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Ausgabe:

1901 Nr. 26

Spalte:

696-698

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bergmann, Julius

Titel/Untertitel:

Untersuchungen über Hauptpunkte der Philosophie 1901

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 26.

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fchen Religionen'zufammengefafst werden. Hier findet die
Seele die Befreiung aus ihrem Gefängnifse in der alles
andere verfchlingenden myftifchen Stimmung, in welcher
der Menfch aus der Sphäre des Sinnlichen und Irdifchen
durch Meditation und Askefe in die Welt der übernatürlichen
Wirklichkeit fich erhebt. Befondere Berückfich-
tigung findet hier der Brahmanismus und Buddhismus.
Dagegen flehen die fataliflifchen und moraliflifchen Religionen
unter der Idee einer einheitlichen kosmifchen
Ordnung, die allem Sein und Geichehen im Himmel und
auf Erden zu Grunde liegt, und die theils in der willen-
lofen Unterordnung unter die allgemeine Nothwendigkeit
der Dinge und des Gefchehens, theils im Gedanken der
Vergeltung, theils im Unfterblichkeitsglauben, theils im
Gedanken eines Kampfes der Welten des Guten und des
Böfen zum Ausdruck kommt. Zur abfchliefsenden Stufe
der .ethifchen Religionen' gehören ftreng genommen nur
die prophetifche Religion Israels und das Chriftenthum.
Für den Chriften ift Jefus durch feine innere Stellung zu
Gott, deffen geiftig-fittliche Natur nun voll erkannt wird,
gefchichtliches Erlöfungsprincip geworden, und Ausgangspunkt
einer neuen Menfchheit, einer Welt, deren
Wirklichkeit und tieffter Inhalt auf ihn zurückweift: des
Gottesreiches.

Der zweite, philofophiegefchichtliche Theil des Buches
(S. 128—350), behandelt zuerft ,das Problem im antiken
Idealismus'. In klarer Beleuchtung treten die für die
Erlöfungslehre wichtigften Gefichtspunkte hervor: bei
Plato die beiden Pole der Befreiung aus den Banden
der Materialität auf der einen und der myftifchen Erhebung
in die Ideeenwelt auf der anderen Seite, bei
Ariftoteles die Ueberwindung des Böfen und damit des
Uebels durch vernünftige Lebensgeflaltung, in der Stoa
das auf der Erkenntnifs des Vernünftigen beruhende
naturgemäfse Leben. Der zweite Abfchnitt fchildert die
Gefchichte des ,Problems im modernen Idealismus', bei
Spinoza, Leibniz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer
. Die urfprünglich beabfichtigte Ausdehnung der
Unterfuchung auf den Materialismus unterblieb aus
Mangel an Zeit (S. 138. 347). Die kurze Schlufsbe-
trachtung kommt zu dem Ergebnifse, dafs fich die Religion
in ihrer höchften Erfcheinungsform und die Philo-
fophie in ihren edelften Schöpfungen die Hand reichen.
,Hier wie dort enthüllt der ewige Geift felbft, fich offenbarend
fein Geheimnifs'. (S. 348). Der nur als pfychifcher
Vorgang zu begreifende Procefs der Erlöfung bedeutet,
foweit er der methodifchen Erkenntnifs überhaupt zugänglich
ift, ,die nach pfychologifchen Gefetzen fich
vollziehende Befreiung des auf das wahrhaft Unvergängliche
und Gute hin gerichteten Grundes der Perfön-
lichkeit von allen feinen Hemmungen und Schranken'

(S. 349)-

Die eigenen Anfchauungen des Verf.'s, welche nicht
blofs hier am Schlufse, fondern auch in der den einzelnen
Abfchnitten mehrfach angefügten befonnenen Kritik zur
Geltung kommen, find am meinen von R. Eucken beein-
flufst. Das Willkürliche der Befchränkung des philofophie-
gefchichtlichen Theiles auf idealiftifche Syfteme hat der
Verf. felbft gefühlt. Aber auch wer die getroffene Auswahl
im ganzen anerkennt, wird doch einzelnes dem
thatfächlich Gebotenen Gleichwerthige z. B. im Alter-
thume Demokrit, in der Neuzeit Schleiermacher und
Herbart vermiffen. Der religionsphilofophifche Theil, obwohl
ebenfalls auf forgfältigen Studien beruhend, leidet
unter einer gewiffen Unficherheit in der Claffification der
Religionen, welche auch in der nachträglichen Correctur
der Benennung und in dem Schwanken der die objective
Seite der Religion bezeichnenden Mehrzahl des Wortes und
der die fubjective Seite bezeichnenden Einzahl (S. 347)
zum Ausdrucke kommt. Vielleicht verräth fich darin ein
gewiffer Mangel in der Anlage des Werkes, das, obwohl
nur als eine Gefchichte des Erlöfungsproblemes mit Befchränkung
auf das Wefentliche gedacht, doch zu viel

Werthabftufung, Kritik und pofitive Aufhellungen enthält,
um nicht eine fyftematifche Grundlegung zu fordern.

Riedlingen a. D. Th. Elfenhans.

Bergmann, Jul., Untersuchungen über Hauptpunkte der Philosophie
. Marburg, N. G. Elwert, 1900. (VIII, 483 S.
gr. 8.) M. 8.—

Die Unterfuchungen von Bergmann find durch die
höchfte Kunft der Dialektik, durch eine vortreffliche,
knappe und präcife Darfteilung und durch einen ganz
ungewöhnlichen, wenn auch bisweilen etwas fcholaftifchen
Scharffinn ausgezeichnet. Freilich find fie auch von
aufserordentlicher Schwierigkeit und ftellen an Ausdauer
und Concentrationskraft des Lefers die höchften Anforderungen
. Doch wird die aufzuwendende Arbeit
auch ernftlich belohnt. Bergmann entwickelt in der
Hauptfache eine Metaphyfik, die der Phänomenalität der
Erfahrungswelt eben fo gerecht werden will wie der
Nöthigung, hinter den Erfcheinungen wirkende, trans-
fubjective Kräfte anzuerkennen, die alfo die bekannte für
alle Erkenntnifs grundlegende antimaterialiftifche Thefe
mit der in Natur- (und Gefchichts)wiffenfchaft eben fo
alles beherrfchenden Vorausfetzung einer richtigem Denken
erfchliefsbaren transfubjectiven Wirklichkeit zu vereinigen
ftrebt. Bergmann hat damit das eigentliche Problem der
principiellen Weltbetrachtung treffend formulirt, das von
den reinen Erkenntnifstheoretikern immer bei Seite ge-
fchoben wird und in ihrer Löfung daher den Bearbeitern
der Erfahrungswiffenfchaft nichts zu nützen pflegt. Er
hat aber auch eine originelle Löfung verfucht, nachdem
er früher, ähnlich wie Lotze, das Problem vom Standpunkte
der Monadologie zu löfen verfucht hatte. Er
vertritt jetzt einen ,objectiven Idealismus', der mehr
Fichte als Leibniz und Lotze nahe fleht, aber von jenem
fich durch die Anerkennung einer objectiven Grundlage
der Erfcheinungswelt unterfcheidet. Die animalifchen
und alle denkbaren anderen Einzelbewufstfeine find darnach
Einfchränkungen eines ewigen, in abfolut noth-
wendiger Reihenfolge feiner Acte zufammenhängenden
abfoluten Bewufstfeins. Ihm erfcheint eine von unferem
Denken in Kräfte, Bewegungen und Zwecktriebe aufzulötende
objective Wirklichkeit, die Welt der primären Qualitäten
in der Sprache Locke's, die fich in unterer Wahrnehmung
mit dem Scheine der fubjectiven Qualitäten bekleidet
. Da aber die Exiftenz diefer objectiven Welt der
primären Qualitäten nur als Exiftenz für ein wahrnehmendes
und denkendes Bewufstfein Sinn haben kann, fo find
diefe als Erfcheinungen des abfoluten Bewufstfeins zu betrachten
, die für diefes fubjectiv find und nothwendig
aus der inneren Bewegung feines Wefens folgen, während
fie für die eingefchränkten endlichen Bewufstfeine ob-
jectiv find und diefen als ihr eigenes, von ihnen nothwendig
hervorgebrachtes Plrzeugnifs nur die fecundären
Qualitäten bleiben. Von diefem Standpunkte aus unter-
fucht Bergmann insbefondere das für die kantifirende
Erkenntnistheorie befonders bedenkliche Problem des
Verhältnifses von Leib und Seele. In der Wahrnehmung
des Leibes nimmt dem entfprechend das endliche Be-
wustfein einen Beftandtheil der objectiven Welt wahr,
der vom abfoluten Bewufstfein in einer befonders engen
Weife mit feiner Einfchränkung zum individuellen Bewufstfein
verknüpft ift und daher für diefes fich von der
aufserleiblich gegebenen Wirklichkeit als befonderer Zu-
ftand feines Ich unterfcheidet. Während die erfteren Zu-
ftände des Ich als Wahrnehmung bezeichnet werden,
nennt Bergmann die letzteren leibliche Gefühle. Die fo
einen eigenen Leib von der übrigen Wahrnehmung
unterfcheidende Einzelbewufstfeine felbft aber find Einzelmomente
in der ewigen Zeit- und Caufalfolge der Bewegungen
des abfoluten Bewufstfeins und daher nach
vorwärts und rückwärts fich fortfetzende Beftandtheile
des Bewufstfeins überhaupt.