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Ausgabe:

1901

Spalte:

69-73

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grenfell, Bernard P.

Titel/Untertitel:

The Oxyrhynchus Papyri. Part II 1901

Rezensent:

Deissmann, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 3.

70

ihvQTj rf,Qtaou fagt Herondas VI 64 (Wilcken I S. 568).
Wahrhaft raffinirt ift das ägyptifche Steuerwefen der
Kaiferzeit, das ift vielleicht die deutlichfte Einficht, die
uns die Oftraka gewähren; man mufs (ich befinnen, wenn
man Dinge finden will, die nicht verfteuert wurden. Welche
Tragweite ein apoftolifches Wort wie Rom. 13 1—7 für
einen antiken Chriften gewinnen konnte, ift jetzt beffer
abzufchätzen. Die durch die neuen Quellen geftatteten
Einblicke in das fociale Leben im ganzen und im einzelnen
(z. B. Sklavereil kommen überhaupt dem Verftändnifs der
altchriftlichen Propaganda und ihrer Vorbedingungen zugute
. Sehr bedeutfam für das gewaltige Thema ,Chriftus
und die Cäfaren' ift die Thatfache, dafs auf den Oftraka
Nero fehr häufig, aber auch fchon Claudius gelegentlich,
xvQiog genannt wird.

Was fchliefslich den Werth der Oftraka für die Sprach-
forfchung anbelangt, fpeciell auch für die fprachliche
Erforfchung der griechifchen Bibel, fo kann ich einfach
auf das früher mit Bezug auf die Papyri Gefagte verweifen.
Ein befonders frappantes Beifpiel, den Gebrauch der
technifchen Formel dg ovo/ia, habe ich fchon 1900, Sp. 73
diefer Zeitung notirt. Ein anderes will ich hier nennen, um
zum Schlufse zu kommen. Der Sonderbare' Nominativ
jrX^Qtjg Ev. Joh. 111 hat fich fehr fonderbare Erklärungen
gefallen laffen muffen. Die Sache ift aber völlig klar,
wenn man fich durch die Denkmäler des Spätgriechifchen
belehren läfst, dafs jtX/jQr/g in der Zeit des Neuen
Teftamentes (und vielleicht fchon früher) nicht feiten zu
einem Indeclinabile erftarrt war, was bereits Blafs,
Grammatik des Neuteft. Griechifch, 1896, S. 81 mit Hinweis
auf die Papyri gezeigt hat (vergl. auch Neftle bei
Blafs S. XI und Berliner Philol. Wochenfchrift 1900,
S. 2J2f.). Auch dasOftrakon Nr. 1071 vom 16. Februar 185
n. Chr. zeigt diefes erftarrte xl^Qijg, wahrfcheinlich auch
Nr. 1222 aus römifcher Zeit, beide aus dem ägyptifchen
Theben. So verhelfen uns neben anderen unfeneinbaren
Zeugen zwei armfelige Scherben dazu, eine Einzelheit in
einem unferer grofsartigften Texte mit Sicherheit erklären
zu können, — ein Dienft, den nur unterfchätzen kann, wer
keinen Refpect vor der ficheren Einzelheit hat. Das ift nur
ein Beifpiel; Dutzende können mühelos hinzugefügt werden.

Recenfenten find Scherbenrichter. Wilcken's Werk
braucht, ihr Gericht allerdings nicht zu fürchten. Die
gefammte Kritik hat es denn auch meines Wiffens als eine
hochbedeutfame Leiftung anerkannt. Auch die Theologie
darf fich diefer Gabe freuen. Dankbar faffen wir, den
Euripidestext des Oftrakon Nr. 1147 variirend, unfer Urtheil
in die Worte zufammen:

n xqvoov 1} oidr/Qov // j(aXxov ßagog
av&goajroig dg <pmg ijXlov xarmxiöag.

Heidelberg. Adolf Deifsmann.

Grenfell, Bernard P., and Arthur S. Hunt. The Oxyrhyn-
chus Papyri part II. Edited with translations and notes.
Egypt Exploration Fund, Graeco - Roman Branch.)
With eight plates, London, Offices of the Egypt
Exploration Fund, 1899. 358 s- gr- 4)- 25 Sh.

Seit der Entdeckung und Veröffentlichung des
Papyrusfragmentes mit Jefus-Worten durch die Herren
Grenfell und Hunt find diefe englifchen Gelehrten und
ihr Entdeckungsfeld bei dem alten Oxyrhynchos in den
weiteften Theologenkreifen bekannt geworden. Heber
den auch abgefehen von dem Logia-Fragment für uns
fehr intereffanten Inhalt des erften Bandes der Oxyrhyn-
chos-Papyri 1 London 1898) habe ich in diefer Zeitung
XXIII (1898) Sp. 628 ff., vergl. auch 602 ff. eingehenden
Bericht erftattet. Mit erftaunlicher Schnelligkeit haben
die Herausgeber einen zweiten Band folgen laffen, der
zwar keine fo auffehenerregende Dinge für den Theologen
bringt, wie der erfte. deshalb aber in nicht geringerem
Mafse unfere vollfte Beachtung verdient.

In formeller Beziehung darf vorausgefchickt werden,
dafs die Schnelligkeit, mit der die Herren Grenfell und

1 Hunt arbeiten, nirgends Oberflächlichkeit oder Flüchtig-

■ keit im Gefolge hat. Die Wiffenfchaft des chriftlichen

| und des griechifch-römifchen Alterthums darf fich be-

: glückwünfehen, wenn die ihr neu gefchenkten ehrwürdigen

. Blätter zuerft immer durch fo gefchickte und pietätvolle

j Hände gehen.

Die Zählung der Papyri führt die Nummern von

I Band I weiter. Leider find wieder lateinifche Zahlen gewählt
, die wohl die meiften Benutzer recht aufhalten. Ich
werde mir geftatten, in diefem Berichte fie durch arabifche

I zu erfetzen. Der Band beginnt mit Nr. 208, einem Fragment
aus einem griechifchen Johannes-Evangelium des
dritten Jahrhunderts (nach der Schätzung der Herausgeber
, über deren fachmännifches Urtheil mir eine Kritik
nicht zufteht, ,mit Sicherheit der Periode zwifchen 200
und 300 zuzufchreiben' S. 2). Ein Papyrusblatt ift in der
Mitte zufammengefaltet, fo dafs zwei aneinander hängende
Blätter entftanden find, deren jedes zweifeitig befchrieben
ift. Leider find die (von der Faltung aus gerechnet)
äufserenTheile der Blätter abgebrochen undverfchwunden,

j fo dafs von Seite 1 und 3 die Zeilenfchlüfse, von Seite
2 und 4 die Zeilenanfänge verloren find. Seite 1 und 2
enthalten Bruchftücke von Joh. 1, Seite 3 und 4 von
Joh. 20. Aus diefem erften Befunde geht mit Deutlichkeit
hervor, dafs wir hier Theile eines Buches oder
Heftes vor uns haben, das im Princip ebenfo angeordnet
war, wie unfere Bücher und Hefte. Das Johannesevangelium
, deffen Refte hier vorliegen, beftand, wie die
Herausgeber annehmen, aus einem Heft von 25 ineinander
gelegten Doppelblättern, deren erftes wahrfcheinlich
freigelaffen war oder blofs den Titel trug. So hätte
das ganze Evangelium wohl etwas weniger als 100 be-
fchriebene Seiten gehabt. Seine Ueberrefte Hellen jedenfalls
eines der älteften Fragmente eines griechifchen

j Papyrusbuches dar. Die Frage, ob diefes Papyrusheft
ein Buch für fich bildete oder ob es nur ein Theil eines
aus mehreren Heften beftehenden Evangelienbuches oder
gar Neuen Teftamentes gewefen ift, läfst fich, foweit die
Publication ein Urtheil zuläfst, m. E. nicht beantworten.

I Mit Sicherheit aber kann man jetzt die Meinung revi-
diren, das Pergament habe den Uebergang von der Rolle
zur Buchform mit fich gebracht und das Pergament fei

| das Mittel gewefen, der Menfchheit die Literatur der
neuen Religion zugänglich zu machen (E. Neftle, Einführung
in das Griechifche Neue Teftament 2 Göttingen
1899, S. 39). Gerade die verfchiedenen neuteftament-
lichen Codexfragmente von Oxyrhynchos, auch das Logia-
fragment, laffen uns das Neue Teftament als Papyrus-

j buch in der Hand jedenfalls der ägyptifchen Chriftenheit
vor Origenes vermuthen. In zwei Fällen find ,Correc-
turen oder vielleicht Varianten' in einer kleineren, aber
jedenfalls dem erften Schreiber zuzuweifenden Schrift
über der Zeile nachgetragen. Der Umftand, dafs die bekannten
Abkürzungen &2, Ilf± M UKÄ fchon in
diefem alten Fragment zu lefen oder zu vermuthen find,
zeigt, dafs fie älter find, als man gewöhnlich annahm.
Der Text, der fich lefen oder vermuthen läfst, zeigt
Verwandtfchaft mit dem Texte des griechifchen Sinai-
ticus. Wichtiger als diefe Beobachtung der Herausgeber
wäre es, wenn fich glaubhaft machen liefse, dafs das
Cap. 21 des Evangeliums in diefer alten Handfchrift
ebenfalls geftanden hat. Die jetzt vorliegenden Seiten
1 und 2 des Fragments enthielten Joh. I23—40, Seite 3
und 4 Joh. 20 11—25. Was dann an unferem Johannestexte
noch fehlt, 20m—21m, würde genau auf 4 Seiten
oder 2 Blätter im Format des Fragmentes gehen, während
das vorn fehlende Stück Joh. i 1—22 genau auf 2 Seiten
oder 1 Blatt gehen würde. Nimmt man zu diefem noch
ein Titelblatt, fo würde man die jenen zwei angenommenen
Schlufsblättern correfpondirenden Anfangsblätter haben.
Theodor Zahn (Einleitung in das neue Teftament -, II,

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