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Ausgabe:

1901 Nr. 25

Spalte:

673-674

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Foerster, Erich

Titel/Untertitel:

Lebensideale 1901

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 25.

674

theile mit dem Verf. den Zweifel an der Richtigkeit jener 1 find der Natur der Sache nach damit blofs eröffnet und
Kant'fchcn Auffaffung; aber für unanfechtbar halte ich | könnten in's Endlofe fortgefetzt werden. Dafür aber ift
an dem Kant'fchen Satz foviel, dafs der Begriff eines ! hier kein Raum. Es mufs hier genügen, Idee und Plan
objectiven Aufeinanderfolgens in der Zeit den Gedanken ' des Ganzen fowie die klare und fchöne Schilderung an-
eines Auseinanderfolgens, alfo den der Caufalität in fich zuerkennen, die gegenüber der in ethifchen Dingen herr-
fchliefst. Daher möchte ich auch die Behauptung des fchenden Enge und Unklarheit jedenfalls vielen erwünfcht
Verf.'s nicht mitmachen, dafs in der Idee der vollendeten , und lehrreich fein wird. Förfter's Verficherung, dafs ,wir
Naturwiffenfchaft der Caufalitätsbegriff entbehrlich fei; j heute gar kein Organ für Metaphylik haben', wird dem
er fteckt auch in dem Gedanken der gefetzmäfsigen Syn- 1 kundigen Lefer ja auch rafch genug verdeutlichen, wes-
thefe noch darin. — Aber trotz mancher Bedenken im halb der ganzen Darflellung das fette Gerippe fehlt, das
Einzelnen bin ich dem Verf. für feine forgfame Erörterung ihr bei Beachtung der Einwirkung des wenigftens früher

einer Seite des Problems dankbar.

Halle a. S. Max Reifchle.

Foerster, Pfr. Erich, Lebensideale. Tübingen, J. C. B.
Mohr, 1901. (VII, 126 S. gr. 8.) M. 2.—

Förfter's Arbeit geht aus der grundlegenden Erwägung
der Ethik hervor, dafs es gelte, die Erkenntnifs
der fittlichen Normen unteres Lebens aus der Ueberfchau
über die hiftorifchen Haupttypen des Sittlichen zu gewinnen
. Damit ift die Ethik mit Recht zur Culturphilo- I

fophie und zur Gefchichtsphilofophie in principielle Be- j Wyneken, Dr. Ernft Fr., Das Ding an sich und das Naturziehung
gefetzt und der Grundgedanke der gefammten gesetz der Seele. Eine neue Erkenntnistheorie. Heidel-
Philofophie des deutfehen Idealismus anerkannt Soweit | bergj c Winter's Univ.-Buchh., 1901. (XVI, 446 S.

vorhandenen Organes für Metaphyfik auf die ethifchen
Werthungen hätte gegeben werden können. Dann wäre
das Gemeinfame des Piatonismus und des alten Chriften-
thumes gegenüber der bald mehr relativ bald mehr princi-
pielldem entgegengefetzten modernen Werthung deutlicher
geworden. Luther's Entdeckung vom Wefen des Chriften-
thumes als ,Gottvertrauen im Berufe' hat für fich allein
diefe Wendung nicht herbeigeführt.

Heidelberg. Troeltfch.

Förfter die ihn bei feiner Handhabung diefer Methoden
leitenden ethifchen Grundbegriffe, insbefondere das Pro-

gr. 8.) M. 15.—

blem des Verhältnifses von Gefchichte und Normen, In dem vorliegenden Werke will der Verf. eine Ausüberhaupt
verdeutlicht hat, habe ich freilich erhebliche ! führung deffen darbieten, was er als Princip vor mehr
Einwände. Allein man mufs fich doch freuen, wenn J als 30 Jahren in feiner Inauguraldiffertation: .das Natureinmal
überhaupt innerhalb diefes Horizontes gedacht

wird. Die ,Lebensideale' find die Haupttypen der Sitt-

gefetz der Seele, oder Herbart und Schopenhauer, eine
Synthefe' (Hannover 1869) vertrat. Doch kündigt fich

lichkeit, wobei freilich der zu abftracter Generalifi- , das umfangreiche und von grofser Belefenheit zeugende
rung und Vereinheitlichung anleitende Ausdruck ,Ideal' Buch nur als der erfte Theil einer Gefammtanfchauung
die (Jomplicirtheit jedes fittlichen Typus unterfchätzen j an (nach einer Selbflanzeige, Kantftudien VI, 98), als
läfst. Auch follen es die Lebensideale der Menfch- j deren weitere Theile ,das Naturgefetz der Seele und die
heit fein, von denen hier die Rede fei. In Wahrheit j menfehliche Freiheit' und .Rationale Orthodoxie' in Ausfind
nur die Componenten der europäifchen Cultur ent- I ficht genommen find. Für die Endabficht charakteriflifch
wickelt. Und auch diefe Componenten werden nicht I ift die für das dritte Werk vorbehaltene Aufgabe, ,zu
eigentlich als dauernde, nur immer andere Combi- [ unterfuchen, ob das genuine Chriftenthum als gegebene
nationen eingehende und durch Neubildungen berei- i Offenbarung, alfo in der orthodoxen Form, in welcher
cherte Elemente, fondern als gefchichtlich auf einander J es bisher fich immer wieder behauptet hat, nicht nur
folgende Stufen gefchildert, zwifchen denen aber doch i die Kritik der reinen und der praktifchen Vernunft zu
keine klare und überwundene Elemente ausfeheidende I vertragen im Stande fei, fondern ob es fich als die
Kritik ein ficheres Verhältnifs ftiftet. All' das liegt an 1 natürliche und befriedigende Erfüllung der Poftulate der
Unbeftimmtheiten in der Auffaffung des ganzen Problems, Vernunft darftelle'.

das überdies unter dem Einflufse populärer Vortragsbe- Doch hält fich das zunächft vorliegende Werk _

handlung fleht. In der Schilderung der einzelnen Typen I entfprechend feiner rein philofophifchen Abficht — frei
find belonders originelle Gedanken nicht beanfprucht 1 von theologifchen Vorausfetzungen und führt eine eigen-
und nicht zu fuchen und hat die generalifirende Ver- artige Anfchauung methodifch und folgerichtig, wenn auch
gröberung das ihrige gethan, um bekanntenConftructionen nicht ohne Wiederholungen und Abfchweifungen durch.
Harnack's, Herrmann's und befonders Kaftan's ein gele- : Voraus geht ein ,methaphyfifcher Unterbau', der an Kant
^entlieh erfchreckendes Ausfehen zu geben. Insbefondere anknüpft und fich beftändig mit Kant auseinander fetzt,
kann ich die Schilderung der Erbes der Antike mit ihrer 1 da der Verf. fein Buch zugleich als eine Einführung in das'
unglaublichen Einfchränkung desfelben auf Askefe und • VerftändnifsKant's betrachtet wiffen will. Unter befonderer
der curiofen Ableitung diefer Askefe aus dem ,Intellec- Berückfichtigung der .Widerlegung des Idealismus' wird
tualismus' nur für eine arge Carricatur halten. Da mufs ausgeführt: in unferem Selbft liege bei Kant der Punkt,
man fchon gründlich vergeffen, dafs die chriftliche Cultur wo wir zuerft das zwar unerkennbare, aber doch feft-
und Sittlichkeit vom Alterthume fo gut wie alle Ele- ftellbare Ding an fich vorfinden. Da aber für mich als
mente innerweltlicher Sittlichkeit und die fie begrün- ,Ding an fich' ein ,Selbft' in Anfpruch genommen wird,
denden Theorien übernommen hat. Auch die Auffaffung fo wird dies auch bei den anderen Menfchen vorausgefetzt!
der Ethik des Evangeliums mit ihrer ganz einfeitigen Be- J Vom Ding an fich kann alfo trotz feiner Unerkennbarkeit
tonung der Nächftenliebe, deren religiöfe Begründung nicht blofs ausgefagt werden, ,dafs es vorhanden ift,
und Abzweckung gerade fo verfchwindet wie der andere fondern auch, dafs es in einer Mehrheit von Menfchen-
Hauptpunkt des Evangeliums, die Gewinnung der in Gott leelen, mithin auch foweit, in welcher „Befchaffenheit''
befriedeten und über die Welt erhabenen Perfönlichkeit, j es vorhanden ift' (S. 46). Das eigentliche Wefen aber
kann ich mir nicht aneignen. Das Evangelium ift mit , diefer Dinge an fich ift der Wille, der dann in der Kritik
anderer Begründung und anderer Wirkung, aber mit der praktifchen ,Vernunft' in Verbindung mit dem Befeiner
die Welt herabfetzenden Concentration des Men- griffe der Freiheit ganz klar zu Tage tritt. Eine Viel-
fchen auf Gott und das Endgefchick gerade fo ,asketifch' heit von qualitativ verfchiedenen Dingen an" fich mit
wie der Platonismus. Eben deshalb haben auch beide dem Hauptmerkmale des Willens, die als heimliche
fich fo eng vereinigen können. Die Einwendungen, die , Anficht' Kant's fowohl der erften als der zwe'iten Aus-
bei fo umfaffender Darfteilung gemacht werden könnten, 1 gäbe der Kritik zu Grunde lag, führt mit Nothwendig-