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Ausgabe:

1901 Nr. 25

Spalte:

663-665

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lippert, Friedrich

Titel/Untertitel:

Geschichte der Gegenreformation in Staat, Kirche und Sitte der Oberpfalz-Kurpfalz zur Zeit des dreissigjährigen Krieges 1901

Rezensent:

Hubert, F.

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 25.

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religiöfe Ueberzeugung nicht getrennt fein wollte. Aber
bevor ein Verhör recht zu Stande kam, ift fie geflorben,
am 19. April 1566, 53 Jahre alt.

Efchershaufen (Brfchw.). Ferdinand Cohrs.

Lippert, Dekan Friedrich, Geschichte der Gegenreformation
in Staat, Kirche und Sitte der Oberpfalz-Kurpfalz zur Zeit
des dreissigjährigen Krieges. Nach den Akten der kgl.
Archive. Freiburg i/R, P. Waetzel, 1901. (V, 265 S. 8.)

M. 6.—

Bereits vor vier Jahren hat der Herr Verf., damals j
Hausgeiftlicher an der Gefangenen-Anftalt zu Amberg,
fein Buch über ,die Reformation in Kirche, Sitte und
Schule der Oberpfalz' veröffentlicht. Eine wahre Fundgrube
für die örtliche Culturgefchichte, war es, voll verhaltener
und gelegentlich auch in erregtem Tone fich
Luft machender Leidenfchaft, ausdrücklich gegen die
ultramontane Gefchichtsfchreibung eines Janffen gerichtet
(,ein Anti-Janffen aus den Quellen erholt').

Diefer Gegenfatz tritt in dem vorliegenden Werke,
das der mittlerweile zum Dekan in Kirchenlamitz ernannte
Verf. als ,Gegenftück' zu jener früheren Arbeit gedacht
hat, durchaus zurück. Die Tonart ift ruhiger geworden,
und die wuchtige Fülle beigebrachter Auszüge aus den
handfchriftlichen Quellen der königlich bayrifchen Archive
zu Amberg und München kann defto unmittelbarer auf
den Lefer wirken.

Die Mängel, die der Forfchung und Darftellung eines
nicht von vornherein hiftorifch durchgefchulten Gelehrten
anzuhaften pflegen, hat der Herr Verf. mehr und mehr |
überwunden. Die Leetüre der für das 17. Jahrhundert
durchfehnittlich leichter lesbaren archivahfehen Quellen
macht ihm nicht mehr erhebliche Schwierigkeiten.
Höchftens wird man noch an dem Vorwurfe, dafs der
Stoff zwifchen Text und Anmerkungen nicht richtig vertheilt
fei, fefthalten müffen.

Das wird aber unferen Dank dem Herrn Verf. gegen- j
über für die unermüdliche Betriebfamkeit, mit welcher
er feine ortsgefchichtlichen Studien fortgefetzt hat, nicht
im geringften fchmälern dürfen. Er hat fleh ein unbeftreit-
bares Verdienft erworben, indem er diefe von den allgemeinen
Darftellungen der deutfehen und europäifchen
Gefchichte nur geftreifte Epifode aus dem Zeitalter des
dreifsigjährigen Krieges aufhellte: einen Abfchnitt bay-
rifcher Gefchichte, der von den früheren Darftellern der
Landesgefchichte nicht genügend berückfichtigt worden
ift, von dem neueften noch nicht erreicht wird.

Nachdem die Herrlichkeit des Winterkönigs zufammen- 1
gebrochen war, kam die Oberpfalz in bayrifche Gewalt.
Ihre Stände mufsten fchon im Jahre 1621 dem Kaifer und
Maximilian von Bayern als feinem Commiffarius den ;
Huldigungseid leiften, ohne dafs fie die Zuficherung der i
Freiheit in exercitio religionis erlangt hatten. Sieben Jahre
fpäter wurden die bedeutenden Kotten, welche dem Wittelsbacher
aus antiproteftantifcher Hülfsleiftung in öfterreich-
ifchen Landen erwachfen waren, feitens des Kaifers durch
erb- und eigenthümliche Ueberlaffung der Oberpfalz beglichen
. Am 30. April 1628 leiftete die Oberpfalz die Erbhuldigung
, nach anfänglicher Weigerung am 2. Mai auch
die Hauptftadt Amberg. So war das proteftantifche Land
rettungslos der zwangsweifen Katholifirung verfallen. Bald
erfchien das Converlions-Mandat, welches allen im Lande
Bleibenden binnen fechs Monaten die Rückkehr zur katho-
lifchen Kirche anbefahl.

Die fieben Jahre vorher waren keineswegs eine Zeit
vorläufiger Duldung gewefen. Von 1624—1626 hatte man
wohl noch die Stände verfammelt; aber die Landtage
hatten, um fchliefslich ganz totgefchlagen zu werden, unter
immer ftärkerem Hochdrucke der Regierung gearbeitet.
Die Taktik, mit welcher die Einführung katholifchen
Gottesdienftesbeforgt wurde, ift vonbewunderungswürdiger

Stetigkeit, namentlich hinlichtlich der Confequenz, mit
der fürs erfte zu weitgehende Beftrebungen, welche die
ganze Bewegeng gefährdet hätten, zurückgehalten wurden.
Die katholifchen Garnifonen boten meift den Anlafs dar,
Meffe zu halten. Zunächft begnügte man fich mit dem
Simultaneum einer Kirche, um nach und nach diefe, dann
die fonft noch befonders begehrenswerthen, fchliefslich
alle Kirchen für die ,katholifche Religion' allein zu be-
anfpruchen. Das lutherifche Landvolk köderte man durch
die Wiedereinführung der vom früheren ,reformirten'
Kirchenregiment abgefchafften Jachtaufe. Kirchenregiment
und Geiftlichkeit könnte man übrigens auch als unioni-
ftifch bezeichnen, da fie aufser auf einen Auszug von
20 Fragen aus dem Heidelberger Katechismus auch
auf die lutherifche Landeskirchenordnung und Luther's
Katechismus verpflichtet waren. So hatte Maximilian
Gelegenheit, die Zugehörigkeit zur Augsburgifchen Con-
feffion zu verdächtigen, wie er klüglich dem Kaifer — zu
öffentlicher Verwerthung — berichtete (S. 98ff.): Er hätte
zuerft allein die Abfchaffung calvinifcher Prädikanten
und Schulmeifter angeordnet; ,hernacher aber, als ich vermerkt
, dafs man dergeftalt den vorgezielten Zweck nit
erreichen werde, fondern unter dem Schein und Prätext
der A. C. fowohl der Calvinismus felbft [als auch] allerlei
böfe mit dem Calvinismo und anderen verbotenen
fchädlichen Irrtumben inficirten Gemüter und Prediger
verborgen liegen und im Lande bleiben, hab ich notgedrungen
(!)', um Aufftände zu verhüten (!!), .obgedeuten
erften Befehl fo weit extendiren müffen, dafs alle (!) un-
katholifche Prediger und Schulmeifter nach und nach'
abgefchafft werden. Zur Aufhellung folcher Verfchleie-
rungspolitik der Gegenreformation zieht der Verf. auch
die gleichzeitige Literatur und felbft die jefuitifche Anna-
liftik glücklich heran (S. 63 ff.).

Vor und nach 1628 figurirten, wie in manchem
anderen deutfehen Lande — man denke nur an die
LeidensgefchichtederEvangelifchen|Schlefiens — Dragoner
als Bekehrungsapoftel. Z. B. fpielte fich gleichzeitig mit
der Paralyfirung des Landtages eine folche hartnäckige
Dragonade (wenn es vielleicht auch nicht gerade Dragoner
waren) ab, deren Opfer der Vorfitzende des Landtages
Landmarfchalk Fuchs wurde. Bis zu 130 Mann legte man
bei ihm ein. fm Jahre 1626, als der Landtag zu fterben
kam, war auch fein durch freies Wort und evangelifchen
Wahrheitsmuth verhafster Präfident bankerott. Vollends
gebrauchte man diefe Methode der Bekehrung nach der
endgültigen Befitznahme des Landes. Wittmann, einfliges
Mitglied der Münchener Akademie, hatte in feinem Buche
,die Reformation der Oberpfalz' (1847) das zu leugnen
verfucht; er wird S. 125 übel abgefertigt. Es galt aber
doch der Religionsfriede, und die Interpretation der
Jefuiten, er fei durch das Tridentinum aufgehoben, war,
wenn vielleicht auch für einen Maximilian einleuchtend,
doch reichsgefetzlich unhaltbar. Sonach durfte man die
proteftantifchen Reichsftände trotz fattfamer Proben ihrer
Mattherzigkeit nicht ganz überfehen. Daher bevorzugte
denn der amtliche Verkehr mündliche Verhandlung betreffs
der Dragonaden (S. I36f.).

Die Converfions- bezw. Auswanderungsfrift wurde in
der Regel bis auf den letzten Tag ausgenutzt. Einen
grofsen Theil ihrer tüchtigflen Bewohner hat die Oberpfalz
damals verloren. Die Adels-Emigration ift viel
ftärker gewefen, als es Wittmann hat wahr haben wollen.
Mit der Ausweifung evangelifcher Unterthanen hatte man
noch ein halbes Jahrhundert lang zu thun. Die Rigorofität
des Vorgehens gegen die Auswandernden geht aus zahl-
lofen Belegen hervor. Die Schädigung ihres Vermögens,
die Confiscirung ihrer ketzerifchen Bücher waren nicht die
fchlimmften in der langen Lifte von Klagen diefer Leute.

Die Jefuiten waren Maximilian's vornehmfte Mitarbeiter
, von der Regierung geftützt trotz des Haffes der
Weltpriefter, von Maximilian gefchirmt felbft gegen den
| Tadel feiner Regierung. Bereits 1627 waren ihrer 50 auf