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Ausgabe:

1901

Spalte:

665-667

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Arnold, Carl Franklin

Titel/Untertitel:

Die Vertreibung der Salzburger Protestanten und ihre Aufnahme bei den Glaubensgenossen. Ein kulturgeschichtliches Zeitbild aus dem achtzehnten Jahrhundert. Mit 42 zeitgenössischen Kupfern 1901

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Theologifche Literat urzeitung. 1901. Nr. 25.

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21 oberpfalzifchen Stationen thätig; jeder diefer 50 Streiter
hatte wöchentlich 1—2 Stunden darüber nachzudenken,
ob auch das Werk gediehe. Allerlei Einzelheiten find
culturgefchichtlich merkwürdig; man lefe z. B. S. 160
über den h. Ignatius als Geburtshelfer.

Das war er in der That bei der Wiedergeburt diefes
Landes. In heuchlerifchen Inflructionen, in der Suche
nach ,Prätexten', in der Verwerthung der gefundenen als
barer Münze ift hier Grofses geleinet worden. Und die
Jünger des h. Ignatius waren dabei als die eigentlich
treibenden Männer hervorragend betheiligt. Bei weitem
minder bedeutfam war die Arbeitsleiftung der Franzis-
caner, Capuziner, Auguftiner, Prämonftratenfer und
Paulaner. Die Kirche der letzteren ift heute das Gotteshaus
der etwa dreitaufend Seelen zählenden evangelifchen
Gemeinde von Amberg. Aus der nur fummarifchen,
überdies wohl lückenhaften Zufammenftellung über die
Reftitutionen der Klöfter ift immerhin zu erfehen, dafs
fich Maximilian damit nicht geeilt und weit längere Zeit,
als vertragsmäfsig ausbedungen war, die Einkünfte der
Klöfter genoffen hat.

Der Erfolg des Zufammenwirkens der Regierungs-
mafchineundderjefuitifchenMiffionsarbeitwar die völlige
Katholifirung des Landes. Aber wie es nun darin ausfah,
hat Rapp in feiner Gefchichte Ambergs (1881) gefchildert.
Ganze Zweige einer ehedem blühenden Induftrie waren
vernichtet; fo ftanden die Eifenhämmer füll; ihre Be-
fitzer waren faft alle ausgewandert. Beweglich klingt die
Klage: .die alte Kurftadt ift ein Dorf worden'. Auch mit
dem pofitiven religiöfen Neubau des Katholicismus ftand
es traurig. An tüchtigen Prieftern war begreiflicherweife
Mangel; die ,Chriftenlehre' lag im Argen. Die Ergebniffe
einer wirklich abgehaltenen Kirchen-Vifitation bleiben
leider unbekannt, da die Protokolle nicht erhalten zu
fein fcheinen.

Der Verf. hält in feiner Erzählung im allgemeinen
die chronologifche Folge ein. Warum aber von der
.Schwedenzeit' erft nach den Erörterungen über den weft-
fälifchen Frieden erzählt wird, vermag man nicht einzufetten
. Der Stil ift mitunter revifionsfähig: S. 183 ,als j
Pfarrer .... war fein Einkommen fehr reichlich'. Für
den Feldzug des Jahres 1621 wäre eine Abhandlung aus
den Jahrbüchern der Münchener militärifchen Gefellfchaft
(suppl. 1885—87) anzuführen. Die Arbeiten des hiftor-
ifchen Vereins der Oberpfalz kennt der Vf. beffer, als
Ref. wie denn überhaupt die wenige in Betracht kommende
Specialliteratur umfichtig verwerthet ift. Im Ganzen ift
es eine terra iucognita, in welche der Herr Vf. als der
fachkundigfte Forfcher die Lefer einführt.

Rummelsburg b. Berlin. f Hubert.

Das Erfcheinen diefer Recenfion hat unfer verehrter Mitarbeiter nicht
mehr erlebt. Er ift am 27. Oktober aus diefem irdifchen Arbeitsfelde
abgerufen worden. Die Redaction.

Arnold. C. Fr., Die Vertreibung der Salzburger Protestanten
und ihre Aufnahme bei den Glaubensgenossen. Ein kultur-
gefchichtliches Zeitbild aus dem achtzehnten Jahrhundert
. Mit 42 zeitgenöffifchen Kupfern. Leipzig,
E. Diederichs, 1900. (IV, 246 S. gr. 8.)

M. 4.—; geb. M. 5.—

— Die Ausrottung des Protestantismus in Salzburg unter Erz- :
bischof Firmian und seinen Nachfolgern. Ein Beitrag zur
Kirchengefchichtedesachtzehntenjahrhunderts. Zweite
Hälfte. (Schriften des Vereins für Reformationsge-
fchichte Nr. 69 [18. Jahrgang. 4. Stück].) Halle, M.
Niemeyer, 1901. (112 S. gr. 8.) M. 1.20

Die Vertreibung der Salzburger Proteftanten ift in
den letzten Jahrzehnten nicht gerade in befonderen Monographien
unterfuchr. aber doch in allgemeinen Gefchichts-
werken und in zeitfchriftlichen Auffätzen (z. B. im Archiv

für Kunde öfterreichifcher Gefchichtsquellen; in den Mittheilungen
der Gefellfchaft für falzburgifche Landeskunde;
in den Mittheilungen des Inftituts für öfterreichifche Ge-
fchichtsforfchung) mehrfach zum Gegenftande eingehenderer
Behandlung gemacht worden. Die dabei zu Tage
getretenen einander widerfprechenden Beurtheilungen, die
theils den religiöfen Charakter der Bewegung nicht verkannten
, theils aber in diefer nur politifche Motive wirk-
fam fahen, haben die rechte Kenntnifs des Ereignifses
nicht gefördert, haben vielmehr eine gründliche quellen-
mäfsige Bearbeitung diefer bedeutfamften unter den letzten
Aeufserungen der Gegenreformation nöthig gemacht.

Arnold hat diefe Bearbeitung unternommen und legt
uns nunmehr die Refultate feiner Forfchungen, zu denen
die handfchriftlichen Schätze des Wiener Staatsarchivs
(wo 25 Foliobände von Salzburger Empörungs- und
Emigrationsacten aufbewahrt werden), des Salzburger
Landesarchivs (die Pfleggerichtsacten), des ftädtifchen
Salzburger Mufeums, des Berliner Staatsarchivs, des
Märkifchen Mufeums und des Regensburger Stadtarchivs
das Material geliefert haben, faft gleichzeitig in unferen
beiden Büchern vor.

In dem erfteren, ,Die Vertreibung der Salzburger
Proteftanten und ihre Aufnahme bei den Glaubensgenoffen'
behandelt er das Ereignifs nach feiner culturgefchicht-
lichen Seite. Er befpricht zuerft den Grundcharakter der
Salzburger Emigration, bei der er das religiöfe Moment
als das entfchieden vorherrfchende erkennt; er fchildert,
wie die Emigration auf die öffentliche Meinung in Deutfch-
land eingewirkt, namentlich dem Toleranzgedanken mit
zum Siege verholfen hat, und berührt endlich auch die
nationalökonomifche und politifche Bedeutung des Ereignifses
, die er hauptfächlich in einer neuen Stärkung des
Anfehens der preufsifchen Monarchie findet. Ein zweites
Capitel bringt eine hochintereffante Schilderung des Salzburger
Kirchenstaates; das dritte führt uns in die Be-
ftrebungen der Gegenreformation im Erzbisthum Salzburg
(vom 17. Jahrhundert an) ein und befpricht zum Schlufse
die Austreibungsmafsregel des Erzbifchofs Firmian. Die
übrigen Capitel fchildern uns anfehaulich die Wanderungen
der Ausgetriebenen, ihre Unterftützung feitens der
Glaubensgenoffen und ihre neuen Niederlaffungen in
Preufsen, Holland, Hannover und America.

Reproductionen von 24 zeitgenöffifchen Stichen bilden
eine intereffante Beigabe zu dem Buche, doch ,darf man
fie weder alle an die Oertlichkeiten und Perfonen, die fie dar-
ftellen follen, binden, noch fie felbft und ihre alten Unter-
fchriften insgefamt als ftreng hiftorifch betrachten1 (S. IV).

Das unter den Schriften des Vereins für Reformations-
gefchichte erfchienene zweite Buch ,Die Ausrottung des
Proteftantismus in Salzburg unter Erzbifchof Firmian und
feinen Nachfolgern' behandelt das Ereignifs kirchen-
hiftorifch. Es ift eine höchft willkommene Ergänzung,
gewiffermafsen auch ein Commentar des erfteren Buches.
Wie fchon fein Titel andeutet, ift es zeitlich umfallender,
als ,Die Vertreibung der Salzburger', indem es neben der
Vollendung der Rekatholifirung des Salzburgifchen Erzbisthums
auch das Wiedererwachen des Proteftantismus
nach dem Toleranzpatent Jofeph's II. fchildert und die
Gefchichte evangelifchen Bekenntnifses in Salzburg bis
auf die Gegenwart fortführt.

Am bedeutfamften ift vielleicht der Abfchnitt des
Buches, wo Arnold den preufsifchen Staat gegen den
althergebrachten (C. L. de Pöllnitz, Lcttres et Ilcmoires II»
S. 49f. Francfort 1738) und bis in die neuefte Zeit (Georges
Pariset, II etat et /es eglises en Prusse sous Frederic-Gui/-
laume /«. Paris 1897. S. 796) immer wiederholten Vorwurf
rechtfertigt, die Auswanderung der Salzburger fei
durch die preufsifche Einladung hervorgerufen; die Salzburger
feien zum gröfsten Theile nur ausgewandert, um
es anderswo beffer zu haben, und Preufsen habe das
durch die Peft und andere Ereignifse. entvölkerte Litthauen
wieder bevölkern wollen. Arnold zeigt, dafs diefe

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