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Ausgabe:

1901 Nr. 3

Spalte:

92-93

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Notiz über das Aegypter - Evangelium 1901

Rezensent:

Deissmann, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 3.

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Organismen auf den Strand gefetzt. Wollten fie weiter
leben, fo mufsten fie Wurzeln bekommen. Das thaten
fie auch. ,So nahm das Pflanzenreich feinen Anfang'.
Oder S. 181: Johannes der Täufer als Beifpiel für das
,Naturgefühl'. Manche bewiefen ihr Naturgefühl, indem
fie fleh der animalifchen Nahrung enthielten. Johannes
ging noch weiter, er enthielt fleh auch der vegetabilifchen,
mufste aber dann freilich in der animalifchen eine Ausnahme
für die Heufchrecken machen. ,Der heilige Mann
mag fleh dies erlaubt haben, weil fie eine Plage des
Landes bildeten'. Doch hat das Buch auch feinen Reiz:
Durch die Mühe, fleh felbftändig durch den Wald der
Probleme zu hauen, durch das Beftreben, fleh einen Ausgleich
zwifchen Kopf und Herz zu fchaffen, durch die
Menge von Fragen und Gebieten, für die es fleh intereffirt,
durch eine gewiffe Fertigkeit und Selbftändigkeit, mit
ihnen umzugehen, durch feine fliefsende, frifche Dar-
ftellung, durch manche treffende undanregende Aufftellung.

Göttingen. R. Otto.

Reinke, Prof. Dr. J., W. Kulemann, Landgerichtsrath,
0. Veeck, Paflor Dr., Die religionsfeindlichen Strömungen
der Gegenwart. Referate auf dem 20. Deutfchen Pro-
teftantentage in Hamburg. Berlin, C. A. Schwetfchke
& Sohn, 1899. (III, 62 S. gr. 8.) M. I.—

Fischer, Pfr. M., Die Wahrhaftigkeit in der Kirche. Referat
auf dem 20. Deutfchen Proteftantentage in Hamburg
Berlin, C. A. Schwetfchke & Sohn, 1899. (30 S. gr. 8.)

M. —.50

Rohde, Pfr. F., Der gegenwärtige Stand der kirchlichen
Gemeindeorganisation. Referat auf dem 20. Deutfchen
Proteftantentage in Hamburg. Berlin, C.A.Schwetfchke
& Sohn, 1899. (29 S. gr. 8.) M. —.50

In HeftI macht ,die Stellung der Naturwiffenfchaften
zur Religion' den Anfang. Mit Recht. Denn trotz allem
bleibt in Glaubensfachen die oberfte Frage nicht die nach
der Dienlichkeit, nach der Fruchtbarkeit für Staats- und
Volksleben, nach ,der Möglichkeit für den modernen
Menfchen', fondern die Wahrheitsfrage. Reinke fafst
prägnant die Grundgedanken feines Werkes ,Die Welt
als That' zufammen. Die Stellung der Naturwiffenfchaften
zur Religion fei nicht feindlich. Denn befonnene Natur-
forfchung zeige, dafs nicht nur blinde, phyfikalifch-che-
mifche Kräfte die Welt gehalten und erklären, fondern
,intelligente' (durch Intelligenz gefetzte) Factoren hinzukommen
, durch welche erft die biologifchen Functionen
und die Entwickelung möglich werden. So nöthige die
Wiffenfchaft, eine kosmifche Intelligenz anzuerkennen.
Ueber deren weiteres Was und Wie habe dann die Religion
auszufagen. —,Die Stellung der Naturwiffenfchaften
zur Religion' ift damit wohl nicht erfchöpfend befchrieben,
aber der fpringende Punkt angegeben: Es geht nicht an,
fich beider ,völligen Disparatheit der zwei Sphären' zu beruhigen
, fondern die principielle Möglichkeit der Collifion
beider anerkennend hat man nach beften Kräften zu zeigen,
dafs fie nichtftatthabe. Hierzu der erfte Schritt ift der Nachweis
des für blofs chemifch-phyfikalifche Kategorien In-
commenfurablen in Biologie, Ontogenie und Phylogenie.
Mit Reinke's Dominantentheorie hat Ref. fich im vorigen
Jahrg. S. 420 ff. auseinander gefetzt. — W. Kulemann, Landgerichtsrath
in ßraunfehweig, bekannt als Kenner und
Vorkämpfer auf dem Gebiete focialer Reform, corrigirt
fein Thema in ,Stellung der Socialdemokratie zum Chriften-
thum', fkizzirt deren programmatifche Gleichgültigkeit
und factifche Gegnerfchaft gegen die Religion, die jedoch
mit dem letzten Jahrzehnt einer verföhnlicheren Stimmung
weiche. Sehr lehrreich ift, wie der Mann der Praxis den
theoretifchen Factor betont. Die Gründe der Religions-
fcindlichkeit liegen ihm wefentlich darin, dafs die an fich

gefunde Arbeiterbewegung den Materialismus Marx' und
der Zeitrichtung aufnahm. Zur Ueberwindung der Religionsfeindlichkeit
gehöre nicht nur Socialifirung der
,Kirche' u. dergl., fondern ganz wefentlich Ueberwin-
1 dung der materialiftifchen Ueberzeugungen durch idea-
liftifche. Und ficherlich, diefen Fanatismus, diefen be-
geifterten Glauben an die Gottlofigkeit machten im
tiefften Grunde nicht Aerger oder Neid, fondern der Sieg
des Zweifels. Und dafs die Dinge fich in ihr befferes
Gegentheil verkehren, dazu ift auch hier erftes Erforder-
| nifs der Wahrheitsbeweis. Dafs zu deffen Gelingen ein
! Erfatz ,der herrfchenden orthodoxen Religionsauffaffung'
durch eine gefchichtliche nothwendiges Erfordernifs fei,
j wird man dem Verf. zugeftehen, auch wenn man erftere
nicht mit ,Formel- und Zauberwefen' identifch fetzt.
! Intereffant ift der mitgetheilte Brief Auer's über den
Stand der Religion innerhalb der Socialdemokratie (S. 29).
1 Gleichfam eine Documentenfammlung für die Aus-
• führungen des Vortrages giebt die angehängte Literatur-
i Ufte. — Mit kurzen Strichen will Dr. O. Veeck, Paftor
in Bremen, eine Gruppirung und Charakteriftik der nicht
religiös fundamentirten Ethiken und Ethiker unferer Zeit
von Nietzfche bis zur Gefellfchaft für ethifche Cultur und
die Antworten auf ihren verfchiedenen Standpunkt von
der chriftlichen Ethik aus geben. Der Rahmen eines
Vortrages war doch wohl allzu eng für ein folches
Thema. — —

Um die Wahrhaftigkeit in der Kirche zu fichern, fordert
M. Fifcher, Pfarrer in Berlin, im 4. Vortrage (Heft II) gegenüber
der Discrepanz von tradirter Kirchenlehre und
modernem Verftändnifs von Religion und Chriftenthum
,Lehrfreiheit auf der Kanzel und im Confirmandenfaal' —
I ,die immer einigende Macht des religiöfen Geiftes werde
J die Gefahr fubjectiviftifcher Willkür überwinden' — und
j weiter, von der Theologie (fpeciell von den theologifchen
Facultäten, ,den permanenten Concilien des Proteftantis-
mus') die Ausbildung nicht eines neuen Dogma, aber
I eines neuen ,religiöfen Sprachfchatzes' (S. 9), der hernach
I (S. 15) doch zum ,Lehrfchatze' wird, und drittens öffentliche
Polemik gegen die traditionelle Theologie und
Kirchlichkeit. — Zur traditionellen Theologie rechnet —
! wie dem Ref. fcheint—Verf. auch ein gutes Stück fchlicht
biblifcher Frömmigkeit; die vielen, fchwungvollen An-
i erkennungen der Religion und ihres Werthes laffen doch
i nicht recht erkennen, worin er eigentlich beftehe; zur
! geforderten ,Wahrheit' würde auch nothwendig Klarheit
und Präcifion gehören: was heifst aber ,grundfätzliche
Uebereinftimmung mit der neuen moniftifchen Denkweife',
,der eine und ewige Religionsgeift der Menfchheit', Jefus
der Erlöfer der Religion von ihrer Abhängigkeit von der
Sichtbarkeit und Sinnlichkeit', ,durch fich zu fich felbft

befreien' u. a. m.?--

Derfrifche,concret-anfchauliche5.Vortrag(HeftIII)von
Rohde,Pfarrer in Karlsruhe,erwärmt aufs neuefürdenSulze-
I 'fchen Gemeindegedanken und zeigt auf Grund einer Um-
, frage bei ,mehr als IOO grofsen, mittleren und kleinen
Städten' eine erfreuliche, immer wachfende Ausbreitung
und Durchführung desfelben.

Göttingen. R. Otto.

Notiz über das Aegypter-Evangelium.

In feinem Werke ,Wiffenfchaftliche Reife durch das
füdliche Deutfchland, Italien, Sicilien und Frankreich'
Bd. I, Abth. 2, Leipzig 1838, S. 236 erzählt F. F. Fleck,
er habe der Empfehlung von Teyron die gute Aufnahme
in Vercelli und Novara zu danken. Peyron ,war
vor Kurzem zwei Monate in Paris und hat dort wie er
fagte, das übrigens nicht lange koptifche Evangelium
der Egyptier im Original entdeckt, während man es bisher
nur nach griechifchen Fragmenten und Citationen
kannte'.