Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1901 Nr. 26

Spalte:

698-700

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vaihinger, Hans (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Kantstudien. Philosophische Zeitschrift. Bd. 7 1901

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

697

Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 26.

698

Es liegt auf der Hand, dafs der Schwerpunkt der
Bergmann'fchen Unterfuchungen bei dem Begriffe des
Seins liegt und dafs fein Beftreben ift, diefen Begriff des
Seins im antimaterialiftifchen Sinne fo feftzuftellen, dafs
von hier aus die Unterfuchungen der principiellen Natur-
wilfenfchaften über das zu erfchliefsende phyfikalifch-
mathematifche Subftrat der Erfahrung ihren Sinn behalten
und nur einer Umdeutung in Erfcheinungen des
abfoluten Bewufstfeins bedürfen. In der That ift auch
das eigentlichfte Intereffe der Philofophie diefe Feft-
(tellung des Begriffes des Seins gegen den rohen empi-
rifchen Schein, als wäre die Körperwelt das eigentlich
dauernde Exiftirende, dem gegenüber der Geift als
flüchtige und abhängige Epifode erfcheint. Auch fcheint
mir Bergmann wieder evident gezeigt zu haben, wie mit
der doppeldeutigen Befchränkung Kant's auf das menfch-
liche Bewufstfein nicht auszukommen ift, und wie alles
Denken und Forfchen die Idee eines abfoluten Bewufstfeins
implicirt. üb nun freilich die Durchführung des
,objectiven Idealismus' diefem Denkbedürfnifse beffer genügt
als die Monadologie, ob nicht in der Einfchränkung
des abfoluten Bewufstfeins zu endlichen Einzelbewufst-
feinen die Monadologie erhalten geblieben ift, und ob die
Zurückführung des Seins auf Bewufstfein die Schwierigkeiten
des Ich-Begriffes überwindet, das find Fragen, auf
die ich mir bei der Schwierigkeit aller folcher Unterfuchungen
keine Antwort zu geben getraue. Das aber
fcheint mir Bergmann auf's lehrreichfte wieder gezeigt zu
haben, dafs die Kantifche Lehre fowohl bei der inneren
wie bei der äufseren Erfahrung den Begriff des Seins
unrichtig erfafst und gerade von diefem niemals abzu-
fchiebenden Probleme aus immer von neuem zu den Fragen
der Metaphyfik getrieben wird, wenn es denn auch nach
Kant niemals mehr eine apriorifche, fondern immer nur
eine apofteriorifch abgeleitete und approximative Metaphyfik
fein kann.

Bergmann ift fachmäfsiger Logiker und bahnt fich von
logifchen Unterfuchungen her den Weg zu den metaphy-
lifchen Problemen. Das giebt dem Buche die Aehnlichkeit
mit fcholaftifchen Werken, aber auch die Eigenthümlich-
keit feines metaphyfifchen Ausgangspunktes und beftimmt
letzlich den Inhalt feiner Metaphyfik. Er ftellt nämlich
zuerft die logifchen Kriterien feft, die etwas als gewifs und
dementfprechend als wirklich zu betrachten nöthigen. Es
ift ihm aufser den eng zufammenhängenden Sätzen von
der Identität, dem Widerfpruche und dem ausgefchloffenen
Dritten vor allem der Satz des Grundes, den er auf den
erften Grundfatz in der Weife zurückführt, dafs alles Wirkliche
für einen übermenfchlichen Verftand aus der Weltformel
durch Identität, d. h. durch analytifches Urtheil
folgend zu denken ift. Damit ift denn natürlich die
Frage nach dem Verhältnifse von Denken und Sein ge-
ftellt und dem Denken Erkenntnifs des Seins dann zu-
gefchrieben, wenn die logifchen Kriterien es zulaffen, wenn
insbefondere ein Etwas als in der Weltformel nothwendig
enthalten betrachtet werden mufs. Sein heifst alfo nothwendig
zur Welt gehörig, und das ,Sein der Welt' heifst
.einem Ichbewufstfein gegeben fein', fo dafs etwas als
feiend erkannt wird, wenn es als nothwendig im Zu-
fammenhange des dem Ich gegebenen und mit ihm eine
Einheit bildenden Weltganzen erkannt wird. Von hier
aus werden dann durch Analyfe des Ichbegriffes und
des Wahrnehmungsbegriffes die oben gefchilderten Con-
fequenzen gezogen.

Ich glaube nicht, dafs diefer Ausgangspunkt für die
Unterfuchung des Seinsproblems der allein mögliche ift
und halte insbefondere Bergmann's Lehre vom zureichenden
Grunde für eine peliiio principii, die nur dadurch verdeckt
ift, dafs das für die menfchliche Logik Unvereinbare
und Nicht-aufeinander-Zurückführbare für die göttliche
ein analytifches Urtheil bilden soll, dafs insbefondere
•las Werden und die in ihm enthaltenen fcheinbar neu
und fchöpferifch auftretenden Kräfte durch diefe Be-

l hauptung auf eine — dann freilich unvorftellbare —
Identität der Welt mit fich felbft zurückgeführt wird. Die
Tendenz des logifchen Denkens ift gewifs die von Bergmann
gefchilderte, aber diefe Tendenz findet überall
in der Wirklichkeit ihre Hemmungen, woraus dann plura-
liftifche, monadologifche und antirationale Theorien hervorgehen
. Die Logik kann nicht mehr Einheit und
Nothwendigkeit in die Wirklichkeit hineinbringen als fie
gutwillig hergiebt, und, wenn fie das in Beziehung auf die gerade
durch logifche Bearbeitung gefundenen Begriffe nicht
weiter führen kann, fo mufs man bei letzten Antinomien,
Irrationalitäten, Polaritäten fich beruhigen. Hier vertritt
Bergmann den Geift Spinoza's gegen Kant, aber gerade
hierin liegt meines Erachtens die unbefangene Gröfse des
Kantifchen Denkens. Eben deshalb hat Bergmann bei
feinem ,objectiven Idealismus' auch mehr auf die natur-
wiffenfchaftliche als auf die ethifch-hiftorifche Begriffsbildung
Rückficht genommen. Der Entwurf feiner determi-
niftifchen Ethik, den er zum Schlufse giebt, ift daher auch
m. E. fehr mager und unbefriedigend ausgefallen.

Für die Theologen kommt die Gefamttendenz des
Werkes in Betracht. Sie zeigt, wie überall aus dem Neukantianismus
die Metaphyfik in neuer Geftalt wieder er-
fteht, und wie der Begriff eines abfoluten. Zwecke fetzenden
Bewufstfeins als Endbegriff lieh einftellen mufs (vgl.
hierüber auch den lehrreichen Auffatz von Goldftein, Beilage
zur Allg. Zeit. Nr. 173 Jg. 1901 .Zur idealiftifchen
J Wendung in der deutfehen Philofophie'!. Mehr bedürfen
| wir, wie ich an anderen Orten auseinandergefetzt habe, von
der Philofophie überhaupt nicht. Speciell bedacht hat Bergmann
die Theologen in dem erften Auffatze über .Glaube
und Gewifsheit'. Er will hier keine andere Gewifsheit
gelten laffen als die durch die Kriterien der Logik feft-
geftellte, d. h. als die Gewifsheit der Erfahrung und der
logifch richtig erfchloffenen Wirklichkeit, beftreitet dagegen
jede eigenthümliche praktifche Gewifsheit. Hierin
ift Bergmann meines Erachtens unbedingt Recht zu geben.
Bedürfnifse und Werthgefühle können nothwendig an
wahre Erkenntnifse geknüpft fein, können aber nicht
felbft die Wahrheit feftftellen und beglaubigen. Nur
wird Bergmann die religiöfen Gedanken vermuthlich für er-
fchloffen halten und die Religion als rationales Syftem
1 der Metaphyfik geflalten, während ich in der Religion
einen primitiven Erfahrungsinhalt behaupten möchte,
der von einer Gruppe von Erfahrungen aus die übrige
Wirklichkeit durch Wahrfcheinlichkeitsurtheil als diefer
Erfahrung entfprechend beurtheilt. Ein folches Wahrfcheinlichkeitsurtheil
allein kann m. E. die Irrationali-
, täten der logifch bearbeiteten Erfahrung überwinden und
ift daher Glaube und als folcher die Seele der Religion.
1 Das aber würde Bergmann's Rationalismus wohl niemals
zugeben.

J Heidelberg. Troeltfch.

Kantstudien. Philofophifche Zeitfchrift, herausgegeben von
Dr. Hans Vaihinger. Bd. 7. Berlin, Reuther & Reichard.
1901. (VI, 506 S. gr. 8.) M. 12.—

Aus dem reichen Inhalte des neu vorliegenden Bandes
der ,Kantftudien' feien zunächft diejenigen Abhandlungen
erwähnt, welche fich mit dem mehr und mehr die Auf-
merkfamkeit auf fich ziehenden Verhältnifse der Neufcho-
laftik und des Ultramontanismus zu Kant befchäftigen.
, F. Medicus liefert unter der Ueberfchrift .Ein Wortführer
der Neufcholaftik und feine Kantkritik' eine kri-
tifche Betrachtung des Buches des Herausgebers der
Revue Neo Scolastiquc1, D. Mercier: Criteriologie Generale
ou theerie generale de la certitude (Cours de Philosophie
, Volume IV, Paris, Alcan. 371 S.). Er rühmt
das Werk als eine auf die Probleme ernfthaft eingehende,
wirklich wiffenfehaftliche Auseinanderfetzung mit dem
Kantianismus, wie fie in der thomiftifchen Literatur