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Ausgabe:

1901 Nr. 2

Spalte:

59-61

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfeiffer, Richard

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament für das christliche Haus ausgewählt und übersetzt 1901

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 2.

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Begründung der Wiederbringungslehre durch das Wefen
der Strafe weift L. durch die Erwägung zurück, dafs die
Strafe nicht in der Befferung ihren Zweck hat, fondern
in der ,Gegenwirkung der Verwaltung und Rechtspflege
gegen die Durchbrechung der Schranken der Gefellfchaft
und die Uebertretung ihrer Ordnungen' (49). — Als das
eigentliche Fundament der Lehre von der Apokataftafis
wird aber von den Meiden die Vaterliebe Gottes angegeben
. Der Irrthum diefer Combination liegt nach L.
darin, dafs hier ,die Heilsliebe auf die Schaffungsliebe
zurückgeführt wird: datt biblifch die Liebe als Erlöfung
wirkende anzufehen, bezieht man fie auf alle vernünftigen
Gefchöpfe unter dem Vorgeben, dafs diefe alle auf fie
gleichen Anfpruch hätten' (55). Der Spott, den L. über
folche ,fchwächliche und weichliche Urgrofsmutterliebe'
(52) ergiefst, trifft das Wort Jefu felbd Matth. 5,45. —
Das Endergebnifs der letzten Ausführung des Verfs. fafst
er felbd in die Worte zufammen: ,die biblifche Lehre
von der Ewigkeit der Höllendrafen id fedzuhalten mit
der Ausfchliefsung der Wiederbringungslehre wie der
Halb-Wiederbringungslehre; aber Ewigkeit id nicht das-
felbe wie Endlofigkeit!' (65). Aus der ausführlichen
Analyfe des L.'fchen Vortrages werden die Vorzüge und
Mängel desfelben leicht hervortreten. Seinem Refultate
wird man unter dem Vorbehalt beipflichten können, dafs
es fleh hier um eine Hypothefe, nicht um einen Glaubens-
fatz handelt, vor Allem aber id nicht zu erfehen, warum
der Verf. fleh gegen den Conditionalismus wendet, der
thatfächlich diefelbe Pofition vertritt und fie gewifs mit
befferen Argumenten begründet und in einen federen
Zufammenhang dellt, als dies L. gelungen id. (Vgl. die
Recenfion des Ref. über die Schrift von Petavel-Oliff,
Le probleme de Vimmortalite in diefem Blatte, 1891,
Nr. 20; 1892 Nr. 24.)

Strafsburg i. E. P. Lobflein.

Pfeiffer, Pfr. Dr. Richard, Das Alte Testament für das

chridliche Haus ausgewählt und überfetzt. Erlangen,
K. Pfeiffer, 1900. (XIV, 501 S. gr. 8.)

M. 5—; geb. M. 6.—

,Für das chridliche Haus' hat der Verfaffer, einer der
Vorkämpfer der Schulbibelbewegung in Bayern, das Alte
Teflament in dem vorliegenden, von dem Verleger fehr
würdig ausgedatteten Werke ,ausgewählt und überfetzt'.
Seine Tendenz geht dahin, das Verdändnifs des A. T.
unterem Volke wieder näher zu bringen unter Berück-
fichtigung der ,geficherten Ergebnifse der biblifchen
Forfchungen', die nach des Herausgebers richtiger Meinung
,noch verhältnifsmäfsig wenig zu befferer Einführung
des chridlichen Volkes in die Bibel' verwerthet werden.
Auswahl und Ueberfetzung entfprechen diefem warm
anzuerkennenden Zwecke. Was jene anbetrifft, fo id alles
mitgetheilt, was zur Kenntnifs der Heilsgefchichte fowohl,
als auch der fogenannten Lehrbücher und der Propheten
nöthig id. Hingegen find mit Recht aus dem dritten
und fünften Buche Mofes gefetzliche Befiimmungen z. B.
über den Ausfatz und dergl. mehr weggelaffen, desgleichen
die Bücher der Chronika und das Buch Efther. Etwas
zu dark gekürzt erfcheint uns das Buch Hiob, deffen
prächtige Naturfchilderungen (Cap. 38, 39, 40, 41) wir
nur ungern vermiffen. Zu billigen id die Auswahl von
87Pfalmen, eingetheilt in heben Abfchnitte: ,Lehrpfalmen,
Weisfagungspfalmen, Bittpfalmen, Bufspfalmen, Trofl-
pfalmen, Dankpfalmen, Lobpfalmen'. ,Die Rachepfalmen
und die Flüche über die Feinde find, weil nicht zu chrifl-
licher Erbauung dienend, weggelaffen'. Sehr gefchickt
id mit dem Buche der Sprüche verfahren, infofern als
,die wichtigden Sprüche, welche Gleiches behandeln, aus
den verfchiedenen Capiteln des Spruchbuches gefammelt
und zu befonderen Abfchnitten zufammengeflellt' worden
find, der Prediger Salomo id fad volldändig aufgenommen.

I »Gekürzt id in diefem ohnedies kurzen Buche nur Weniges;
nur eine Anzahl von Sprüchen, welche in der Art der
fpäteden Partien des Spruchbuches praktifche Lebensregeln
darbieten (c. 10), id als religiös weniger wichtig
I übergangen worden'. Mit feinem Takte id das Hohelied
behandelt. ,Das Hohelied hat', wie zutreffend gefagt wird,
überhaupt nicht das religiöfe Verhältnifs zwifchen Gott
und Menfch zum Gegendand, fondern lediglich das rein
j menfehliche zwifchen Mann und Weib' (S. IX). Aber
I diefes rein menfehliche Verhältnifs wird doch mit heiligem
Emde behandelt, die Liebe als dark wie der Tod und
1 als eine Flamme aus Gott gepriefen (8,6) und dies alles
1 mit fo fchönen Worten, dafs der Verf. ,es für richtig gehalten
(hat), dem Lefer in einem kurzen Zwiegefpräch
I zwifchen den Liebenden einen Blick in die eigenartige
| Schönheit des Hohenliedes zu gewähren' (S. IX). Diefes
1 Zwiegefpräch enthält auch die liebliche Schilderung des
Frühlings (C. 2, Ii —13), die in dem Schlufsverfe von
I Luthers Lied auf die Brüffeler Märtyrer nachklingt, wenn
er fingt: ,Der Sommer id hart vor der Thür, der Winter
id vergangen, die zarten Blümlein geh'n herfür'. Bei den
Propheten galt es, die in allen Propheten durchklingenden
I Grundgedanken des Prophetenthums', die auf S. X kurz
und bündig entwickelt werden, ,durch die Auswahl vor
I Allem deutlich hervorzuheben'. Dabei war der ,zeit-
J gefchichtliche Boden' nicht unbeachtet zu laden, doch
fo, dafs derfelbe immer nur den natürlichen Hintergrund
; des religiös-ethifchen Stoffes bildet. Es wurde Bedacht
I darauf genommen, dafs das politifche Element der pro-
phetifchen Reden nur foviel Raum einnimmt, als zum Ver-
j dändnifs der religiös-fittlichen Gedanken nöthig id. Aus
diefem Grunde wurden die zahlreichen Weisfagungen
wider die kleinen Nachbarvölker Israels durchgehends
1 weggelaffen. Dagegen wurde Werth darauf gelegt, dafs
j die Aufeinanderfolge der Israel bedrohenden kleinafia-
tifchen Weltmächte der Affyrer, Babylonier und Perfer
einerfeits, die unfichere Hoffnung Israels auf die Hülfe
Aegyptens andererfeits, klar hervortrete' (S. X, XI).

Auf,Auslegung' hat fich Pfeiffer nicht eingeladen.
Aber, fagt er mit vollflem Rechte: ,Die vorliegende Bearbeitung
des A. T. ganz ohne Auslegung zu laffen,
konnte ich doch nicht für angezeigt halten'. Doch find
diefe Auslegungen, wie man fie auch in der Septemberbibel
Luthers für das N. T. findet, knapp und gedrungen
gefafst. So z. B. (wir greifen auf gut Glück hinein) Jer. 31, 15
,Rahel weint um ihre Kinder', ,das trauernde Israel erfcheint
hier perfonificirt in feiner Stammmutter' (S. 401).
Hefekiel 1,16: Jedes Rad fchien aber aus zwei einander
kreuzenden Rädern zu bedehen, fo dafs es ohne Herumlenken
fofort nach jeder Richtung rollen konnte. Sinnbild
der göttlichen Allgegenwart'. 1,18 die Reifen voller
1 Augen: ,Sinnbild der göttlichen Allwiffenheit'. Hofea 4,12
,Darum fragt mein Volk fein Holz': .Erinnerung an jenen
heidnifchen Aberglauben, der aus der Lage von Stäben
oder Pfeilen, die man rückwärts über die Schulter auf
den Boden warf, Auffchlüffe über die Zukunft zu gewinnen
fuchte'. So geartet find alle diefe kleinen Scholien;
denn .Lange Auslegungen tragen leicht die Gefahr in
fich, den Lefer zu ermüden, den unmittelbaren Eindruck
des Bibelwortes felbd abzufchwächen'. Vortrefflich gefagt
! Ganz im Geide Luthers, der in der Bibel nicht
nur ,Lefeworte' fondern eitel ,Lebeworte' gefunden hat.
Das Bibelwort mufs unmittelbar wirken, den Verdand
erleuchten, das Gemüth ergreifen, den Willen kräftigen.
Was die Ueberfezung anbelangt, ,fo id eine Ueberfetzung
entdanden, welche unter fletem Zurückgehen auf den
Urtext die Ueberfetzung Luthers durch die Refultate der
neuen Bibelforfchung zu ergänzen und fo dem chridlichen
Bibellefer ein möglichfl getreues und verdändliches
Bild der hier ausgewählten Texte zu bieten fucht' (S. XI).
Es liegt ein Werk vor, das mit aller Sorgfalt und Umficht
ausgeführt, einerfeits der hergebrachten klaffifchen
Ausdrucksform der Ueberfetzung Luthers, dem ,stilus