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Ausgabe:

1901 Nr. 5

Spalte:

151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Foerster, Erich

Titel/Untertitel:

Die Rechtslage des deutschen Protestantismus 1800 und 1900 1901

Rezensent:

Rieker, Karl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 5.

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Foerster, Pfr. Erich, Die Rechtslage des deutschen Prote- gegenübergeftellt werden. So waren die erften Decennien
Stantismus 1800 und 1900. (Vorträge der theologifchen ! des T9- Jahrhunderts erfüllt von den Debatten mit einem
Konferenz zu Giefsen. 15. Folge.) Giefsen, J. Ricker ! äfthetilch-naturphilofophifch begründeten Pantheismus und
,nm (,, c o 1VT ör, 1 dann dle Mltte von den Debatten mit einem exact-natur-

1900. (44 ö. ö-j --«o wiffenfchaftlichen, von der Phyfiologie des Einzelwefens

Der Unterfchied zwifchen der Rechtslage des deut- ausgehenden Materialismus. Hieran reihten fich dann
fchen Proteftantismus im Jahre 1800 und der im Jahre 1900 zuletzt die Kämpfe mit dem die Teleologie aus der Ge-
befteht nach dem Verf. kurz getagt im Folgenden: Am fammtheit der organifchen Welt überhaupt vertreibenden
Ende des 18. Jahrhunderts gab es viele einzelne evange- | Darwinismus, der feine fyflematifche Zufammenfaffung in
lifche Gemeinden, es gab ein proteftantifches Kirchen- ! Herbert Spencer gefunden hat, dem umgekehrten He^el,
wefen des preufsifchen, heffifchen u. f. w. Staates, d. h. j der, wie jener die Welt und ihre Entwickelung aus der
eine landesherrliche Verwaltungsbehörde für die evan- 1 immanenten Bewegung des fein Bewegungsprinzip in fich
gelifchen Kirchenfachen, aber es gab noch nicht, was ! tragenden logifchen Geiftes erklärte, fo fie aus den im-
es jetzt giebt, eine evangelifche Kirche, d. h. eine recht- manenten Bewegungsnothwendigkeiten des Differenzirung
liehe Vertretung aller evangelifchen Gemeinden eines 1 und Gleichgewicht rhythmifch erftrebenden Stoffes ableitet
Landes. Zwifchen 1800 und 1900 liegt die Entftehung j und diefen Stoff gegen antimaterialiftifche Einwände durch
der evangelifchen Kirche als einer rechtlichen Gröfse, j die Behauptung feines unerklärlichen und lediglich phä-
eines Rechtsfubjectes (mifsverftändlich fagt Verf. S. 9: 1 nomenalen Charakters deckt. Haben die Kämpfe mit
die Entftehung der ev. Kirche als einer mit eigener diefem Syftem, deffen Vorzüge lediglich in der ftarken
Zwangsgewalt ausgeftatteten Gröfse; eine eigene [ Abftractionskraft und dem ausgebreiteten Detailwiffen
Zwangsgewalt befitzt fie auch jetzt nicht, fondern ift in 1 Spencers liegen, bisher vor allem die angelfächfifche Welt
diefer Hinficht auf den Staat als den Träger einer erfüllt, fo hat fich nun auch auf dem Continent fein Ein-
Zwangsgewalt angewiefen). Verf. verweift zur Recht- 1 flufs verbreitet und gegen ihn mannigfache Oppofition
fertigung feiner Thefe auf die aufserordentlich gröfse : erhoben. In diefen, bereits von den franzöfifchen Neu-
Freiheit und Mannigfaltigkeit, die einft in der preufsifchen [ kantianern energifch geführten Streit greift die vorLandeskirche
auf dem Gebiet der Verfaffung der einzelnen ; liegende forgfältige, aber fehr weitfehweifige Schrift des

Gemeinden, des Cultus und der Lehre beftanden hat:
,das 18. Jahrhundert kennt keine Proceffe gegen Geift-
liche wegen Irrlehre, und es kennt kein Wächteramt des
Kirchenregiments über die Orthodoxie der Kirchendiener'
(S. 14). Ganz anders die Gegenwart! Unfere Landesjungen
Laufanner Theologen ein, und zwar wendet fie
lieh gegen diejenige Seite des Spencer'fchen Syftems,
wo fein Zufammenftofs mit der chriftlichen Schätzung
der Perfönlichkeit am härteften ift, die Moral diefes
modernen Heraklit, der freilich nicht wie der weinende

kirchen find durchzogen von Rechtsordnungen, die die alte an die auüöfende Kraft, fondern echt modern nur
freie Bewegung der Einzelnen theils hemmen, theils in eine an die aufbauende und fortfehrittliche Seite des ewigen
beftimmte Richtung drängen wollen. Innerhalb der ein- Werdens denkt und aus dem mechanifchen Getriebe felbft
zelnen Landeskirchen giebt es jetzt nur einerlei Ver- 1 ein Ideal möglichft vollftändiger gegenfeitiger Anpaffung
faffung, Cultus und Lehre; die kirchliche Lehre wird in der Krafteinheiten hervorgebracht werden läfst. Zwei
einer Weife reglementirt und uniformirt wie nie zuvor; Jahrtaufende chriftlicher Zukunftshoffnung und platonifch-
das Perfönliche, Individuelle, Oertliche wird abgefchliffen, i ariftotelifcher Teleologie haben eben doch auch bei ihm
das Inftitutionelle,Objective, Autoritäre tritt immer ftärker ] ein Refiduum hinterlaffen. An fich ift das freilich nur
hervor. Die Selbftändigkeit der Kirche gegenüber dem eine neue F'orm des uralten Gegenfatzes der Welt- und
Staate hat die Selbftändigkeit des Pfarrers und der Ge- Lebensanfchauungen, über die wiffenfehattlich Kant und
meinde aufgezehrt: der Pfarrer ift zum kirchlichen Ver- Fichte entfeheidend geurtheilt haben und deffen wirk-
waltungsbeamten, die Einzelgemeinde zur unterften liehe Erledigung nur von der praktifchen Erfahrung und
kirchlichen Verwaltungsbehörde geworden. Diefe FInt- Entfcheidung bewirkt werden kann. Aber es ift natür-
wickelung mag hiftorifch nothwendig fein, aber fie ift lieh fehr begreiflich, dafs man diefen Principienkampf
mit einer ftarken Einbufse an den höchften Gütern des immer wieder an einem concreten Einzelbeifpiel durch-
Proteftantismus verknüpft. — Verf. hat feine Grundthefe kämpfen will. Zum Zwecke folchen Kampfes Hellt das
fcharf zugefpitzt, aber gegen ihre Richtigkeit läfst fich ; vorliegende Buch in feiner erften Hälfte die Lehre Spencer's
nichts einwenden. Von höchftem Werthe ift der Nach- referirend dar, fehr weitfehweifig und nicht fehr anweis
, ,wie grofs der freie Spielraum für Gemeinden und fchaulich, aber foweit ich urtheilen kann, im Ganzen zu-
Geiftliche im Rahmen des vielgefchmähten territoria- treffend. Die zweite Hälfte bringt dann die Kritik, welche
liftifchen Syftems gewefen ift. Der Individualismus, der die Hauptpunkte richtig herausgreift, aber an einer grofsen
dem Proteftantismus von feiner Geburt her als köftliches Zerfplitterung der Einfatzftellen und an ermüdender Um-
Erbtheil im Blute fleckt, und die Freiheit gegenüber ftändlichkeit leidet. Straffer geordnet lauten die Einwände
allen autoritären Ordnungen haben fich frei entfalten folgendermafsen: 1) Spencer's Conftruction ift trotz aller
können'. — Wir wünfehen dem gedankenreichen, un- ! agnoftifchen Vorbehalte materialiftifch d. h. fie behandelt
gemein anregenden Vortrage viele denkende Lefer; Denken und Wollen des Menfchen als Ergebnifs und F'ort-
möchte er insbefondere von denen gelefen werden, die fetzung der in ihnen fich nur complicirenden mechanifchen
kein höheres Ideal kennen als die Selbftändigkeit der Proceffe, bei denen dieBehauptung ihres rein phänomenalen
evangelifchen Kirche gegen den Staat! Charakters gleichgiltig ift, wenn doch der rein mechanifche

, . . Rieker Charakter der Bewegung auch zur Hervorbringung von

eiP7-'g- _ ' Denken und Wollen herangezogen wird. Jeder folche Ma-

Dubois, Lic Jules Spencer et le principe de la morale. Paris, terialismus fcheitert aber daran dafs Denken und Wollen
4- i.ie. " c o ucn n,cnt als Effecte der zufälligen mechanifchen Be-

Fifchbacher, 1899. (XU1, 329 =>• gr. ü.) ; wegungen denken laffen, fondern vielmehr felbft erft die

Es fcheint unvermeidlich zu fein, dafs unfere über- : logifch-einheitliche Ordnung wie die zweckfetzende Werth-
kommenen, auf dem Chriftenthum und einer platonifirenden abftufung felbftändig aus eigener innerer Gefetzmäfsig-
Pfychologie beruhenden fittlich-religiöfen Ueberzeugungen keit hervorbringen. FIbendeshalb kann die Ethik fowenig
vom unendlichen Werth nicht der Seele als folcher, aber wie die Logik aus der Mechanik der Atome abgeleitet
doch der mit Gott und der Idealwelt erfüllten Seele werden, vielmehr, wie diefe folche Begriffe erft hervor-
immer wieder den entgegengefetzten, die Seele der Natur- bringt, fo ergeben fich erft aus jener Werthabftufungen
caufalität unterwerfenden oder einverleibenden und fie zu unter dem Gefichtspunkte letzter, abfoluter Werthe, denen
einer rein utilitarifchen Moral verpflichtenden Lehren zufolge gegen den Flufs der Dinge Stellung genommen