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Ausgabe:

1901 Nr. 4

Spalte:

123-124

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pieper, P.

Titel/Untertitel:

Kirchliche Statistik Deutschlands 1901

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 4.

124

eben die Dinge mit anderen Augen als die ruhige
Ueberlegung.

Der letzte Abfchnitt von Müller's Schrift bringt feinen
Lefern (S. 97, vgl. 13.43) eine unerwartete Kritik an Z.'s
Frömmigkeit. Nach allem Streit gegen Ritfehl ift man
kaum darauf gefafst, die ganze Gemeindeanfchauung, die
der Lebensarbeit Z.'s zu Grunde liegt, auf einer pieti-
ftifchen Art von Frömmigkeit aufgebaut zu fehen, die
fehr energifch gegen Luther's Glauben contraftirt wird.
Ungefähr, denke ich, hat das, was Müller hier ausführt,
der Göttinger Profeffor auch gefagt, nur mit ein wenig
anderen Worten, und überdies freilich mit dem Verfuch,
zum Verftändnifs diefer Frömmigkeit eine weite gefchicht-
liehe Vergangenheit aufzurollen. Ich möchte aber wagen,
dem verehrten Verfaffer im Voraus zu verfichern, dafs
die Verehrer Z.'s diefe Ausführungen feiner Schrift wenig
beachten, hingegen jedes Wort, das er gegen Ritfehl ge-
fchrieben hat, ohne Kritik reichlich verwerthen werden.

Offenbach a/M. S. Eck.

Pieper, em.Pfr. P., Kirchliche Statistik Deutschlands. (Grund-
rifs der theologifchen Wiffenfchaften Deutfchlands.
Zweite Reihe, 5. Bd.) Freiburg i.B., J.C.B. Mohr, 1899,
(VI, 295 S. gr. 8.) M. 9.-

Eine kirchliche Statiftik als Theil eines Grundrifses
der theologifchen Wiffenfchaften wäre ehemals etwas
ganz unmögliches gewefen und mag auch heute noch
manchen zunächft befremden, und doch hat kein Geringerer
als Schleiermacher in feiner ,Darfteilung des
theologifchen Studiums' — freilich in einem weit um-
faffenderen Sinne, als wir heute das Wort zu gebrauchen
gewohnt find: als Kenntnifs des gefellfchaftlichen Zu-
ltandes in allen verfchiedenen Theilen der chriftlichen
Kirche — fchon die kirchliche Statiftik gefordert. Er
hat freilich zunächft mit feiner Forderung wenig Anklang
gefunden; nur vereinzelte literarifche Erfcheinungen (fo
Augufti's Beiträge zur kirchlichen Statiftik, 1831; Jul.
Wiggers' Kirchliche Statiftik oder Darfteilung der ge-
fammten chriftlichen Kirche nach ihrem gegenwärtigen
äufseren und inneren Beflande, 1842; G. Finsler's Kirchliche
Statiftik der reformirten Schweiz, 1854) find durch
fie hervorgerufen. Nachdem dann aber die kirchlichen
Behörden (allen voran das bayerifche evangelifche Con-
fiftorium) angefangen haben, kirchlich-ftatiftifche Erhebungen
in ihrem Amtskreife anzuflehen, nachdem
namentlich in der Eifenacher Kirchenconferenz eine
Centralfteile auch für ftatiftifche Nachrichten entftanden
ift, ift mehr und mehr das Intereffe an der kirchlichen
Statiftik erwacht.

Die vorliegende Arbeit Pieper's ift die erfte umfallende
Darfteilung, die das bisher für die deutfehen
evangelifchen Kirchen zufammengebrachte ftatiftifche
Material ausnutzt. Der Herr Verf. theilt fein Buch in
zwei Haupttheile, die Grundlegung und die Darftellung.
In erfterem orientirt er zuerft (1. Cap.) über die Be-
völkerungsftatiftik Deutfchlands und erörtert dann namentlich
(2. und 3. Cap.) das Verhältnifs der evangelifchen
und römifch-katholifchen Confeffion: im 2. Cap. giebt er
den gegenwärtigen Zuftand an und die in den letzten
Jahrzehnten in den confeffionellen Verhältnifsen eingetretenen
Verfchiebungen; im 3. Cap. fucht er die
Gründe diefer Verfchiebungen feftzuftellen: er findet fie
veranlafst durch Ein- und Auswanderungen, durch den
Ueberfchufs der Geburten über die Sterbefälle, endlich
durch Mifchehen. Ein 4. Cap. erörtert das Verhältnifs
der deutfehen evangelifchen Landeskirchen zu den Angehörigen
der evangelifchen Freikirchen und den nicht
chriftlichen Religionen. Die Cap. 5—8 behandeln mehr
äufserliche Verhältnifse: fo die Mannigfaltigkeit der
Mutterfprachen im Deutfehen Reiche; den räumlichen Umfang
, die Bewohnbarkeit und Bewohntheit der Gebiete
der Landes- und Provincialkirchen; die Vertheilung der

I Bevölkerung auf Stadt und Land und endlich die finanzielle
Leiftungsfähigkeit der Glieder der evangelifchen
Landeskirchen. Im zweiten Theile find das 1. und 2. Cap.
der evangelifchen Kirche, das 3. der katholifchen Kirche
gewidmet. Das 1. Cap. handelt von der kirchlichen Ver-
forgung, nämlich von den geiftlichen Stellen, den gottes-
dienftlichen Stätten und den Kirchfpielen; ferner von den
theologifchen Hilfsarbeitern und ihrem Nachwuchs (den
Studierenden der Theologie und den Candidaten); bei
den in Amte flehenden Geiftlichen werden Ueberfichten
über den Bedarf, über die Befetzungsrechte und über
ihr Lebens- und Dienftalter gegeben. Endlich wird auch
hier die Geldfrage erörtert und die in den einzelnen
Landeskirchen zur Verfügung flehenden Geldmittel feft-
geftellt. Das 2. Cap. behandelt die Aeufserungen kirchlicher
Sitte und kirchlichen Lebens: die Taufe, die Con-
firmation, Uebertritte und Austritte, die Abendmahlsbetheiligung
, den Kirchenbefuch, Trauungen und Scheidungen
, die Wahlbetheiligung an den Wahlen der Gemeindeorgane
, die geldlichen Leiftungen bei Collecten,
ferner Gefchenke und Vermächtnifse, endlich die kirchlichen
Beerdigungen.

Hinfichtlich der römifchen Kirche bekommen wir
Ueberfichten über ihre Organifation, über die Religions-
verhältnifse ihrer Bistümer und über die auf deutfehem
Boden vorhandenen Seelforgerftellen, Orden und Con-
j gregationen. Die kirchlichen Lebensäufserungen auch
| bei der römifchen Kirche ftatiftifch feftzuftellen, ift wegen
mangelnden Materials alfo bisher nicht möglich gewefen.
Doch wollen wir nicht kurzweg auf fie verzichten, fon-
1 dern als erften Wunfeh für eine zweite Auflage äufsern,
dafs fie in diefer Hinficht — wenn auch zunächft nur vereinzelte
— Ergänzungen bringt.

Ferner dürfte doch auch eine Ueberficht darüber
anzuftreben fein, wie das lutherifche und reformirte Be-
kenntnifs in den evangelifchen Landeskirchen fich vertheilen
. Wenn wir auch von Herzen wünfehen wollen,
dafs beide Confeffionen mehr und mehr fich affimiliren,
1 fo find fie doch gegenwärtig — felbft in der Union —
, noch neben einander vorhanden, und zu wiffen, welches
j Bekenntnifs in den einzelnen Bezirken vorherrfcht, ift allein
fchon in kirchenhiftorifchem Intereffe höchft erwünfeht.

Statiftifche Feftftellungen über die kirchliche Erziehung
hat der Herr Verfaffer geben wollen, hat fie aber,
wie er S. 213 ff. bemerkt, nicht geben können, weil
darüber keine Nachrichten vorlagen. Sollte hier nicht
eine Umfrage bei den kirchlichen Behörden am Platze
gewefen fein? Für eine zweite Auflage läfst hoffentlich
einiges Material fich fammeln, läfst fich vielleicht auch
fcftftellen, welcher Art die Lehrbücher find, die beim
religiöfen Unterrichte in den einzelnen Landes- und
I Provincialkirchen gebraucht werden, ob Katechismen,
exponirte Katechismen, Spruchbücher u. dgl.

Ganz gewifs wird jeder bei einem folchen Werke
noch feine befonderen Wünfche haben, und auch nur
I relative Vollftändigkeit läfst fich bei einer fo umfaffenden
Arbeit jedenfalls nicht auf den erften Wurf erreichen.
I Jedenfalls dürfen wir dem Herrn Verfaffer für das, was
er uns geboten und mit gröfster Mühe nicht nur zu-
fammengeftellt, fondern auch fachkundig erörtert hat,
I von Herzen dankbar fein. Grundlegende Rubriken und
Angaben find nun gefchaffen; der weitere Ausbau kann
der Zukunft vorbehalten bleiben.

Dafs bei den zahllofen Angaben einzelne Verfehen
untergelaufen find, ift felbftverftändlich. Dem Herrn
Herausgeber ift es durch dankenswerthes Entgegenkommen
der Verlagsbuchhandlung möglich gewefen,
einige Seiten Errata noch nachträglich feinem Werke
I hinzuzufügen. Wer das Buch fchon befitzt, laffe diefes
Verzeichnifs fich jedenfalls nachliefern; wer das Buch
fich anfehafft, forge, dafs er es mit erhalte.

Efchershaufen i. Brfchw. Ferdinand Gohrs.