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Ausgabe:

1901 Nr. 5

Spalte:

143-144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrhard, Albert

Titel/Untertitel:

Die altchristliche Literatur und ihre Erforschung von 1884-1900 1901

Rezensent:

Schürer, Emil

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143

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 5.

144

nicht die Hand fpäterer Bearbeiter dem Bilde eine Deutung I
gegeben habe, die ihm urfprünglich fremd war. Dafs dies
thatfächlich der Fall ift, beweifen die Widerfprüche
zwifchen den einzelnen Zügen. Dann können aber fehr
wohl Beide recht haben, fowohl die, welche in einzelnen
Stellen Hinweife auf Nero finden, als die, welche geltend
machen, dafs diefe Erklärung des Bildes auf mannigfache,
zum Theil unüberwindliche Schwierigkeiten ftöfst.

Jedenfalls aber kann fowohl diefes als die anderen
Räthfel, die das Buch noch immer aufgiebt, nur von denen
gelöft werden, welche die Ausdrucksmittel und die Ueber-
lieferung der apokalyptifchen Weisfagungen nicht blofs
an dem einen Buche ftudiren, fondern die der neu-
teftamentlichen Apokalypfe ihren Refpect dadurch beweifen
, dafs fie gewiffenhaft von all den Hülfsmitteln Gebrauch
machen, die dem Ausleger in immer reicherer
Fülle zu Gebote flehen.

Bafel. Eberhard Vifcher.

Ehrhard, Albert, Die altchristliche Literatur und ihre Erforschung
von 1884—1900. Erlte Abtheilung. Die vor-
nicänifche Literatur. (Strafsburger theologifche Studien
. Herausgegeben von A. Ehrhard und E. Müller. 1
1. Supplementband.) Freiburg i. B., Herder, 1900.
(XII, 644 S. gr. 8.) M. 15 —

Wenn eine im Wefentlichen bibliographifche Arbeit
geeignet wäre, den Lefer poetifch zu ftimmen, fo müfste
die Anzeige diefes Werkes zum Lobes-Hymnus werden.
Denn je mehr man von ihm Kenntnifs nimmt, defto
mehr ftaunt man über das Maafs der Arbeit, das hier !
geleiftet ift. Nach einer Notiz im Vorworte umfafst es
2710 Anmerkungen. Das will aber fagen, dafs es über J
annähernd ebenfo viele Bücher und Abhandlungen orien-
tirt, welche der Erforfchung der altchriltlichen vornicäni-
fchen Literatur im Laufe der letzten 16 Jahre (1884—1900)
gewidmet worden find. Es führt nicht nur ihre Titel auf,
fondern es orientirt wirklich über ihren Inhalt. Und zwar
gefchieht dies, foweit Referent es beurtheilen kann, in
ebenfo überfichtlicher wie zuverläffiger Weife und mit
gutem Urtheil.

Den Begriff der altchriftlichen Literatur fafst Ehrhard
ebenfo weit wie Harnack, deffen Einflufs auch fonft bei
diefem im Rahmen der katholifchen Anfchauung fich
haltenden Autor unverkennbar ift. Nicht nur die ,Väter'
werden behandelt, fondern die gefammte altchriftliche
Literatur: die Apokryphen (auf mehr als 70 Seiten, j
S. 116—188), die gnoltifche Literatur (S. 188—198), das 1
muratorifche Fragment (S. 412 ff.), das apoftolifche Glau-
bensfymbol (S. 499—521), die älteften Kirchenordnungen
(S. 523—539), die Märtyrerakten (S. 539—592). Zeitlich [
ift bei dieier Literatur, deren Entftehungszeit fich nicht j
immer genau beftimmen läfst, die vornicänifche Grenze
wohl nicht ftreng feilgehalten. Hinfichtlich der eigentlichen
Schriftfteller aber macht der Verf. in diefem Bande,
dem noch ein zweiter folgen foll, vor dem Nicaenum
Halt. Eufebius ift nicht mehr behandelt; von den Lateinern
find die letzten Novatian, Arnobius, Victorinus
von Pettau, Lactantius.

Der Bericht des Verf. erweckt einen lebhaften Eindruck
von dem Eifer, mit welchem auf diefem Gebiete
gearbeitet wird. Katholiken und Proteftanten, Theologen
aller chriftlichen Culturvölker wetteifern mit einander,
Baufteine zur Erforfchung der altchriftlichen Literatur j
zu liefern. Darunter ift ja manches Material, was unter I
das Gericht von I. Kor. 3, 12 ff. fällt; aber doch auch |
.vieles, was unfere Erkenntnifse fördert und bereichert.

Ref. hat mehrere Abfchnitte mit feinen eigenen
(für gewiffe Gebiete auf Vollftändigkeit ausgehenden)
bibliographifchen Notizen verglichen; es hat fich aber
nur eine minimale Nachlefe ergeben. Die Berichter-
ftattung des Verf. ift fo vollftändig, dafs fie dem Recen-

fenten faft nichts zu thun übrig läfst. Wenn ich daher
jene Nachlefe hier noch mittheile, fo gefchieht es nur,

ut aliquid fecisse videar.

S. 83 f. zu der Stelle über den Tempelbau im Barnabasbrief:
Schlatt er, Zur Topographie und Gefchichte Palärtina's, 1893, S. 146
bis 151. D er f., in: Beiträge zur Förderung chriftlicher Theologie I, 3
S. 61—67 (nimmt UnterUützung des jüdifchen Baues durch Had nan an).
— S. irz ff. zu den Papiaszeugnifsen: Mandel, Die Vorgefchichte der
öffentlichen Wirkfamkeit Jefu 1892, S. 235 ff., 291 ff. Link, Die Dol-
metfcher des Petrus (Theol. Stud. und Krit. 1896, S. 405 ff.'). Poggel,
Der zweite und dritte Brief des Apoftels Johannes, 1896, S. 24-51!
Schlatter, Die Kirche Jerufalems, 1898. S. 40—57 (der Presbyter
Johannes identifch mit dem von Eufeb. H. E. IV, 5 erwähnten Johannes

von Jerufalem). Zahn, Forfchungen VI, 1900, S. 109_157 (letzteres

erft während des Druckes von Ehrhard's Werk erfchienen). _ S. 116 f.

zu den Apokryphen im Allgemeinen: Batiffol's Artikel in: Visrourcux
Dictionnaire de la Bible [Act/s, Apocalypses , Epitrcs , Evangiles).
Charles, Art. Apocalyptic Literature und James, Art Apocrvpha in-
Che vne and Black, Encyklopaedia Biblica vol. Iy 1S99. — S. 122 zum
Laodieenerbrief: W. Schulz, Zeitfchr. für wiffenfch. Theol. 1899,
S- 36—39 (Varianten von 10 fpanifchen Handfchriften). — S. 123 f. zum"
Evangelienfragment von Fajjum: Stokes, Expositor, 1885. Aug.
p. 132—141. Woodruff, Andover Review 1885, Sept. p. 272—277.
Savi, Revue bibliqae 1, 1892, p. 321—344. Refch, Paralleltexte zu
Matthäus und Marcus [Texte und Unterfuchungen von Gebhardt und
Harnack X, 2] 1894, S. 28—34. Häberlin, Centralblatt für Bibliotheks-
wefen XIV, 1897, S. 408 f. — Bei den apokryphen Briefen (S. 117 —122}
fehlen einige wohl mit Abficht, da fie einer fpäteren Zeit angehören.
Ihre Erwähnung wäre trotzdem in diefem Zufammenhange nützlich, da
der Verf. auch bei anderen Apokryphen die Zeitgrenze nicht üugft-
lich feilhält. Es find; 1. Der vom Himmel gefallene Brief Chrifti.
Diefer wird wenigftens im Texte nicht erwähnt; nur in einer Anm. wird
S. 119 einige Literatur genannt. Es fehlt aber Röhricht, Zeitfchr f.
Kirchengefch. XI, 1890, S. 436 ff., 619. 2. Der Brief des Lentulus, vgl.
Gundermann, Zeitfchr. f. wiffenfch. Theol. 1886, S. 241. Neftle, Theol.
Studien aus Württemberg 1889, S. 291—295. v. Dobfchütz, ,Chrillus-
bilder' und Zeitfchr. für wiff. Theol. 1899, S. 457—466 (v. Dobfchütz
fetzt ihn ins 13. Jahrh. nach Chr.). 3. Das Schreiben Dionyfms des
Areopagiten an Titus über die Aufnahme Mariae, aus dem Armenifchen
überfetzt von Vetter (Theol. Quartalfchr. 1887, S. 133 —138). — Auch
die anderen Berichte über den Tod und die Himmelfahrt der Maria
(worüber zu vgl. Zahn, Neue kirchl. Zeitfchr. 1899, S. 377—429) find
vom Verf. wohl wegen ihres fpäteren Urfprunges nicht aufgenommen.

Ich betone nochmals, dafs diefe Nachlefe gegenüber
dem, was geboten wird, eine verfchwindende ift, und
fchliefse mit lebhaftem Danke für die überaus nützliche
Gabe des Verfaffers.

Göttingen. E. Schür er.

Seeberg, Prof. Dr. Reinhold, Grundriss der Dogmengeschichte
. Leipzig, A. Deichen, 1901. (VIII, 135 S. gr. 8.)

M. 2.80

Nachdem der Verf. bei der 2. Ausgabe von Thomafius'
Dogmengefchichte und dann 1895—98 in feinem eigenen
zweibändigen Lehrbuche feine Auffaffung von den Hauptproblemen
der Dogmengefchichte gründlich dargelegt
und durch monographifche Arbeiten wie die eben vollendete
700 Seiten ftarke Unterfuchung über die Theologie
des Duns Scotus fich auch als Liebhaber der minutiöfen
Detailarbeit erwiefen hat, überrafcht er uns noch mit
einem ,Grundrifs' der Dogmengefchichte. Die Darfteilung
in diefem fchliefst fich, wie im Vorwort bemerkt wird,
überall eng an das gröfsere Lehrbuch an, fo dafs mit
dem neuen Büchlein nicht die Vertretung neuer Gefichts-
punkte, alfo überhaupt nicht eigentlich eine Bereicherung
der Wiffenfchaft, fondern nur eine Vermehrung der theo-
logifchen Lehrmittel beabfichtigt ift. Für die Zuhörer
akademifcher Vorlefungen hat der Verf. fein Werk be-
ftimmt, die hier das Wichtigere aus der Literatur, die
Grundgedanken der Entwickelung und die Hauptbeleg-
ftellen zufammengeftellt erhalten, wodurch ihnen mecha-
nifches Nachfchreiben erfpart werden foll. Ich befürchte,
dafs das Buch mehr als Repetitorium für bequeme Zuhörer
wie zur Vorbereitung auf Vorlefungen benutzt
werden wird, und finde für den erften Zweck feinen
Stoff zu dürftig. Die Belegftellen find bei Schmid-
Hauck und bei Loofs, die ihre Lehrbücher doch auch
für Studenten gefchrieben haben, in reichlicherer Aus-