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Ausgabe:

1901 Nr. 24

Spalte:

651-652

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mumm, Reinhard (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 23. Jahrg. 1902 1901

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 24.

652

auch das, was an Gedanken abfeits vom Chriftenthum 1 fein fcheint, wenn von evangelifchen Gemeindeverhält-
emporwächft, gefammelt und gemeffen wird, wie dies be- | nifsen in Metz aus den Jahren 1871—74 berichtet wird,
fonders die Aufgabe der Philofophie ift. Sodann aber I Karl von Hafe hat einen neuen dankenswerthen Ver-
ift es der Beruf der Univerfitäten, auch den Kampf der ! fuch gemacht, aus den alten Mönchsbiographien eine
heterogenen Ideen zu beforgen und ihn auf den Boden j wirkliche Lebensgefchichte der heiligen Hedwig heraus-
zu verletzen, auf dem allein der Wahrheitskanon ent- zufchälen, eine mühevolle Arbeit an einem Gefchichts-

fcheidend ift. Diefe Verletzung der Geiftesbewegungen
in den Univerfitätsbereich wirkt auf fie felbft klärend,
Krankes richtend, Gefundes ftärkend. Ift aber den Univerfitäten
etwa auch die Aufgabe geftellt, den Kampf
durch den Sieg der einen oder andere Theorie zu beendigen
? Zunächft gilt es nur, dafs wir am Wahrheitskanon
ebenfowohl die eigene Ueberzeugung wie die
fremde meffen und in ftrenger Wahrhaftigkeit uns an ihn
allein binden. Dafs wir das in ernfter Gewiffenhaftigkeit,
in treuem Gehorfam thun, das ,ift der in der Univerfitäts-
arbeit eingefchloffene, ihr immanente GottesdienlV.— Man
kann diefen Grundgedanken nur aus vollftem Herzen zu-
ftimmen. Auch im Einzelnen ift in der Rede und den
hinzugefügten Anmerkungen vieles fehr Beherzigenswerthe
gefagt, z. B. über die verfchiedenen theologifchen Richtungen
, über die Parallele zwifchen wiffenfchaftlicher und
kirchlicher Arbeit, über die Lage der Kirche, welche die
Freiheit der Wiffenfchaft als einen Nothftand ihrerfeits
empfindet. Der Ausdruck der Gedanken ift zum Theil
fehr prägnant, bisweilen etwas fprunghaft; und ganz werde
ich den Eindruck nicht los, dafs die trefflichen Gedanken
der Rede nicht ohne eine gewiffe Gewaltfamkeit unter
das Thema ,die religiöfe Aufgabe der Univerfitäten' gebracht
find.

Halle a. S. Max Reifchle.

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, begründet von Rudolf
Kögel, Emil Frommel und Wilhelm Baur. In Verbindung
mit S. Keller — Chr. Rogge — L. Weber
herausgegeben von Reinhard Mumm. Halle a. S.,
C. Ed. Müller, 1902. (VI, 450 S. 8.)

M. 4.— ; geb. M. 5.—

Wir konnten dem nun auch heimgegangenen Herausgeber
im vorigen Jahre das Zeugnifs ausftellen, dafs das

Jahrbuch fich der früher immer feilgehaltenen Art wieder i Kreuzes in kraftvoller, finniger und finnreicher Weife

ftoffe, der von Anfang bis zum Ende mit legendenhaftem
Beiwerke ausgeftattet ift. Doch haben ja Andere, die
fich mit ihrem Leben und mit ihrem Klofter forfchend
befchäftigt haben, reichlich vorgearbeitet. Die Theilung
und Scheidung wird bei folchen Aufgaben immer mehr
oder minder Sache des perfönlichen Gefchmackes bleiben,
aber die Hauptfache ift hier doch, dafs das Bild einer
folchen Perfönlichkeit weiteren Leferkreifen lebendig vorgeführt
wird. Das ift das Verdienft diefer Bearbeitung,
diesmal der einzigen diefer Art, die fonft in der Chrifto-
terpe immer reichlich vertreten war. Denn was Ernft
Bunke über den Lebensgang und die Liebesarbeiten
des Grafen Shaftesbury, des grofsen Philanthropen, fchreibt,
das ift ja zwar nützlich zu lefen für die, welche davon
noch nichts wiffen, aber fo wenig erfchöpfend, dafs man
es nur bedauern kann, wenn nun durch den Artikel für
das Jahrbuch gewiffermafsen die Möglichkeit abgefchnitten
ift, die Gefammtbedeutung diefes ,Grofsen im Reiche
Gottes' ihren Lefern einmal darzuftellen. Aehnlich ift
zu urtheilen über die kurzen Bemerkungen der Gräfin
Clara Bernftorff über die Arbeit der kirchlich-focialen
Frauengruppe unter den Berliner Heimarbeiterinnen. Das
Jahrbuch ift doch kein Vereinsblatt, das über Verfuche
und Pläne in der Vereinsthätigkeit zu berichten hätte;
um aber die Lefer aufzurufen zu werkthätiger Theil-
nahme für ein gewifs fehr nothwendiges Werk, dazu
genügt der Artikel in keiner Weife. Defto beffer erreicht
diefelbe Abficht Paftor v. Bodelfchwingh für
fein Werk der Wanderer-Fürforge in einem auch kurzen,
aber volksthümlich und anfchaulich und für diefen Zweck
erfchöpfenden Auffatze, den er ,Meine lieben Brüder von
der Landftrafse' betitelt. Da wir auf mehrere treffliche
Beiträge zur Literaturgefchichte hier nicht einzugehen
haben, fo bleibt für unferen Standpunkt die Perle des
Buches der Artikel von Otto Funke, den er ,In
Sturm und Wetter' betitelt und der den Segen des

mehr genähert habe, mit feinem Inhalte auch der Kirche | darfteilt, ein werthvoller Beitrag zu unferer beften as-
und auf gewiffe Weife fogar der Theologie zu dienen. | ketifchen Literatur. Hier erfcheint der fruchtbare Schrift-
Diefe Anerkennung werden die neuen Herausgeber wohl fteller als eine ausgereifte Perfönlichkeit, die alle die
felber nicht in Anfpruch nehmen; es kann fie ja auch | kleinen Untugenden abgedreht hat, über die man ohne
Niemand zwingen, diefer Ueberlieferung treu zu bleiben, , einen kleinen Aerger doch nicht hinwegkam. Erwähnung
aber fie dürfen es wiederum dem Beurtheiler, der über [ verdienen auch die Nordlandsfahrten von Paul Kaifer,
ihr Werk in einer theologifchen Literaturzeitung zu be- 1 weil darin manche Notiz über fchwedifche kirchliche
richten hat, fchwerlich verdenken, wenn er es weder Sitten und Bräuche zu finden ift. Wenn wir endlich
wagen will, noch wagen darf, deren Lefern von den eine der Erzählungen befonders namhaft machen, näm-
hübfchen Gefchichtchen und Gedichtchen zu reden, die | lieh ,Der Bankerott der GefchwifteP, von Ernft Schrill,
in dem Buche flehen. Dergleichen finden fich, und theil- j fo gefchieht es, weil unfere evangelifche Kirche hier
weife von höherem Werthe, auch in anderen jährlich ] einen guten Grund hat, ihre Stimme warnend zu erheben,
erfcheinenden Sammelwerken, die doch kein Menfch in Das ift eine graufame Mifchung aus Traktat und Kalender-
Zufammenhang mit theologifcher Literatur bringt. Unfere i gefchichte gewöhnlichen Schlages mit allen den fertigen Fi-
Ausbeute, die wir als folche bezeichnen können, ift nicht ! guren, deren unvermeidliches Auftreten den böfen Zweiflern
grofs. Der Nachruf, den ein Gemeindeglied, Geh. Re- | folche ,chriftliche' Literatur unausftehlich macht. Da ift
gierungsrath Friedensburg, dem entfchlafenen Vorberg j der Prediger, der unfehlbar bekehrt, der Ungläubige,
widmet, ift ein fchönes Zeugnifs von erquickender Dank- j der fich im rechten Moment bekehren läfst, der Be-
barkeit eines treuen Zuhörers und verftändnifsvollen i kehrte, der in wünfehenswerthefter Weife weiter geheiligt
Lefers, ift aber im Verhältnifs zu der Bedeutung des | wird, und das Alles ohne eine Spur von pfychologifchen
Mannes für die preufsifche Landeskirche und für diefes i Scrupeln. Zuletzt verwandelt fich ein verliebtes älteres
Jahrbuch auffallend kurz und dürftig. Wufsten die theo- ! Mädchen während etlicher Stunden in eine neidlofe
logifchen Herausgeber von dem Leben und Wirken j Schweiler, die ,mit ganzem Herzen' das Bündnifs ihres

diefes Mannes weiter nichts zu fagen? Die Metzer Erin
nerungen von Stöcker können als kirchengefchichtlicher
Beitrag gelten; aber fie umfaffen gerade neun Seiten und
erzählen nichts, als was er dort während einer dreijährigen
Amtsthätigkeit für die evangelifche Gemeinde hat zu
Stande bringen können, nichts von vielem Anderen, was
dem evangelifchen Deutfchen das Wiffenswerthefte zu

Geliebten mit der anderen Schweiler fegnet. Solche
Kofi hat man uns in der Chriftoterpe doch noch nie
vorgefetzt, obwohl auch fonft fchon manches Gericht
von zweifelhafter Zubereitung war.

Dresden. Dr. phil. B. Kühn.