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Ausgabe:

1901 Nr. 24

Spalte:

640-641

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kraetzschmar, Richard

Titel/Untertitel:

Prophet und Seher im alten Israel 1901

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1901. Nr. 24.

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feine Unterfucbung an Deutlichkeit und überzeugender
Kraft, und er fchiefst zuweilen in feinem Angriffe über
das Ziel, fo bei der Verehrung der Naturgegenftände,
der Verwandtfchaft zwifchen Gott und Gemeinde, dem
Mutterrechte. Ueberdies erfcheint Israel als das ,auser- !
wählte Volk', für das eine Ausnahme auch in der Zeit
der primitiven Religionsform gemacht werden mufs, ftatt
dafs es ganz in den grofsen religionsgefchichtlichen Zu-
fammenhang geftellt wird; fo kämpft Verf. zumTheil gegen
den femitifchen, zum Theil nur gegen den israelitifchen
Totemismus; auch überfieht er zuweilen, dafs der Tote-
mismus nicht für die hiftorifche Zeit behauptet wird,
fondern nur für die Anfänge. Im Einzelnen ift feine
Beweisführung etwas unbeholfen und umftändlich und
durch breite Excurfe geftört. Nicht feiten fleht Behauptung
gegen Behauptung, und da und dort finden
fich feltfame Ausfprüche, z. B. die Deutung der bene
elohim von Gen. 64 auf die Sethiten, die Auffaffung des
Opfers im allgemeinen als einer ftell vertreten den Hingabe
des eigenen Lebens, die Erklärung der Speifever-
bote aus rein menfchlichen Gründen: Ausfprüche, die
nicht recht zu der guten religionsgefchichtlichen Schulung
des Verf.'s ftimmen.

Indefs hat die Schrift doch ein grofses Verdienft.
Es wird in der religionsgefchichtlichen Wiffenfchaft zu
viel verallgemeinert, auf ganz unfichere Daten baut man
fette Syfteme, aus einigen wenigen gleichen Anfängen
fucht man das ganze religiöfe Leben aller Völker abzuleiten
, für Bräuche und Vorftellungen, die rein menfch-
lich erklärt werden könnten, wird immer eine religiöfe
Wurzel gefucht. Der Anftofs, den vor allem W. R.
Smith der ganzen A. T.lichen Forfchung von der Reli-
gionsgefchichte aus gegeben hat, ift unfchätzbar, aber
er hat die Bewegung theilweife über die Grenze hinausgetrieben
. Dafs die arabifche Wüfte den Typus der
femitifchen Religion gebe, dafs das Opfer ein Gemein-
fchaftsmahl fei, das und anderes hat fich mit dem Fluge
der einfachen Formel überall verbreitet und faft wie ein
Axiom eingebürgert. Da find Mahnrufe von Nöthen.
In der Hauptfache hat Z. doch wohl Recht, dafs nämlich
zur Annahme eines Totemismus in der israelitifchen
Religion kein genügender Anlafs ift. Man fühlt fich
durch den Totemismus vielmehr in Widerfprüche verwickelt
: das Opferthier z. B. ift von Haus aus ein Totem-
thier, deffen Verfpeifung die facrale Communion bewirkt,
und die unreinen Thiere find Totemthiere, werden als
folche nicht gegeffen, und die Unreinheit ift die Schutzmarke
; foll etwa die letztere Anfchauung aus der erfteren
allmählich entftanden fein? Mit vollem Nachdrucke ift
ferner zu betonen, dafs das Opfer von Anfang an nicht
blofs Stammesact und facrale Communion war, fondern
auch Gabopfer und Privatact, dafs überhaupt die Opferbräuche
alle nicht auf Eine Wurzel zurückgeführt werden
können. Die unreinen Thiere laffen fich als Wefen dä-
monifchen Charakters ganz im allgemeinen begreifen,
und die myfteriöfe Mahlzeit in Jef. 65 f. hat auch als
Verzehrung dämonifcher Creaturen ihren vollen Sinn, j
Dafs der primitive Menfch zwifchen dem Leben in ihm
und dem in den Thieren und anderen Naturgegenftänden
nicht unterfcheiden konnte, das ift wohl nicht zu leugnen;
aber von da aus ift noch ein erheblicher Schritt zum
Totemismus.

Auf die einleitende Ueberficht über die mannigfachen j
Erläuterungen diefer primitiven Religionsform, die zeigt, j
wie unklar und verfchieden verftanden Wort und Sache j
des Totemismus ift, möchte ich noch befonders hinweifen, j

Tübingen. P. Volz.

Kraetzsclimar, Lic. Priv.-Doz., Richard, Prophet und Seher
im alten Israel. (Sammlung gemeinverltändlicher Vorträge
und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und
Religionsgefchichte 23.) Tübingen, J. C. B. Mohr, 1901.
(V, 32 S. gr. 8.) M. -.75

Ausgehend von Arnos 7 zeichnet Verf. diefe beiden
Typen des altisraelitifchen Volkslebens, Prophet und
Seher. Die nebiim (Sprudler?) tauchen zuerft unter
Samuel auf als gottbegeifterte Banden, die fich durch
Mufik und Tanz in Raferei und Gottverzückung verfetzten
und Gottesworte' ausfprudelten; zum 2. Male erfcheinen fie
unter Ahab als organifirte Zunft mit einem Oberhaupte,
äufserlich kenntlich durch den Prophetenmantel und die
Stirnnarben. Sie find ein heidnifches, in der canaani-
tifchen und anderen Religionen heimifches Gewächs, dem
der echte Israelit zunächft mifstrauifch gegenübertteht, fie
gehen aber in der Jahwereligion auf und rafen um das
Leben des einen alten Jahwe. Die politifche Noth der
Phililter- und der Syrerkämpfe und das Umfichgreifen
des Baalcultus ift ihr Nährboden. Ihre Religion ift grober
Natur; aber einzelne Männer wie Natan, Elia, Micha
b. J. ragen aus ihnen empor als Vertreter des fittlichen
Jahwe. — Der Sehei ift der Rathgeber der alten Zeit in
grofsen und kleinen Fragen. Mit dem Priefter verbindet
ihn die Gleichheit des Berufes, der aber hier unabhängig
erfcheint vom Heiligthume und von der Familie; mit dem
nabi verbindet ihn die freie Form des Charismas, er lebt
aber in der Vereinzelung, verfchmilzt nicht mit dem göttlichen
Wefen, fondern ift nur von ihm infpirirt, giebt
klare Auskunft, wo fie gewünfcht wird, fleht nicht im
unmittelbaren Zufammenhange mit dem Jahweculte. Auch
unter den Sehern giebt es allerlei Geftalten; der israelitifche
Durchfchnittsfeher ift nicht beffer als die Seher anderer
Völker, aber einzelne wie Debora, Samuel hatten nationale
Gröfse und den fittlichen Geift Jahwe's. In diefen Spitzen
berührt fich Seherthum und Nebiismus, wie denn überhaupt
der Seher allmählich vom nabi Verfehlungen wird. In
den grofsen Führern der Seher und der nebiim liegt
ferner der Keim für die Schriftpropheten, die erft das
univerfale fittliche Wefen Jahwe's erkannten und ihren
Unterfchied von den bisherigen nebiim theils direct Arnos
714 theils indirect Hof. 14 bekunden. Und die Linie
«^«w-Seher — deren Führer — Schriftpropheten zeigt,
wie die neuere Theorie von einer Entwickelung der
Religion Israels aus verworrenen Anfängen zur geiftigen
Reinheit Recht hat.

Diefer letzte Gedanke erfcheint als der populäre Zweck
des Schriftchens, das aus einem öffentlichen Vortrage entftanden
ift. In fchwungvoller Sprache und mit deutlichen
Strichen werden jene intereffanten Figuren des alten
Israels vorgeführt. Es feien mir nur noch einige Fragen zu
dem fchwierigen Probleme erlaubt. Sind die in 1 Kön. i8asf.
gezeichneten Baalspropheten mit den nebiim zu vergleichen,
und find letztere wirklich eine Entlehnung aus der canaani-
tifchen Religion, da fie doch die Erregung für des Volkes
und des Gottes Noth zum Rafen treibt, ift nicht vielmehr,
auch in Israel felbft wie bei anderen Völkern durch die
Pütze der Zeit der Bodenfatz ins Schäumen gekommen?
Wie verhalten fich die 400 Propheten von 1 Kön. 22 zu der
Prophetenzunft unter Elia, die fich gegen Ahab feindlich
ftellt? Ift der einfame Elia mit den nebiim fo eng zu
verbinden, und ift andererfeits zwifchen Klia, Samuel und
den Schriftpropheten, denen doch auch noch manches
Naturhafte anklebt, ein folcher Einfchnitt zu ziehen, dafs
mit Arnos ein ganz Neues begänne? Ich glaube eher, dafs
wir in Elia, Micha b. J., in Samuel u. f. w. befondere Geftalten
zu fehen haben, die nicht mit den landläufigen
Gruppen zufammenzuftellen find, und dafs wir unterfcheiden
müffen zwifchen den von Gott herausgelefenen
Offenbarungsträgern von Mofe an über Arnos hinaus und
den eigenmächtigen Enthufiaften, deren Weg fich freilich
zuweilen mit dem der Anderen kreuzte. Natan fcheint