Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1901 Nr. 25

Spalte:

662-663

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Benrath, Karl

Titel/Untertitel:

Julia Gonzaga. Ein Lebensbild aus der Geschichte der Reformation in Italien 1901

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

66i Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 25. 662

Riedlingen a. D. Th. Elfenhans.

Rade. D. Martin (Paul Martin), Doktor Martin Luthers Leben,
Thaten und Meinungen, auf Grund reichlicher Mittheilungen
aus feinen Briefen und Schriften dem Volke
erzählt. 3 Bände. Tübingen, J. C. B. Mohr, 1901.
(II,772;IV,746u.VI.770S.gr.8.) M.13.50; geb.M 18.—

Die im Lutherjahre im eigenen Verlage des Ver-
faffers erfchienene populäre Luther-Biographie Martin
Rade's ift neuerdings in den Verlag von J. C. B. Mohr
übergegangen und wird nun mit neuem Titelblatt, aber
fonft unverändert, dem evangelifchen Volke wieder dargeboten
.

Gerne bringen wir diefes vortreffliche Werk in Erinnerung
, dem keine andere populäre Lebensbefchreibung
Luthers an die Seite geftellt werden kann. Ihr Hauptvorzug
liegt darin, dafs fie möglichft mit Luther's eigenen
Worten redet; in gewiffer Weife vereinigt fie eine Luther-
Biographie und eine Auswahl feiner Werke in fich, da
alle Hauptfchriften Luther's, fei es im Auszuge, fei es
vollfländig — m modernes Deutfch übertragen —, mit-
getheilt werden.

Wir wünfchen dem Buche, von dem im Lutherjahre
zahlreiche Exemplare abgefetzt worden find, noch eine

der ,altheidnifchen Philofophie' zufammen. Der Verf.
giebt nun die erfte, ausführliche und gründliche Dar-
ftellung der Pfychologie diefes Werkes in 10 Abfchnitten,
deren erfter das Wefen der Seele und deren letzter die
von Nemefius mit befonderer Entfchiedenheit verfochtene
Willensfreiheit behandelt.

Die Abhandlung von M. Worms beginnt mit dem
Hinweife darauf, dafs in der arabifchen, ja in der ganzen
mittelalterlichen orientalifchen Philofophie kein Problem
der Methaphyfik mit fo viel Eifer und Gründlichkeit behandelt
worden fei, als die Frage, ob die Welt anfangslos
oder gefchaffen fei. Die Antwort darauf wurde zugleich
zum Schibboleth der Gläubigen und der fogenannten
Ketzer. Ein I. Theil erörtert die Lehre des Ariftoteles
von der Anfangslofigkeit der Welt und feinen Einflufs
auf die Entwickelung der arabifchen Philofophie. Die
Schwierigkeiten und Lücken im Syfteme des Ariftoteles,
insbefondere der fchroffe Dualismus zwifchen Gott und
Welt, der reinen Form und der formlofen Materie als
zwei gleichewigen, felbftändigen Principien, veranlafsten
die arabifchen Philofophen, ein pfeudo-ariftotelifches
Werk neuplatonifchen Charakters für echt zu halten und
der ariftotelifchen Philofophie das ihr fremde Reis neu-
platonifcher Emanationslehre aufzupfropfen. Dafs die
arabifche Philofophie trotzdem nicht blofs als eine Ver-
fchmelzung von Ariftotelismus und Neuplatonismus ohne
felbftändige Geiftesarbeit, fondern als Weiterbildung und
Vervollkommnung des Ariftotelismus anzufehen ift, fucht
der Verf. im II. Theil zu zeigen, der die arabifchen Philofophen
des Orients: Al-Kindi, Al-Färäbi, und befonders
Jbn-Sinä (Avicennd) behandelt. Ihnen traten die an dem
Dogma des Koran von der Weltfchöpfung mit aller Entfchiedenheit
feilhaltenden arabifchen Theologen oder
eigentlichen .muhamedanifchen Scholaftiker' (Ueberfchrift
des III. Theils) entgegen, als deren Wortführer der philo-
fophifch fkeptifche und als Myftiker endende Al-Gazäli
befondere Berückfichtigung findet. Der Anhang bietet
die Inhaltsangabe und den Text einer noch ungedruckten,
in hebräifcher Ueberfetzung erhaltenen Abhandlung des
bedeutendften der arabifchen Philofophen: Jbn-Roid
[,Averrot:s'), in welcher der Verfuch gemacht ift, jene
fchroff einander entgegenftehenden Anflehten der arabifchen
Philofophen (,Peripatetiker') und Theologen LMuta-
kallimün'), die Lehre von der Anfangslofigkeit der Welt
und den Glaubensfatz von der Weltfchöpfung mit einander
in Einklang zu bringen.

weitere Verbreitung, dem Andenken Luther's zur Ehre
und unferem Volke zum Segen.

Efchershaufen (Brfchw.). Ferdinand Gohrs.

Benrath, Karl, Julia Gonzaga. Ein Lebensbild aus der
Gefchichte der Reformation in Italien. (Schriften des
Vereins für Reformationsgefchichte. XVI.Jahrg. 4.Stück.
Nr. 65.) Halle, M. Niemeyer, 1900. (IX, 127 S. gr. 8.)

M. 2.40

Schon wiederholt find in den Heften, die der Verein
für Reformationsgefchichte feit 1883 herausgiebt, auch
die aufserdeutfehen Reformationsbeftrebungen behandelt
worden, und auch der reformatorifchen Bewegung in
Italien ift fchon ein Heft gewidmet: im 18. Hefte gab
Karl Benrath einen Ueberblick über die Gefchichte der
Reformation in Venedig.

Jetzt führt er uns im vorliegenden Hefte in den Kreis
evangelifch gefinnter Perfönlichkeiten ein, der fich in den
dreifsiger Jahren des 16. Jahrhunderts um Juan Valdes in
Neapel zufammenfand. Er fchildert das Leben der edlen
Fürftin Julia Gonzaga, der vornehmften Schülerin Valdes',
der wir die Erhaltung feiner Schriften verdanken — um
ihrer Urgrofsmutter Barbara von Hohenzollern willen auch
deutfeher Abdämmung —, und Hellt für eine der nächften
Publicationen eine Biographie des Juan Valdes felbft in
Ausficht.

Benrath's Buch ift die erfte deutfch gefchriebene
Lebensbefchreibung der Julia. Italienifche Biographen hat
fie fchon mehrere gefunden. Nicht lange nach ihrem
Tode verfafste Don Conftantino Caftriota, Ritter des
Johanniterordens, eine freilich nur handfchriftlich aufbehaltene
Biographie, die keinen anderen Zweck hatte,
als die Verftorbene zu befchimpfen. Benrath nennt fit
ein Pamphlet. Ireneo Affö ftellte in feinen IMetnorie di
tre celebri prineipessc della Famiglia Gonzaga? (Parma 1787)
Julias mifshandelte Ehre wieder her, konnte aber als
Katholik den bedeutfamften Momenten ihres Lebens nicht
gerecht werden: um nicht nachtheilig über die fonft von
ihm hochgeftellte Frau urtheilen zu müflen, verfchweigt
er ihre ,ketzerifchen' Neigungen. Kürzlich hat aber Bruto
Amante der Julia gerade um ihrer evangelifchen Gerinnungen
willen eine Lebensbefchreibung gewidmet:
,Gitdia Gonzaga, contessa di Fondi, e il movimenio
religioso femminile nel secolo XVI. (Bologna 1896), die
Benrath dann in der Deutfchen Literatur Zeitung (1897
Nr. 49) befprochen, wegen mancher Einzelrefultate anerkannt
, im ganzen aber abgelehnt hat, namentlich weil
ihr die nöthige Einficht in die italienifchen Reformationsbeftrebungen
fehle.

Benrath's eigene Biographie foll nun ,den Verfuch
einer befferen Darfteilung machen', wie der Herr Ver-
faffer fich befcheiden ausdrückt. Wir erkennen dankbar
an, dafs der Verfuch vortrefflich gelungen ift. Auf
gründlichem Quellenftudium aufgebaut — neben dem
Archivio Gonzaga in Mantua find auch das Staatsarchiv
in Modena, das Mediceifche Archiv in Florenz und das
Venetianifche Archiv zu Rathe gezogen —, orientirt das
Buch aufs befte über das Wefen und die Ziele der evangelifchen
Bewegung in Italien, wie fie in Julia fich wieder-
fpiegelt.

Es ift ein ftreng biblifches Chriftenthum, das der Bewegung
in Italien zu Grunde liegt, voll inniger Frömmigkeit
, aber ohne die Fähigkeit, auf die Mafien zu wirken,
mit einem äfthetifchen Beigefchmack, nur auf die Vornehmen
und Gebildeten berechnet. Deshalb ift es der
Inquifition fo fchnell erlegen und hat auch nicht einmal
die Anfätze einer Volkskirche gezeitigt.

Vor den äufserften Schrecken der Inquifition ift Julia
gnädig bewahrt geblieben. Die gegen fie eingeleitete
Unterfuchung würde auch fie der Ketzerei für fchuldig
befunden haben, obwohl fie von ihrer Kirche durch ihre