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Ausgabe:

1901 Nr. 4

Spalte:

116-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koch, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die Reformierten in Mecklenburg 1901

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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H5 Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 4. 116

kannten Ausdruck ,das Gefetz Chrifti' in ,die Gefetze
Chrifti' umfetzt, in Stähelin's Citat aus dem Mandat des
Züricher Rathes die Worte ,mit fonderem Ernft' bei

er, habe ihn dann nachgeahmt. Merkwürdig nur. dafs
er feine eigene Arbeit als harmlofen, witzigen Scherz
(lusus, joci), die Nachahmung durch jenen dagegen als

flüchtiger Wiedergabe zu einem anderen Satze zieht, als i eine grofse obscocnitas beurtheilte! N.Paulus machte im
zu dem fie gehören. Aufser Stähelin citirt W. noch ; Katholik 75 I zuerft auf diefe Enthüllung der Verfaffer-
Finsler's Zwingli-Bibliographie — nach ihm ift fie 1877 J fchaft aufmerkfam, und Spahn hat in feinem Buche über
ft. 1897 erfchienen! Aug. Baur aber mit feiner vortreff- > Joh. Cochläus demgemäfs das ,heimlich Gefpräch' anflehen
Analyfe und Erläuterung diefer Schrift Zwingli's j gemeffen zur Charakteriftik der Polemik diefes gegen
in feiner ,Theologie Zwingli's' I 89—107 wird überhaupt i Luther verwerthet. Der Neudruck der fehr feltenen
nicht erwähnt. Die Bibliographie der 5 bekannten Aus- Schrift ift dankenswerth — fie ift ein Glied in der Kette
gaben der Schrift ,Von Freiheit der Speifen' S. VI ff. ift von Schmähfchriften, mit denen zunächft und allen voran
völlig unzuverläffig. Mir liegen die Ausgaben C und D j das katholifche Leipzig (Miricianus, Hafenberg) fleh mit
vor: beide find fo fehlerhaft befchrieben, dafs man danach | Luther's Ehefchliefsung auseinanderfetzte. — Holftein
zwei weitere Druckausgaben annehmen müfste, wenn 1 giebt eine ausreichende literaturgefchichtliche Einleitung,
nicht genügend Proben der Flüchtigkeit des Herausgebers j und darauf einen von den Druckfehlern des Originals
vorlägen. Es wäre Raumverfchwendung, alle diefe Fehler i gereinigten Neudruck. Als Drucker des Originals ver-
hier einzeln aufzuführen; ich empfehle nur als Stichprobe : muthet er Peter Jordan in Mainz (?). Darüber, ob Brief-
die aus C auf S. VII angeführten Randbemerkungen am ' fchreiber und Adreffat des Widmungsbriefes, zwei böh-
Original zu collationiren: da finden wirb' falfch aufgelöft 1 mifche Magifter, fingirte oder gefchichtliche Perfönlich-
in ,den' ft. ,der'; Glifsnerey ft. Glichfsnerey; verfprung ft. keiten find, giebt er keine Auskunft.

vrfprung; gewüfs ft. gwüfs u. f. w. Die Frage nach den 3. Das Freudenfpiel des Schottelius möge hier auch

Druckereien, denen die fünf Ausgaben entflammen, ift gar erwähnt werden. Denn wenn auch der Name des Ver-
nicht angerührt. Beffer fcheint dem Herausgeber der i faffers feinen Ehrenplatz in der Gefchichte der deutfehen
Abdruck des Textes von A felber gelungen zu fein, ob- j Grammatik hat, und direct theologifche Intereffen von
gleich hier auch manches entweder Fehler des Neudruckes ; ihm in dem Stücke nicht berührt werden, fo ift doch
oder ein im Abdruck zu verbeffernder Fehler des Ur- j das Bild, das er von Deutfchlands Verwüftung durch
druckes ift, z. B. 20,20 ,es fyn fünd', wo C ,fye', D ,fey' ! die Schrecken des 30jährigen Krieges entwirft, feine
lieft, und 20,18 wo ,worden' mit C in ,werden' zu ver- Zeichnung der Friedensfehnfucht, dazu aber auch fein
beffern war; 20,19 wo C richtig ,dz es lufft ift' bietet, im j kräftiger, patriotifcher Kampf gegen die entfetzliche VerNeudruck
aber das ,es' fehlt. Zur Erläuterung des Textes j unftaltung der lieben Muttersprache mit franzöflfehem
hat Walther gar nichts gethan; und doch bedurfte die ; Sprachgut und zwar fein Kampf dagegen auch unter dem
Sprache des Schweizer Reformators, wenn auch andere ethifchen Gefichtspunkte, dafs folche Sprachveränderung
als Germaniften fie verliehen follen, nach ihrem Vocabel- j eine Sittenveränderung bedeute, auch für den Theologen
fchatz und auch in Bezug auf fo manche uns Heutigen von Intereffe. Schade dafs den Liedern des Stückes
unverftändliche fyntaktifche Erfcheinung — namentlich j nicht auch die im Originale befindlichen Noten beigefügt
die latiniflrenden Infinitiv-Conftructionen — einiger Auf- i find. Auch ift vergehen anzumerken, dafs das Format
klärung. Wie viele wiffen, was ,vermafsgung' (Verun- j des Originales ein zierliches Quer-Oktav ift. Zur weiteren
reinigung) und was ,das mulchen' (Milchfpeife) ift? Und 1 Orientirung ift auf die Schrift des Herausgebers Friedr.
follte nicht auch dem Lefer gefagt werden, dafs wir die : Koldewey über J. G. Schottelius, Wolfenbüttel 1899,
,tütfche gedieht' von denen Zwingli S. 3 redet, noch j zu verweifen.

kennen und nachweifen können? Diefe Schrift, in der 1 Breslau. G. Kawerau.

Zwingli gleich Luther die Mutterfprache für fein refor-

matorifches Auftreten verwendet, fordert zu einem Ver- Koch, Paft. Dr. Rudolf, Die Reformirten in Mecklenburg.

gleich darüber auf, wie beide diefes Werkzeug handhaben. Feftfchrift zum Jubiläum des 200jährigen Beftehens
Insbefondere reizt die von Zwingli S. 36 f. verfuchte der evangelifch-reformirten Gemeinde zu Bützow, nach
Ueberfetzung eines längeren Abfchnittes von Col. 2 zum amtlichen Quenen bearbeitet. Schwerin, E. Herberger,
Vergleich mit Luthers gleichzeitiger, aber erft im Sep- Q nT a c o m ,

tember 1522 erfchienenen Ueberfetzung: die unvergleich- l899- (V, 187 b. gr. 8.) wi. 3 —

liehe Begabung Luther's macht fich fiegreich geltend. In Bützow in Mecklenburg befteht eine evangehfeh-

2. Hugo Holftein, der verdiente Forfcher zur Ge- i reformirte Gemeinde, die zugleich für alle Reformirten
fchichte des Dramas der Reformationszeit, bietet uns im 1 im Gebiete der evangelifch-lutherifchen Landeskirche
Neudruck das fatirifche Drama des Pfe'udonymus Joh. [ Mecklenburgs Parochialrechte befitzt. Sie ift aus ur-
Vogelgefang (Avicinius), in welchem es auf die Ver- j fprünglich zwei reformirten Gemeinden verfchmolzen

fpottung Luthers und feiner Käthe, fowie überhaupt der
,Pfaffenhuren' der Wittenberger abgefehen ift. Ich habe
in meinem Joh. Agricola S. 121 ff. das ,heimlich Ge

aus der im Jahre 1699 entftandenen franzöfifch-reformirten
Gemeinde, einft hervorgerufen durch die vom Herzog
Friedrich Wilhelm an franzöfifche Emigranten ergangene

fpräch' genau berückfichtigt, infofern es die Perfon I Aufforderung, fich in feinem Lande anzufiedeln, und aus
Agricola's, feine Verfafferfchaft einer Tragödie Joh. Hufs, j der (feit 1713) zunächft für die Herzogin-Wittwe Sophie
feine Familienverhältnifse und fein Zerwürfnifs mit Luther ■ Charlotte, geborenen Landgräfin von Heffen-Kaffel, und
behandelt. In Schnorr's Archiv f. Lit.-Gefch. X 7 ff. hatte ihren Hofftaat beftimmten deutfeh-reformirten Gemeinde,
ich daneben den Nachweis verfucht, dafs der berüchtigte ! die dann aber auch nach ihrem Tode (30. Mai 1749) auf
Simon Lemnius Verfaffer des frivolen Stückes gewefen ! landesherrliche Genehmigung noch fortbeftehen durfte,
fei, und gleichzeitig hatte Holftein in Zeitfchr. f. deutfehe ' In den Jahren 1765—1771 wurde beiden Gemeinden ein
Philologie XII, 463 und XX, 481 ff. für die gleiche Ver- | gemeinfames Gotteshaus erbaut und damit die erfte Ver-
muthung feine Gründe geltend gemacht, vgl. auch Holftein, 1 anlaffung zu ihrer Verfchmelzung gegeben, die dann
die Reformation im Spiegelbilde der dramatifchen Lite- 1 durch herzogliches Refcript vom 23. Juli 1778 definitiv
ratur des 16. Jahrh. 1886 S. 216 ff. Für Lemnius fprach vollzogen wurde.

die Uebereinftimmung der hier vorliegenden Angriffe auf j Im Herbft vorvorigen Jahres konnte alfo die Gemeinde
die Wittenberger und ihre Frauen mit denen in feinen i ihr 200j'ähriges Beliehen feftlich begehen. Aus Anlafs
Epigrammen und in der berüchtigten Monachopornoma- diefer Feier hat ihr gegenwärtiger Paftor Dr. Rudolf Koch
chia. Da brachte der 4. Bd. der Nuntiatur-Berichte eine j die vorliegende Feftfchrift verfafst und darin die Geunerwartete
Belehrung: Cochläus felbft bekannte fich in fchichte der Gemeinde mit grofser Liebe und Sorgfalt
einem Briefe als der Verfaffer; Lemnius aber, fo meldet . befchrieben.