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Ausgabe:

1901 Nr. 3

Spalte:

73-74

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baldensperger, W.

Titel/Untertitel:

Das spätere Judenthum als Vorstufe des Christenthums 1901

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 3.

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diefen Punkt in den beiden genannten Recenfionen be-
fonders betont und möchte hier nur bemerken, dafs gerade
der zweite Band eine reiche Fülle von Erkenntnifsen
namentlich für das Lexikon des Neuen Teftamentes ge-
ftattet. Wenn U. von Wilamowitz - Moellendorff
(Gott. gel. Anzeigen igoo, S. 57) fagt, der fprachliche
Ertrag diefes Bandes fei nicht eben bedeutend, fo kann
er nur die morphologifche Seite im Auge gehabt haben

giebt fich auch der richtige Gefichtspunkt für die Be-
ftimmung der .Anknüpfungspunkte' der Predigt Jefu
Chrifti. Diefe ift in ihren Vorftellungsformen freilich
durch das ,Spätjudenthum' bedingt; ihrem eigentlichen
Gehalte nach aber knüpft fie weit mehr an den Prophetismus
des Alten Teftamentes an.

Eine kleine Berichtigung mag zum Schlufs noch ge-
ftattet fein. Der Verf. fagt, er habe ,fchon vor längeren

Ohne ihm felbft hierin beiftimmen zu können, möchte • Jahren (1888) den feither auch von Anderen recipirten
ich jedenfalls den Werth diefer Papyri für die fyntak- Satz aufgeftellt, dafs das Judenthum zwei Pole befafs,
tifche und femafiologifche Erforfchung des Weltgriechifch den Nomismus und den Meffianismus'. Diefer Satz
der Kaiferzeit fehr hocheinfchätzen. Dielndicesam Schlufse fleht aber bereits in meiner Gefchichte des jüdifchen
geben allerdings kein vollftändiges Inventar des grofsen ] Volkes, Bd. II, 2. Aufl. 1886, S. 389k
Schatzes, der hier zu heben ift. Die Texte felbft wollen Güttingen E Schürer

gelefen fein. Vor 150 Jahren haben fleifsige Augen die °
Claffiker-Folianten durchfucht, um den Wortfehatz des

Neuen Teftamentes auf dem Hintergrunde der .Profan- Jacoby. Adolf, Ein neues Evangelienfragment. Mit vier
graetät' fchärfer hervorzuheben, und was fie ermittelt | T fel . LichtdrucW. Strafsburg, K.J. Trübner, 1900.
haben, das bildet noch heute den eifernen Beftand unferer | v^Sf M 4 —

Wörterbücher und Commentarnotizen. Vieles von diefem lW> 55 gr- • 4-

Material an .Obfervationen' ift gut und unentbehrlich, | Unter verfchiedenen Papyrusfehätzen, die 1899 nach
vieles aber auch überflüffiger Ballaft und irreführender 1 Strafsburg gelangten, befinden fich 13 koptifche Stücke
Nebel. In unferen Urkunden liegt jetzt für die Fortführung j — darunter nur zwei gröfsere von Werth —, in denen zu-
der grammatifchen und lexikalifchen Arbeit fpeciell am j erft K. Schmidt Refte eines unbekannten Evangeliums
Neuen Teftamente ein Forfchungsmaterial vor, wie wir es : fah. Die Handfchrift, der fie angehörten, ftammt aus
uns unmittelbarer und inhaltreicher nicht wünfehen können, j dem 5—6. Jahrhundert. Jacoby beruft fich für die Text-

Heidelberg. Adolf Deifsmann.

herftellung und Ueberfetzung auf feinen Lehrer Spiegelberg
. Auf den Text folgt ein Commentar und ein Nachweis
des Urfprunges der Fragmente aus dem Aegypter-
Baldensperger. Prof. Dr. W., Das spätere Judenthum als I evangelium. Der Ausdruck .Kralle des Todes' im kop-

Vorstufe des Christenthums. Giefsen, J. Ricker, 1900. I t'fchfrn Texte [ührt dann auf eine von Reitzenftein
c „. f- I im Pap. Gizeh 10203 aufgefundene gnechifche Be-

(30 b. gr. 8.) • —00 fchwörungsformel, wo Chriftus gleichfalls der ,Zerbrecher

Die Gedanken, die der Verf. hier ausführt, find im der Kralle des Charon' heifst. Daher giebt er Text
Wefentlichen aus feinem Werke ,das Selbftbewufstfein und Commentar diefer Formel, weift ihren Evangelien-
Jefu' bereits bekannt. Nicht die Religion des Alten : gehalt dem gleichen Aegypterevangelium zu, dem die
Teftamentes, fondern ,das fpätere Judenthum' ift die ; koptifchen Fragmente entflammen follen und fchliefst
Vorftufe des Chriftenthums. Das Charakteriftifche diefes 1 mit der Hypothefe der Benutzung des Aeg.-Ev. durch
fpäteren Judenthums ift der Nomismus einerfeits und ' Juftin und Ariftides.

der Meffianismus andererfeits, und zwar fo, dafs letzterer Des Koptifchen unkundig befchränke ich mich auf

der eigentlich treibende Factor ift. Diefer Meffianismus | die Beurtheilung des Commentars, foweit er in das
ift tranfeendent. Er hat feine Ideale im Himmel, im 1 Evangelienproblem einfehlägt. Schon die Erklärung des
Ueberirdifchen und Ueberfinnlichen. Bei Marken reli- ; Einzelnen ift problematifch, kein Wunder, da von 114

giöfen Naturen ift aber ,die Flucht in's Ueberfinnliche
unzertrennlich von der Flucht in das eigene Innere. In
diefem Sinne mufs alfo die Erhebung der Eschatologie

Zeilen nur 4 ganz erhalten, fonft faft durchweg die halben
Zeilen zu ergänzen find. Selbft das ficher Lesbare ift
meiftens zufammenhangslos, daher fein Werth ein ganz

in's Tranfcendente als eine Etappe auf dem Wege minimaler. Die Schlüfse des Herausgebers find faft alle
zum Spiritualismus und fomit als eine Vorftufe des übereilt. Nach ihm enthält Kopt. Nr. sv eine Gethfemane-
Evangeliums gefafst werden'. Auch die Ablehnung feene, 5r ein Gebet Jefu an den Vater entfprechend
des Gefetzes liegt in der Confequenz des Meffianismus. Joh. 17, fodann Kopt. Nr. 5r Beginn einer Rede des
Zwar kann ,von einer Tendenz auf Durchbrechung der Auferstandenen, 6r wohl die Himmelfahrt felbft. Von
gefetzlichen Lebensordnung bei den jüdifchen Meffia- ] alldem ift nur das erfte einigermafsen ficher, da hier
niften nicht die Rede fein'. ,Aber es ift für den Hifto- j Mc. 14,38 aufgenommen ift. Aber wie vorfchnell taucht
riker die Einficht wichtig, dafs wir es im Spätjudenthum 1 hier die Behauptung der Hiftoricität, ja felbft einer hinter
mit objectiv und unbewufst divergirenden Anfchauungen i die Synoptiker zurückgreifenden Tradition auf, weil an-
zu thun haben'. ,Obgleich Gefetz und meffianifche Hoff- geblich jener Spruch von der Schwäche des Fleifches
nung ganz auf einander angelegt und für einander be- hier auf Jefus felbft ftatt auf die Jünger bezogen werde!
rechnet waren, zuletzt kann doch keine Macht der Welt Bei einem fo befchaffenen Fragment follte nach geverhindern
, dafs es zwei unterfchiedene Dinge find, und fchichtlichem Werth überhaupt nicht gefragt werden; nur
dafs, je mehr fie fich entwickelten, defto deutlicher ihre j der müfsige Wunfeh nach Entdeckerfreuden hat dazu
Sonderart zum Vorfchein kam. Das ift die immanente j geführt. Von der Himmelfahrt Jefu ift in Kopt. Nr. 6
Logik der Dinge felbft'. gar nichts zu lefen; es erzählt nur, dafs Jefus den Jüngern

Ich kann diefer Conftruction nicht zuftimmen. Sie ! feine Herrlichkeit offenbarte und die Kraft feiner Apoltel-
beruht auf einer Ueberfchätzung des religiöfen Werthes | fchaft verlieh. Alles andere, insbefondere die Ergänzung
des .fpätjüdifchen' Meffianismus. Diefer war freilich der Buchftaben MAP zu Maria ohne irgend einen Zu-
,transcendent'. Aber feine Transcendenz war im Grofsen fammenhang vorwärts oder rückwärts fteht in der Luft,
und Ganzen nichts weniger als geiftig und innerlich, fondern Der Commentar der koptifchen Fragmente ift ein Mufter,
derb und finnlich. Die Ableitung der innerlichen, vollends j wie man keine Commentare fchreiben foll, da er lauter
der antigefetzlichen Richtung aus dem Meffianismus ift | Anklänge und Berührungen fammelt, die faft gar nichts
daher fehr künftlich. Thatfächlich haben die Frommen j zur Erklärung helfen. Hier hätte Jacoby der Wiffenfchaft
im Lande, was fie an innerem Leben befafsen, nicht aus 1 mehr gedient, wenn er das gänzlich Dunkele und Unver-
dem fpätjüdifchen Meffianismus gefchöpft, fondern aus ] (ländliche unferer Fragmente betont und jeglichen Werth
dem Prophetismus des Alten Teftamentes. Hieraus er- für die Evangelienforfchung allein fchon in Folge des