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Ausgabe:

1902 Nr. 6

Spalte:

188

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Bibliographie der theologischen Literatur für das Jahr 1900 1902

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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i87

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 6.

188

unvermeidliche Gefahr mit fich bringt, dafs die Sorge 1
um die unperfönlichen Inftitutionen zur Hauptfache, der j
den lebendigen Menfchen zu leidende Dienft dagegen 1
zur Nebenfache wird. Und doch find alle Organifationen
und Inftitutionen nur Mittel zu Zwecken von lebendigen
Menfchen, nicht aber umgekehrt. Jenen Gefahren wird
auch nicht vorgebeugt durch die übrigens recht beach-
tenswerthen Ausführungen des Verf. über die Frage nach I
dem Conflict der Pflichten (S. 356 ff). Vielmehr handelt J
es fleh um das fittliche Princip. Infofern aber hat in
der höchften Sittlichkeit die lediglich altruiftifch zu ver-
ftehende Liebe durchaus den Vorrang vor der Gerechtigkeit
. Summuni jus wird fonft zur summa injuria. Aus
diefem Grunde kann ich auch dem Verf. nicht zuftim- j
men, wenn er fchliefslich den Staat zum höchften in-
altruiftifchen Werth idealiflrt. Denn den Staat geht un- |
mittelbar nur feine Gerechtigkeit an, mögen diefer auch
die öffentlichen Wohlfahrtsunternehmungen, das Begnadigungsrecht
der Krone und gewiffe Rückfichten der
Billigkeit, die durch die Gefetze vorgefehen find, ein
im Grunde doch nur geringes Gegengewicht leiften. Die
Liebesgeflnnung, d. h. die höchfte Sittlichkeit der
Menfchen aber kommt für das ftaatliche Leben immer
nur mittelbar in Betracht, ja oft fogar in unumgängliche |
Confhete mit der von dem Staate wahrzunehmenden
Gerechtigkeit. Dennoch find die ftaatliche Ordnung und
andere inaltruiftifche und imperfonale Gebilde nicht nur
nothwendig, fondern auch fegensreich und demgemäfs
hohe fittliche Werthe. Infofern aber ift ihre fittliche
Qualität doch immer nur abhängig davon, was das
Streben im Dienfte diefer Ideale den lebendigen Menfchen
zur unmittelbaren oder mittelbaren Förderung ihrer höchften
Intereffen leidet.

Und was nun die auch vom Verf. behandelte Frage
nach den Beziehungen zwifchen der Sittlichkeit und der
Religion betrifft, fo ift es doch gewifs nicht zufällig, dafs
es im Chriftenthum diefelbe Liebe ift, die Gott den
Menfchen erweift und von diefen auch unter einander
geübt wiffen will (Matth. 54s). Unter diefem Gefichts-
punkte aber ergiebt fleh ein näheres Verhältnifs zwifchen
Religion und Sittlichkeit, als wie es der Verf. beftimmt.
Auch deffen Satz, ,das Abhängigkeitsgefühl erreiche Gott
in der religiöfen, das caufale Denken in der wiffenfehaft-
lichen, das unfelbftifche Wollen in der fittlichen Welt-
anfehauung' (S. 346), halte ich für unrichtig. Denn das
caufale Denken als folches erreicht Gott überhaupt nicht, '
oder, wenn es ihn erreicht, nur immer fchon unter der
Vorausfetzung religiöfer Speculationen. Dasfelbe gilt
infofern auch von dem ,unfelbftifchenl Wollen, als dieles
auch ohne den Gottesgedanken geübt werden kann.
Wenn anders deffen Inhalt aber auch in diefem P'alle
jene oben fchon charakteriflrte Liebe ift, wird die durch I
dogmatifche Vorurtheile entgegengefetzter Art unbeirrte
religiöfe Speculation auch folche Liebe aus der Liebe
Gottes herzuleiten wiffen. Wenn der Verf. ferner behauptet
, Luther trenne Religion und Sittlichkeit und be- I
wahre dadurch die Moral auf allen ihren Gebieten rein, j
fo hat er Luther eben gründlich mifsverftanden. Was j
diefer an aller Sittlichkeit als im höchften Sinne werthvoll
anfleht, ift, mit Kant zu reden, lediglich eine hetero-
nome, d. h. die durch den religiöfen Glauben bedingte
Moral. Das, was der Verf. dagegen bei Luther im Auge
hat, gilt diefem nur als justitia civilis, deren Leiftung
von Gott mit irdilchen Belohnungen abgefunden wird,
an fich aber ebenfo wie alles, was nicht aus dem Glauben
kommt, Sünde ift und nicht nur Gott, fondern auch jedem
Gläubigen geradezu als minderwerthig gilt. Aber gemäfs
dem von dem Verf. angegebenen und nach feiner Meinung
auch für die gefchichtliche Entwickelung gültigen Gefetze
des fortfehreitenden Motivwandels ift der fittliche Kern
jener justitia civilis allerdings von Kant gefunden und
als das in fich felbftändige Princip der reinen Moral
herauszuarbeiten verfucht worden. Es ift jedoch ein

unhiftorifches Verfahren, bereits Luther die ihm noch
völlig fremden Errungenfchaften zu Gute zu halten, die
unter ganz anderen culturgefchichtlichen Verhältnifsen
erft Kant erreicht hat.

Die Ausführungen des Verf.s über die Straftheorien
(S. 3 59 ff.) halte ich im Wefentlichen für zutreffend. Den
ernften, geraden fittlichen Sinn, der fein ganzes Buch
durchzieht, erkenne ich um fo unumwundener an, je
weniger ich den meiften feiner nunmehrigen theoretifchen
Conftructionen habe zuftimmen können. Der Anhang
über Nietzfche's Zarathuftralehre ift ein intereffanter
Beitrag zum Verftändnifs diefer eigenthümlichen Gedankenwelt
.

Bonn. O. Ritfchl.

Bibliographie der theologischen Literatur für das Jahr 1900.

Bearbeitet von Baentfch, O. Giemen, Elfenhans, Ever-
ling, Ficker, Foerfter, Funger, Hafenclever, Hegler,
Hering, Koehler, Kohlfchmidt, Lehmann, Loefche,
Lüdemann, Lülmann, Marbach, Mayer, Meyer, Preu-
fchen,Scheibe, Spitta, Sülze, undTodtenfchau, zufammen-
geflellt von Neftle. Sonder-Abdruck aus dem 20. Bande
des Theologifchen Jahresberichtes. Herausgegeben
von Prof. Dr. G. Krüger. Berlin (1902), C.A.Schwetfchke
& Sohn. (III, 342 u. VII S. Lex. 8.) M. 2.—

Durch Zufammenftellung der bibliographifchen Ab-
fchnitte aus dem ,Theologifchen Jahresberichte' ift hier
eine Bibliographie der Theologifchen Literatur gefchaffen,
welche an Vollftändigkeit alle anderen übertrifft. Sie
giebt die theologifche Literatur des In- und Auslandes,
und zwar nicht nur die felbftändig erfchienenen Schriften,
fondern auch die faft zahllofen Auffätze und Abhandlungen
in Zeitfchriften und Sammelwerken. Von den
wöchentlich oder monatlich erfcheinenden Verzeichnifsen
in den Literaturzeitungen und anderen Zeitfchriften (deren
wir jetzt mehr als genug haben) unterfcheidet fie fich
dadurch, dafs fie die Literatur eines ganzen Jahres fyfte-
matifch geordnet zufarhmenfafst. Sie ift darum, wie es
im Vorworte mit Recht heifist, die einzige, die es dem
Benützer ermöglicht, fich ohne zeitraubendes Blättern
fofort darüber zu unterrichten, ob in dem betreffenden
Jahre über ein ihn intereffirendes Thema in Buch- oder
Artikelform, im In- oder Auslande etwas erfchienen ift.
Da auch der Preis ein erftaunlich niedriger ift, fo ift zu
hoffen, dafs diefes mühevolle Werk viele dankbare Käufer
und Benützer finden wird.

Göttingen. E, Schür er.

Nachtrag.

Zu Sp. 172 möchte ich noch bemerken, dafs der
Gebrauch von Mi in der Bedeutung von omnes überhaupt
fpätlateinifch ift. Eine grofse Zahl von Beifpielen
(aus Novatianus, Ambrofius, Sulpicius Severus, Prudentius,
Paulinus von Nola, Apuleius u. A.) giebt Rönfch, Itala
und Vulgata S. 338. E. S.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape, Zehlendorf bei Berlin.
ICcutfcbc Hitcratur.

Torge, P., Afchera u. Aflarte. Ein Beitrag zur femit. Religionsgefchichte.

Leipzig 1902, Hinrichs. (59 S. gr. 8.) 2 —

Schreiner, J., Elyfium u. Hades. Eine religionsgefchichtl. Studie.

Braunfchweig 1902, R. Sattler. (III, 71 S. m. 1 Karte, gr. 8.) 2 f-
Kittel, R., über die Notwendigkeit u. Möglichkeit e. neuen Ausgabe

der hebräifchen Bibel. Studien u. Erwäggn. Leipzig 1902, A. Deichen.

(86 S. gr. 8.) 2 —

Flemming, J., Das Buch Henoch. Äthiopifcher Text. (Texte u. Unter-

fuchungen zur Gefchichte der altchriftlichen Literatur. Hrsg. von

O. v. Gebhardt u. A. Harnack. Neue Folge. 7 Bd., r. Hft.) Leipzig

1902. Hinrichs. (XVI, 172 S. gr. 8.) n —