Gewifs hat das Beifpiel und haben die
Schriften des Paulus auf die folgenden Generationen
mächtig gewirkt, aber man darf auch die möglichen
Einflüfse der Urapoftel nicht zurückftellen. Was in dem
dritten Capitel hier und da an Aeufserungen über das
Gebet aus den katholifchen Briefen des N. T. — wie
ich übrigens fehe, nicht vollftändig — nachgebracht
wird, erweckt keine Ahnung von der fchwer zu widerlegenden
Beobachtung, dafs in ihnen (Jak., 1. Joh.) im
ganzen ein gröfserer Connex mit den urfprünglichen
Herrnforderungen hervortritt als in den Aeufserungen
des Heidenapoftels, der freilich in dem dßßä 6 naxrQ
das wichtigfte Erbftück vom Gebete Jefu kräftig fortge
leitet hat. Allerdings hat Paulus ,eine wortreichere
chriftliche Gebetsfprache gefchaffen unter formeller Anlehnung
an die gottesdienftliche Sprache der Juden'
(S. 121), und man kann feine typifche Bedeutung darin
erblicken, dafs in feiner Perfon die Beftimmtheit des
Gebetslebens durch Chriftus in den Mittelpunkt gerückt
fei (84). Aber die gleiche Beftimmtheit war doch überall
gegeben, wo nicht mehr der irdifche, fondern der erhöhte
Chriftus als das Medium sine quo non des Gebetslebens
auftritt. Diefer Einfchnitt hätte im Uebergange nach
Capitel I kräftig zum Ausdruck gelangen müffen.— Was
fodann das ekftatifche Element anbelangt, das auch bei Paulus
perfönlich anklingt (S. 99. 118 f.), wiewohl er hier für die
Allgemeinheit mehr reprimirend gewirkt hat (S. 119. 179),
fo ift es ficher in höherem Mafse ein Factor des Gebetslebens
der erften chriftlichen Generationen gewefen als
die Darftellung ahnen läfst. Wer getraut fich freilich,

aus dem mangelhaften Material (und es konnte den
Umftänden nach nicht anders als mangelhaft fein), dasjenige
herauszufchälen, was als wirklicher Ausdruck des
Gebetslebens der altchriftlichen Propheten, die bis zur
Mitte des zweiten Jahrhunderts in und aufser dem Gottes-
dienfte eine Hauptrolle fpielten, gelten kann! Man ver-
mifst hier wenigftens einige Frageftellungen. Durch folche
wäre die Untersuchung vielleicht weniger praktifch, aber
doch ftrenger hiftorifch ausgefallen.

Unter den Analyfen überlieferter altkirchlicher Gebete
in Cap. III verdient diejenige der Abendmahlsgebete
der Didache befondere Beachtung. Die Skepfis
des Verf.s gegen das Act. 4, 24 ff. aufgezeichnete Gebet
(S. 82. 235 f.) wird nicht jeder theilen.

Das vierte Capitel giebt Beiträge zur Charakteriftik
des altchriftlichen Gebetes im Zeitalter der Entftehung
der katholifchen Kirche. Hier wird unter 2. über
die älteften theologifchen Schriften über das Gebet
referirt und in 3. über Gebete in den volksthümlichen
Apoftel- und Märtyrergefchichten gehandelt. (Zu den
Abendgebeten auf S. 260 liefse fich vielleicht noch das
von Routh, Reliqu. sacr.2 im III. Bande angeführte heranziehen
.) Ein Anhang, der die wichtigften Gebete wieder-
giebt, und am Schlufse ein ausführliches Stellen- und
Sachregifter find beigegeben. Feine Beobachtungen find
über die Gebetsformen in den apokryphen Apoftelacten
gemacht, deren Urfprung der Verf. als katholifchen bezeichnet
, indem er die gnoftifchen Spuren möglichft zü-
rückftellt und das volksthümliche Moment der Erzählung
aufs kräftigfte betont. So fehr das Gerechtfertigte diefer
Behauptung anerkannt werden foll, fo fehr mufs man
fie als zeitweilige Reaction gegen Lipfius' allerdings übergreifende
Aufhellungen faffen und die eigentliche Entscheidung
von einer erneuten Einzel- und Gefammtunter-
fuchung des anfehnlichen Stoffes abhängig machen. —
Vor unbefehener Hinnahme der S. 320?. gegebenen
äufserfl dürftigen Sätze über Gebete der Katakomben-
infchriften mufs gewarnt werden! Wollte der Verf. fich
einmal auf die üblichen katholifchen Autoritäten berufen,
deren Zufammenftellungen eine durchgreifende Nachprüfung
auf Grund zureichender Fachkenntnifs vertragen
, fo hätte ihm vielleicht Kirfch's Büchlein über
die Acclamationen und Gebete der altchriftlichen Grab-
fchriften noch mehr geboten. Es fei aus diefem Anlafse
der Hinweis verftattet, dafs die bei C. M. Kaufmann, Die
fepulkralen Jenfeitsdenkmäler (Mainz 1900) S. 68 abgedruckte
Grabfchrift des nana 2iv£d-rj (Schnudi) mit dem
Sterbe- und Begräbnifsgebet Nr. 18 Serapion's von Thmuis
(S. 14 Wobbermin) unverkennbare Berührungen aufweift.

Damit find wir fchon bei Gebetsformen angelangt, die
in das Gebiet der chriftlichen Conventionalfprache (S. 324)
fallen oder fonft Abirrungen vom Einfachen und Urfprünglichen
enthalten. Doch gebietet fich nach v. d. Goltz,
der die erziehliche Wirkung einer ausgebildeten Liturgie
betont (S. 256), ,auch die neuentftehenden Ordnungen und
Formen trotz ihrer Verfchmelzung mit menfchlichem
Irrtum als Lebensäufserungen des neuen, fieghaft fort-
fchreitenden Geiftes zu verftehen' (323). Man darf fagen,
dafs der Verf. der Eigenart feines Stoffes gerecht zu
werden fich mit Erfolg bemüht und ein äufserft lesbares
Buch gefchaffen hat.

Betheln (Hannover). E. Hennecke.

Stahl, Lic.theol. Arthur, Patristische Untersuchungen. I. Der
erfte Brief des römifchen Clemens. II. Ignatius von Antiochien
. III. Der „Hirt" des Hermas. Leipzig 1901,
A. Deichert Nachf. (VI, 359 S. gr. 8.) M. 8.—

Diefe Unterfuchungen über 1. Clemens, Ignatius
und Hermas ,find ein Verfuch, durch ftrenge Befolgung
| exegetifcher Gefetze den Schriftfteller auf feinem eigenen
Boden zu möglichft felbftändiger Geltung zu bringen'